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Die Box




8. Oktober 2014
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Jack (Edward Berger)
Jack (Edward Berger)
Bildmaterial © Jens Harant
Jack (Edward Berger)
Jack (Edward Berger)
Jack (Edward Berger)


Jack
(Edward Berger)

Deutschland 2014, Buch: Edward Berger, Nele Mueller-Stöfen, Kamera: Jens Harant, Schnitt: Janina Herhoffer, Musik: Christoph M. Kaiser & Julian Maas, mit Ivo Pietzcker (Jack), Georg Arms (Manuel), Luise Heyer (Sanna), Nele Mueller-Stöfen (Becki), Vincent Redetzki (Jonas), Jacob Matschenz (Philipp), 103 Min., Kinostart: 9. Oktober 2014

Die Geschichte der überforderten Mutter und der Kinder, die sich alleine durchschlagen müssen, kann man immer wieder erzählen, Hirokazu Kore-Edas Dare mo shiranai, Aelrun Goettes Die Kinder sind tot und Isild Le Bescos Demi-Tarif sind nur drei Versionen, aus dieser Prämisse ganz unterschiedliche Filme zu kreieren. Edward Bergers Jack, der dieses Jahr im Wettbewerb der Berlinale lief, legt etwas mehr Wert auf das Element »Coming-of-Age«.

Der zehnjährige Jack (Ivo Pietzcker) führt den kleinen Haushalt mit seinem sechsjährigen Bruder Manuel (Georg Arms) schon mit einer bemerkenswerten Routine, wenn die junge Mutter Sanna (Luise Heyer) mal wieder etwas anderes vorhat. Doch schon eine winzige Unachtsamkeit kann eine kleine Tragödie auslösen. Und wenn dann das Jugendamt durchgreift und Jack ins Heim kommt, hat man nicht das Gefühl, dass die Mutter alle Mittel und Wege einsetzt, um dies zu verhindern. Jack lebt sich schlecht ein im Heim, insbesondere ein Bully hat es auf ihn abgesehen, und so erwartet er sehnsüchtig die Sommerferien, während derer er wieder mit Mutter und Bruder zusammen sein darf. Doch die Mutter hat Manuel bei einer Freundin abgegeben und holt Jack nicht ab – und die Geschichte eskaliert, als Jack beinahe wie ein Ausbrecher und verfolgter Verbrecher seinen Bruder schnappt und sich auf eigene Faust auf die Suche nach der Mutter macht.

Ob mit oder ohne seine (Film-)Mutter: Ivo Pietzcker brilliert als der verantwortungsbewusste, aber öfters mal überforderte Jack in »seinem« Film, mit Ausnahme der etwas dramatisierten Szenen am See ist der Film durchaus stimmig, ein wenig Berliner Schule, aber ohne die dort typische Scheu vor Emotion und Narration. Wie Jack morgens uneingeladen am Bett der Mutter steht, der neue »Stecher« sich offensichtlich überrumpelt fühlt durch die Situation (»Wer ist denn das? Wie, du hast 'nen Sohn?!?«), und die Mutter ungeniert umschaltet auf Muttertier und Jack nackt ein Nutellabrot schmiert, das funktioniert, das ist präzise beobachtet, genau wie die Momente des trauten Familienlebens, das Schlüsselversteck oder das Auftauchen Jacks am Arbeitsplatz. Nur, wenn es etwas dramatischer ausfällt, hakt es hier und dort (Filmmusik setzt auch fast nur dann ein, wenn die Figuren gar nicht mehr weiter wissen), aber Jack ist zu jedem Zeitpunkt überdurchschnittlich gespielt und inszeniert – vor allem mit einem beruhigenden Understatement noch in den kritischsten Momenten. Und damit nimmt einen der Film ganz langsam gefangen, nicht mit dem emotionalen Overkill und der schnell anstrengenden Cuteness der Familie Schweiger, sondern eben mit Ecken und Kanten. Jack ist wie ein zugelaufener junger Kater, der auch mal die Krallen ausfährt, den man aber beschützen will – irgendwie auch vor sich selbst und seiner Wut (einige umklammernde Umarmungen fangen dies schön ein). Und im Grunde kann man auch der Mutter nicht wirklich böse sein (trotz ihrer unentschuldbar naiven Sorglosigkeit bei Verhütungsfragen und der Kinderbetreuung), gerade im Überfordertsein ähneln sich die beiden sehr, Jacks Kinderprobleme weiten sich schnell zu Erwachsenenproblemen aus, Sannas Erwachsenenprobleme sind per se Kinderprobleme.

Wenn Jack ein Til-Schweiger-Film wäre, würde die Geschichte vermutlich mit der Wiedervereinigung der Kinder mit der Mutter enden (bei Schweiger muss man nur die Geschlechter austauschen) und der Zusammenfassung des Filmgeschehens in »Und? Was habt ihr so gemacht?« – »Ich kann eine Schleife binden.« Die Stärke von Jack besteht darin, dass man solche Szenen zwar zulässt (und großartig umsetzt), aber viel subtiler einsetzt. Hoffnung ist möglich, aber keine Blödsinns-Heile-Welt. Statt auf Kokowääh 3 zu warten, kann man auch Zuschauern ohne Anspruch auf Filmkunst nur raten, Jack mal eine Chance zu geben. Funktioniert sogar als Familienfilm!