Anzeige:
Die Box




8. März 2017
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Kong: Skull Island (Jordan Vogt-Roberts)


Kong: Skull Island
(Jordan Vogt-Roberts)

USA 2017, Buch: Dan Gilroy, Max Borenstein, Derek Connolly, Kamera: Larry Fong, Schnitt: Richard Pearson, Musik: Henry Jackman, Kostüme: Mary Vogt, Production Design: Stefan Dechant, Visual Effects Supervisors: Stephen Rosenbaum, Jeff White, mit Tom Hiddleston (James Conrad), Brie Larson (Mason Weaver), Samuel L. Jackson (Lt. Colonel Preston Packard), John Goodman (Bill Randa), John C. Reilly (Hank Marlow), Corey Hawkins (Houston Brooks), Jing Tian (San), Shea Whigham (Cole), Thomas Mann (Warrant Officer Reg Slivko), Toby Kebbell (Major Jack Chapman / Kong Facial Capture), John Ortiz (Victor Nieves), Jason Mitchell (Warrant Officer John Mills), Marc Evan Jackson (Landsat Steve), Eugene Cordero (Sergeant Joe Reles), Richard Jenkins (Senator Willis), Miyavi (Gunpei Ikari), Will Brittain (Young Marlow / Marlow's Son), Terry Notary (Kong Motion Capture), 118 Min., Kinostart: 9. März 2017

Produzent Thomas Tull mag Monsterfilme. Er hat zwar auch renommierte Streifen wie Straight Outta Compton oder Christopher Nolans Dark-Knight-Trilogie betreut, aber eine Filmographie, die Clash of the Titans, Wrath of the Titans, Pacific Rim, Godzilla und Jurassic World umfasst, spricht wohl für sich. In Zeiten, wo sich die Comic-Verlage Marvel und DC jeweils ein profitables »Cinematic Universe« zurechtbasteln, träumt Tull von einem »MonsterVerse«, und der Erfolg oder Misserfolg von Kong: Skull Island wird wohl den letzten Ausschlag darüber geben, ob er dieses Unterfangen auch umsetzen wird - ein Nachfolger zu Pacific Rim und ein Monster-Crossover, das im Nachspann angedeutet wird, sind bereits in Planung.

Das sind aber allesamt Infos, die ich erst nach der Filmsichtung erfuhr (wegen eines anschließenden Sichtungs-Auftrags habe ich den Abspann nicht durchgesessen, was für mich normalerweise Ehrensache ist). Im Vorfeld durchstöberte ich nur die Stabangaben auf imdb und vermisste aufs Bitterste Andy Serkis - und hörte Gerüchte, dass der Film wohl eine Hommage zu Apocalypse Now sein soll...

Nun ja, Kong: Skull Island spielt größtenteils im Jahr 1973, zu Ende des Vietnamkriegs, wobei einige Soldaten, die sogenannten »Sky Devil« unter dem Kommando eines schnell zum veritablen Captain Ahab aufgebauschten Colonel Packard (Samuel L. Jackson) quasi übergangslos vom Vietnameinsatz zu einem Entdeckungsflug umverteilt werden, der sich erst recht als Himmelfahrtskommando entpuppt. Die Soldatengruppe selbst kann sich aber nach dem Napalm-Begrüßungseinflug auf Skull Island (mit zeitgenössischer Rockmusik statt Wagners Walkürenritt) nicht wirklich profilieren - nicht zuletzt, weil Riesenaffe Kong es gar nicht mag, wenn Unruhestifter seinen Schönheitsschlaf stören und die Hubschrauber mit einer Leichtigkeit aus der Luft pflückt, als hätte sein Namensvetter aus einer anderen Zeitperiode ihm eine Postkarte vom Empire State Building aus geschickt, auf der er ihm einige Tips zu geeigneten Flugabwehr-Verfahren gab.

