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19. Juli 2017
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Valerian - Die Stadt der tausend Planeten (Luc Besson)


Valerian - Die Stadt der tausend Planeten
(Luc Besson)

Frankreich / USA 2017, Originaltitel: Valerian and the City of a Thousand Planets, Buch: Luc Besson, Comic-Vorlage: Pierre Christin, Jean-Claude Mézières, Kamera: Thierry Arbogast (laut imdb) resp. Lorenzo Donati (laut Presseheft), Schnitt: Julien Rey, Musik: Alexandre Desplat, Kostüme: Olivier Bériot, Production Design: Hugues Tissandier, Set Decoration: Evelyne Tissandier, mit Dane DeHaan (Valerian), Cara Delevingne (Laureline), Sam Spruell (General Okto Bar), Kris Wu (Sergeant Neza), Clive Owen (Commander Arün Filitt), Herbie Hancock (Minister), Rihanna (Bubble), Alain Chabat (Bob the Pirate), Ethan Hawke (Jolly the Pimp), Rutger Hauer (President), Roman Blomme (Boulan Bathor III), Matthieu Kassovitz (?), Aymeline Valade (Haban Limaï), Emilie Livingston (Bubble Dancer) Louis Leterrier, Olivier Megaton, Benoit Jacquot (Offiziere) und den Originalstimmen von Elizabeth Debicki (Haban Limaï), John Goodman (Igon Siruss), 133 Min., Kinostart: 20. Juli 2017

Für The Fifth Element hat Luc Besson einst den Comiczeichner Jean-Claude Mézières im Designbereich beschäftigt, und die Legendenbildung des Presseheftes will es, dass jener schon damals unkte, warum Besson nicht gleich dessen Comicreihe Valérian et Laureline (dt.: Valerian und Veronique) adaptiert habe. Schlüssige Antwort: die technologischen Mittel waren noch nicht so weit. Bei einem Setbesuch von James Camerons Avatar soll Besson dann festgestellt haben, dass jetzt die technischen Voraussetzungen gegen sein - und als er dann mit Lucy erstaunlich viel Kohle einspielte, soll er sich seinen alten Kindheitstraum wahr gemacht haben...

Und um den Kreis zu schließen: The Fifth Element erfährt in wenigen Wochen (mit dem Boost des neuen Films im Rücken) eine Wiederaufführung, vermutlich nicht nur in deutschen Kinos (hier ab 10. August).

Um es ganz deutlich zu sagen: der Einfluss von The Fifth Element auf den neuen Film ist kaum zu übersehen. Ich habe leider nie einen der Originalcomics gelesen, aber wie hier die Kraft der Liebe erneut als wichtiges "Element" ins Drehbuch eingebaut wird, scheint mir eher etwas mit Besson zu tun haben, der sich ja schon zahlreiche Male mit der von fleischlichen Gelüsten losgelösten Variante dieses Themas befasst hat (z.B. in Léon oder Angel-A).

Valerian - Die Stadt der tausend Planeten (Luc Besson)

© 2017 Universum Film GmbH

Bevor wir aber da hinkommen, haut Besson visuell erst mal so richtig auf die Kacke! Falls ich mich nicht verzählt habe, werden auf imdb zum Film 682 Personen aufgeführt, die sich mit den visual effects beschäftigt haben. Darunter auch nicht wenige aus Betrieben wie ILM oder Weta, die die Industrie anführen und seit Jahrzehnten beherrschen. Die titelgebende Raumstation Alpha hat 30 Millionen Einwohner aus 800 verschiedenen Spezies (das mit den tausend Planeten ist also aufgerundet, klingt aber besser), und Besson nimmt sich den Vorspann lang (hübsch begleitet vom naheliegendensten David-Bowie-Song (Nein, nicht Life on Mars! Auch nicht Spaceman!) Zeit, die Vorgeschichte dieser mirakulösen Station nachzuzeichnen. 2020 fing es an, als sich immer neue Nationen mit einem Handschlag einfanden. Über 2032 und weitere Stationen landet man dann im Jahr 2150, als die ersten Aliens kamen, und Besson exerziert quasi jeden Sparwitz, den man über einen solchen Alien-Kontakt machen kann. Das fragil erscheinende Gebilde wird größer und größer, jeder trägt seinen Beitrag und seine spezielle technologische Expertise dazu bei, und irgendwann heißt es einfach »400 years later«. Wenn schon verschwenderisch und angeberisch, warum nicht auch mit der Laufzeit?

Erstaunlicherweise kann man Valerian (Kurztitel zum Tastaturschonen) aber nicht einmal vorwerfen, dass er mit seinen fast zweieinhalb Stunden zu lang ist. Dazu gibt es einfach zu viel zu bestaunen an Effekten und Spielereien - wie einst beim Fifth Element, wo aber alles viel überkandidelter daher kam )Stichwort »Pop-Oper«).

Diesmal bemüht man stattdessen Rihanna als virtuose Shapeshifter-Animateurin »Bubble«, jene Szene beizustiften, die wohl die meiste Begeisterung beim Film auslöst: Als Krankenschwester, Putz-Zofe, Rollergirl, Catwoman, Schulmädchen, Urwaldkönigin, Liza Minelli in Cabaret und was nicht alles gelingt es ihr, den vermeintlich zur Monogamie strebenden Valerian durchaus etwas ins Schwitzen zu bringen, und der größte Vorwurf an den Film ist, dass ihre Rolle durchaus etwas größer hätte ausfallen können.

