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Die Box




30. Dezember 2015
Thomas Vorwerk
für satt.org


Veraltetes Speichermedium Mensch

Eigentlich zwei komplett verschiedene Filme, aber man findet doch Anknüpfungspunkte und Verbindungen. In beiden Filmen haben sehr alte Männer Gedächtnisprobleme und treffen dabei auf Kinder, die sich bemühen, ihnen zu helfen. Dann schleicht sich ein wenig das Krimi-Genre in ganz andere Geschichten, und man erzählt nebenbei auch noch von »anderen Fällen«, die der Zuschauer gemeinsam mit den vergesslichen Protagonisten zutage befördern muss.

Ferner strapazieren beide Filme ein wenig den zeitlichen Rahmen, den sie benutzen. Aber man geht ja auch nicht ins Kino, um Kopfrechnen zu üben.

  Mr. Holmes (Bill Condon)
Mr. Holmes (Bill Condon)
Bildmaterial © 2015 Alamodefilm
Mr. Holmes (Bill Condon)
Mr. Holmes (Bill Condon)
Mr. Holmes (Bill Condon)


Mr. Holmes
(Bill Condon)

UK / USA 2015, Buch: Jeffrey Hatcher, Lit. Vorlage: Mitch Cullin, Kamera: Tobias A. Schliessler, Schnitt: Virginia Katz, Musik: Carter Burwell, mit Ian McKellen (Mr. Holmes), Laura Linney (Mrs. Monroe), Milo Parker (Roger), Roger Allam (Dr. Barne), Hiroyuki Sanada (Tamiki Umezaki), John Sessions (Mycroft Holmes), 82 Min., Kinostart: 24. Dezember 2015

In diesem bereits im Berlinale-Wettbewerb gelaufenen Film von Bill Condon (Kinsey, Dreamgirls) spielt wieder Ian McKellen die Hauptrolle, den laut Romanvorlage von Mitch Cullin »realen« Ex-Detektiv Sherlock Holmes (auch, wenn man er im Film nicht mit dem Vornamen angesprochen wird), der im Jahr 1947 93 Jahre alt sein soll (McKellen war bei den Dreharbeiten 75, spielt aber älter, von Sir Arthur Conan Doyles Holmes konnte man 1887 erstmals lesen - laut Filmlogik kann er da also höchstens 33 gewesen sein, für mich fühlte er sich immer älter an.

Ungeachtet gewisser Gerüchte über Holmes und Watson und der privaten wie thematischen Vorlieben des Regisseurs und Hauptdarstellers geht es diesmal im Gegensatz zu ihrer ersten gemeinsamen Zusammenarbeit Gods and Monsters quasi gar nicht um sexuelle Dinge.

Holmes legt zurückgezogen auf dem Land und kümmert sich höchstens mal um seine Bienenstöcke oder seinen langfristigen Wunsch, mit einigen der Lügen seines Biographen Watson aufzuräumen. Eine Witwe (Laura Linney) zieht als neue Haushälterin mit ihrem 11jährigen Sohn (Milo Parker aus Gespensterjäger) ein. Der Knabe freundet sich mit dem Alten an, die Mutter sieht das eher skeptisch, weil sie mehr über den Geisteszustand des alten Herrn weiß...

Ziemlich clever werden hier drei bis vier Geschichten miteinander verwoben, wobei man trotz einiger Zeitebenen immer den überblick behält und auch die für eine Holmes-Geschichte typischen winzigen Beweise nachvollziehen kann. Hier und da holpert die Story zwar (die rabiate Racheaktion gegen Ende des Films wirkt auf mich reichlich idiotisch, soll aber logisch wirken), aber ob es um die Beziehung zu dem Jungen geht, um die Vorbehalte der Mutter oder um die zwei »Fälle« und lauter kleine Eigenarten und Hobbys Holmes', die Story entwickelt sogar einen gewissen Sog, ohne jemals so sensationalistisch wie bei Doyle zu sein.