Kong: Skull Island (Jordan Vogt-Roberts)

© 2017 Warner Bros. Entertainment Inc., Legendary Pictures Productions, LLC and Ratpac-Dune Entertainment LLC. All rights reserved

Es gibt zwar hier und da immer wieder Szenen, die an Coppolas Filmklassiker erinnern (ein Urwaldstamm mit einem leicht meschuggenen John C. Reilly als Colonel-Kurtz-Ersatz, eine Boots-Tour oder Samuel Jackson, der sich wie einst Robert Duvall wenig daraus macht, wenn es rings um ihn herum Tod zu regnen scheint), aber die Tiefe dieser »Hommage« erschöpft sich am anschaulichsten im Umstand, dass der Oberheld Tom "Loki" Hiddleston hier unter dem Rollennamen »Conrad« fungiert. Zwar James Conrad, aber dennoch auffällig nah am US-Schriftsteller Joseph Conrad, der mit Heart of Darkness die literarische Vorlage zu Apocalypse Now lieferte. Unter Vorbehalt sage ich hier schon mal »The Horror! The Horror!«

Apropos Horror: Nominell kommt Kong: Skull Island zwar wie ein Abenteuerfilm daher, aber Kriegsfilm mit Creature Horror trifft die Sache eigentlich eher. Das mit einigen Stars durchsetzte Ensemble wirkt wie eine Mischung aus einem uralten Konglomerat aus Wissenschaftlern und Helden à la Conan Doyles The Lost World, aufgefrischt mit mehr Firepower, was mich sowohl an Camerons Aliens erinnerte (da sieht man ja, dass Firepower und Soldaten sooo viel auch nicht bringen), als auch - wegen der extra auf Ebay ersteigerten Helme mit den hübschen Sprüchen an Kubricks Full Metal Jacket. Wobei ich ganz deutlich sagen muss, dass ein »Erinnern« keineswegs aussagt, dass der Riesenaffen-Film in der gleichen cineastischen Liga spielt.

Kong: Skull Island (Jordan Vogt-Roberts)

Foto: Chuck Zlotnick,
© 2017 Warner Bros. Entertainment Inc., Legendary Pictures Productions, LLC and Ratpac-Dune Entertainment LLC. All rights reserved

Denn Kong: Skull Island ist ein B- oder C-Movie mit dem Budget eines modernen Blockbusters. Hier und da hat man einige tolle Einfälle (immerhin arbeitete Dan »Nightcrawlers« Gilroy am Drehbuch mit), aber größtenteils baut man vor allem auf »größer, lauter, schneller, hinterhältiger«. Die anderen beiden Drehbuchautoren haben etwa - erkennt man ein Muster? - Godzilla, Jurassic World oder Monster Trucks rausgehauen. Und auch Dan Gilroy hat mal so ein überflüssiges Spektakel wie Real Steel zu verantworten gehabt.

Ich will nicht verleugnen, dass man sich hier und da wirklich den Kopf zerbrochen hat, wie so ein Monsterfilm eine realistische Basis bekommen kann (Skull Island wird etwa deshalb gefunden, weil zu jener Zeit die Kartographie aus dem All ihre Anfänge nahm), aber spätestens, wenn man dann mit den unterirdischen »Skullcrawlers« die bösartigsten Gegenspieler der menschlichen Protagonisten wie auch des erstaunlich ökologiebewussten Kong erleben, fragt man sich schon, was die Filmemacher geritten haben muss. Verglichen mit diesen Gestalten wirken in meinen Augen die Saurier bei Doyle oder dem klar auf Doyle aufbauenden Original-King-Kong von 1933 wirklich glaubhaft.

