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19. November 2014
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Die Legende der Prinzessin Kaguya (Isao Takahata)


Die Legende der Prinzessin Kaguya
(Isao Takahata)

Japan 2013, Originaltitel: Kaguyahime no monogatari, Buch: Isao Takahata, Riko Sakaguchi, Figurendesign & Animationsregie: Osamu Tanabe, Musik: Joe Hisaishi, Art Direction: Kazuo Oga und den Original- / englischen Stimmen Aki Asakura / Chloë Grace Moretz (Kaguya / Takenoko), Takeo Chii (+ Special Appearance: Yoji Miyake)/ James Caan (The Bamboo Cutter), Nobuko Miyamoto / Mary Steenburgen (The Bamboo Cutter's Wife / Narrator), Kengo Kôra / Darren Criss (Sutemaru), Atsuko Takahata / Lucy Liu (Madame Sagami), Isao Hashizume / Beau Bridges (Prinz Kuramochi), Takaya Kamikawa / James Marsden (Prinz Ishitsukuri), Hikaru Ijûin / Oliver Platt (Lord Minster of the Right Abe), Tomoko Tabata / Hynden Walch (Me no Warawa), Shichinosuke Nakamura / Dean Cain (The Mikado), Ryûdô Uzaki / Daniel Dae Kim (Oberberater Otomo), Shinosuke Tatekawa / George Segal (Inbe no Akita), Tatsuya Nakadai? / John Cho (Mittelberater Isonokami), Yukuji Asaoka / Emily Bridges (Kita no Kata), 137 Min., Kinostart: 20. November 2014

Weil es kein Film vom bekannten Meisterregisseur Hayao Miyazaki ist, kommt der drittletzte Film der mit bewundernswerter Missachtung der Marktgesetze kaputtgewirtschafteten Japaner Ghibli-Studios nun erst mit etwas Verspätung in die deutschen Kinos. Dabei ist Kaguyahime no monogatari sicher kein geringeres Werk, ganz im Gegenteil, ähnlich wie bei Meine Nachbarn, die Yamadas hat der andere Gründer des Studios, Isao Takahata, seinen persönlichen Strich bewahrt, angelehnt an traditionelle japanische Malerei, und sich mit dieser leider nicht mehr zeitgemäßen Animation (wer wissen will, was »zeitgemäße Animation« ist, soll mal das Kinderprogramm anschalten, wenn lieblose CGI-Versionen sich knöcherner bewegen als manche Computerspiele) auch noch eines alten japanischen Volksmärchens angenommen – aber mit einigen erzählerischen Freiheiten, die den Stoff durchaus interpretieren und veredeln.

Die Legende der Prinzessin Kaguya (Isao Takahata)

Bildmaterial © Universum Film GmbH

Komplett sexlos und somit märchenaffin gerät ein alter Bambussammler an eine Tochter, die tatsächlich aus einem Bambussprößling wächst und sich rasant von Däumling-Größe in ein Baby und schließlich ein junges Mädchen verwandelt, dass fröhlich mit den Kindern aus dem ärmlichen Bergland durch die Natur streift, wobei sich zwischen Kaguya und Sutemaru die ersten zarten Spuren einer Freundschaft zeigen, die vielleicht zur Liebe gedeihen könnte. Doch den Vater packt ein gesellschaftlicher Ehrgeiz, er will seiner Tochter den Aufstieg in höhere Schichten ermöglichen (unabhängig davon, ob sie dafür Interesse zeigt) und zieht mit ihr in die Stadt, wo sie von einer erfahrenen Gouvernante domestiziert und vorzeigbar gemacht wird (soweit erkennt man auch die Bemühungen, so etwas wie eine japanische Version von Heidi zu erschaffen). Dies beinhaltet auch einige absurd wirkende Einhaltungen von »Schönheitsidealen« wie die dunkle Färbung ihrer Zähne etc. – die kultivierte Schönheit steht für den unbefangenen Betrachter in keinem Verhältnis zur natürlichen, und dies ist ein wichtiger Bestandteil der »Message«.

Die Legende der Prinzessin Kaguya (Isao Takahata)

Bildmaterial © Universum Film GmbH

Die oberen der japanischen Gesellschaft hören indes von der sagenhaften Schönheit Kaguyas und gleich fünf reiche und / oder mächtige, und somit präsentable (aber nicht durchgehend verführerische) Anwärter halten um ihre Hand an, was dem Film die Möglichkeit gibt, über die Natur der Liebe zu reflektieren, denn Kaguya gibt allen die Aufgabe, durch ein Geschenk ihre Liebe zu ihr zu beweisen. Ohne ins Detail gehen zu wollen, entspricht dies natürlich dem üblichen Brautwerben in den oberen Gesellschaftsschichten, aber die Geschenke beweisen natürlich ein ums andere mal, dass das Ganze mit Liebe nur wenig zu tun hat.

Dann meldet sich auch noch kein geringerer als seine Majestät, der Herrscher Japans persönlich – doch Kaguya kehrt zurück zur Natur und somit einem viel königlicheren Geblüt.

Die Legende der Prinzessin Kaguya (Isao Takahata)

Bildmaterial © Universum Film GmbH

Mindestens so interessant wie die Geschichte (teilweise zwischen Shakespeare's A Midsummer Night's Dream und Neil Gaimans Stardust) ist aber die Animation, die bis auf ein paar Fitzel Computerkolorierung durchweg traditionell ist, Kohlestifte wie Aquarellhintergründe bemüht und sich durch ihre skizzenhafte Natur einer herkömmlichen »flüssigen« versperrt, was aber keinesfalls ein Makel ist, sondern ein Geschenk. Man fühlt sich an Animationsübungen, an Klassiker wie Bambi erinnert, gerade auch durch die Naturbilder im ersten Drittel des Films. Aber später gibt es auch noch viel zu bestaunen, wenn mal Karikaturen das Figurenensemble bestücken, man dann expressionistisch daherkommt, bevor man wieder zu Pastelltönen greift. In fast zweieinhalb Stunden wird die Animation des Films nie langweilig.

Es ist vielleicht etwas an den Haaren herbeigezogen, aber die Story von der »Domestizierung« der wilden natürlichen Schönheit hat auch etwas mit der Geschichte des Animationsfilms zu tun. Man vergleiche nur die einst anarchisch, fast hinterhältig auftretende Mickey Maus mit der heutigen weichgespülten CGI-»Disney Babies«-Version. Da ist so etwas wie Kaguyahime no monogatari eine Art Zeitreise, wenn auch mit einer modernen Herangehensweise. Und dadurch noch um einiges interessanter als etwa der Brückenschlag zwischen Klassik und modernen Sehgewohnheiten, wie man ihn in Get a Horse! erlebte, wo man andeutungsweise erkennen konnte, dass auch in der weichgespülten Mickey noch irgendwo der alte Kern der Figur versteckt ist – nur jetzt halt in buntem 3D und mit Handy in der Tasche.

Die Legende der Prinzessin Kaguya (Isao Takahata)

Bildmaterial © Universum Film GmbH