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16. November 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Paterson (Jim Jarmusch)


Paterson
(Jim Jarmusch)

Frankreich / Deutschland / USA 2016, Buch: Jim Jarmusch, Kamera: Frederick Elmes, Schnitt: Affonso Gonçalves, Kostüme: Catherine George, Production Design: Mark Friedberg, Set Decoration: Lydia Marks, mit Adam Driver (Paterson), Golshifteh Farahani (Laura), Nellie (Marvin), William Jackson Harper (Everett), Chasten Harmon (Marie), Barry Shabaka Henley (Doc), Masatoshi Nagase (Japanese Poet), Sophie Muller (Young Girl), Trevor Parham (Sam), Troy T. Parham (Dave), Method Man (Himself), 113 Min., Kinostart: 17. November 2016

Der Busfahrer Paterson (Adam Driver aus Inside Llewyn Davis, Tracks oder Star Wars Episode 7: The Force Awakens) führt ein ereignisarmes, aber glückliches Leben. Er schreibt nebenbei Gedichte, lauscht, wenn seine Freundin Laura (Golshifteh Farahani aus Poulet aux prunes oder Alles über Elly) leicht überdrehte Erfolgsträume entwickelt - und nach dem Gassigehen mit der erstaunlich intriganten englischen Bulldogge Marvin (gespielt von Nellie, der der Film posthum gewidmet ist) gönnt er sich ein abendliches Bierchen in seiner Lieblingskneipe.

Klingt erschreckend alltäglich, aber der New Yorker Independent-Filmer Jim Jarmusch (Night on Earth) hat schon immer im Alltag das Besondere gesucht, und wie Roberto Benigni in Down by Law, Johnny Depp in Dead Man oder Bill Murray in Broken Flowers ist auch Paterson eine gekonnt feinziselierte Kunstfigur, der durch winzige Details Leben eingehaucht wird. Der Kunstaspekt ist diesmal nur etwas auffälliger, denn Patersons Bus, in dem der Fahrer auch gerne den Gesprächen der Passagiere lauscht, kurvt durch die Straßen einer Stadt, die ebenfalls Paterson heißt (und aus unerfindlichen Gründen steht in der Anzeige, die normalerweise das Ziel des Fahrzeugs anzeigt, ebenfalls Paterson). Diese Stadt gibt es wirklich (der Film wurde auch dort gedreht), sie liegt in New Jersey und ist unter anderem dadurch bekannt, dass ihr der Dichter William Carlos Williams ein mehrbändiges Gedichtepos gewidmet hat. Muss man noch erwähnen, dass Williams natürlich der Lieblingsdichter des Busfahrers ist?

Paterson (Jim Jarmusch)

Photocredit: © Mary Cybulski

An dieser Stelle will ich schon mal zu meinem Lieblingsthema im Zusammenhang mit dem Film zu sprechen kommen: Reime und Gedichte. Für mich ist schon der Name William Carlos Williams so etwas wie ein Gedicht. Genau wie Ford Madox Ford oder Carlo William Carlos (letztgenannten gibt es nicht, aber Patersons Freundin Laura verulkt damit gern den Namen seines Lieblingsdichters. Dass Williams selbst (oder auch Paterson) gar nicht dichten, ist für mich dabei von geringer Relevanz, ich habe aber soweit in das Gedicht-Epos Paterson hineingelesen, um zu wissen, dass die zentrale Aussage des Werkes ist, dass ein Mann im Grunde so etwas wie eine Stadt ist. Ein kurzer Auszug:

Paterson lies in the valley under the Passaic Falls
its spent waters forming the outline of his back. He
lies on his right side, head near the thunder
of the waters filling his dreams! Eternally asleep,
his dreams walk about the city where he persists
incognito. Butterflies settle on his stone ear.

Da wirkt es doch kongenial, dass Jarmusch seinem Titelhelden den selben Namen gab wie der Stadt, durch die er einen Bus fährt, auf dem der Name von Fahrer / Stadt / Film prangt. Dass man diese drei Patersons ohne allzu deutliche Trennschärfe zusammenführt (und manches anderes auch) ist einer der Kniffe Jarmuschs, den man wie ich ungeheuer spannend finden kann - oder weder bemerkt noch sich dafür interessiert.

Paterson (Jim Jarmusch)

Photocredit: © Mary Cybulski

Auch im Medium Film gibt es so etwas wie Lyriker (man denke nur an Terrence Malick oder Antonioni), und Jim Jarmusch zeichnet sich in seinen besseren Filmen dadurch aus, dass er die cinematographische Gedichtform mit einem feinen Witz versieht. Wer seine Coffee and Cigarettes-Episoden kennt, könnte von einem »Ringelnatz des Kinos« sprechen. In Paterson verschmilzt er die Gedichte seiner Titelfigur (übrigens erschaffen vom realen Lyriker Ron Padgett) mit dem visuellen Medium, indem die Gedichtzeilen auf der Leinwand erscheinen, während das Bild oft auf mehreren Ebenen überblendet wird. Man sieht den sinnierenden Poeten, aber auch die Stadt- und Naturimpressionen (Paterson wirkt wie eine Multikulti-Idylle mit einem malerischen Wasserfall), die ihm quasi beim Dichten »durch den Kopf gehen«.

In einem tollen Interview im Film Comment erklärte Robert Altman mal zu The Player (paraphrasiert) »The movie you're seeing is the movie they're about to make«. Bei Paterson sieht man eine (sehr freie) Adaption eines Gedichts, die quasi schildert, wie so ein Gedichtband entstehen könnte...

