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Die Box




30. Oktober 2013
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Ich fühl mich Disco (Alex Ranisch)
Ich fühl mich Disco (Alex Ranisch)
Bildmaterial: Edition Salzgeber
Ich fühl mich Disco (Alex Ranisch)
Ich fühl mich Disco (Alex Ranisch)
Ich fühl mich Disco (Alex Ranisch)


Ich fühl mich Disco
(Alex Ranisch)

Deutschland 2013, Buch: Alex Ranisch, Sönke Andresen, Kamera: Dennis Pauls, Schnitt: Milenka Nawka, Guernica Zimgabel, Songs: Christian Steiffen, Production Design, Kostüme: Lena Moritzen, mit Frithjof Gawenda (Florian Herbst), Heiko Pinkowski (Hanno Herbst), Christina Große (Monika Herbst), Robert Alexander Baer (Radu), Christian Steiffen (Himself), Talisa Lilli Lemke (Nele Förster), Petra Hartung Cheftrainerin Heike Förster), Rosa von Praunheim (Himself), Dr. Hartmut Brestrich (Arzt), Karim Cherif (Partisanenkämpfer), Guido Schikore (UN-Blauhelm-Soldat), 98 Min., Kinostart: 31. Oktober 2013

Vom Typ her sind sich Hanno (Heiko Pinkowski) und sein Sohn Florian (Frithjof Gawenda) durchaus ähnlich: Bauchansatz und mehr, etwas lethargisch und ganz sicher nicht der Stoff, aus dem die Schwiegersöhne gemacht sind. Doch der Turmspringtrainer hatte einst eine vermeintlich wildbewegte Vergangenheit (»In seinem Alter war ich nicht so fett«), als er noch mit dem Krad unterwegs war und die unverhältnismäßig besser aussehende Monika (Christina Große), Florians liebende Mutter, sich in ihn verliebte. Es wirkt, als wolle er das nostalgische Bild seiner Jugend auf den Sohn projizieren, doch der interessiert sich mehr für Schlager als für Motorräder. Außerdem ist Florian kein Kind mehr, er sucht seinen eigenen Weg.

Die Vater-Sohn-Beziehung ist der Kern dieses Films, was noch dadurch verstärkt wird, als die Mutter in ein Dauerkoma fällt, während der Sohn immer mehr zum Träumer wird – und Vater Hanno ohne die Hilfestellung seiner Frau (»Du hörst einfach nicht zu, was sich dein Sohn wünscht«) der Situation immer hilfloser gegenübersteht.

Der Titel verrät es schon, Ich fühl mich Disco ist aber kein Sozialdrama, sondern eine Komödie, die sich aber dadurch auszeichnet, dass sie auch Zeit für traurige Momente und Enttäuschungen lässt, dabei aber einen gewissen Optimismus mit sich bringt, der nicht – wie in vielen anderen deutschen Filmen – aufgesetzt und verlogen wirkt. Der Film als Ganzes erinnerte mich ein wenig an Robert Thalheims Netto: Man kann sich zwar auf eine gewisse Weise von einigen Handlungen der Figuren klar distanzieren, fühlt aber immer mit. Der Film hat das Herz an der richtigen Stelle, auch wenn er weit entfernt davon ist, perfekt zu sein.

Zwei entscheidende Aspekte des Films habe ich an dieser Stelle noch gar nicht erwähnt. Zum einen die ziemlich clevere und selbstironische Art, wie der Film Florians Liebe zum Schlager mit dem außergewöhnlichen (und mir vor der Filmsichtung komplett unbekannten) Schlagerstar Christian Steiffen verwebt, der im Film auch »als er selbst« auftritt. Wie sein sprechender Name schon andeutet, entspricht Steiffen nicht dem typischen Schlagersänger, der sich hinter wohlklingenden Euphemismen versteckt, während Songtitel wie »Ein Bett im Kornfeld« oder »Komm unter meine Decke« doch überdeutlich machen, worum es in den allermeisten Schlagern geht. Bei Christian Steiffen heißt das dann »ich sehne mich so sehr / nach Sexualverkehr« oder, dem Filmsujet angemessen

Das Leben ist nicht immer nur
Pommes und Disco
Das sage ich dir
Manchmal ist das Leben einfach nur
eine Flasche Bier

Und zwischen Schnellimbiss und Discokugel bewegt sich der Film auch größtenteils, weswegen Christian Steiffen als überhöhtes Idol, das dabei aber auch greifbar bleibt, großartig in diese Fast-Hartz-IV-Welt hineinpasst.

Das andere große Thema des Films ist, dass Florian nicht nur ein Coming-of-Age durchlebt, sondern auch ein Coming-Out. Und angesichts seines Erscheinungsbildes und seiner Schüchternheit ist das auch kein Zuckerschlecken. Dem Zuschauer ist eigentlich von Anfang an klar, dass Florians zarte Annäherungsversuche an den Vorzeige-Hetero Radu (Robert Alexander Baer) nur mit Tränen und Enttäuschung enden können – doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Um sicherzustellen, dass der Film nicht doch zu sehr zum (optimistischen) Problemfilm wird, spielt aber auch in dieser … nennen wir es mal »Beziehung« … Vater Hanno eine große Rolle. Denn auch, wenn es ihm schwerfällt, seine Projektion auf den Sohn fallenzulassen, will er ihm doch zur Seite stehen. Zum einen durch einen audiovisuellen »Eltern-Ratgeber«, der für die großartigste Szene des Films sorgt (allein dafür lohnt sich der Kinoeintritt, Christian Steiffens Gastauftritt wird durch einen anderen Selbstdarsteller klar an die Wand gespielt), zum anderen aber durch aufgeklärtes, »tolerantes«, beherztes Vorgehen (der Papa ist nicht annähernd so schüchtern wie sein Sohn), das kombiniert mit Alkoholkonsum zu einigen Fremdschäm-Momenten führt, für die die Drehbuchautoren von Hangover oder Borat töten würden.

Um es zusammenzufassen: Ich fühl mich Disco ist deutsches Low-Budget-Kino, das ein ungeschöntes Deutschlandbild mit einigen Tagträumen kollidieren lässt (»Tschuldigung! Bist Du Christian Steiffen?« --- »Ja, der bin ich.«), und trotz einiger Schwächen immer noch interessanter ist als 85% der amerikanischen Komödien, die mit dem wirklichen Leben eigentlich gar nichts zu tun haben. Hanno und Florian sind nicht so hübsch wie Steve Carell oder Paul Rudd, sie haben nicht deren Comedy-Timing, aber sie wirken wie echte Menschen und nicht wie die immergleiche Variation eines Hollywood-Lebens. Und die drei oder vier Momente in Ich fühl mich Disco, wo man die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und am liebsten woanders hinschauen möchte, sind mir immer noch lieber als platte Pipi-Kaka-Witze, die mittlerweile selbst in Animationsfilmen für Kindern obligatorisch erscheinen. Ich frage mich, wie oft man noch über Körperausscheidungen lachen soll, weil diese das Einzige sind, was eine nachvollziehbare Verbindung des Zuschauers zum Leinwandgeschehen darstellt. Verglichen damit ist Ich fühl mich Disco erhaben und ehrlich. So sieht das aus, wenn Papa Tanken fährt!