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20. Mai 2014
Thomas Vorwerk
für satt.org


  X-Men: Zukunft ist Vergangenheit (Bryan Singer)
X-Men: Zukunft ist Vergangenheit (Bryan Singer)
X-Men: Zukunft ist Vergangenheit (Bryan Singer)
Bildmaterial © 2014 Twentieth Century Fox
X-Men: Zukunft ist Vergangenheit (Bryan Singer)
X-Men: Zukunft ist Vergangenheit (Bryan Singer)
X-Men: Zukunft ist Vergangenheit (Bryan Singer)
X-Men: Zukunft ist Vergangenheit (Bryan Singer)
X-Men: Zukunft ist Vergangenheit (Bryan Singer)
X-Men: Zukunft ist Vergangenheit (Bryan Singer)


X-Men: Zukunft ist Vergangenheit
(Bryan Singer)

Originaltitel: X-Men: Days of Future Past, USA / UK 2014, Buch: Simon Kinberg, Story: Jane Goldman, Simon Kinberg, Matthew Vaughn, Comic-Vorlage: Chris Claremont, John Byrne und andere, Kamera: Newton Thomas Sigel, Schnitt, Musik: John Ottman, Kostüme: Louise Mingenbach, Production Design: John Myhre, Supervising Art Director: Michele Laliberte, mit Hugh Jackman (Logan / Wolverine), James McAvoy (Charles Xavier), Patrick Stewart (Charles Xavier / Professor X), Michael Fassbender (Erik Lehnsherr / Magneto), Ian McKellen (Erik Lehnsherr / Magneto), Jennifer Lawrence (Raven Darkholme / Mystique), Peter Dinklage (Dr. Bolivar Trask), Nicholas Hoult (Hank McCoy / Beast), Evan Peters (Peter Maximoff / Quicksilver), Josh Helman (Major Bill Stryker), Omar Sy (Lucas Bishop), Ellen Page (Kitty Pryde), Mark Camacho (President Nixon), Halle Berry (Storm), Daniel Cudmore (Colossus), Bingbing Fan (Blink), Adan Canto (Sunspot), Booboo Stewart (Warpath), Lucas Till (Havok), Gregg Lowe (Ink), Evan Jonigkeit (Toad), Anna Paquin (Rogue), Shawn Ashmore (Bobby / Iceman), James Marsden (Scott Summers / Cyclops), Famke Janssen (Jean Grey), Morgan Lily (Young Raven), Michael Lerner (Senator Brickman), Chris Claremont (Congressman Parker), Len Wein (Congresman Davis), 131 Min., Kinostart: 22. Mai 2014

Bryan Singer war als Regisseur der ersten zwei X-Men-Filme auf dem Höhepunkt seiner Karriere (ich will hier den Wert von The Usual Suspects nicht schmälern, was für die meisten Menschen vermutlich auch der interessantere Film ist, aber eben erfolgsmäßig nicht in der selben Liga spielt), dann folgte noch ein Abschluss der Trilogie von Brett Ratner, ehe Matthew Vaughn mit X-Men: First Class in einem rein zeitlich spektakulären Prequel sozusagen mit einem »neuen Team« einen Neubeginn wagte und damit auch überzeugte. Dass man im nunmehr fünften X-Men-Film nicht nur storymäßig einen Spagat probiert zwischen dem »neuen Team«, diesmal ein knappes Jahrzehnt später zu Zeiten Richard Nixons und am Ende des Vietnamkriegs, und dem »alten Team«, diesmal in einer reichlich düsteren Zukunft zehn Jahre nach unserer Zeit, schlägt sich auch bei den Filmemachern nieder, denn Matthew Vaughn und seine bevorzugte Drehbuchautorin Jane Goldman (seit Stardust rein kreativ immer an seiner Seite) lieferten diesmal die Story, während Singer, der nach einigen eher unwürdigen Auftragsarbeiten aktuell ganz anders Schlagzeilen machte, in den Regiestuhl zurückkehrte (übrigens war Singer bereits bei First Class Co-Produzent und für die Story mitverantwortlich, das Ganze wirkt also ein wenig wie die Zusammenarbeit von Peter Jackson und Steven Spielberg bei den veranschlagten zwei Tintin-Filmen).

