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Die Box




11. Januar 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  The Danish Girl (Tom Hooper)


The Danish Girl
(Tom Hooper)

UK / Deutschland / USA 2015, Buch: Lucinda Coxon, Lit. Vorlage: David Ebershoff, Kamera: Danny Cohen, Schnitt: Melanie Oliver, Musik: Alexandre Desplat, Kostüme: Paco Delgado, Production Design: Eve Stewart, Supervising Art Director: Grant Armstrong, mit Eddie Redmayne (Einar Wegener / Lili Elbe), Alicia Vikander (Gerda Wegener), Matthias Schoenaerts (Hans Axgil), Amber Heard (Ulla), Ben Whishaw (Henrik), Sebastian Koch (Dr. Warnekros), Pip Torrens (Dr. Hexler), Raphael Acloque, Alexander Devrient (Men in Park), 119 Min., Kinostart: 7. Januar 2016

Der zweite (neben Legend) diese Woche anlaufende Film der britischen Produktionsfirma »Working Title« ist erstaunlicherweise ebenfalls eine Romanverfilmung, die sich auf reale historische Personen stützt, dadurch die Formate »Kostümfilm« und »Biopic« touchiert, und sich nicht zuletzt (hier noch stärker und überzeugender) mit sexualpolitischen Themen befasst.

Es geht um die frühe Geschlechtsumwandlung der dänischen Künstlerin Lili Elbe, die wir im Film zunächst noch als den glücklich verheirateten Einar Wegener (Eddie Redmayne) kennenlernen. Die intime und leidenschaftliche Ehe mit Gerda (Alicia Vikander), seiner ebenfalls als Malerin tätigen Frau, lässt einen zunächst kaum glauben, dass Einar eine jener Frauen sein könnte, die darunter leidet, im Körper eines Mannes gefangen zu sein. In The Danish Girl geht es zwar handlungsmäßig um mindestens zwei Dreiecksbeziehungen (erst, in Kopenhagen, macht sich Ben Whishaw bereits beim ersten Auftritt in Frauenkleidern an Lili heran – Henrik durchschaut fast augenblicklich die Verkleidung und ist eher am männlichen Aspekt von Lili / Einar interessiert – und später, im mondänen Paris, taucht Matthias Schoenaerts als alte Bekanntschaft aus Einars Kindheit auf und steht diesem zwar bei, ist aber auch in deutlichem Maße an dessen Frau interessiert), aber das Zentrum des Films ist die Titelfigur, Eddie Redmayne in einer beinahe oscarverdächtigen Rolle (ich schätze die altehrwürdige Academy als eine Spur zu konservativ für diese Rolle ein).

The Danish Girl (Tom Hooper)

Bildmaterial © 2016 Universal Pictures International

Wie Regisseur Tom Hooper (The King's Speech, Les misérables) in subtilen Momenten die zunächst zögerliche Veränderung, die unterdrückten Sehnsüchte Einars herauskitzelt, das ist das Interessanteste an diesem Film, die Schlüsselstellen, die die Identifikation leiten. Selbst, wenn man als Zuschauer selbst so gar keine feminine Seite haben sollte, fühlt man dennoch mit mit Einar in diesen Schlüsselszenen, man erkennt seine minimalen Regungen: Wenn Einar liebkosend über die Pelze im Theaterarchiv streicht, er seine Expertise für das Auftragen von Make-Up zeigt oder er schon als Junge in der Schürze seiner Großmutter so hübsch ist, dass sein Freund Hans ihn einfach »küssen muss«.

