Anzeige:
Die Box




9. November 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Jack Reacher - Kein Weg zurück (Edward Zwick)


Jack Reacher - Kein Weg zurück
(Edward Zwick)

Originaltitel: Jack Reacher: Never go back, China / USA 2016, Buch: Edward Zwick, Marshall Herskovitch, Richard Wenk, Lit. Vorlage: Lee Child, Kamera: Oliver Wood, Schnitt: Billy Weber, Musik: Henry Jackman, mit Tom Cruise (Jack Reacher), Cobie Smulders (Major Susan Turner), Danika Yarosh (Samantha), Aldis Hodge (Lt. Espin), Patrick Heusinger (Hunter), Madalyn Horcher (Sgt. Leach), Holt McCallany (Colonel Morgan), Robert Knepper (General Harkness), Robert Catrini (Colonel Moorcroft), Anthony Molinari (Buzzcut), Theo Kypri (Passenger), Jessica Stroup (Lt. Sullivan), Austin Hébert (Prudhomme), Tery Wible (Prudhomme's Wife), Sabrina Gennarino (Candace Dayton), Lee Child (Airport Security), 118 Min., Kinostart: 10. November 2016

Womit viele Zuschauer vom neuen Jack-Reacher-Film so ihre Probleme haben könnten (ich extrapoliere diese Annahme aus einigen Kritikermeinungen), ist die im Vorgleich zum ersten Film heruntergefahrene Dichte an Actionszenen. Tom Cruise betont höchstpersönlich im Presseheft, dass dies »kein Stuntfilm« sei (eine Genreeinstufung, die mir so auch noch nicht bekannt war).

Ich persönlich bin irgendwie raus aus dem Alter, wo dauernd geschossen und explodiert werden muss, wo sich die Figuren minutenlang kloppen - ob mit einer ausgefeilten Choreographie oder einfach nur durch das Schnitttempo vorgetäuscht.

Und vielleicht führte das dazu, dass mir der Film weitaus besser gefiel, als ich erwartet hatte. Gleich die erste Szene hat mich schon geradezu verzaubert, denn die Action wird elliptisch ausgespart.

Jack Reacher - Kein Weg zurück (Edward Zwick)

Foto: Chiabella James © 2016 Paramount Pictures. All rights reserved.

Man kommt als Zuschauer gemeinsam mit ein paar Ordnungshütern bei einem Diner an, in dem es eine Schlägerei gegeben haben soll, wobei die potentiellen Zeugen vor der Gefährlichkeit und Schnelligkeit des einen Mannes warnen, der vier andere ausschaltete.

Wenig überraschend treffen wir so auf Jack Reacher (Tom Cruise), und während man annehmen würde, dass es jetzt zu einer weiteren Handgreiflichkeit kommt, bei der er die beiden eintreffenden Polizisten überwältigt, lässt er sich in aller Ruhe Handschellen anlegen und informiert die Beamten, dass innerhalb der nächsten Minute das Telefon klingeln werde und sie im Endeffekt diejenigen sein werden, die das Lokal in Handschellen verlassen werden. Ob dies exakt so eintrifft oder es sich nur um einen Trick handelt, lasse ich mal außen vor, aber auf jeden Fall hat dieser Filmeinstieg sich so selbstbewusst einer Standard-Intro eines Tom-Cruise-Action-Vehikels widersetzt, dass ich quasi schon mal einen kleinen Hüpfer über meinen eigenen Schatten machte, denn meine Einschätzung von Regisseur Edward Zwick ist so negativ, dass sich dieser Film mit Leichtigkeit den Titel »bester Edward-Zwick-Film« unter den Nagel riss.

Jack Reacher - Kein Weg zurück (Edward Zwick)

Foto: Chiabella James © 2016 Paramount Pictures. All rights reserved.

