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Die Box




27. November 2013
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Get a Horse! (Lauren MacMullan)
Get a Horse! (Lauren MacMullan)
Get a Horse! (Lauren MacMullan)


Get a Horse!
(Lauren MacMullan)

USA 2013, Schnitt: Julie Rogers, Musik: Mark Watters, mit den Originalstimmen von Walt Disney (Mickey Mouse / Micky Maus), Billy Bletcher / Will Ryan (Peg-Leg Pete / Kater Karlo), Marcellite Garner / Russi Taylor (Minnie), 6 Min., Kinostart: 28. November 2013 (Vorfilm von Frozen)

Die satt.org-Rubrik »3D-Film des Jahres« pausierte für zwei Jahre. Der Filmredakteur ist kein großer Freund von 3D-Filmen. Ganz einfach, weil die technischen Möglichkeiten nur selten ausgenutzt werden und man stattdessen jede Menge blödes »Event-Kino« bekommt, das nur deshalb nachträglich in Stereo-Vision versetzt wird, damit man an der Kinokasse einen Aufschlag verlangen kann und es teilweise die Erstellung illegaler Raubkopien im Internet erschwert oder zumindest um ein paar Wochen verzögert. Filme wie Wrath of the Titans braucht kein Mensch, erst recht nicht in 3D. Aber hin und wieder kommt auch mal ein Film, der aus den Möglichkeiten der Dreidimensionalität etwas macht. Knetgummi- oder Puppenanimationsfilme, die die für die Dreharbeiten erschaffenen Miniaturwelten erfahrbarer erscheinen lassen (etwa The Pirates!, Frankenweenie oder Coraline); Splatterfilme, die den Body Horror um eine bedrohliche Dimension erweitern (etwa My Bloody Valentine, Piranha oder die letzten Teile von Final Destination). Selbst James Camerons Avatar hat trotz der wiedergekäuten Story schon aufgrund der technologischen Perfektion und imaginativen Vision eine Existenzberechtigung.

Die beiden früheren Filme, die sich das Prädikat »3D-Film des Jahres« verdienten, waren beide von Pixar. Zunächst Up, der sich um die Erforschung der Weite des Raums verdient machte, indem das 3D-Format ein mithilfe von gasgefüllten Luftballons zum Schweben gebrachtes Haus ebenso erfahrbar machte, wie später Luftkämpfe, Gebirgswelten und Verfolgungsjagden mit Hunden. Noch bemerkenswerter war aber Day and Night, der seine Geschichte durch eine Fernglas-Blende auf zwei Ebenen spielen ließ. Auf dieser Prämisse der Realitätsebenen baut auch Get a Horse! auf (von Disney statt von Pixar, aber ebenfalls von John Lassiter produziert), doch man verfeinert und kompliziert das Ganze noch.

Es beginnt so simpel wie klassisch. In Erinnerung an Steamboat Willie, den ersten Mickey-Mouse-Kurzfilm von 1928, was laut der ursprünglichen Disney-Pressemitteilung »gut 75 Jahre« her ist*, beginnt der Film in Schwarzweiß und mit dem damals üblichen fast quadratischen Bildformat, wobei sofort auffällt, dass man die Leinwand nicht ausnutzt, sondern das Bild nur etwa zu einem mittleren Fünftel ausfüllt. Die Story und das Design des Films bauen auf The Barn Dance von 1929 auf, von dem man beispielsweise zwei Fahrzeuge übernimmt. Viel wichtiger ist aber, dass man auch den frühen fast anarchischen und respektlosen Witz Mickeys wiederbelebt, wie man ihn aus den Comicstrips von Floyd Gottfredson kennt (wer erinnert sich noch an jene unschuldigen Zeiten, als man noch nicht aus jedem Bild, das Walt Disney zeigt, die Anzeichen seiner Nikotinsucht wegretuschiert hat?). Mickey war damals noch nicht der blitzkorrekte Amateurdetektiv, sondern einfach ein Haudegen, dessen wichtigstes Ziel es war, mit seiner Freundin Minnie Unternehmungen zu machen, wobei Widersacher Peg-Leg Pete (deutsch: Kater Karlo) in unverhohlen sexueller Absicht die Mäusedame mit dem Rüschenunterrock zu kidnappen trachtete. Auf dieser Situation baut auch einer aus heutiger wie damaliger Sicht verwegener Witz des Films auf. Mickey und Minnie fahren auf einem Heuwagen von dannen, der durch ein putziges Orchester aufgemotzt ist, das hier und da aus dem Heu spiekt. Pete ist zunächst nur sauer, dass das langsame Gefährt seinen Fahrstil zum Schneckentempo verdammt, doch dann sieht er quasi direkt vor sich die ansehnliche, ganz seinem Beuteschema entsprechende Minnie und in sehr voyeuristischer Weise bildet sich aus seinen Augen eine Strichellinie hin zum Objekt seiner Begierde. Doch bevor sein Blick Minnie erreichen kann, greift Mickey beschützend ein, stellt die Freundin zur Seite und greift stattdessen die auch auf dem Heuwagen befindliche Clarabella Cow (die typisch weniger hübsche beste Freundin), um diese im Blickwinkel des sabbernden Lustmolchs zu positionieren. Clarabella ist kein Kind von Traurigkeit und offenbart mit laszivem Augenklimpern ihre mächtigen Euter, woraufhin Petes Strichellinie wie eine Erektionsstörung eine Abwärtsbewegung macht und der fehlgeleitete Spanner sich am liebsten seine Augen mit Seife auswaschen würde (ganz ähnlich übrigens wie in einem sehr homophoben Werbefilmchen eines unter der Schutzmarke eines Herrenmagazins vermarkteten Duftwässerchens, das einen Westentaschen-Playboy auf der »besten Party der Nacht« seinen »Röntgenblick« von vier Damen, die sich plötzlich in aufreizender Unterwäsche offenbaren, auf einen eigentlich sehr adretten Jüngling in Boxershorts abdriften lässt, woraufhin sich der als hip vermarktete Spanner mit angewidertem Kopfschütteln wegdreht).