The Danish Girl (Tom Hooper)

Bildmaterial © 2016 Universal Pictures International

Auch in der etwas androgyn wirkenden Frauenrolle (in der physiognomischen Inszenierung ähneln sich Figuren wie Hilary Swank in Boys don't cry, Glenn Close in Albert Nobbs oder hier Eddie Redmayne schon erstaunlich) überzeugt und fasziniert Lili anfänglich durch ihr Aussehen, doch schnell gesellen sich typisch feminin wirkende Eigenschaften dazu wie ein schüchternes Lächeln oder ein »jungfräuliches« Erröten. Dass die Lili-Identität aber neue Gefahren und Probleme für Einars Ehe mit sich bringt, wird auch schnell deutlich, wenn er etwa (als Mann) in Paris eine Peepshow aufsucht, um sich nicht etwa an der sich zur Schau stellenden nackten Frau zu ergötzen, sondern um ihre verführerischen Gesten eins zu eins nachzuspielen – was die junge Frau im Glaskäfig auch zunächst verwirrt, dann aber auch irgendwie fasziniert. Und zum deutlich implizierten körperlichen Höhepunkt kommt es nicht durch die (sonst übliche) Rolle als Voyeur, sondern weil Einar/Lili durch ihr vermeintliches »Spiegelbild« und somit ihre Rolle erregt wird. Eine Bedeutungsverschiebung, die man auch in einer Parallelmontage wiederfindet, wenn Einar im Theaterfundus nackt vor einem Spiegel posiert, während seine Frau eines ihrer ersten perfektionierten Porträts von Lili malt – das Objekt ihrer Begierde ist quasi dasselbe: der Mann in der Rolle einer Frau.

The Danish Girl (Tom Hooper)

Bildmaterial © 2016 Universal Pictures International

Schon in einer frühen Szene des Films erklärt Gerda einem männlichen Modell (das vermutlich für sein eigenes Auftragsporträt zahlt): »For a man to submit to a woman’s gaze is unsettling«, wodurch der Film in deutlich anachronistischer Weise auf die Theorien von Laura Mulvey (Visual Pleasure and Narrative Cinema, 1975) anspielt, dabei aber (dem Inhalt des Films angemessen) die geschlechterspezifische Verortung einfach umdreht. Und der Blick (oder engl. gaze) spielt auch in der Inszenierung eine deutliche Rolle, wobei die Taktik von Hoopers Stammkameramann Danny Cohen darin besteht, immer wieder mit geringen Brennweiten zu arbeiten und dadurch die Leinwand durch eine große Zahl von Unschärfen zu beherrschen – die aber nur verdeutlichen, dass der oberflächliche Blick des Betrachters oft das eigentliche Wesen des betrachteten Objekts nicht durchdringt oder erkennt.

The Danish Girl (Tom Hooper)

Bildmaterial © 2016 Universal Pictures International

Was an dem Film fasziniert ist die Behandlung so vieler Themen. Einar ist nicht nur ein Mann, der gerne eine Frau wäre, er ist auch ein Künstler, der mit einer Künstlerin zusammenlebt. Gerade das Kunstthema wird in der Inszenierung sehr betont, man fühlt sich teilweise an Mr. Turner oder Girl with a Pearl Earring erinnert. Doch selbst die Porträts und Landschaften stehen nebenbei ganz im Dienst der Erzählung und der Verdeutlichung der Motivationen der Figuren. Eher scheint man die Frau Lili vom Mann Einar trennen zu können als einen der Genderaspekte von der Identität als Künstler (und in diesem Punkt ist es bei Gerda ganz ähnlich).

The Danish Girl (Tom Hooper)

Bildmaterial © 2016 Universal Pictures International

Das Kinojahr 2015 endete mit Carol als leisem Paukenschlag, The Danish Girl eröffnet 2016, aber schon die Anfangsbuchstaben C und D zeigen an, dass der Weg noch weit ist, den Mainstream für solche delikaten Themen zu öffnen (bestimmte Zuschauerreaktionen in der Pressevorführung verdeutlichten dies auf erschreckende Weise). Im Film Tom Hoopers gibt es noch eine Menge Schubladendenken, eine ziemlich überflüssige Szene mit körperlichen Übergriffen und zum Schluss eine etwas fette Symbolik, aber sehenswert ist dieses Frauenporträt, das auch Männer ansprechen sollte, allemal.

The Danish Girl (Tom Hooper)

Bildmaterial © 2016 Universal Pictures International