Abends unterhält sich Paterson gern mit seinem Kneipenwirt Doc (Barry Shabaka Henley) über die vergangenen Berühmtheiten der Stadt. Lou Costello vom Komikerduo Abbott & Costello ist hier geboren, Allen Ginsberg erwähnte die Stadt in seinem Gedicht Howl, Iggy Pop soll mal Juror bei einer Misswahl gewesen sein. Jim Jarmusch baut sich gern ein eigenes künstlerisches Universum (siehe Only Lovers Left Alive), und die Stadt Paterson scheint im Film ein Ort, wo sich alles um Gedichtkunst dreht - auch metaphorisch. Paterson trifft ein kleines Mädchen oder einen japanischen Touristen, und man tauscht sich über Gedichte aus. Seine Frau erzählt von einem Traum, in dem sie Zwillinge gebar - fortan tauchen mehrfach Zwillinge in Patersons Umfeld aus. Wenn man bedenkt, dass die eingeblendeten Wochentage (der Film spielt im Verlauf einer Woche) in der selben Handschrift geschrieben scheinen wie die Gedichte des schüchternen Schreiberlings, wirkt der ganze Film wie ein Gedicht (vollgestopft mit visuellen Reimen), bei dem Fakten und Fiktion sich ganz vorsichtig vermischen - und umso mehr man sich in den Filmen von Jim Jarmusch auskennt, desto umfassender möchte man sich darin verlieren.

Paterson (Jim Jarmusch)

Photocredit: © Mary Cybulski

Jarmuschs vorletzter Film Limits of Control, an den man sich nicht nur durch eine Streichholzschachtel, die die Inspiration zum ersten im Film entstehenden Gedicht ist, deutlich erinnert, funktionierte eigentlich auch schon auf dieser Gedicht-Ebene. Das Problem war nur (persönliche Meinung), dass Limits of Control sterbens-langweilig und unerträglich prätentiös war. In Paterson passiert zwar auch nicht viel, aber der Film atmet eine Art freundlichen Humanismus (der nicht immer viel mit der Realität zu tun hat) und ist auch einfach unterhaltsam, teilweise sogar sehr witzig.

Im Zusammenhang mit dem Film und der Erwähnung von Abbott und Costello dachte ich mal über deren berühmten »Who's first?«-Sketch nach. Vom Format her schon mal sehr filmisch (literarisch würde das kaum jemand nennen), ist auch dieser Dialog eine Art von Gedicht. Die Namen der Rennpferde mit absurden Namen wie »Who« (Grüße an Dr. Seuss!) werden immer wieder wiederholt, ganze Satzfragmente werden durchgekaut, variiert und im anderen Kontext erneut missverstanden. Who's first? ist in letzter Konsequenz eigentlich auch ein Gedicht.

Und was anderes als ein visueller oder akustischer Reim ist denn ein Running Gag? (Von denen ist Paterson nur so durchzogen, wenn man auf die Idee kommt, sie als solche zu deuten.) Wie Freddie Frintons Tigerfell in Dinner for One, über das er mal stolpert und mal nicht, oder die ein seltsames Geräusch machende Schwingtür in Les vacances de Monsieur Hulot - diese Gags arbeiten nach dem selben Schema wie ein Heinz-Erhardt-Gedicht, bei dem die seltsamen Reimworte immer an den unerwartetsten Stellen auftauchen. Und auch andere »Stilmittel« des komischen Kinos, wie der Double-Take oder das Tit-for-Tat, mit dem Laurel und Hardy gern jeder Beleidigung ein größeres Chaos folgen lassen, ohne dass je jemand auf die Idee käme, der nächsten Kelle voll Speiseeis auszuweichen oder gar einen »Angriff« zu verhindern, hat im Grunde viel mit Gedichtkunst und Poesie zu tun - nur auf einem nicht so abgehobenen elitären Level.

Paterson (Jim Jarmusch)

Photocredit: © Mary Cybulski

Und da kommt Jarmusch seinem Publikum durchaus einige Schritte entgegen, statt es bei der Hand zu nehmen und ihm zu versuchen, irgendeine hohe Kunst zu erklären. Das macht Jarmusch diesmal eher nebenbei. Wer darauf achtet, was Paterson so für Bücher in seinem Haus stehen hat, oder wer zwischendurch merkt, dass ein schwarzer Passagier des Busses Ralph Ellisons The Invisible Man liest, der merkt, dass Jarmusch »seiner« Welt (und seinen letzten Filmen) nicht etwa den Rücken gekehrt hat - er kombiniert einfach U und E. Er würde glaube ich sogar mit einem rosa Plüsch-Einhorn über ein Schachbrett-Muster reiten, das direkt aus Bergmans Det sjunde inseglet stammt - wenn's gerade passt.

Mit Kameramann Frederick Elmes (Blue Velvet) arbeitete Jarmusch schon mehrfach zusammen, und rein visuell findet man hier eine Verbindung der leichten Pastelltönen (siehe Broken Flowers) mit verspielten Schwarz-Weiß-Kontrasten (Laura zelebriert die Inneneinrichtung, versieht selbst Servietten mit einem Polkadot-Muster oder den Duschvorhang mit einer anderen Variation ihrer zwei Lieblingsfarben). Auch hier zeigt Jarmusch, dass er vermeintlich »naive« Kunst (Lauras Portraits ihres Hundes) oder reine »Unterhaltung« als nahezu gleichbedeutend mit der elitären Hochkultur von T.S. Eliot oder Ezra Pound (in die Schublade passt William Carlos Williams so zirka) einstuft - und seine Filme wie sein »Paterson« als einen Ort kreiert, wo sich Künstler treffen und Zuschauer ihnen näherkommen dürfen. Jarmusch-Fans inbegriffen.

Dieser Film ist in jeder Hinsicht ein Gedicht.