Anzeige:
Die Box




16. Dezember 2015
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Unsere kleine Schwester (Hirokazu Kore-Eda)


Unsere kleine Schwester
(Hirokazu Kore-Eda)

Japan 2015, Originaltitel: Umimachi Diary, Buch, Schnitt: Hirokazu Kore-Eda, Manga-Vorlage: Akimi Yoshida, Kamera: Mikiya Takimoto, Musik: Yôko Kanno, Kostüme: Sacico Ito, Production Design: Keiko Mitsumatsu, Set Decoration: Ayako Matsuo, mit Haruka Ayase (Sachi), Masami Nagasawa (Yoshino), Kaho (Chika), Suzu Hirose (Suzu Asano), Ryô Kase (Sakashita), Takafumi Ikeda (Hamada), Kentarô Sakaguchi (Tomoaki Fujii), Ohshirô Maeda (Futa Ozaki), Jun Fubuki (Sachiko Ninomiya), Shin'ichi Tsutsumi (Dr. Kazuya Shiina), Shinobu Ohtake (Miyako), Ryôhei Suzuki, Kirin Kiki, Rirî Furankî, 128 Min., Kinostart: 17. Dezember 2015

Insbesondere bei Still Walking (Aruitema aruitema, 2008) und Like Father, like Son (Soshite chichi ni naru, 2013) Hirokazu Kore-Eda sein Faible für leise geruhsame Familienfilme ausgearbeitet, und Umimachi Diary geht ganz in die selbe Richtung: Blut ist dicker als Wasser, auf traditionelle Werte besinnen usw.

Die Koda-Schwestern Sachi, Yoshino und Chika sind charakterlich durchaus unterschiedlich, haben sich aber als Wohngemeinschaft einigermaßen eingerenkt im Familienhaus in der kleinen japanischen Küstenstadt Kamakura (so wie ich das verstehe, bedeutet »umimachi« »kleine Küstenstadt«). Sachi übernimmt als Älteste ein wenig die Mutterrolle, ihr Verantwortungsbewusstsein erkennt man auch in ihrer Berufswahl im medizinischen Pflegebereich wieder. Die mittlere Schwester Yoshino ist gerade in der wilden Nachtleben-Phase (hier nicht ganz so wild) und hat mit ihren Beziehungen etwas Pech. Und die jüngste, Chika (sie heißt tatsächlich so, ich dachte auch erst, dass sei ein frotzelnder Kosename), ist ein wenig nerdy, aber trotz einer gewissen kindlichen Unbeholfenheit ebenfalls attraktiv (auch, wenn sie mich ein wenig an Shelley Duvall erinnert). Chika hat auch nicht den allertollsten Boyfriend, aber wenigstens steht der zu ihr. Ach ja, beinahe vergessen: Die Älteste Sachi hat etwas mit einem Arzt, aber das läuft auch nicht ganz rund. Die Jungsgeschichten laufen aber durchgehend mehr im Hintergrund ab, es geht klar um die Schwestern.

Unsere kleine Schwester (Hirokazu Kore-Eda)

Bildmaterial © Pandora Filmverleih

Nun ergibt es sich, dass der Vater der drei, der die Familie einst für eine neue Frau im Stich ließ, verstorben ist, und schon auf dem Weg zur Beerdigung (in einer gänzlich anderen Gebirgsgegend) treffen die drei auf ihre jüngere Halbschwester Suzu (laut Presseheft 13, obwohl sie ein Jahr später im Film 15 sein soll). Diese hat den Vater während seiner schweren Krankheit gepflegt (erste Ähnlichkeit zu Sachi), und nachdem sie ihren drei neuen Schwestern ein wenig den Ort nahegebracht hat, in dem der teilweise nur dunkel erinnerte Vater sein weiteres Leben verbrachte, laden die Schwestern sie spontan ein, sie doch auch mal zu besuchen.

Unsere kleine Schwester (Hirokazu Kore-Eda)

Bildmaterial © Pandora Filmverleih

An dieser Stelle muss ich kurz ein wichtiges Prinzip des Films erklären, das so wohl auch schon in der Mangavorlage prägend gewesen sein soll: Es gibt nahezu keine heftigen Konflikte. Die Schwestern piesacken sich hier und da mal oder streiten über ausgeliehene Kleidungsstücke. Aber die Szene, in der Suzu sich zuhause verabschiedet und zu drei im Grunde wildfremden Frauen zieht, wird elliptisch ausgespart. Dadurch sieht man auch fast nur positive Aspekte des Familienlebens (das skurrile Großtantchen und die später auftauchende Mutter der Koda-Schwestern mal ausgenommen), wo es ja in Kore-Edas meiner Meinung nach bestem Film, Nobody Knows (Dare mo shiranai, 2004) zwar durchaus um eine ähnliche Solidarität unter Halbgeschwistern geht, aber die Vernachlässigung durch die überforderte Mutter noch weitaus deutlicher im Fokus stand.

Unsere kleine Schwester (Hirokazu Kore-Eda)

Bildmaterial © Pandora Filmverleih

Umimachi Diary hat zwar etliche sehr versöhnliche, optimistische und lebensbejahende Szenen, aber man kann dem Film jetzt auch nicht vorwerfen, dass er eine »schöne heile Welt« à la Rosamunde Pilcher zeichnet. Dazu wird der unaufhaltsame gesellschaftliche Tod einiger Traditionen zu deutlich ins Bild gerückt. Besonders geschieht dies hier durch einen kleinen Imbissladen mit lokalen maritimen Köstlichkeiten, die teilweise sehr mit nostalgischen Erinnerungen (auch an den Vater) zusammenhängen. Man kämpft zwar um diesen Imbiss, aber es wird klar, dass solche Kämpfe in der heutigen Zeit immer eindeutiger vergebens sind. Traditionen werden hier oft mit nostalgischen Erinnerungen an Verstorbene verbunden, etwa mit dem letzten von soundso eingemachten Pflaumenwein etc.

Unsere kleine Schwester (Hirokazu Kore-Eda)

Bildmaterial © Pandora Filmverleih

Auf seinen gut zwei Stunden ist Umimachi Diary nicht der prickelndste Film, den man je gesehen hat, aber die vier Schwestern und ihr Umfeld sind sehr sympathisch, und selbst solche alltäglichen Kleinigkeiten wie ein Fußballspiel oder eine zögerliche (und in der Peripherie stattfindende) Romanze haben das Potential, einen in ihren Bann zu ziehen. Eigentlich ist dies ein echtes Feelgood-Movie, aber mit einigen bittersüßen Elementen und ohne den ganz schlimmen Pathos, der anderswo bei solchen Nostalgieveranstaltungen obligatorisch scheint. Eine Spur Konflikt hätte vielleicht geholfen, aber wenn man sich stattdessen auf andere Aspekte konzentriert, muss das ja auch nicht negativ sein - ganz im Gegenteil.