Für mich persönlich am interessantesten war der Interpretationsfreiraum am Schluss. Nachdem Holmes so seine Probleme hatte, sich Namen zu merken, fällt ihm plötzlich der Vorname einer Japanerin ein, den wir als Zuschauer meines Erachtens auch nie vernommen haben. Dieser Name hat für mich eine klare Bedeutung, ich kann ihn hier aber nicht niederschreiben, ohne etwas zu spoilern. Wer den Text vor dem Film liest, soll sich das mit dem Namen merken und an der entsprechenden Stelle mal darüber nachdenken, welche Assoziation man als erste hat, wenn man diesen Namen - losgelöst vom Film - vernimmt. Ich befürchte, dass Leser, die den Film vor der Lektüre sahen, sich nicht mehr an den Namen erinnern werden, weil er für die eigentliche Geschichte kaum eine Bedeutung hatte. Aber für die Interpretation, denn aus meiner Sicht impliziert dieser Name, dass die Geschichte von sich aus darauf verweist, auch nur erdacht zu sein. Holmes wettert gegen die literarischen Mittel von Watson (z.B. das »Foreshadowing«), aber seine eigene Geschichte arbeitet überdeutlich mit »closure« oder Assoziationen - wenn man sich dafür interessiert. Eine der letzten Einstellungen des Film zweigt unter anderem einige Steine, die erneut auf diese Dinge hinweisen, die mir für meine kühne Theorie ins Auge gesprungen sind. Dieser sehr subtil eingearbeitete Subtext war für mich das Spannendste am Film, evtl. werde ich mir auch mal die Buchvorlage besorgen und schauen, ob man das auch dort findet. Und ob es dort noch versteckter oder deutlicher zu sehen ist.

Interpretationshilfe spoilerbereinigt: In der folgenden Buchstabenfolge immer nur jedes dritte Zeichen (sind jeweils Buchstaben) beachten:

Hummba6AjaxAmmsTTerICHohoesTIE67cIckerbarInnenAnnieeINkawasaKIBAge76

Als letztes möchte ich noch auf den mal wieder ziemlich gelungenen Soundtrack von Carter Burwell hinweisen. Burwell, der aktuell fast überpräsent im deutschen Kino ist (siehe Carol, Legend oder Anomalisa), kann nicht nur vergangene Jahrzehnte evozieren oder Krimistimmungen verstärken, er macht das auch so unaufdringlich (und classy) wie nur sehr sehr wenige seiner Kollegen. Außerdem hat er eine deutliche Affinität zum Independent-Kino, was davon zeugt, dass ihm sein Job wichtiger ist als die Kohle, die man damit verdienen könnte. Zu seinen Werken gehören 15 Filme der Coen-Brüder (u.a. Fargo, Miller's Crossing und Hail, Caesar), alle Spike-Jonze-Filme, aber auch Fur, Seven Psychopaths oder Before Night Falls. Demnächst mal drauf achten!!!

  Remember (Atom Egoyan)
Remember (Atom Egoyan)
Bildmaterial © 2014 Remember Productions Inc.
Sophie Giraud / Tiberius Film GmbH

Remember (Atom Egoyan)
Remember (Atom Egoyan)
Remember (Atom Egoyan)


Remember - Vergiss nicht, dich zu erinnern
(Atom Egoyan)

Originaltitel: Remember, Kanada / Deutschland 2015, Buch: Benjamin August, Kamera: Paul Sarossy, Schnitt: Christopher Donaldson, Musik: Mychael Danna, mit Christopher Plummer (Zev Guttman), Martin Landau (Max Zucker), Dean Norris (John Kurlander), Bruno Ganz (Rudy Kurlander #1), Jürgen Prochnow (Rudy Kurlander #4), Heinz Lieven (Rudy Kurlander #2), Henry Szerny (Charles Guttman), Peter DaCunha (Tyler), Sophia Wells (Molly), Stefani Kimber (Inge), Amanda Smith (Cele), 95 Min., Kinostart: 31. Dezember 2015

Das Beste am Dasein als Redaktionschef ist, dass ich auf satt.org bei jedem Film über das Zeug schreiben kann, was mich interessiert. Kein sklavisches Beharren auf eine Inhaltsagabe, keine Zeichenvorgaben, völlige Willkürherrschaft. (Demokratie wird eh überschätzt.)

