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Die Box




13. März 2014
Thomas Vorwerk
für satt.org

Cinemania-Logo 112:
Donnerstag, der Dreizehnte


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  Antboy (Ask Hasselbalch)






Antboy
(Ask Hasselbalch)

Dänemark 2013, Buch: Anders Ølholm, Lit. Vorlage: Kenneth Bøgh Andersen, Kamera: Niels Reedtz Johansen, Schnitt: My Thordal, mit Oscar Dietz (Pelle Nøhrmann / Antboy), Samuel Ting Graf (Wilhelm), Nicolas Bro (Dr. Gæmelkrå / Loppen / »Der Floh«), Amalie Kruse Jensen (Ida Sommersted), Cecilie Alstrup Tarp (Amanda Sommersted), Lærke Winther Andersen (Pelles Mutter), Frank Thiel (Pelles Vater), Caspar Phillipson (Herr Sommersted), Kenneth Bøgh Andersen (Bestyrer), Nanna Schaumburg-Muller (Pelles Lehrer), Jonas Schmidt (Schulfotograf), Elsebeth Steentoft (Frau Gæmelkrå), Aske Bang (Tasketyv), Jakob B. Engmann (Skolebetjent), 77 Min., Kinostart: 27. März 2014

Matthew Vaughns Comic-Verfilmung Kick-Ass schaute sich bekanntlich ganze Einstellungsfolgen bei Sam Raimis Comic-Verfilmung Spider-Man ab. Der dänische Kinderfilm Antboy ist zwar keine Comicverfilmung, sondern basiert auf einer Reihe von Kinderbüchern, doch bereits beim Vorspann vereinigt Regisseur Hasselbach eine sehr an Spider-Man gemahnende title sequence mit Comicbildern, wie sie im graphischen Stil wie der Farbauswahl (türkis und gelb/orange, allerdings mit Verzicht auf Blutrot) an Kick-Ass (den Comic) erinnern. Der größte Unterschied zu den beiden Vorbildern ist, dass Pelle (Oscar Dietz) erst zwölf Jahre alt ist. Aber auch er wünscht sich mehr Beachtung, ist in ein Mädchen verliebt, das ihn nicht einmal wahrnimmt, muss sich mit Bullys herumschlagen usw.

Und dann beißt ihn keine radioaktive Spinne, sondern ein wissenschaftlich manipulierte Ameise und er entwickelt Kräfte, die an dieses Tier erinnern. Auch die Art und Weise, wie er diese Kräfte erforscht, wie er Verantwortungsbewusstsein entwickelt etc., kommt einem sehr bekannt vor. Aber der Film behält sich trotz der wiedergekäuten Elemente eine nicht zu leugnende Frische. Oder vielleicht ist die Geschichte auch einfach so universell, dass sie immer wieder funktioniert. Dass Pelle aka »Antboy« jetzt Telefonbücher durchbeißen kann und Säure pieselt, macht ihn noch nicht zum Superhelden, aber immerhin ist sein großer Schwarm Amanda von Antboy durchaus angetan. Und dann folgt natürlich auch der Bösewicht, ein Wissenschaftler, der die Kräfte eines Flohs auf sich übertrug. Das heißt, er kann jetzt verteufelt weit springen, ist stark … und ernährt sich von Blut. Rein biologisch ist es nicht ganz astrein, dass sich »der Floh« (ohne ersichtliche Opfer) seine Energie wie ein Vampir besorgt, während Antboy nur zuckerhaltige Softdrinks und Süßigkeiten aus seinem »utility belt« fischt, um wieder Wände hochgehen zu können – meines Erachtens sind Ameisen durchaus eher Fleischfresser, aber im täglichen Umgang trifft man sie natürlich häufiger beim Picknick als beim brutalen Angriff eines ganzen Ameisenplatoons auf nichtsahnende andere Tiere.

Anyway, Spider-Man zersetzt ja auch keine im Netz gefangenen Kontrahenten und saugt sie dann aus, ein bisschen künstlerische Freiheit muss schon sein.

Die pädagogische Übertragung des »Ameisengedanken« besteht darin, dass Pelle begreift, dass eine einzelne Ameise wenig ausrichten kann – und so besteht das Happy-End des Films weder darin, dass Pelle jetzt Superkräfte hat und berühmt ist, oder dass Amanda ihn sogar küssen will, oder dass der Floh besiegt werden kann – sondern darin, dass Pelle am Schluss Freunde hat wie den Comicnerd Wilhelm (bei den Ausstattern muss es einen großen Mike-Mignola-Fan geben) oder Amandas Schwester Ida, mit denen er wie Harry mit Ron und Hermione den nächsten Abenteuern entgegen streben kann. Zuvor musste er sich seine Abenteuer selbst zurecht spielen (mit einem Plüschdelphin als zu rettender Maid und einem bewaffneten Teddy als Bösewicht) – was aber immerhin auch unterhaltsam war.