Valerian - Die Stadt der tausend Planeten (Luc Besson)

© 2017 Universum Film GmbH

Dane DeHaan (Life) und Cara Delevingne (Paper Towns) habe ich beide vor kurzem in einem Film gesehen, über den die Presse noch schweigen soll. Auf jeden Fall hatte ich vor diesem Gespann an Hauptdarstellern am meisten Angst. Das heitere Geplänkel à la Screwball Comedy funktioniert zwar nicht immer, aber zumindest stören die beiden nicht (auch, wenn ich auf das dauerhafte Wiederholen ihrer beiden Namen sicher verzichtet hätte).

Das Drehbuch, von Besson selbst verzapft, ist gelungen, wenn es darum geht, das Tempo aufrechtzuerhalten und immer wieder neue Schauwerte zu bieten. In Sachen Dialogkunst und komplexer Handlung hat der werte Herr sich aber nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert. Relativ schnell weiß man, dass Clive Owen hier der Ober-Bösewicht ist und dass die vermeintlichen Aggressoren, eine beinahe ausgestorbene Spezies, die sich »Pearls« nennt, eigentlich äußerst friedliebende Gesellen sind, wodurch die »Mission« der beiden Agenten V & L komplett falsch ausgelegt ist - was sie nur noch merken müssen (»It's our mission that doesn't make sense!«).

Und bis es soweit ist, räubert Besson durch die gesamte SciFi-Geschichte (ich wüsste wirklich gerne, wie viel davon tatsächlich auch in den Comics vorkommt) mit besonderer Vorliebe für Star Wars (inkl. einer Szene in einem Müllprozessor!). Die »K-Trons«, Clive Owens Roboter-Dobermänner erinnern an Terminator, die Planeten-Union heißt aus unerfindlichen Gründen »United Human Federation« und die Aliens sind so, dass sie jeden Teil der Men in Black wirklich hätten bereichern können. Diese visuelle Dauerorgie geizt zu keinem Zeitpunkt, sei es mit einem virtuellen Marktplatz, putzigen Tierchen, Verfolgungsjagden (natürlich durch die Raumstation), Unterwassersauriern, leuchtenden Schmetterlingen oder Ethan Hawke als Cowboy-Luden, der Dennis Hopper nacheifert.

Valerian - Die Stadt der tausend Planeten (Luc Besson)

© 2017 Universum Film GmbH

Selten - nein eigentlich nie! - hat ein Bubblegum-Film für 14jährige so mit Effekten um sich geschmissen. Selbst Avatar wirkt da mit Ausnahme der schwelgerischen Flora fast nüchtern. Wäre nur ein Bruchteil der Kosten in die Ausarbeitung des Drehbuchs gegangen, hätte ein Meisterwerk draus werden können, aber leider passt hier wie angegossen das von mir selten bis nie verwendete Prädikat »Comicverfilmung«. So, wie es Leute verstehen, die nie einen wirklich intelligenten Comic gelesen haben. Aber, und das darf man nicht unterschlagen: ich hatte weitaus weniger erwartet, und Comicverfilmungen (Les aventures extraordinaires d'Adèle Blanc-sec hat mich vor kurzem auf DVD auch positiv überrascht) scheinen etwas zu sein, was Besson besser hinkriegt als so mancher seiner Kollegen. Vor allem auch, weil er kapiert hat, dass ein bisschen Spaß im Kino gar nicht mal verkehrt ist.

Bei allem Stilwillen und Mut zum Risiko hatte ich nur gegen Ende des Films gehofft, dass Besson sich mal dem obligatorischen Showdown-Herumgeschieße entzieht und vielleicht seine Liebes-Botschaft mehr betont. Doch die wird dann abgehandelt wie in einem James-Bond-Film der mittleren Phase. Da fragt man sich dann doch, wie jemand, der anderswo die Ideen so heraussprudeln lässt wie diese außerirdischen Mischungen aus Hamster und Goldesel... dann so konventionell und langweilig das Handlungsgerüst zuende bastelt. Vielleicht hat er sich da zu viel von James Cameron abgeschaut, der ja auch am liebsten immer wieder den selben Film dreht (Aliens, Abyss, Avatar).

Valerian - Die Stadt der tausend Planeten (Luc Besson)

© 2017 Universum Film GmbH

Ach ja, noch ein letzter Abschweifer / -satz: Im Februar sah ich auf der Berlinale Terminator 2 - Judgment Day in der 3D-Fassung. Und war begeistert darüber, wie man hier in Close-Ups die Gesichtsfurchen erkunden kann, als sei es der Grand Canyon. Jetzt, wo der Film endlich ins Kino kommt (29. August, dieser Sommer ist voll von Wiederaufführungen), scheint diese technologische Weiterentwicklung bereits Standard. Bei Besson kann ich wenig über die 3D-Fassung sagen, weil das Kino hoffnungslos überfüllt war und ich ausnahmsweise weiter vorne saß, als mir lieb war.