Als ich erstmals das Originalplakat zum Film auf imdb sah, verwunderte es mich sehr, wie schrecklich hässlich und doof die deutsche Fassung ist. Vielleicht kann man den Film ja so besser in Deutschland verkaufen: Bruno Ganz auf dem Plakat (Prochnows Gesicht ist nicht mehr vertraut genug, sonst hätten einen vier verwitterte Greise entgegen gestarrt), darunter ein Paar Eisenbahnschienen und seltsame Geistererscheinungen, die wie Facebook-User aussehen, aber natürlich für die unzähligen Opfer des Holocaust stehen soll (wie auch die Eisenbahnschienen). Auf dem US-Plakat sieht man ein Bild von Christopher Plummer, der auf einem Fensterbrett sitzt und in der Hand (zwischen den Beinen) eine Schusswaffe hält... Offensichtlich denkt er über etwas nach. Der Clou des Plakatmotivs ist, dass die untere Hälfte des Bildmotivs (die Wumme) am oberen Rand des Plakats »hängt« und der Oberkürper Plummers darunter angeordnet ist. Außerdem hat das beinahe auf schwarzweiß abgeschwächte Bild einen leichten, aber deutlichen Rotstich. Zusammen mit dem Filmtitel »Remember« evoziert das für mich das Dilemma von Chris Nolans Memento: Der Mann unter weiß evtl. schon nicht mehr, was seine Hände oben getan haben. Und der Rotstich visualisiert ebenfalls das Vergessen.

Zev Guttman (Christopher Plummer) wacht auf und ruft nach seiner Frau Ruth. Wie man als geübter Kinogänger ahnt, ist die verstorben, allerdings erst vor zwei Wochen, die Vergesslichkeit steht noch zurück hinter dem unschönen Erwachen und die jahrzehntelange Vertrautheit.

Ebenfalls im Seniorenheim wohnt Zevs guter Freund Max (Martin Landau). Dieser hat einen Plan ausgearbeitet, den Zev ausführen soll. Denn er ist zwar zunehmend dement, aber noch gut zu Fuß. Es geht um den KZ-Aufseher, der vor 70 Jahren beider Familien ausgelöscht hat. Max hat inzwischen herausbekommen, dass beider Todfeind Rudy Kurlander heißt - und vier Personen dieses Namens sind wie Max und Zev nach Amerika ausgewandert. Und einer davon soll der Killer sein, an dem man sich nun rüchen will.

Wer jemals Memento gesehen hat, wird Max vielleicht nicht uneingeschränkt vertrauen. Man weiß als Zuschauer zwar ein wenig mehr als Zev, aber im Grunde ist man über viele Vorgänge doch eher im Unklaren und ahnt irgendeinen Knalleffekt.

Aber unabhängig davon ist es erstmal sehr hübsch anzusehen, wie Zev auf seiner »Mission« unterwegs ist und dabei ganz wie einst Guy Pearce ziemlich abhängig ist von seinen Notizen (oder denen von Max: »It's okay, I wrote it all down so you wouldn't forget it.«) Ob Max wirklich ein guter Freund ist oder irgendeinen geheimen Plan verfolgt, ist eigentlich sekundär, denn es gibt genügend, was so oder so schief gehen kann. Ich musste während des Films absurderweise an einen bekannten Geheimagenten denken, den Christopher Plummer sicher auch verkörpern könnte: »My name is Bond.« (kramt einen Zettel vor) »James Bond.«

Selbst ein mittelmäßer Film von Atom Egoyan (The Sweet Hereafter, Ararat, Chloe) ist qualitativ weit über dem Durchschnitt. Bei Remember gibt es zwar ein paar Stellen, die nicht so gelungen sind, aber es ist kaum auszudenken, was das unter einem weniger begabten Regisseur für eine Bruchlandung hätte werden können.