Ich mag Kinderfilme, die auch die Erwachsenen unterhalten, und in diese Kategorie gehört auch Antboy, der mit inszenatorischen Spielereien ebenso gefällt wie mit weiteren Anspielungen an die Geschichte der Comicverfilmungen. Da gibt es Passagen wie aus Scott Pilgrim (dem Film) oder der Batman-Fernsehserie mit Adam West (»Crash«, »Slam«, »Kapow«). Und wenn es den kleinen gefällt, kann der nerdige Papa ihnen später erklären, wo Ask Hasselbalch sich seine Ideen zusammengestohlen hat. Ein Film, der als Einführung in die Filmgeschichte funktioniert (und sei es nur das etwas beengte Genre der Superhelden-Comicverfilmungen), hat anderen Kinderfilmen oft schon etwas voraus. Nur darauf achten, dass die Kids danach nicht auch Vorhängeschlösser durchbeißen oder -pieseln wollen …

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  Shanghai, Shimen Road (Haolun Shu)


Shanghai, Shimen Road
(Haolun Shu)

Niederlande / China / Hong Kong 2010, alternative (Original?-) Titel: No. 89 Shimen Road, Shanghai shimen lu, Buch: Haolun Shu, Kamera: Shu Chou, Schnitt: Menno Boerema, Musik: He Xiao, mit Ewen Cheng (Xiaoli), Xufei Zhai (Lanmi), Lili Wang (Lili), Shouqin Xu (Großvater), Yang Xiao (Lanmis Mutter), Jiadomg Liu (Lehrer Liu), 85 Min., Kinostart: 13. März 2014

Xiaoli (Ewen Cheng) erinnert sich an seine Jugend, als er mit 17 begann zu fotografieren, was ihm sein Großvater beigebracht hat. Der Film erzählt davon, wie er zwischen zwei sehr unterschiedlichen Mädchen steht und sich nicht recht entscheiden kann, wobei diese Mädchen recht direkt für zwei Lebensentwürfe stehen.

Lanmi (Xufei Zhai), seine ein paar Jahre ältere Nachbarin, arbeitet zu Beginn der Geschichte noch in einer Fabrik, erschließt dann aber andere Möglichkeiten. Eine Hotelbesitzerin »entdeckt« die hübsche junge Frau bei einem Botengang und schenkt ihr nach einem größtenteils elliptisch ausgesparten Gespräch zwei Flaschen Coca Cola, die sie als verheißungsvolle Zeichen des westlichen Kapitalismus beinahe andachtsvoll zusammen mit Xiaoli trinkt, während sein Großvater (dessen Fotoarbeiten einst vom Staat konfiziert wurden) bereits befürchtet, dass die schulischen Leistungen des Jungen unter dem Einfluss der Nachbarin leiden könnten.

Lanmi nimmt ihren schüchternen Verehrer, der mehrfach bereit ist, ihr Geld zu leihen (ein Hinweis auf ihre Entwicklung), aufgrund seines Alters nicht ernst, quasi als Mann gar nicht wahr, und entdeckt stattdessen für sich die Vorzüge des Kapitalismus, der einer jungen gutaussehenden Frau bestimmte Karrierechancen eröffnet. Während Lanmis neuer Beruf langsam immer offensichtlicher wird (Xiaoli verschließt davor ein wenig die Augen), wird seine gleichaltrige Klassenkameradin Lili (Lili Wang) auf ihn aufmerksam, als er die »offizielle« Version eines Lehrers aufgrund der Erfahrungen seines Großvaters offen anzweifelt. Auf einigen seiner Fotos entdeckt sie auch schnell die reifere Konkurrentin, Doch so wie Lanmi Xiaolis Avancen ignoriert, übersieht jener auch die Bemühungen von Lili, die sich u.a. auch für sein Hobby interessiert und ihm mehrfach anbietet, bei ihr eigene Fotografien zu betrachten. (Das wird im Film weitaus subtiler umgesetzt, als es in der Nacherzählung erscheinen mag.) Lili ist politisch sehr interessiert und während ein Jahr vergeht, Lanmi sich immer stärker verändert und in Beijing die Studentenunruhen bevorstehen, begreift Xiaoli langsam, dass er sich entscheiden muss.

Regisseur Haolun Shu teilt fast genau das Geburtsjahr mit seinem Protagonisten, und in seinem ersten Spielfilm (nach zwei Dokus) ließ er eigene Erfahrungen einfließen, darunter seine einstige Naivität und das »brutale Erwachen« daraus.

Die schmalen Gassen und Backsteinhäuser des »Shikumen«-Viertels in Shanghai verschwinden aus dem Stadtbild, aber die Familie des Regisseurs besitzt noch ein altes Haus, indem größtenteils gedreht wurde, um ein authentisches Bild der Spätachtziger zu schaffen, dass neben der Ausstattung auch noch durch den »Look« des Films (sieht eher nach echtem Zelluloid als nach DigiCam aus) unterstützt wird. Die Ausbildung des Regisseurs bei einem US-amerikanischen Filmstudium findet sich nicht nur auf sein alter ego übertragen wieder (die Mutter ist bereits in die Staaten ausgewandert und bietet ihm an, ihr zu folgen), der Hang zur Hobbyfotografie, der später politische Bedeutung erlangen soll, prägt zu Beginn des Films auch überdeutlich die Perspektive, die unaufdringlich subjektive Kamera alterniert mit Fotos / Freeze Frames, und erst, als sein liebstes Motiv Lanmi die Knipserei leid ist, ihm die Kamera wegnimmt und zur Abwechslung ihn schießt, sieht man die Hauptfigur, die zuvor vor allem über den Voice-Over-Kommentar präsent war, erstmals.

