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Die Box




17. November 2010
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Still Walking (R: Hirokazu Kore-Eda)
Still Walking (R: Hirokazu Kore-Eda)
Bildmaterial: Kool Film
Still Walking (R: Hirokazu Kore-Eda)
Still Walking (R: Hirokazu Kore-Eda)
Still Walking (R: Hirokazu Kore-Eda)


Still Walking
(R: Hirokazu Kore-Eda)

Originaltitel: Aruitemo aruitemo, Japan 2008, Buch, Schnitt: Hirokazu Kore-Eda, Kamera: Yutaka Yamasaki, Musik: Gonchichi, Art Direction: Toshihiro Isomi, Keiko Mitsumatsu, Kostüme: Kazuko Kurosawa, mit Hiroshi Abe (Ryota Yokoyama), Yui Natsukawa (Yukari Yokoyama), You (Chinami Kataoka), Kazuya Takahashi (Nobuo Kataoka), Shohei Tanaka (Atsushi Yokoyama), Kirin Kiki (Toshiko Yokoyama), Yoshio Harada (Kyohei Yokoyama), Ryôga Hayashi (Mutsu Kataoka), Hotaru Nomoto (Satsuki Kataoka), Haruko Kato, 114 Min., Kinostart: 18. November 2010

Von den drei Kindern der Yokoyamas starb der älteste Sohn Junpei, als er einen Ertrinkenden rettete. Seit nunmehr 15 Jahren trifft sich die Familie an diesem Tag, der Film schildert 24 Stunden aus der Sicht des zweitältesten Sohn Ryota, der jüngst die Witwe Yukari heiratete, die ihren zehnjährigen Sohn Atsushi in die Ehe einbrachte. Nun hat er auch noch seinen Job verloren, was er aber vorsichtshalber für sich behält. Seine Schwester Chinami hilft bereits in der Küche, lästert mit unnachahmlicher Stimme, doch ähnlich wie bei Ryota ist auch ihre Wahl des Ehepartners, eines ewig schläfrigen Faulpelzes, keineswegs ein Ideal (ein schönes Zitat Nobuos: »Ich bin wie ein Thunfisch - um zu überleben, muss ich mich bewegen!« Etwas später hört man ihn schnarchen, und die Familie kommentiert dies mit »Auch ein Thunfisch braucht mal ein Nickerchen.«).

So wie der Geist des Verstorbenen (Atsushi und die beiden Kinder Chinamis vermuten ihn in Junpeis altem Zimmer) schweben auch die uralten Vorwürfe des Vaters Shohei, eines pensionierten Arztes, bedrückend über dem eigentlich unspektakulären Familientreffen. Der verstorbene Junpei hätte die Klinik übernommen, er hat im Leben alles richtig gemacht (seine Witwe hat inzwischen neu geheiratet und fehlt deshalb beim Treffen), mittlerweile hat er in der Erinnerung des alten Arztes auch Episoden an sich gezogen, die eigentlich aus Ryotas Vergangenheit stammen. Er starb nur dummerweise, um jenen (inzwischen) übergewichtigen schwitzenden »Nichtsnutz« zu retten, der ebenfalls immer wieder zu den Treffen kommt, obwohl ihm klar sein dürfte, was die Familie Yokoyama hinter seinem Rücken über ihn lästert. An dieser Stelle wird der Film sogar ein wenig gehässig, denn die Großmutter sagt »Es wäre schlimmer als niemanden zu hassen«, und für den Prügelknaben Yoshio scheint es »angemessen«, sich einmal im Jahr schlecht zu fühlen ...

Still Walking erinnert im Tonfall eher an Ozus Meisterwerk Tokyo monogatari als an ähnliche westliche Filme, bei denen aus dem Familienfest oft eine hochdramatische Konfrontation wird (Thomas Vinterbergs Festen, Peter Hedges’ Pieces of April) oder die eine dysfunktionale Familie als Mutterboden einer Indie-Komödie nutzen. In Kore-Edas kleinem Meisterwerk geht es mehr um die unausgesprochenen Vorwürfe und die leisen Momente. Der Weg über eine lange Treppe wird hier zu einer cinematographischen Erfahrung, und selbst die aufdringliche Symbolik eines Schmetterlings, der der Familie vom Grab Junpeis folgt, und von dessen Mutter Toshiko zu einer Geistererscheinung hochstilisiert wird, trägt den subtil-heiteren, manchmal ironischen Tonfall des Films mit.

Regisseur Kore-Eda, der sich in seinen Filmen öfters mal mit dem Tod beschäftigt (After Life, Nobody Knows), wurde hier durch den Tod seiner Eltern vor einigen Jahren inspiriert, die er aufgrund seiner zeitaufwendigen Filmarbeit immer seltener besuchte. In Still Walking lebt das alte Ehepaar noch (insbesondere die Mutter hat Kore-Eda seiner eigenen angenähert), für den Zuschauer wird aber klar, dass die nostalgischen Erinnerungen an das Familienhaus und die besonderen Leckereien in direktem Kontrast zu den (teilweise unausgesprochenen) Vorwürfen stehen. Weshalb auch der Film einerseits voller Wärme und Nostalgie ist (der Titel bezieht sich auf einen japanischen Popsong von 1970, den die Mutter immer nur heimlich hörte), dabei aber auch die realen Probleme nicht verschweigt. Wie Junpei sind sie einerseits unsichtbar, andererseits unübersehbar.