Kong: Skull Island (Jordan Vogt-Roberts)

© 2017 Warner Bros. Entertainment Inc., Legendary Pictures Productions, LLC and Ratpac-Dune Entertainment LLC. All rights reserved

Aber man muss die Kritik gar nicht auf die Kreaturen stützen (reichlich spinnert sind auch gewisse Rieseninsekten), denn was dem Film eigentlich das Genick bricht, ist der lieblose Umgang mit seinen menschlichen Figuren, die fast durch die Bank wie B-Movie-Klischees aufgebaut werden, bei denen halbgare Love Storys angedeutet werden, und die sich eben generell wie Filmfiguren verhalten und nicht wie richtige Menschen. Ich habe mich zwar gefreut über ein Wiedersehen mit Thomas Mann, der seit Hansel and Gretel: Witch Hunters für mich der Michael Angarano seiner Generation ist (und in Me, Earl and the Dying Girl auch veritables Schauspieltalent bewies), aber der wird auch nur als sympathischer Stichwortgeber verschlissen. Und gerade bei last year's darling Brie Larson, der Oscargewinnerin aus Room, sieht man bei dieser Rolle (oder der in Free Fire), dass sie deutlich unterfordert ist, sich wahrscheinlich über die Kontoeingänge freut und vor allem hübsch dasteht bzw. sich als Ellen-Ripley-Verschnitt mit Intelligenz um jene Gefahren kümmert, an denen die Soldaten teilweise kläglich scheitern.

Immer wieder wie eine Beleidigung an das Publikum empfinde ich nach so einer Achterbahnfahrt mit ein paar politischen Anspielungen, aber letztlich keinem wirklichen Nährwert, wenn man dann gegen Ende den Emotionspegel reichlich hochdreht. Die Interaktion zwischen Brie Larson und Kong wirkt wie eine obligatorische Pflichtübung (und impliziert, dass Riesenaffen generell seltsame sexuelle Vorlieben haben, die etwa so dümmlich wirken, als wenn ich mir eine Maus halten würde und darauf hoffe, dass sie sich mit mir verlobt), und der gesamte Handlungsbogen um John C. Reilly ist eigentlich eine Lachnummer - und das schon fast eine Stunde, bevor der Schauspieler erstmals auftaucht.

Kong: Skull Island (Jordan Vogt-Roberts)

© 2017 Warner Bros. Entertainment Inc., Legendary Pictures Productions, LLC and Ratpac-Dune Entertainment LLC. All rights reserved

Kong: Skull Island hat zwar einige Schauwerte und einige wirklich einprägsame Bildkompositionen, aber größtenteils sind die auch nur so realistisch wie ein Comicheftchen aus den 1970ern. Man muss nur mal darüber nachdenken, wie weit eine reale Kamera weg sein müsste vom Riesenaffen, damit dieser in etwa so groß wie die Sonne erscheint - und wie groß (oder wie flach in 3D) wären dann die Hubschrauber?

Aber hier und da hat der Film auch ein paar hübsche Momente, für die sich das Ticket (bei gegebener Affinität zu dieser Art von Filmen) dann auch lohnen würde. Meine absolute Lieblingsszene zeigt das ankommende Hubschraubergeschwader mit einigen Libellen, die es im Vordergrund spiegeln. Ich glaube, mit mehr davon, einer ernstzunehmenden Apocalypse-Now-Storyline (nicht nur »choppers, napalm and rock'n'roll«) und deutlich weniger Kreaturen und menschlichem Kanonenfutter hätte mir der Film sogar gefallen können. Aber letztlich fragt man sich nur, warum (abgesehen von der Gewinnmaximierung) so viel Talent und so viel Geld in so einen Schmarrn gesteckt werden müssen, wo die selben Leute vermutlich auch einen guten Film hätten drehen können. Solange diese Blockbuster nicht öfter mal floppen, weil bestimmte Kinogänger allzu häufig brav artig ihre Kohle abliefern, wird es nur noch schlimmer werden. Anders gesprochen: wenn alle immer nur Fruchtzwerge im Supermarkt kaufen würden, würde man das Gemüse schnell aus dem Sortiment nehmen. Also, liebe Kinogänger: Schaut mehr Gemüse! Es hilft euch und dem Filmangebot!