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29. Juli 2012
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Olaf Brill: Der Caligari-Komplex
Olaf Brill: Der Caligari-Komplex
Belleville Verlag 2012
432 Seiten, gebunden
254 Fotos/Abb., € 38,00
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Der Caligari-Komplex

Olaf Brill legt hier eine schöne Materialsammlung vor, die für eine eingehende Beschäftigung mit Robert Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari einiges an Rüstzeug liefert. In dem voluminösen und schönen ausgestatteten Wälzer findet man etwa 24 zeitgenössische Filmkritiken, ein Faksimile des Illustrierten Film-Kuriers und ein umfassendes Einstellungsprotokoll (mir fehlte die Zeit, um dieses detailliert mit der von Robert Fischer 1985, kurz nach Uraufführung der restaurierten Fassung des Film, herausgegebenen eigenständigen Publikation zu vergleichen). Doch all dies wäre auf einer DVD wohl nur das »Bonus-Material« einer bereits 2003 vorgelegten Dissertation, die für die Buchveröffentlichung noch stark überarbeitet und ergänzt wurde.

Der Autor (den ich übrigens in seiner Funktion als Perry-Rhodan-Szenarist auf dem Comicsalon in Erlangen kennenlernte) nahm sich mit seiner promovierten Forschungsarbeit nicht weniger vor, als mit den Legenden um den Film aufzuräumen und mit der empirischen Recherchetätigkeit der New Film History den wirklichen Tatsachen auf den Grund zu gehen. In seinem etwas reißerischen Vorwort stellt er sich wie einen filmischen Detektiv dar, der »die wahre Geschichte« hinter dem »Mord am Holstenwall« entdeckte oder »auf einem schneebedeckten Friedhof nach einem verloren geglaubten Grabstein« suchte. Das klingt teilweise wie der ominöse Claus Groth im eingangs erwähnten Programmheft, aber man muss Brill zumindest seinen energetischen Forschungsdrang bezeugen. Wenn es darum geht, wann Das Cabinet des Dr. Caligari eigentlich gedreht wurde, welche Rolle die mittlerweile vergessene Schauspielerin Gilda Langer bei der Initiation und der Produktionsleiter Rudolf Meinert bei der Entscheidung für das expressionistische Dekor hatte, oder inwiefern man Aussagen von Hans Janowitz, einem der Caligari-Autoren und selbstbeschriebener Zeuge beim »Mord am Holstenwall«, vertrauen sollte, dann erfährt man hier durchaus neues - und auch, wie der Autor dieses ermittelte. Noch interessanter ist natürlich die vermeintliche Beteiligung Fritz Langs am Film, die Herkunft der von Siegfried Kracauer verpönten Rahmenhandlung und derlei, und Brill forscht in der Tat intensiver als irgendjemand zuvor, stimmt Wetterberichte mit den widersprüchlichen Angaben über das Datum der Dreharbeiten ab, rekonstruiert die gesamte Pressearbeit der jungen Decla-Fimproduktion oder recherchiert die Karriere Gilda Langers - doch die Entdeckungen sind nicht immer so spektakulär, wie Brill sie in seinem Vorwort darstellt. Dass vor allem Hans Janowitz, Erich Pommer und Hermann Warm ihre Rolle bei der Schöpfung des Films etwas in den Vordergrund drängten, dürfte auch jenen Filmgeschichtlern, die Jahrzehnte lang aus den Standartwerken von Kracauer und Eisner abschrieben, nicht gänzlich verborgen geblieben sein. Brill nimmt insbesondere Janowitz und seinen Hang zu »autobiographischen« Märchengeschichten rücksichtslos auseinander.

Doch bei seinem Bestreben, mit der Herangehensweise der New Film History die falschen Legenden auszutreiben, überzeugt Brills Vorgehen auch nicht immer. Mal stellt er heraus, dass Janowitz' Schilderungen der Uraufführung übertrieben seien, doch in seinem Einstellungsprotokoll (wo so etwas eigentlich auch nichts zu suchen hat) zitiert er eben diese Angaben wieder komplett unreflektiert. Im späteren Teil des Buches findet man immer wieder Angaben wie »wahrscheinlich« o.ä. (»Wie wir annehmen, steckt hinter Claus Groth in Wirklichkeit Decla-Pressechef Julius Sternheim«), er versäumt dabei aber, Beweismaterial für einige der Vermutungen zu liefern.

Es sind größtenteils Kleinigkeiten, die sauer aufstoßen. Brill stellt klar, dass Caligari nicht Teil einer Reihe von Meisterwerken ist, die die Filmgeschichte konstituieren (wie das lange Zeit in der Filmgeschichtsschreibung Usus war), sondern ein »Schlüsselfilm«, der für seine Zeit und die damaligen Strömungen in der Filmbranche steht. Andererseits wird er aber nicht müde, Caligari immer wieder als den »bedeutendsten deutschen Film« darzustellen - ein wenig so, als wenn er über seine (bedeutende!) Forschungsarbeit auch sich selbst in den Vordergrund spielt. Ganz wie Janowitz und Pommer seinerzeit. Vor dieser Gefahr ist die Filmgeschichtsschreibung ja längst nicht gefeit, und wenn Brill beispielsweise über einen verschollenen österreichischen Film namens Inferno berichtet, der parallel zu Caligari entstand, dann wurde erst durch Fußnoten-Studium klar, dass die drei Zitate zum Film, eines aus der »zeitgenössischen Fachpresse«, allesamt aus zwei Büchern des »Chronisten des österreichischen Films«, Walter Fritz, stammen, der 1981 schrieb »Daß Österreich einen so frühen Beitrag zur Entwicklung des expressionistischen Films geleistet hat, war bisher unbekannt«, obwohl er selbst dieses bereits 1969 publiziert hatte, wenn vielleicht (so ich den von Brill benutzten Zitaten entnehmen kann) ohne Erwähnung des Fachbegriffs »Expressionismus«, so aber doch als »inhaltlich-optische Szenen der Phantastik« deklariert, die von »Dantes oder Boschs Höllenvisionen« gespeist sind. Nach meinem Dafürhalten ist diese Quelle somit auch nicht verlässlicher als Kracauer oder Eisner, die Motivlage ist ähnlich und auch die »zeitgenössische« Kritik zu Inferno wird nach Fritz zitiert, auch wenn Brill nicht eben das Augenmerk darauf leitet.