Get a Horse! (Lauren MacMullan)

Bildmaterial © 2013 Disney. All Rights Reserved.


*Später hat man dann noch mal nachgerechnet und zeigt immerhin die Größe, den Fehler einzugestehen. Zitat einer Agentur-Mitarbeiterin: »Mei, Micky ist so junggeblieben, da verschätzt man sich schnell ;-)«

Doch das klassische schwarzweiße Ambiente des Film, das bereits mit leichten 3D-Effekten arbeitet (auch, wenn das Bild vermutlich plan bleibt), ist nur die Intro zu diesem kleinen Mausterwerk. Als der bei seinen umtriebigen Absichten scheinbar erfolgreiche Grobian Pete Mickey und seinen Freund Horace Horsecollar (deutsch: Rudi Ross) unsanft vom Heuwagen schmeißen will, prallen diese offenbar von einer unsichtbaren Wand (der Leinwand) ab, und Pete wirft sie mehrfach mit größerem Kraftaufwand in die selbe Richtung. Während die Leinwand sich durch die Fremdkörper bereits zu verformen scheint, nehmen wir im zuvor schwarzen Umfeld der Leinwand eine farbige, dreidimensionale und CGI-animierte Theaterbühne war, auf der schließlich auch der über seine rote Hose verblüffte Mickey und der sein Smartphone (!) verlierende Horace landen. Einerseits haben die beiden (durch ein kleines, neu entstandenes Loch in der Leinwand) den Film verlassen wie einst Jeff Daniels in The Purple Rose of Cairo, andererseits verwandeln sie sich dabei in zeitgemäßer animierte Versionen ihrer selbst, wobei aber Mickey, dessen Wortäußerungen sich größtenteils auf ein besorgt sehnsüchtiges Rufen nach »Minnie« beschränken, in leicht anachronistischer Weise nach wie vor mit der Stimme des aus dem Archiv übernommenen Walt Disney spricht und seine klassische Knopfhose trägt.

Nun entspannt sich zwischen den zwei Bildebenen ein rasanter und wahnwitziger Kampf. Pete dünkt sich am Ziel seiner Träume: sein nerviger Nebenbuhler befindet sich irgendwo außerhalb seiner Realitätsebene, das Loch in der Leinwand wird durch den Druck von Petes Fingern repariert, und die Mäusedame soll ruhig um Hilfe rufen, das törnt ihn höchstens noch an. Doch Mickey gelingt es nicht nur mehrfach, wieder in seine ursprüngliche Welt zurückzukehren, er nutzt auch die (sich ihm zufällig offenbarenden) Möglichkeiten der »magischen« Leinwand, um in das Geschehen einzugreifen. Wenn man die Leinwand vertikal dreht (also wie eine Schultafel), verkehren sich dort oben und unten, was zur Folge hat, dass der eben noch schadenfroh lachende Pete sich plötzlich im freien Fall befindet (Minnie profitiert von ihrem offenbar aus Fallschirmstoff gefertigten Unterrock), ehe die Leinwand erneut von Mickey gedreht wird und Pete wieder auf den Boden seiner Tatsachen stürzt. Minnie ist begeistert ob der überirdischen Fähigkeiten ihres Freundes (insgeheim wollte sie vermutlich immer mal in einem Tex-Avery-Film mitspielen) und stachelt ihn zu weiteren solchen Aktionen auf, wobei sie sich zunächst an irgendwelche Vegetation klammert, um nicht mit »in den Himmel« abzustürzen und dann, nach erneuter Drehung, das Eintreffen ihres Entführers abwartet und schnell an seinem Landepunkt einen Kaktus drapiert. Noch ehe man sich an diese neuen Spielregeln gewöhnen kann, stellt Mickey dann fest, dass bei horizontaler Drehung der Leinwand (wie eine Drehtür) diese sich ähnlich wie ein Daumenkino verhält, was dem Mäuserich die Macht gibt, ausgesuchte Szenen des Films (Pete macht Bekanntschaft mit einer Mistgabel, Schlammpfütze etc.) nach eigenem Gutdünken zu wiederholen, wobei Pete aber auch der vermeintlichen Vorbestimmtheit seiner Situation entkommen kann und seinem Déjà-vu-Gefühl mit einem ungläubigen »not again!« Ausdruck verleihen kann. Der Film hat in seinen unglaublich randgefüllten sechs Minuten noch unzählige Ideen und Gags in petto, wobei einige davon durchaus einen mehrfachen Besuch des Films rechtfertigen (ich bin schon für Clarabellas Euter noch mal hingegangen – Disney und Russ Meyer ähneln sich nicht nur aufgrund ihres Schnurrbarts). Geradezu philosophische Dimensionen eröffnet etwa das Detail, dass man bei Löchern in der Leinwand »hinter« dieser noch eine ebenfalls farbige Welt erahnen kann.

Zwei Lehren, die jeder aus diesem Film ziehen kann: 1) 3D-Kino muss nicht nur aus Jojos und spitzen Gegenständen bestehen; 2) traditionelle Animation lässt sich von den zumeist fotorealistischen »computer generated images« nicht totkriegen (auch, wenn die Story hier eher das Gegenteil propagiert).