Der Film beschreibt seine Figuren mit einer Menge Respekt und bietet auch psychologische Ansätze für Lanmis Veränderung, wenn er zeigt, wie sie in der kleinen Wohnung auf die ruhestörenden nächtlichen Aktivitäten ihrer Mutter reagiert, was sich zu einem handfesten Streit auswächst. Doch auch das nachbarliche Umfeld mit Mutmaßungen und Gerüchten (vor allem Lanmi betreffend) wird beleuchtet, und wenn sich Xiaoli später vom familiären Umfeld zu Lilis politischem Interesse hinwendet (und nebenbei von seinen romantischen Wirrungen Lanmi betreffend »kuriert« wird), ist das Ganze »Coming of Age« in Reinkultur, unterfüttert mit einem nostalgischen Blick auf das China der Jugend des Regisseurs und die politischen Umwälzungen. Wer sich für China oder Coming-of-Age besonders interessiert, wird nicht enttäuscht werden, wer mit diesen Themen indes wenig anfangen kann, könnte anderswo packendere Unterhaltung finden.

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  Non-Stop (Jaume Collet-Serra)


Non-Stop
(Jaume Collet-Serra)

USA / Frankreich 2014, Buch: John W. Richardson, Chris Roach, Ryan Engle, Kamera: Flavio Martínez Labiano, Schnitt: Jim May, Musik: John Ottman, Kostüme: Catherine Marie Thomas, mit Liam Neeson (William Marks), Julianne Moore (Jen Summers), Michelle Dockery (Nancy), Jason Butler Harner (Kyle Rice), Anson Mount (Jack Hammond), Omar Metwally (Dr. Fahim Nasir), Nate Parker (Zach White), Lupita Nyong'o (Gwen), Corey Stoll (Austin), Bar Paly (Iris Marianne), Quinn McColgan (Becca), Miou Miou (Passenger), 106 Min., Kinostart: 13. März 2014

Ich verrate ungern zuviel über die Handlung von Filmen, aber in diesem Fall werde ich den Leser mal auf den Stand nach etwa der ersten halben Stunde des Films bringen. Und durch mein vages Endurteil auch einiges vorwegnehmen. Das ist einfach notwendig, um klarzumachen, was für eine Art Film dies ist.

Bereits in der zweiten Einstellung des Films greift William Marks (Liam Neeson) zur Flasche, letzte Instruktionen, bevor er einen transatlantischen Flug von New York nach London betritt, lassen ihn besonders suspekt erscheinen, und er zeigt ein nicht geringes Geschick dabei, sich mit einigen Personen gut zu stellen, was ihm später noch zum Vorteil gereichen könnte. Dass er zuvor auf dem Flughafen besonders kühl reagierte (und alle Zufallsbegegnungen – Fluch des durchdachten Drehbuchs – natürlich im selben Flug landen), unterstützt die Argwohn des Zuschauers, und wenn er dann auf der Bordtoilette eine Pistole ablegt, wird diese plötzliche »Klarheit« vor allem dadurch gleich wieder »umgedreht«, dass er den »Badge« eines »Air Marshals« daneben legt.

Dieser Air Marshal bekommt nun Textnachrichten innerhalb eines eigentlich nur den Air Marshals vorbehaltenen Handy-»Kanals«, dass jemand im Flugzeug alle zwanzig Minuten jemanden töten will, wenn Bill nicht dafür sorgt, dass 150 Millionen Dollar auf ein bestimmtes Konto überwiesen werden. Hört sich erstmal nach einem fast herkömmlichen Polizeithriller an, der eben nur in einem Flugzeug spielt. Doch zwanzig Minuten später ist es so, dass Bill selbst (übrigens in Notwehr) mit ziemlich akkuratem Timing einen Mitfliegenden getötet hat (die Zusammenhänge darf jeder selbst im Kino erforschen) und Bills Glaubwürdigkeit zudem in nicht geringem Maße darunter leidet, dass besagtes Konto auf seinen Namen läuft. Wir haben also einen alkoholkranken Air Marshal (mit Geldschwierigkeiten), der gegen einen unerkannten Terroristen / Mörder oder gar Kidnapper kämpft, dabei aber zunehmend selbst wie der Terrorist wirkt …

Wenn wir mal die berechtigten Zweifel an Liam Neeson beiseite lassen (wäre schon ein gelungener Twist, wenn er sich am Schluss des Films tatsächlich als der eigentliche Kriminelle entpuppt), so besteht das Hauptproblem des Films (und gleichzeitig sein großer Reiz) darin, dass es lange Zeit so aussieht, als würde der extrem intelligent wirkende und fast allwissende Strippenzieher dieser Erpressung es auf irgendeine perfide Art geschafft haben, dass nicht nur Bills Integrität flöten geht, sondern dass er ihn sozusagen dazu »gezwungen« hat, selbst den ersten Mord auszuführen (ob es noch weitere gibt und wie diese verlaufen, will ich mal offen lassen, aber der Film geht 106 Minuten). Das erinnert mich an einen reichlich seltsamen Roman, den ich letztes Jahr las, Thirteen Women von Tiffany Thayer (das Pseudonym eines Mannes) aus dem Jahre 1932. Hier geht es um einen Kettenbrief und eine Wahrsagerin. Und eine Reihe von Todesfällen, die größtenteils durch die teilweise sehr beeinflussbaren Frauen selbst vorangetrieben wird. Der Roman funktioniert nicht besonders gut, aber das Unheimliche ist, dass die Wahrsagerin die Frauen allesamt so gut kennt, dass Selbstmorde und andere Verzweiflungstaten sich quasi durch besonderes psychologisches Fachwissen »vorhersehen« lassen bzw. wie ein feststehendes Schicksal festgeschrieben stehen (natürlich hilft man hier und da ein bisschen nach). So etwas in einer Narration welcher Art auch immer umzusetzen, ist ein ziemliches Meisterstück, und außer dem Nervenkrieg zwischen Kevin Spacey und Brad Pitt am Ende von Seven fällt mir kein Beispiel ein, wo dies wirklich gelingt. Ab und zu gibt es Straftaten, die sich dadurch hervortun, dass jemand wahnsinnig erscheinen soll, obwohl dies gänzlich an herbeigeführten äußeren Umständen liegt, und manche Filme gefallen sich auch darin, Figuren besonders zu manipulieren, um besondere Twists zu fabrizieren, aber spätestens im Nachhinein betrachtet ist das meistens ziemlicher Murks. Mit diesem Problem muss auch Non-Stop kämpfen, denn natürlich soll das Drehbuch so aufgebaut sein, dass man auch nach diversen Wendungen und Verdachtsmomenten, die sich wieder zerstreuen und dann aber doch nicht beseitigt werden (es gibt im ganzen Film niemanden, dem Bill Marks vor der »Beendigung« des Flugs wirklich 100 Prozent vertrauen kann), am Schluss dann aufgrund der »Auflösung« (und es gibt eine, auch wenn die Möglichkeit, so einen Film ohne Auflösung enden zu lassen, auch etwas hat) alle vorherigen Ereignisse Sinn ergeben müssen.