In früheren X-Men-Filmen war es meistens so, dass ein Kernteam der Mutanten-Superhelden auch comic-unkundigen Zuschauern umfassend vorgestellt wurde, wobei die Star-Power von Halle Berry oder Hugh Jackman aber auch immer half, sich zurechtzufinden. Für die echten Fanboys gab es hingegen – meistens in den Räumen von Professor Xaviers Mutantenschule – kleine Cameo-Auftritte von Figuren mit seltsamen Kräften, die dem »normalen« Zuschauer vor Augen führen, was für ein riesiges Figuren-Ensemble das Franchise bietet, aber ansonsten nicht weiter stören.

In den Einstiegsminuten von Days of Future Past geht man einigen gewaltigen Schritt weiter, denn in der dystopischen Zukunft, in der Mutanten wie Menschen vor dem Ende stehen wie in einem Terminator-Streifen (die Sentinels wirken auch wie eine Mischung aus den fiesen Roboter-Kraken aus The Matrix und dem T-1000, nur größer und zusätzlich noch mit Mutanten-Superkräften bestückt), in diesem Endzeit-Szenario tauchen unzählige X-Men wie Bishop, Sunspot oder Blink zwischen einigen bekannten Gesichtern auf (Ellen Page und Daniel Cudmore als Kitty Pryde und Colossus aus The Last Stand sind beispielsweise wieder dabei), werden nicht einmal ansatzweise vorgestellt, und sind gleich damit beschäftigt, von einer übermäßigen Kraft ausradiert zu werden (in einem visuellen Spektakel, bei dem vor allem die Portale von Blink die Dreidimensionalität sehr gut nutzen), ehe man dann in einem verzweifelten letzten Versuch das Bewusstsein von Logan zurück in die Vergangenheit schickt, um dort ein Attentat zu verhindern, dass die 50 Jahre währende Entwicklung der Sentinels überhaupt erst möglich machte (die Zusammenhänge hier sind reichlich komplex, aber leicht verständlich, über die Nuancen kann man dann im Film selbst staunen).

Somit sprengt der Film eigentlich alle Konzeptionen von Sequels, Prequels und Reboots, denn wie es in Marvel-Comics relativ häufig passiert, erfindet man hier einfach mal die Zeitlinie neu und gibt somit auch Figuren, die in früheren Filmen starben und / oder zu Superschurken wurden, ihre Menschlichkeit zu beweisen und / oder der einen oder anderen Zeitlinie wieder eine Rolle zu spielen. Neben den X-Men zählt dies übrigens auch für einen ihrer Langzeitgegenspieler (auch in den Filmen), William Stryker, der nach der Verkörperung durch Brian Cox in X-Men 2 und durch Danny Huston im ersten Wolverine-Prequel-Spinoff Origins nun auch (mit neuem Gesicht) im Jahr 1972 auftauchen darf und einiges von den mittlerweile sieben Filmen mit Hugh Jackman als Wolverine durch seine Schurken-Präsenz (hier nur als Nebenschurke) zusammenkleistern darf.

In Days of Future Past wird an Zeitlinien und Charakter-Entwicklungen schon so einiges geboten. Wie so oft geht es natürlich um die unterschiedliche Herangehensweise von Professor X und Magneto (die für die Geschichte der Mutanten etwa die Rollen spielen wie anderswo Martin Luther King und Malcolm X), wobei diese Figuren davon profitieren, dass sie in Zukunft wie Vergangenheit von versierten Schauspielern dargestellt werden (seit Filth weiß ich auch James McAvoy zu schätzen). Aber auch Jennifer Lawrence, die seit ihrem letzten X-Men-Auftritt mittlerweile selbst die Starpower von Hugh Jackman verblassen lässt, bekommt hier eine Aufmerksamkeit, von der Rebecca Romjin-Staros seinerzeit wohl geträumt hätte. Und selbst noch Nebenfiguren wie Quicksilver (gefährliche Avengers-Connection!), der hier fast nur für die Dauer von 20 Minuten überhaupt eine Rolle spielt, dürfen wirklich glänzen.

Wer diesen Film sieht, hat danach zumindest einen vagen Einblick, was Comic-Nerds dazu treiben kann, sich mit einem halben Jahrhundert X-Men-Continuity herumzuplagen, wo Haupt- und Neben-Teams immer wieder neu erfunden und zusammengestellt werden und die Karten für Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart jederzeit neu gemischt werden können.

