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Die Box




Mai 2005
Thomas Vorwerk
für satt.org

Netto
D 2005

Buch
und Regie:
Robert Thalheim

Kamera:
Yoliswa Gärtig

Schnitt:
Stefan Kobe

Songs:
Peter Tschernig

Darsteller:
Milan Peschel (Marcel Werner), Sebastian Butz (Sebastian), Stephanie Charlotta Koetz (Nora), Christina Große (Angelika), Bernd Lamprecht (Bernd), Peter Tschernig (Peter Tschernig)

87 Min.

Kinostart:
5. Mai 2005

Netto

Nach den teilweise hervorragenden Filmen, die aus der Berlinale-Reihe "Perspektive Deutsches Kino" hervorgegangen sind, achtet man inzwischen etwas genauer auf die dort vorgestellten Filme, und im Falle von Netto hat man es klar mit dem diesjährigen Phänomen, dem Muxmäuschenstill der Auswahl zu tun.

Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene

Marcel Werner ist ein Experte für Personenschutz. Allerdings ein arbeitsloser Experte, der oft im Imbiss um die Ecke sein alkoholfreies Bier (!) trinkt und seinen Lebensunterhalt mit einem seit der Wende doch sehr heruntergekommenen Hobby-Elektronikreparaturshop zusammenkratzt. Da taucht plötzlich sein 15jähriger (also 1989 geborener!) Sohn Sebastian vor der Haustüre auf und will einziehen, weil er genug hat von der familiären Bevormundung durch "Angelika und ihren Typen in Schöneberg". Mit seiner Ablehnung gegen seinen Ersatzvater stößt er bei Marcel offene Türen ein, dem immer noch nicht klar ist, wie ihn seine Frau verlassen konnte und inzwischen mit einem Kerl mit Westauto und sogar Westfrisur zusammenlebt. Dessen Versuche, sich in Sebastians Vertrauen "einzukaufen", scheiterten jedenfalls kläglich ("Mensch, Sebastian, merkste nicht, daß ich auf dich eingehe …" - "Mensch, Bernd, merkste nicht, daß du hier nicht den Papa spielen musst …?"), und nun versucht dieser es zur Abwechslung mal mit seinem leiblichen Vater, der wie ein Gegenentwurf zum erfolgreichen Geschäftsmann Bernd erscheint.

In Marcels "keimiger" Wohnung faselt ihn dieser mit seinen Vorstellungen eines perfekten Personenschutzes zu ("so wie Clint Eastwood in In the Line of Fire"), wogegen Sebastian mit Details aus dem Spiel "Warhammer" kontert, wobei die feinen Unterschiede zwischen Hochelfen und Dunkelelfen für Marcel ebenso sehr verloren gehen wie für die meisten Zuschauer. Im Grunde genommen sind sich die beiden sehr ähnlich, wenn es darum geht, Leute zuzuquasseln, ohne dabei zu merken, wie diese das langweilt. Doch Sebastian hat auch seine Talente, überarbeitet der überdurchschnittliche Schüler doch die Lebensläufe seines Vaters und macht mit ihm eine Art Coaching für das nächste, diesmal hoffentlich erfolgreiche Bewerbungsgespräch.

Und als wären der verkannte Personenschützer, der teilweise an Travis Bickle erinnert, und die seltsame Vater-Sohn-Beziehung mit teilweise umgedrehten Erziehungsrollen nicht schon interessant genug, kommt jetzt auch noch ein Mädchen ins Spiel, für das sich Sebastian interessiert - und der trotz allen Realismus immer präsente Humor in Netto wird erneut beflügelt. Wie Sebastian seiner Nora seine Traumfrau beschreibt (inkl. exakter Haarfarbe, Übereinstimmungen mit gegenwärtigen Gesprächspartnern sind rein zufällig) oder er sie dazu überreden will, allein zu Star Wars zu gehen, ohne dabei zu merken, daß sie mit ihm ins Kino will, das ist unbezahlbar und reicht sogar an die kolossalen Szenen zwischen Marcel und Sebastian heran. Die Hauptrolle des trotz allem irgendwie liebenswerten Versagers Marcel in Netto scheint dem Berliner Theaterstar Milan Peschel auf den Leib geschrieben, doch auch die Laiendarsteller Sebastian Butz und Stephanie Charlotta Koetz brillieren mit ihrer natürlichen Art. Der klare Höhepunkt von Netto folgt, wenn Sebastian seine Freundin dem Vater vorstellen will, dieser aber gerade rückfällig geworden ist und sich auf dem Klo die Seele aus dem Leib kotzt. Ein harter Schnitt zwischen jungendlicher Romantik und hartem Realismus, der die gesamte Bandbreite und innewohnende Komik von Netto zusammenfasst. Und ich habe noch kein Wort über Marcels großes Idol, den DDR-Country-Star Peter Tschernig verloren, dessen Songs dem Film auch wie auf dem Leib geschrieben scheinen ("Zwischen Lüge und Wahrheit drehen wir uns im Kreis", "Abends mit Gabi sitz’ ich auf dem Sofa", "Mein bester Freund, mein Vater").

"Der Film ist so gut, den kannste eigentlich auch alleine anschauen."