Andererseits ist es aber auch so, dass man in solch einem Flugzeugthriller mit perfidem Killer, Katz- und Maus-Spiel, unschuldig verdächtigtem Helden und was nicht alles natürlich auch 100 Minuten lang in Hochspannung gehalten werden will – und dieses Ziel wird immerhin zu drei Vierteln vollbracht, nur dass die Schere zwischen »ist immer noch verdammt spannend« und »wie zum Teufel soll man diesen Film noch retten?« gegen Ende immer weiter auseinander geht.

Non-Stop reiht sich nicht in eine Liste großer Meisterwerke ein, ist aber auch kein Film, den man abgrundtief hasst, weil er grenzenlose Dummheit propagiert oder vom Zuschauer einfordert (wie letztes Jahr in Now you see me). Das Drehbuch ist für Hollywood-Verhältnisse überdurchschnittlich gut durchdacht (dies sollte man nicht als großes Lob missverstehen, sondern als frustrierte Akzeptanz des Status Quo), die Schauspielleistungen überzeugen (dass Julianne Moore auch mitspielt, sollte ich spätestens an dieser Stelle erwähnen) und die Spielerei mit der Darstellung der Textnachrichten (Sherlock lässt grüßen!) und einige andere inszenatorische Tricksereien sind durchaus unterhaltsam. Dafür kann man auch in Kauf nehmen, dass einige Logiklücken zwischenzeitig für Turbulenzen sorgen.

Also: wer ein Meisterwerk erhofft, soll lieber weiter an den Weihnachtsmann glauben, und wer sich gepflegt unterhalten will, findet hier einen Kandidaten, der immerhin vielen Fettnäpfchen entgeht. Aber auch längst nicht allen.

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  Vampire Academy (Mark Waters)


Vampire Academy
(Mark Waters)

USA / UK / Rumänien 2014, Buch: Daniel Waters, Lit. Vorlage: Richelle Mead, Kamera: Tony Pierce-Roberts, Schnitt: Chris Gill, Musik: Rolfe Kent, mit Zoey Deutch (Rose Hathaway), Lucy Fry (Lissa Dragomir), Danila Kozlovsky (Dimitri Belikov), Gabriel Byrne (Victor Dashkov), Dominic Sherwood (Christian Ozera), Olga Kurylenko (Headmistress Kirova), Sarah Hyland (Natalie), Cameron Monaghan (Mason), Sami Gayle (Mia Rinaldi), Ashley Charles (Jesse), Claire Foy (Ms. Karp), Joely Richardson (Queen Tatiana), Dominique Tipper (Guardian Gabriela), Edward Holcroft (Aaron), Bronté Norman-Terrell (Camilla), Chris Mason (Ray), Ben Peel (Spiridion), Ramon Tikaram (Mr. Meisner), Harry Bradshaw (Mia's Friend Bruno), Shelley Longworth (Feeder Norrine), Mark Lewis (Priest), Chooye Bay (Asian Elder), 104 Min., Kinostart: 13. März 2014

Es ist ja vermessen, unfair und borniert, von einer Verfilmung auf das Buch zu schließen, aber die Vampire-Academy-Buchreihe (sechs Bände, dem Kinogänger steht also, falls kein Totalflop folgt, einiges bevor!) wirkt nach Betrachtung dieses Films wie eine halbgare Kreuzung aus Harry Potter, Buffy the Vampire Slayer und Twilight, wobei man zumindest im Film einige Probleme hat, die Geschichte in einer angemessenen Art und Weise an den Mann zu bringen.

So beginnt der Film mit einer tragischen Schlüsselszene, die sich als Flashback erweist (very Harry Potter!), was auch noch ganz gut funktioniert. Doch dann stürzt man sich in einen kurzen Action-Reigen, versucht in kürzester Zeit, die zwei Hauptfiguren am Blutsauger-Hogwarts zu etablieren (von wo beide ein Jahr lang abwesend waren, weil eine alternative Lebensführung offensichtlich so ihre Vorteile hatte), und nebenbei erklärt man uns dann noch die drei unterschiedlichen Vampirarten, mit der die Serie arbeitet.

