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Die Box




16. Dezember 2009
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Avatar - Aufbruch nach Pandora (R: James Cameron)
Avatar - Aufbruch nach Pandora (R: James Cameron)
Avatar - Aufbruch nach Pandora (R: James Cameron)
Bildmaterial © 2009 Twentieth Century Fox
Avatar - Aufbruch nach Pandora (R: James Cameron)
Avatar - Aufbruch nach Pandora (R: James Cameron)
Avatar - Aufbruch nach Pandora (R: James Cameron)
Avatar - Aufbruch nach Pandora (R: James Cameron)


Avatar
Aufbruch nach Pandora
(R: James Cameron)

USA 2009, Originaltitel: Avatar, Buch: James Cameron, Kamera: Mauro Fiore, DOP Live Action LA: Vince Pace, Schnitt: John Refoua, Stephen Rivkin, Musik: James Horner, Production Design: Rick Carter, Robert Stromberg, Supervising Art Directors: Todd Cherniawsky, Kevin Ishioka, Kim Sinclair, mit Sam Worthington (Jake Sully), Zoe Saldana (Neytiri), Sigourney Weaver (Grace), Stephen Lang (Colonel Miles Quaritch), Michelle Rodriguez (Trudy Chacon), Giovanni Ribisi (Parker Selfridge), Joel David Moore (Norm Spellman), CCH Pounder (Moat), Wes Studi (Eytukan), Laz Alonso (Tsu'tey), Dileep Rao (Dr. Max Patel), Matt Gerald (Corporal Lyle Wainfleet), Sean Anthony Moran (Private Fike), Jason Whyte (Cryo Vault Med Tech), Scott Lawrence (Venture Star Crew Chief), 161 Min., Kinostart: 17. Dezember 2009

Ein gutes Jahrzehnt war James Cameron nach Titanic damit beschäftigt, vom “top of the world” herabzusteigen, bei Dokumentar- bzw. Imax-Filmen wie Aliens of the Deep oder Ghosts of the Abyss die 3D-Technologie voranzutreiben, nebenbei mal die Fernsehserie Dark Angel in Gang zu bringen, und - last but not least - Avatar vorzubereiten, einen Film, der nicht weniger beansprucht, als das Format 3D für die Zuschauer zum Standard zu machen, und in Sachen Motion Capture und CGI-Figuren das vorerst letzte Wort zu haben.

Man muss Cameron attestieren, dass man bei diesem über zweieinhalb Stunden langen Film nicht die noch vor einem Jahr üblichen Augenschmerzen durch das 3D-Format bekommt, und bei der Figur Neytiri (dahinter steckt Zoe Saldana, zuletzt als Uhura in Star Trek wenig beeindruckend) gelingt es ihm sogar, trotz blauer Alienhaut, Größe von über 2,50 m und übertriebenen Rehaugen, ein Interesse im männlichen Teil des Kinopublikums hervorzurufen, das erstaunlich ist. Avatar lässt in Sachen Schauwerten und Unterhaltungswert frühere Weihnachtsknaller auf den Spuren von Lord of the Rings wie Australia oder King Kong weit hinter sich, und ein Einspielergebnis unter 800 Millionen Dollar würde mich sehr verwundern.

Ich persönlich war aber nicht nur mit großäugigem Staunen beschäftigt, sondern auch damit, wiedergekäute Elemente früherer Cameron-Filme wiederzuerkennen. Nun muss man nicht True Lies gesehen haben, um zu erkennen, dass Cameron, der Avatar als “seinen Star Wars” einordnet, ähnlich wie George Lucas in Sachen Drehbuchschreiben eher einfach gestrickt ist, und er sich auch aufgrund seines durch den Erfolg bestärkten Größenwahnsinns nicht ohne weiteres “reinreden” lässt.

