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Die Box




13. November 2013
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Jenseits der Hügel (Cristian Mungiu)
Jenseits der Hügel (Cristian Mungiu)
Jenseits der Hügel (Cristian Mungiu)
Bildmaterial: Peripher Film
Jenseits der Hügel (Cristian Mungiu)
Jenseits der Hügel (Cristian Mungiu)
Jenseits der Hügel (Cristian Mungiu)


Jenseits der Hügel
(Cristian Mungiu)

Originaltitel: Dupa dealuri, Rumänien / Frankreich / Belgien 2012, Cristian Mungiu, Lit. Vorlage: Tatiana Niculescu Bran, Kamera: Oleg Mutu, Schnitt: Mircea Olteanu, Production Design: Calin Papura, Mihaela Poenaru, mit Cosmina Stratan (Voichita), Cristina Flutur (Alina), Valeriu Andriuta (Priest), Dana Tapalaga (Mother superior), Catalina Harabagiu (Antonia), Gina Tandura (Iustina), Vica Agache (Elisabeta), Nora Covali (Pahomia), Dionisie Vitcu (Mr. Valerica), Ionut Ghinea (Ionut), Liliana Mocanu (Pflegemutter Elena), Doru Ana (Pflegevater Nusu), Costache Babii (Dr. Solovastru), Luminita Gheorghiu (Teacher), Alina Berzunteanu (Dr. Radu), Teodor Corban, Calin Chirila (Polizisten), 150 Min., Kinostart: 14. November 2013

Noch überraschender und intensiver als im Fall von Iran und Griechenland hat sich die rumänische Nationalfilmographie im letzten halben Jahrzehnt plötzlich und unerwartet dem aufmerksamen Blick des Weltkinos gestellt und als äußerst interessant erwiesen, mit einem sehr humanistischen Kern und einem filmsprachlichen Selbstbewusstsein (einige Beispiele mit Kritik auf satt.org: Periferic, Mutter & Sohn, The Happiest Girl in the World, If I want to whistle, I whistle). Innerhalb des Landes ist Cristian Mungiu der prominenteste Filmemacher, seit er mit seinem zweiten Film 4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage 2007 die Goldene Palme von Cannes gewann. Sein neues Werk zeugt von einer Unerschrockenheit des Regisseur in der gewählten Thematik und der Filmlänge, doch auch über den Zeitraum von zweieinhalb Stunden kann Jenseits der Hügel eine Intensität aufbauen und halten, die das mittellange Warten auf den neuen Film lohnt.

Ko-produziert von den Gebrüdern Dardenne, fällt der intime Blick auf zunächst unscheinbare wirkende Protagonisten auf, der die Filmemacher über den halben Kontinent hinweg verbindet. Diese Gemeinsamkeit etabliert der Film bereits mit der ersten Einstellung, einer für die belgischen Filmbrüder typischen auf den Rücken einer Person gerichteten Kamera, mit der zusammen der Zuschauer die Geschichte erlebt. Voichita (Cosmina Stratan), deren Perspektive der Film durchgehend repräsentiert (was sich handlungstechnisch und interpretatorisch als seine große Stärke erweist) irrt zunächst ein wenig über eine Bahnhofsanlage, ehe sie ihre Freundin aus Jugendtagen, Alina (Cristina Flutur), entdeckt. Diese wird bei der ersten Filmbegegnung beinahe von einem Zug überrollt, ein Detail, dem der Film kaum Aufmerksamkeit schenkt, und gerade die Nichtbeachtung dieser Bedrohung zeugt sehr behende von der Atmosphäre des Film.