Da gibt es zum einen die »Dhampire«, zu denen unsere Hauptfigur Rose Hathaway (Zoey Deutch) gehört. Diese haben, wenn ich keine winzigen Details übersehen habe, keine eigenen besonderen Kräfte, werden aber eigens dafür ausgebildet, als Bodyguards der »eigentlichen« Vampire zu fungieren, weshalb sie kleine Martial-Arts-Experten à la Buffy sind. Im besonderen Fall von Rose gibt es aber noch einen telepathischen Link zur Freundin Lissa, der die Handlung etwas vorantreibt (und dafür sorgt, dass wir die Perspektive von Rose beibehalten, obwohl Lissa als Protagonistin fast gleichbedeutend ist).

Lissa, oder mit vollem Namen Vasilisa Dragomir (Lucy Fry), ist eine der »Moroi«, das sind handelsübliche »gute« Vampire, die aber nicht im Tageslicht glänzen (ein Detail, das besonders betont wird, man muss sich ja von den anderen Franchises unterscheiden), und sich vom Blut freiwilliger Spender ernähren. In Lissas Fall war Rose ein Jahr lang die Spenderin, und aufgrund der bekannten allegorischen Parallelen zwischen einem Vampirbiss und dem Vollzug des Geschlechtsverkehrs (»Penetrier mich, oh Edward!«) könnte hieraus ein interessanter homoerotischer Subtext entstehen, aber abgesehen, dass Rose hin und wieder als Lissas »Bluthure« beschimpft wird (einerseits halten die beiden die Spender-Verbindung geheim, andererseits lässt sich die Ernährung während der einjährigen Abwesenheit nur schwer anders erklären), könnten die beiden kaum »straighter« sein. Ach ja, die Moroi haben noch jeweils übernatürliche Fähigkeiten im Zusammenhang mit den mittelalterlichen vier Elementen (Feuer, Wasser, erde, Luft) und stammen jeweils einer altehrwürdigen quasimonarchischen Familie ab, und Lissa ist die letzte ihrer Blutlinie, was ihr eine besondere Bedeutung zuträgt (und vermutlich in Buch 5 oder 6 zu einer Schwangerschaft führen wird). Man merkt schon an dieser Zusammenfassung, dass der Film einiges zu erklären hat, was im Buch hoffentlich etwas cleverer in die Handlung integriert wird. Aber da man eh davon ausgeht, dass das Zielpublikum sich bis Erscheinen des zweiten Films den ersten noch mal auf DVD anschaut (oder das eine oder andere Buch liest), und eine Erörterung der Zusammenhänge auf dem Schulhof auch nur werbewirksam sein kann, hat diese Informationsflut vielleicht sogar Methode.

Die dritte Vampir-Unterart nennt sich »Strigoi«, und das sind die fiesen, großen und nicht besonders hübschen Blutsauger, die Unschuldige »anzapfen« beziehungsweise töten, sie aber auch zu einem der ihren machen können. Gegen diese dunkle Macht führen die anderen zwei Fraktionen einen ewigen Kampf (wenn man die allerletzte Szene sieht, wird dies vermutlich in Teil « wichtiger werden), natürlich auch, um das Schicksal der nichtsahnenden »Muggel« oder wie die Normalos hier heißen, zu retten. Die »Normalos« spielen im ersten Film übrigens eine ähnlich verschwindend geringe Rolle wie jüngst in I, Frankenstein. Es wird ihnen aber zumindest hoch angerechnet, dass sie Facebook und andere Errungenschaften der Zivilisation erfunden haben. Ja, das war jetzt sarkastisch und ein wenig überspitzt, aber die popkulturellen Referenzen, die man hier und dort fallen lässt, sind schon auf einem recht niedrigen Niveau und wirken wie der klägliche Versuch, auf Rezept hip sein zu wollen..

Ich könnte jetzt noch über die amourösen Verwicklungen, die Schulintrigen, mindestens eine sehr suspekte Lehrkraft oder drohende Gefahren schreiben, aber die Geschichte ist so dünn (und auf die nächste Fortsetzung abgestimmt), damit mag ich die LeserInnen nicht behelligen. Ich kann jedenfalls nur hoffen, dass die Handlung in der Buchvorlage etwas stringenter konstruiert ist. Im Film spielt sich die Handlung fast komplett auf der Dialogebene ab (hier und da mit ein paar Actionszenen und einem schmachtenden Beinahekuss angereichert), und zumindest in der Verfilmung legt man verstärkten Wert auf eher müde Wortspiele, die nicht nur die Übersetzung erschweren (»queen bee-yotch« wurde hier mit »Mon-arschin« untertitelt), sondern auch meist reichlich bemüht bis schlichtweg doof wirken (»the stakes are too high« , Parfümmarke »Corpse No. 5« ). Als jemand, der alle Harry-Potter-Romane mit erkennbarem Gewinn gelesen hat, schwant mir, dass die literarische Fingerfertigkeit von Richelle Mead eher unter der von Frau Rowling einzuordnen ist, und einen Steve Kloves, der für die Drehbücher immerhin die Essenz zu retten wusste, hat man hier offensichtlich auch nicht (Regisseur Mark Waters zeigte auch schon mehr Gespür, etwa die Schulatmosphäre dazustellen, siehe Mean Girls). Manchmal rutscht das Ganze auch wirklich aus der Kategorie »dumm« in die darunter liegende »gemeingefährlich« , ein schlimmes Dialogzitat ist etwa dieses (stammt von einem vermeintlichen Sympathieträger): »My father liked to hit my mom. Then I liked to hit him.« (nicht exakt mitgeschrieben) Das mag nur von Macho-Allüren und einer verkürzten Repräsentation einer schweren Jugend mit gesunden Zivilcourage zeugen, aber nicht nur wissen wir seit Montgomery Burns, das Gewaltlosigkeit nie eine Lösung ist, spätestens, wenn man sich als jemand outet, der gerne andere Menschen schlägt (ganz unabhängig von irgendwelchen Gründen), ist man schlicht und einfach ein Vollarsch und nicht jemand, in den sich junge Frauen verlieben sollten (noch dazu vermutlich sechs Bücher lang). Da sollte man einfach ausreichend Intelligenz besitzen, das »to like« aus der zweiten Satzhälfte zu ersetzen, unabhängig davon, ob das aus dem Roman übernommen wurde oder erst im Drehbuchstadium verkorkst wurde.