In The Abyss wurde etabliert, dass Außerirdische, die in bunten Farben leuchten, immer nett und der Menschheit in ökologischen Fragen klar überlegen sind. In dieses Schema passen auch die Na’vi, das Volk des Planeten Pandora (!), die wie viele in Kolonialzeiten belächelte und politisch unkorrekt als “Eingeborene” bezeichnete Völker der Erde in quasi-religiöser Weise mit der Natur in Einklang stehen. Da sie außerdem knallblau sind, Schwänze haben und bevorzugt in Bäumen leben, werden sie von den Bösewichten des Films, dem rücksichtslosen Geschäftsmann Parker Selfridge (Giovanni Ribisi, zwei Ausrufungszeichen für den Namen) oder dem leicht psychopathischen Militär Colonel Miles Quaritch (Stephen Lang, diese beiden Figuren entsprechen ganz den Klischees ähnlicher Figuren in Aliens oder The Abyss) gern als “blaue Affen” abgewertet.

Die Hauptfigur des Films, der querschnittsgelähmte Jake Sully (der schon in Terminator Salvation erfolglos zum Superstar hochgezüchtete Sam Worthington), schlüpft per Technologie des 22. Jahrhunderts in den Körper eines solchen Wesens, kann somit wieder laufen (und über Bäume hangeln und schließlich sogar fast fliegen) und kann somit seiner Rolle als Undercover-Agent nicht auf Dauer gerecht werden, u. a., weil er sich natürlich in die Häuptlingstochter (mehr eine Bezeichnung des Klischees als der korrekten Filmsituation) Neytiri, seine angeblich widerwillige “Lehrerin”, verliebt und - man muss es mal so deutlich sagen, auch wenn der Film dies zu verschleiern versucht - er auf Pandora sicher ein erfüllteres Leben führen könnte als mit der vom Colonel versprochenen High-Tech-Prothese auf der Erde. Die vorgeschobenen Gründe sind natürlich eine neugewonnene Spiritualität und die (allerdings tiefreichende) Erkenntnis, dass auf Pandora einige heilige Bäume tatsächlich wichtiger sind als die Bodenschätze, die die Erdlinge mit Waffengewalt und ohne viel Federlesen ausbeuten wollen. Und damit sind wir auch wieder in einem Krieg, in dem die Marines zwar die “Bösen” sind, der aber trotz aller kritischen Ansätze eigentlich dem selben Publikum in den Lauf spielt wie Starship Troopers.

Im Grunde entspricht der Hauptkonflikt des Films dem Kampf eines futuristischen United States Marine Corps gegen eine Fantasy-Welt à la Narnia oder Middle-Earth - und mit Top-Effekten und Schauwerten ist das natürlich ein Selbstläufer.

Doch warum Cameron dabei sein Frühwerk noch mal aufleben lässt und wie in Aliens eine Latino-Marine, weiterentwickelte Helmkameras und sogar den futuristischen Gabelstapler, in dem Ripley gegen die Alien-Königin kämpfte, in einer weiterentwickelten Version anschleppt, das ist eine Spur zu 80er-Jahre-mäßig für meinen Geschmack. Auch auf James Horners Mixtur aus dem Aliens-Thema und Tarzan-Trommeln plus einem Schlusssong von Leona Lewis (statt Celine Dion oder Enya) hätte ich gerne verzichtet.

Hier gibt es glücksbringende Lebewesen, die wie die Glasfaserlampen aus den 70ern aussehen, einen Hybriden aus WETAs The Host und der Cameron-Version der Aliens - und neben vieler netten Ideen auch so langweilige außerirdische Spezies, die einfach nur zusätzliche Gliedmaßen haben. Die größte Enttäuschung des Films war für mich, als nach detailierter Etablierung einer Verbindung der Na’vi mit ihren Reit- und Flugtieren und einem sich auch sehr zögerlichen Näherkommen von Neytiri und Jake der Moment der ersten Intimität ganz selbstverständlich mit einem Kuss vollzogen wurde statt mit einer außerirdischen Sex-Praktik, einem “Link”. James Cameron mag technologisch Sieben-Meilen-Stiefel tragen, als SF-Autor macht er noch Babyschritte.