Anzeige:
Die Box




26. September 2014
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Like Father, like Son (Hirokazu Kore-Eda)
Like Father, like Son (Hirokazu Kore-Eda)
Bildmaterial © 2014 Film Kino Text / Trigon-Film
Like Father, like Son (Hirokazu Kore-Eda)
Like Father, like Son (Hirokazu Kore-Eda)
Like Father, like Son (Hirokazu Kore-Eda)


Like Father, like Son
(Hirokazu Kore-Eda)

Originaltitel: Soshite chichi ni naru, Japan 2013, Buch, Schnitt: Hirokazu Kore-Eda, Kamera: Mikiya Takimoto, Musik: Takeshi Matsubara, Junichi Matsumoto, Takashi Mori, mit Masaharu Fukuyama (Ryota Nonomiya), Machiko Ono (Midori Nonomiya), Yôko Maki (Yukari Saiki), Rirî Furankî (Yudai Saiki), Keita Ninomiya (Keita Nonomiya), Shôgen Hwang (Ryusei Saiki), Jun Fubuki (Nobuko Nonomiya), Kirin Kiki (Riko Ishizeki), Jun Kunimura (Kazushi Kamiyama), Isao Natsuyagi (Ryosuke Nonomiya), 121 Min., Kinostart: 25. September 2014

Zirka alle vier Jahre schafft es ein Film von Hirokazu Kore-Eda, dem aktuell vermutlich prestigeträchtigsten japanischen Regisseur, auch in die deutschen Kinos. Die letzten beiden, Dare mo shiranai (Nobody Knows) und Aruitemo aruitemo (Still Walking), waren sehr unterschiedliche Familiengeschichten (vielleicht das japanische Thema schlechthin), und auch Soshite chichi ni naru passt artig in diese Schublade. Auf dem »Festival Circuit« war der neue Kore-Eda schon ein Erfolg, »Preis der Jury« in Cannes, Publikumspreise in Sao Paulo und San Sebastian, das Thema ist offensichtlich ein universelles.

Ryota, ein erfolgreicher Architekt, erfährt, dass der Junge, den er seit sechs Jahren für seinen eigenen hielt, nach der Geburt im Spital vertauscht wurde. Man weiß noch nicht recht, wie man reagieren soll, doch man nimmt erstmal Kontakt auf mit dem anderen Elternpaar, um den jeweils »richtigen« Sohn zu inspizieren. Aber den, mit dem man sechs Jahre lang verbracht hat, will man natürlich auch nicht einfach in eine fremde Familie abgeben, das trifft vor allem für Ryotas Frau Midori zu, deren Verbindung zum Sohn noch weitaus intensiver und herzlicher ist. Der anderen Familie geht es finanziell nicht annähernd so gut, doch hier hat der Vater Zeit für seine drei Kinder (vielsagendes Dialog zwischen dem Architekten und seiner Frau: »Wenn dieses Projekt vorbei ist, haben wir etwas mehr Zeit« – »Das sagst Du seit sechs Jahren!«), und bei einem »Tausch-Wochenende«, bei dem die beiden Knaben noch nicht wissen, was das Ganze zu bedeuten hat, zeigt sich schnell, dass der reiche Architekt zwar beiden Kindern beste Aussichten verschaffen könnte (aufgebläht vor lauter Selbsbewusstsein empfindet er diese Lösung als angemessen und umsetzbar), die Jungs aber beide lieber mit dem chaotischen Krämer und den (Stief-)Geschwistern verbringen würden. Schnell stellt sich heraus, dass die Entscheidung des Films sich weniger darum dreht, ob die Gene oder die Aufbringung ein Kind stärker prägen oder welches Kind die Eltern stärker lieben – sondern darum, was für das Kind / die Kinder die bessere Lösung ist.

Jetzt mal völlig losgelöst davon, wie der Film diese Themen narrativ verhandelt, sind dies zwar etwas rigide konstruierte Verhältnisse, aber ein »Versuchsaufbau«, der die Zuschauer schnell emotionell bildet und an so manchem eingetretenen Irrglauben zweifeln lässt. Und das sind halt die Stoffe, aus denen man großartige Filme macht. Und selbst, wenn man es irgendwie verbockt, noch hochinteressante Filme, die man gerne schaut und über die man auch gerne diskutiert, weil fast jeder Eltern hat, einige Kinder – und somit fühlt sich jeder wie ein Experte. Hätte man seine Kindheit lieber mit ein paar verdreckten Rabauken verbracht oder als Einzelkind mit tollen Spielzeugen? Naja, wenn ich das so formuliere, ist es natürlich eine rhetorische Frage. Solange man sie Kindern stellt und nicht ambitionierten Karrieristen, die längst vergessen haben, was eigentlich eine Kindheit ist.

Dem Film gelingt es dabei, en passant diverse Themenkomplexe anzusprechen. »Immer nur Klavier üben macht gar keinen Spaß« (auf besonderen Wunsch des Regisseurs ist das Klavier auch auf der Tonspur stark vertreten), Vater und Sohn zerknabbern ihre Strohhalme auf gleiche Art, drohender Ehezwist, Vatertags-Geschenke, Ratschläge der Opa-Generation, die Freuden des Drachensteigenlassens, die Krankenschwester, die einst die Kinder vertauschte (und ihre seltsame Motivation), der Sohn, der schon durch zwei jüngere Geschwister selbstständiger geworden ist, »wer Spielzeuge reparieren kann, kann auch Familien reparieren«, doch Regisseur Kore-Eda ist clever genug, keine allgemeingültigen Lösungen anzubieten, nicht einmal beim angedeuteten Regenbogen in der letzten Einstellung. Und deshalb ist dieser Film zwar anderthalb Stolperer davon entfernt, perfekt zu sein, aber wie die meisten passablen Väter hat er zumindest die besten Absichten. Und Intelligenz sowie die Gabe, mit seinen Figuren (eigentlich mit allen) mitzufühlen. Und das ist heutzutage im Kino schon die große (positive) Ausnahme.

Ich würde mir jedenfalls auch zweimal im Jahr einen Kore-Eda-Familienfilm anschauen, wenn er das bisherige Niveau beibehält. Außerdem holt er gerade aus seinen jungen Darstellern erstaunliches (und nie melodramatisches) heraus, das zeigte schon Dare mo shiranai, der mich noch weitaus mehr mitgerissen hat – der aber auch sehr traurig war, während Soshite chichi ni naru trotz einiger Dämpfer lebensbejahender wirkt.