Allerdings kenne ich auch längst nicht alle Zwick-Filme. Der Regisseur hat eine gewisse Neigung für militaristische Stoffe mit einer Menge Brimborium, und während mich ein Film wie Glory so komplett nicht ansprach oder anspricht, habe ich The Last Samurai, Blood Diamond und Love and other Drugs immerhin gesehen. Die frühere Zusammenarbeit mit Cruise empfand ich als eher anstrengend, Blood Diamond war in vielerlei Hinsicht ärgerlich und das seltsame Techtelmechtel zwischen Anne Hathaway und Jake Gyllenhaal gehört für mich in die Kategorie »überflüssig«. Zwick ist übrigens Oscar-Preisträger. Nicht für Glory, wie man annehmen könnte, sondern weil er bei Shakespeare in Love zu den Produzenten gehörte. Mir fällt übrigens kaum ein Regisseur ein, bei dem ich bei der Begutachtung der Filmographie so unsicher darüber wäre, ob ich bestimmte Filme gesehen habe oder nicht. Bei Legends of the Fall und Courage under Fire bin ich nach reiflicher Überlegung zum Schluss gekommen, dass ich beide mal in der Glotze gesehen habe (letzteren nur zu Teilen) und dann innerhalb kurzer Zeit wieder aus meinem Hirn verdrängt habe.

Jack Reacher - Kein Weg zurück (Edward Zwick)

Foto: Chiabella James © 2016 Paramount Pictures. All rights reserved.

Jack Reacher: Never go back passt eigentlich nicht so recht in Zwicks cineastische Nische. Zwar fungiert Reacher innerhalb militaristischer Strukturen, von denen er sich inzwischen abgewandt hat, aber das Interessanteste am Film ist eigentlich die seltsame Ersatzfamilie, die er mit seiner Nachfolgerin Major Susan Turner (Cobie Smulders) und einer vermeintlichen Tochter namens Samantha (Danika Yarosh). Dass Reacher hier nicht nur als übermächtiger Beschützer auftaucht, sondern beide Frauen (dass Samantha eine 15jährige sein soll, nimmt man ihr keine Minute ab) aktiv mithelfen, gehört auch zu den klaren Pluspunkten des Films.

Gegen Ende verliert man leider einiges an Kredit, was man zuvor so schön zusammengesammelt hat. Die Aufteilung der Nebenfiguren in ernstzunehmende Gegner, Befehlsausführende oder Intriganten orientiert sich sehr genau an einem offenbar festgelegten Komplexitätsgrad, den man dem durchschnittlichen Zuschauer zumuten kann. Spätestens, wenn sich Reachers direkter Gegenspieler, ein namenloser jüngerer Killer mit ganz ähnlicher Ausbildung, von seinen vermeintlichen Auftraggebern emanzipiert, verliert der Film schnell jene Faszination, die er längere Zeit als conspiracy plot verströmte. Und dann geht es doch eher in Richtung »Stuntfilm«, wobei gerade die Kombination von New Orleans mit einer Halloween-Parade sehr an den letzten James Bond erinnerte - nur mit deutlich geringerem Budget (aber auch nicht so idiotisch wie der Helikopter-Blödsinn mit Daniel Craig).

Jack Reacher - Kein Weg zurück (Edward Zwick)

Foto: David James © 2016 Paramount Pictures. All rights reserved.

Auf seinem Twitter-Account präsentiert sich Cruise selbst als »Actor. Producer. Running in movies since 1981.« Dass er mittlerweile etwas weniger läuft und man auch nicht mehr penibel versucht, jede seiner ganz natürlichen Falten digital zu entfernen, macht ihn hier fast eine Spur sympathisch. Hard-boiled, old-school, no-nonsense. Bis auf die letzte Viertelstunde, die dann doch ziemlich unerträglich ausfiel, und abschließend vieles davon lieferte, was mir bei Regisseuren wie Zwick missfällt. Nicht zuletzt dieses rührselige Gedöns, das so aufgesetzt wie unglaubwürdig wirkt. Vermutlich will man damit Zuschauergruppen anbinden, die mit meiner persönlichen Rezeption sehr sehr wenig gemeinsam haben.