Ein derart komplexes Franchise so wagemutig in Filmbilder zu übertragen, das gab es noch nie. Vor allem, weil der Film eigenständig funktioniert und (meines Erachtens) noch über die Qualität des Basismaterials hinausgeht, und nicht wie bei den Watchmen allenfalls einen vagen Einblick gibt, was hier epochales in einem anderen Medium passiert. Meine Prognose ist es, dass durch Interaktion zwischen Kinogängern und Comic-Experten weitaus mehr neue Comic-Leser gewonnen werden könnten als durch Watchmen – auch wenn das natürlich das weitaus bessere und in sich abgeschlossene Werk ist, während man bei Tausenden von X-Men-Heften halt große Gefahr läuft, sich auch durch eine Menge Mist zu kämpfen, wenn man jetzt auf die wahnwitzige Idee kommt, nachzulesen, was denn jetzt eigentlich diese seltsame Figur, von der man nicht einmal den Namen mitbekommen hat, für eine Geschichte hat. Mein Tip: auf wikipedia gehen und reichlich mit den Ohren schlackern!

Der größte Unterschied zum Geschichtsbewusstsein bei den Watchmen (insbesondere beim Comic) besteht hier klar darin, dass man nicht alles so ernst nimmt. First Class spielte ja 1962/63 und die Begründung(en), warum Magneto etwas später für fast ein Jahrzehnt weggesperrt wurde, hängt mit John F. Kennedy und der berühmten »magic bullet« zusammen, die einst beim Attentat sämtliche physikalischen Gesetze zu umgehen schien. Wie hier einer der traumatischsten Momente der US-amerikanischen Geschichte zu einer kleinen Pointe wird, hat mit der Ernsthaftigkeit Alan Moores nur wenig zu tun, überzeugt aber in der Leichtigkeit (wer nimmt denn einen X-Men-Film nun wirklich ernst?) erstaunlicherweise dennoch.

Wie schon in First Class spielt man auch sehr mit dem Nostalgie-Faktor (das erste, was Logan sieht, ist natürlich eine Lavalampe) und trotz der dunklen Zukunft im Prolog ist die erste Hälfte des Films der unterhaltsamste Mainstream-Film seit langem. In der zweiten Hälfte sehe ich Probleme im obligatorischen Bombast (das Weiße Haus findet sich in einem eigentümlichen »Bullseye« wieder) und dem etwas langatmigen Erstellen bestimmter Motivationen sowie der eher platten Visualisierung bestimmter Wechselwirkungen zwischen Zeitreise, Bewusstseinsverschiebung und Gedankenkräften. Offensichtlich war hier jemand der Meinung, dass der Film nicht komplett sein kann, wenn sich McAvoy und Stewart nicht mal Auge und Auge gegenüberstehen.

Was einen Bryan-Singer-Film gegenüber einem Matthew-Vaughn-Film hinaushebt, ist natürlich neben dem hier eher verhaltenen Subtext (Marvel-Mutanten dürfen ja als Metapher für den Gleichberechtigungskampf so ziemlich jeder Minderheit herhalten) das kleine Detail, dass er ein Trekkie ist – was mir immer besonderes Vergnügen bereitet. Und so gibt es hier etwa einen Einstieg mit Sprecher Patrick Stewart, der mit den Worten »The Future – a dark desolate world« beginnt. Und wo man quasi lauert, dass er mit »these are the voyages« fortfährt. Außerdem gibt es noch ein Wiedersehen mit der Vergangenheit, wenn man mal William Shatner und George Takei auf einem Bildschirm sieht (na, die Zeitreise-Episode erkannt?). Da lacht das Trekkie-Herz.

Zwei Fragen, die (bisher) auch imdb nicht beantworten kann, bleiben noch offen: 1. Wird der Koch, der im Weißen Haus mal mit recht großer Kochmütze mittig durch Bild geht, von Stan Lee gespielt? 2. Hat man für den Winzauftritt des gegenwärtigen »Beast« tatsächlich noch mal Kelsey Grammar bemüht (ich kenne seine Stimme nicht so gut, dass ich dies an einem Satz festmachen konnte)? Sachdienliche Hinweise an den Filmredakteur …