Ich will als stolzer Twilight-Hasser nicht soweit gehen, Vampire Academy als schlechter als Twilight einzustufen, aber von Harry Potter (selbst den misslungeneren Verfilmungen) ist man meilenweit entfernt, und selbst noch die uninspirierteste Buffy-Folge ist zehnmal besser und spannender und durchdachter. Am meisten tun mir die jungen Darstellerinnen leid, die sich hiermit im günstigsten Fall acht bis zehn Jahre gut über Wasser halten, dabei aber einer möglichen Karriere langfristig nur schaden. Naja, vielleicht ist die heutige Jugend ja intelligent genug, spätestens zum dritten Teil nicht mehr hinzugehen. Ach, was mache ich mir vor …

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  Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand (Felix Herngren)


Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand
(Felix Herngren)

Originaltitel: Hundraåringen som klev ut genom fönstret och försvann, Schweden 2013, Buch: Felix Herngren, Hans Ingemansson, Lit. Vorlage: Jonas Jonasson, Kamera: Göran Hallberg, Schnitt: Henrik Källberg, Production Design: Mikael Varhelyi, mit Robert Gustafsson (Allan Karlsson), Iwar Wiklander (Julius), David Wiberg (Benny), Mia Skäringer (Gunilla), Jens Hultén (Gäddan), Bianca Cruzeiro (Caracas), Alan Ford (Pim), Sven Lönn (Hinken), David Shackleton (Herbert Einstein), Georg Nikoloff (Popov), Simon Säppenen (Bulten), Manuel Dubra (Esteban), Ralph Carlsson (Chefinspektor Aronsson), Cory Peterson (CIA Ryan Hutton), Ola Björkman (Allans Vater), Pernilla Göst (Allans Mutter), Lateef Lovejoy (Douglas Freeman), Kerry Shale (Harry S. Truman), Philip Rosch (Robert Oppenheimer), Keith Chanter (Ronald Reagan), Koldo Losada (General Franco), Sigitas Rackys (Gorbachev), Sibylle Bernardin (Amanda Einstein), 114 Min., Kinostart: 20. März 2014

Es gab mal eine Zeit, zu der ich regelrecht Respekt vor Bestsellern hatte. Das Parfüm oder Der Name der Rose habe ich nie gelesen, aber ungeachtet der eher handwerklich als künstlerisch überzeugenden Verfilmungen bin ich immer davon ausgegangen, dass in den Buchvorlagen sicher noch einiges versteckt war, für das sich später mal die Lektüre lohnen könnte.

In den letzten zwanzig Jahren oder so entwickelte ich eher einen Trend vom Besteller hinfort. Eine Beziehung lang habe ich mich geweigert, Harry Potter zu lesen (allerdings konnte auch eine andere Lektüre-Empfehlung, der Hitchhiker's Guide to the Galaxy, mich nicht wirklich überzeugen). Später musste ich dann zugeben, dass selbst noch der müdeste Harry-Potter-Band (also der erste) zumindest im Kanon der Kinderbücher einen Platz verdient hat. Aber was in letzter Zeit so die Bestsellerlisten bevölkert (insbesondere die deutschen), gibt mir nur selten das Gefühl, etwas zu verpassen: Eat, Pray, Love, Simon Beckett (tatsächlich gelesen, und es war schlimmer Murks!), Life of Pi, Vergeltung, Verdingsung, Versonstwassung, Twilight, The Hunger Games usw. Jede Menge »Young Adult« und »Paranormal Romances« , und wirklich gelungene Genre-Klassiker von Patrick Rothfuss, Susanna Clarke oder Justin Cronin kommen kaum über den Status eines Geheimtips hinaus.

Der letzte Bestseller, bei dem ich dann doch fast wieder Respekt entwickelte, weil selbst wildfremde Menschen, die durchaus intelligent erschienen, mir das Buch ans Herz legten, war – wer hätte es gedacht? – Der Hundertjährige usw.

Da ich außerdem skandinavische Filme mag, hatte ich doch eine gewisse Erwartung. Und leider ist das manchmal das Schlimmste, was einem Film passieren kann.