Die beiden jungen Frauen, die gemeinsam in einem Internat aufwuchsen (die Backstory offenbart der Film erst nach und nach) umarmen sich tränenreich, wobei sich bereits herausstellt, dass Alina die emotionalere ist, Voichita die vermeintlich »vernünftigere«. Gemeinsam suchen sie eine nahe Siedlung auf, die durch einen Zaun abgetrennt ist, auf dem ein Schild verkündet »Kein Zutritt für Andersgläubige«. Auch dieses Schild, das die eigentlich wichtigste Information unterschlägt, zeigt die spröde Verschlossenheit des Films – und der religiösen Gemeinschaft, die an ihrer Umgebung kein Interesse zeigt. Die hier wohnenden Nonnen tragen eine nüchterne schwarze Tracht und eine seltsame Kopfbedeckung, die wirkt wie ein aus einem Dutzend Vinyl-Singles bestehender Zylinder. Voichita versucht, ihre Freundin in der Gemeinschaft zu integrieren, doch das Oberhaupt, der Abt Tati, kritisiert sofort den fehlenden Glauben der aus Deutschland angereisten Neuen. »Der Westen hat den wahren Glauben verloren. Männer heiraten Männer, Frauen Frauen, Drogen gibt es da auch.« Vermutlich ungewollt trifft er damit ins Schwarze, denn Voichitas zurückhaltendes Verhalten im gemeinsamen Zimmer offenbart schleichend die besondere Vertrautheit der Mädchen im Internat. Doch Voichita ist jetzt anderweitig verliebt. Nicht in Tati, wie Alina zunächst annimmt (»fickt dich dieser Priester?«), sondern in den Glauben an sich, was die Freundschaft und letztendlich das Überleben von Alina auf eine harte Probe stellt. Und das, wo sie im Westen mit ihrer unerfüllten Sehnsucht gerade eine schwere Zeit durchmachte. Nur um jetzt, mit der Liebe ihres Lebens direkt vor Augen, noch stärker gefordert zu werden. Was Alina im Verlauf des Films durchleidet, erinnert nicht von irgendwoher an ein Martyrium, doch dieses hat umgekehrte Vorzeichen: Die Versuchung, gegen die sie kämpft, scheint keine teuflische Blendung, sondern der Glaube, zu dem zu finden ihr schwer fällt.

Die Geschichte des Films, die man ebenso als eine zögerliche Version von Heavenly Creatures mit 24jährigen in einer seltsamen Glaubensgemeinschaft wie auch als einen sehr verunglückten Exorzismus beschreiben könnte, basiert auf einem tatsächlichen Fall. Dieser ereignete sich im Jahr 2005 in einem Kloster in Moldawien, und eine damals für den BBC arbeitende Journalistin, Tatiana Niculescu Bran, publizierte gleich zwei »nicht-fiktionale Romane« (wie Truman Capotes In Cold Blood) über den Fall, der nach außen hin auch zu Veränderungen in der Glaubensgemeinschaft führte – nur muss man daran zweifeln, inwiefern die Praktiken sich wirklich verändert haben.

Auf diesen »Romanen« baut Regisseur Cristian Mungiu seine Geschichte um Inkompetenz und fehlende Verantwortung auf: »Die meisten Irrtümer dieser Welt sind im Namen des Glaubens begangen worden und aus der absoluten Überzeugung heraus, dass sie einer guten Sache dienen.«

Den unüberbrückbaren Widerspruch von Alinas Wunsch, ein erfülltes Leben zu führen, mit dem »Katalog« der Regeln der orthodoxen Kirche stellt der Film hierbei spät, aber unübersehbar in den Mittelpunkt. Von den 464 (!) Regeln werden im Film etwa zwanzig verlesen, und man kann davon ausgehen, dass ca. 100% der Kinozuschauer so ihre Probleme hätten, diesen »Sünden« abzuschwören. Im anderen Fall hätten sie vermutlich nie einen Kinosaal betreten.

Filme wie Jenseits der Hügel oder Hans-Christian Schmids Requiem entfernen sich zwar stilistisch vom Genre und den Anschauungen der nach wie vor beliebten Filme um Exorzismen, doch spiegeln sie viel eindrücklicher als Spezialeffekte und Erbsensuppe den gegenwärtigen Horror. Der »Teufel« wird oft über den Widerspruch zum Glauben definiert. Was, wenn in dieser Basisdefinition bereits der entscheidende Fehler steckt?