Ein letztes Beispiel des Korinthenkackers (als der ich oft bezeichnet werde): Bei den »filmischen Nachfolgern und Adaptionen« (auch eher »Bonusmaterial«) erwähnt Brill einen »1991 in Cannes uraufgeführte[n]« (Kurzrecherche bei imdb bestätigte, dass diese Wortwahl vor allem gleichzeitig kaschieren will und darauf hindeutet, dass der Film weltweit nur in Frankreich einen regulären Kinostart hatte - ungeachtet der Besetzung mit Joan Cusack und Peter Gallagher) Film namens The Cabinet of Dr. Ramirez, über dessen Bezug zu Caligari (abgesehen vom Wort »Cabinet«) Brill keinerlei verlauten lässt, aber das hält den Autor nicht davon ab, zu behaupten, dass der »komplett ohne Dialog« auskommende Film gleich »eine Reihe moderner Stummfilme« einleitete (eine geschickte Finte, um abermals herauszustellen, wie »bedeutend« alles ist, was mit Caligari zusammenhängt und nebenbei über die Erwähnung von The Artist die Publikation besonders aktuell erscheinen zu lassen). Mich würde durchaus interessieren, ob irgendeiner der Regisseure der von Brill aufgeführten »Reihe moderner Stummfilme« (u.a. Aki Kaurismäki und Franka Potente) den Ramirez-Film überhaupt zu Gesicht bekommen hat. Und Charles Lanes Sidewalk Stories hat weltweit wohl vergleichsweise größeren Eindruck gemacht – und ist aus dem Jahr vor Ramirez.

Ein letzter stilistischer Mangel, der aber nur bei konzentrierter Lektüre des Caligari-Komplex auffällt, ist die häufige Wiederholung bestimmter Wendungen und Erkenntnisse (»der bedeutendste deutsche Film!«). Schon früh fasst Brill die Tendenz Kracauers in From Caligari to Hitler zusammen mit den (fälschlichen) Angaben Hans Janowitz' in Caligari. The Story of a Famous Story, später geht er gar so weit, einmal von »Kracauer Janowitz« zu sprechen, als sei dies eine einzige Person. So etwas stört mich, und ich finde es auch nicht besonders wissenschaftlich. Insbesondere, weil die Übereinstimmung der Autoren sich natürlich auf wenige Sätze bezieht, die Kracauer zitiert, die aber nicht seine komplette Herangehensweise prägt, zu der sich Brill vergleichsweise zurückhält und sich eher hinter den Kritikpunkten anderer Autoren versteckt.

Und ob der deutsche Verleihtitel von Terry Gilliams The Imaginarium of Doctor Parnassus aufgrund des Wortes »Kabinett« gleich dreimal in dem Buch erwähnt werden musste, erscheint mir auch sehr fraglich, insbesondere, weil Brill keineswegs auf inhaltliche Ähnlichkeiten (Jahrmarktbude! Wahnbilder!) eingeht.

Wofür ich dem Buch (und dem Autor) aber durchaus dankbar bin, ist neben der Entdeckung (aus meiner Sicht) des Prä-Caligari-Films Nerven (auch auf youtube) die Einordnung Caligaris in das Genre Psycho-Thriller. In meiner eigenen, bescheidenen filmgeschichtlichen Proseminarsarbeit zum »Vermächtnis des Dr. Caligari« (ca. 2000) führte ich mal eine Reihe von Filmen auf, die durch Caligari überhaupt erst möglich wurden, darunter Charles Laughtons The Night of the Hunter, Roman Polanskis Repulsion oder David Finchers Fight Club. Meine Dozentin schrieb damals an den Rand der Arbeit »Quelle?« - sie konnte sich offensichtlich nicht vorstellen, dass ich ganz allein über meine persönliche Kenntnis der Filmgeschichte auf diese »Reihe« gekommen war. Dass zumindest die drei an dieser Stelle wiedergegebenen Filme (es gab noch weitaus mehr) allesamt ein Genre mit Caligari teilten, war mir seinerzeit noch nicht aufgefallen, weil das Genre Psycho-Thriller zu Stummfilm-Zeiten natürlich noch gar nicht definiert war und ich es somit gar nicht auf dem Schirm hatte.

Ungeachtet meiner Kritikpunkte ist Der Caligari-Komplex aber (schon aufgrund des angesammelten Materials und Wissens) ein Band, der sich sehr hübsch neben Fischer und Jung/Schatzberg in meinem Regal macht. Kracauer und Eisner besitze ich übrigens gar nicht, die habe ich mir immer wieder ausgeliehen (obwohl sie Prüfungsthemen waren), denn sie waren mir schon längere Zeit suspekt.