Losgelöst von der Buchvorlage, über die ich nichts sagen kann, ist diese Verfilmung

zum ersten: ein schwacher Forrest-Gump-Abklatsch. Der Titelgebende Hundertjährige hat in seiner Lebenszeit schon einiges erlebt. Zwar ist er nicht der hellste, und sein Hang zur Pyrotechnik bis hin zu lebensgefährlichem Sprengstoff ist auch nicht unbedingt ein Hobby, das Außenstehenden viel Vergnügen bereitet (Hinweis: der nicht geringe Anteil an »schwarzhumorigen« Gewalttaten kann auch in einem Film funktionieren – hier leider nicht). Und wie Forrest Gump ein wenig die Geschichte mitschrieb, so trifft Allan Karlsson auch auf einige wichtige Häupter der Geschichte. Und ich kann nur hoffen, dass das im Buch überzeugender herüberkommt. Sparwitze über Herbert Einstein, den etwas minderbemittelten Bruder Alberts, konnten mich ebenso wenig amüsieren wie Auftritte von General Franco oder Robert Oppenheimer (natürlich geht es hierbei um die Perfektionierung von Sprengkörpern, wie witzig!). Am ehesten gefiel mir noch die Sache mit dem Garten von Ronald Reagan (« for the last time, don't tear down that wall!« ), weil das immerhin ansatzweise an den Gärtner Chance in Hal Ashbys Being There (oder Jerzy Kosinskis Buchvorlage) erinnert. Aber Erinnerungen an bessere Werke reichen nun mal nicht. Sogar das Äquivalent zur Pralinenweisheit von Forrest Gumps Mutter wird hier geliefert: »Es ist wie es ist, und es kommt wie es kommt.« Ja, Mutti.

zum zweiten: eine brutale Krimi-Komödie. »Schwarzer Humor« ist hier auch nur so eine Standarderklärung wie anderswo »Satire« . Der Hundertjährige klettert aus dem Fenster seines Altenheims, kratzt gerade so das Busgeld für das nächste gottverlassene Kaff zusammen und trifft schon am Busbahnhof auf einen unfreundlichen Glatzkopf mit vielen Tätowierungen, der ihn anherrscht, auf seinen riesigen Koffer aufzupassen, während er kurz aufs Klo geht. Naja, und schon haben wir eine Geschichte, weil der Koffer voller Geld ist und der alte Knabe sich mit diesem aus dem Staub macht, was zur Verfolgung durch diverse Kriminelle führt, und jeder Menge Spannung und absurde Todesfälle. So zumindest die Theorie. Der Film (oder seine in der Gegenwart spielende Hälfte) ist aber eher, wie jemand auf imdb es großartig zusammenfasste, eine Episode des längst vergessenen Zeichentrick-Klassikers Mr. Magoo, nur dass es hier nicht um geriatrischen Sichtverlust geht, und bei Mr. Magoo der Body Count nichtexistent war.

Vielleicht funktioniert das Ganze in Schweden weitaus besser, denn Hauptdarsteller Robert Gustafsson ist dort allgemein bekannt und wurde schon mehrfach zum »funniest man« des Landes erklärt. Wenn er mit reichlich Make-Up als Hundertjähriger auftaucht, ist selbst der Bad Grandpa witziger, und man kann sich dunkel zusammenreimen, dass man vielleicht viel gelacht hätte bei diesem Film, wenn Hape Kerkeling oder Olli Schulz in Badelatschen durch die Taiga getapert wäre und nebenbei Martin Semmelrogge in die Luft gejagt worden wäre oder sich ein Elefant auf Armin Rohde gesetzt hätte. Aber das hilft einem im Grunde auch nicht. Und dem Film ebenso wenig.

Vermutlich sind im Buch die historischen Verwicklungen komplizierter und die Punchlines nicht so aufdringlich. Vielleicht ist auch der »gegenwärtige« Teil dort geringer oder eben nicht so saublöd wie zuletzt in Arme riddere. In Skandinavien ist der Humor etwas derber, das ist mir nicht entgangen. Aber wenn es nur derb und brutal ist, aber nicht wirklich witzig, dann funktioniert es eben nicht universell. Forrest Gump ist meines Erachtens auch kein Meisterwerk, aber den schaue ich mir wahrscheinlich lieber zwei- oder dreimal an als diesen Kram, der einfach erstaunlich wenig hat, was für ihn spricht.

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  Veronica Mars (Rob Thomas)


Veronica Mars
(Rob Thomas)

USA 2014, Buch: Rob Thomas, Diane Ruggiero, Kamera: Ben Kutchins, Schnitt: Daniel Gabbe, Musik: Josh Kramon, mit Kristen Bell (Veronica Mars), Jason Dohring (Logan Echolls), Enrico Colantoni (Keith Mars), Tina Majorino (Cindy 'Mac' Mackenzie), Jerry O'Connell (Sheriff Dan Lamb), Brandon Hillock (Deputy Sacks), Krysten Ritter (Gia Goodman), Francis Capra (Eli 'Weevil' Navarro), Ryan Hansen (Dick Casablancas), Percy Daggs III (Wallace Fennel), Ken Marino (Vinnie Van Lowe), Martin Starr (Lou 'Cobb' Cobbler), Amanda Noret (Madison Sinclair), Max Greenfield (Leo D'Amato), Chris Lowell (Stosh 'Piz' Piznarski), Daran Norris (Cliff McCormack), Sam Huntington (Luke Haldeman), Kevin Sheridan (Sean Friedrich), Duane Daniels (Van Clemmons), Jamie Lee Curtis (new boss), Eddie Jemison (JC Borden), Andrea Estella (Carrie Bishop), Dax Shepard (Overconfident Disco Dancer), Justin Long (Drunken Wingman), James Franco (Himself), 107 Min., Kinostart: 13. März 2014

Wenn eine Fernsehserie erfolgreich genug ist, wird sie manchmal mit einem Kinofilm »veredelt« . Das gilt für Stromberg und Türkisch für Anfänger ebenso wie für Alf oder The Simpsons. Es gibt auch einige Fälle, wo der Fernseherfolg zunächst eher überschaubar blieb, man aber mit etwas Verspätung dennoch eine Kino-Zugabe organisierte, etwa bei Star Trek oder Firefly / Serenity. In diese Kategorie gehört auch Veronica Mars, eine Teenie-Krimiserie, die es einst auf drei Staffeln brauchte, bei der der Kinofilm aber erst zu einem Zeitpunkt anschließt, als man bereits die Zehn-Jahre-Wiedervereinigung der Abschlussklasse feiert. Im »Tip« , dem Berliner Stadtmagazin, gibt es eine Kategorie für Live-Konzerte, die den Film gut umschreibt: »Fanveranstaltung« .

Man muss wohl ein Fan sein, um sich daran zu erfreuen, wie hier knapp unter zwanzig der alten Darsteller und Figuren (manche davon tauchten nur in zwei oder drei Episoden auf) wieder zusammengetrommelt werden, um der in das korrupte Heimatstädtchen zurückkehrenden Veronica die Chance zu geben, erneut einen Kriminalfall aufzudecken. Als Mordopfer auserkoren wurde eine Nebenfigur, deren Darstellerin nicht einmal Zeit hatte, für den fiesen Sheriff hat man einfach einen noch fieseren Bruder erdacht, der von Jerry O'Connell gespielt wird, ansonsten geben sich die für manche Zuschauer bekannten Gesichter die Tür in die Hand (und viele Jungmänner dürfen beweisen, dass das Sixpack immer noch famos trainiert ist), und Veronica (Kristen Bell) darf ausgerechnet die Unschuld ihrer alten Flamme Logan (Jason Dohring) beweisen, ein wenig mit ihrem Vater, dem aufrechten Privatdetektiv (Enrico Colantoni) und guten Freunden aus der alten Zeit herumalbern, bis sie dann (gegen alle Bemühungen) wieder auf die alten Zicken (darunter: Krysten Ritter aus Apartment 23, deren Rolle aber auch ziemlich verschenkt ist) und Poser bei der »Reunion« trifft und nebenbei ihre Lebensplanung (gut bezahlter Job bei einer Anwaltskanzlei, florierende, aber etwas biedere Beziehung) überdenken kann.

Wenn man nicht seinerzeit viel in diese Figuren investiert hat, fällt vor allem auf, dass Schöpfer Rob Thomas offenbar genau dort ansetzt, wo man damals abbrechen musste: mit einer ellenlangen Einführung, die teilweise sogar Bilder aus der Fernsehvorspann übernimmt, und Erzählmitteln, die inzwischen reichlich angestaubt wirken, etwa uninspirierten »over-shoulder« Schuss-/Gegenschuss-Situationen, einem Voice-Over-Kommentar, in dem Veronica jeweils aktuelle Gedankengänge wie bei einem Garagenverkauf darlegt, oder reichlich nervtötenden Popsongs als verbindender Geräuschkulisse. Und natürlich vermeintlich hippen Dialogen und popkulturellen Verweisen, die einfach nur anstrengend (und angestrengt) wirken. Oder manchmal schon ärgerlich wie die Bemerkung das Vaters, dass ihre bevorstehende Anwaltskarriere demonstriert, dass sie schon immer »destined for greatness« war.

Wenn nur irgendwas dabei interessant wäre: die vermeintliche Charakterwandlung oder zumindest die Humor- oder Krimi-Elemente. Aber schon das Opfer, ein Amy-Winehouse-Verschnitt mit bunten Haaren und einem letzten Album, dessen dunkle Texte Aufschluss über ein ebenso dunkles Geheimnis in der Vergangenheit geben … ich habe mindestens zwei Castle-Episoden gesehen, die fast genauso funktionieren. Wobei das Wort »funktionieren« im euphemistischen Sinne gebraucht wird.

Dass man dann noch für das »normale Publikum« neben Jamie Lee Curtis als neuer Chefin Dax Shepard (quasi in der selben Rolle wie in When in Rome), Justin Long (wenn man nicht aufpasst, verpasst man ihn) und James Franco (wird auf imdb wie ein Hauptdarsteller dargeboten) für Winzrollen engagierte, zeugt eigentlich nur von der Hilflosigkeit des gesamten Projekts. Titelheldin Kristen Bell ist jetzt auch nicht die erfolgreichste Kinoschauspielerin auf Erden, hat aber immerhin zuletzt im äußerst erfolgreichen Frozen der Hauptfigur Anna die Stimme verliehen und in einem der auf DVD verscherbelten Kinohöhepunkte 2013, Stuck in Love, eine ganz amüsante Nebenrolle. Dass sie hier als Ko-Produzentin ihre Vergangenheit wieder aufrollen musste, macht einen schon etwas traurig. Aber vermutlich war zumindest die »Reunion-Party« mit den Kollegen von damals etwas vergnüglicher als die Entsprechung im Film …

Die Moral des Films (Spoiler ahead!) scheint übrigens zu sein, dass man als schlecht bezahlter Privatdetektiv ein besseres Leben führt als als gut bezahlter Anwalt. Was gar nicht so abwegig klingt, wenn man es nicht vorwiegend damit begründet, dass es über Anwälte mehr schlechte Witze gibt.

Demnächst in Cinemania 113:
Auge um Auge (Scott Cooper), Sunny Days (Nariman Turebayev) und ein paar April-Starts, die erst noch gesichtet werden müssen …