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Die Box




1. Februar 2012
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Zettl (Helmut Dietl)
Zettl (Helmut Dietl)
Fotos © Jürgen Olczyk
Zettl (Helmut Dietl)
Zettl (Helmut Dietl)
Zettl (Helmut Dietl)
Zettl (Helmut Dietl)
Zettl (Helmut Dietl)


Zettl
(Helmut Dietl)

Deutschland 2012, Buch: Helmut Dietl, Benjamin von Stuckrad-Barre, Kamera: Frank Griebe, Schnitt: Alexander Dittner, Musik: Gerd Baumann, mit Michael Herbig (Max Zettel), Karoline Herfurth (Verena), Dagmar Manzel (Veronique von Gutzow), Ulrich Tukur (Urs Doucier), Dieter Hildebrandt (Herbie Fried), Senta Berger (Mona Mödlinger), Harald Schmidt (Conny Scheffer), Gert Voss (Alexander Sikridis), Sunnyi Melles (Jacky Timmendorf), Götz George (Olbrich »Olli« Ebert), Hanns Zischler (Gaishofer), Christoph Süß (Karl Georg »Wiggerl« Ludwig), Daniel Zillmann (Holm), Ulrike Arnold (Annette), Katy Karrenbauer (Russische Masseurin), Katrin bauerfeind (Nachrichtensprecherin), Aimee Nhung Le (Susie), Hansi Jochmann (Maskenbildnerin), Jens Eulenberger (Dr. Köpf), Eutalia de Carvalho (Reisende), Kinostart: 2. Dezember 2012

Man hörte, dass Helmut Dietl im Vorfeld dieses Filmstarts verlauten ließ, dass er seine Regiekarriere an den Nagel hängt, falls die Besucherzahlen seines neuen Films Zettl (erneut) unter den Erwartungen bleiben. Hoffen wir nur, dass keine wahnwitzigen Kinogänger dafür sorgen, dass er diese guten Vorsätze wieder vergisst.

In Sachen deutsche Kinoregisseure, die man weiträumig umfahren sollte, ist Leander Haußmann seit einiger Zeit mit stetigem Output der Fixpunkt. Auch Helmut Dietls letzter Film mit dem bereits einiges versprechenden Titel Vom Suchen und Finden der Liebe fungiert vom Niveauplateau her irgendwo zwischen Grasnarbe und unterirdisch. Dietl bekommt aber mildernde Umstände, weil er seit Late Show (1999) nur einen Kinofilm pro Jahrzehnt (2004, jetzt 2012) verbrochen hat. Wie Haußmann (Sonnenallee, Herr Lehmann) hatte auch Dietl mal Zeiten, in denen man ihn für durchaus begabt hielt. Sowohl im Fernsehen (Monaco Franze, Kir Royal) als auch auf der Kinoleinwand (Schtonk!). Dies war aber größtenteils zu einer Zeit, als der Kinogänger im heutigen Durchschnittsalter noch nicht geboren war.

Und an diese (aus seiner Sicht) guten Zeiten will Dietl jetzt anschließen. Zum einen mit einer kleinen aber gewichtigen Rolle für Götz George, zum anderen durch die Wiederaufnahme zweier Rollen aus Kir Royal, die von Senta Berger und Dieter Hildebrandt gespielt werden.

Der Film Zettl beginnt mit einem animierten Prolog, der erklärt, dass Baby Schimmerlos verstarb, Mona Mödlinger (Berger) mit Volksmusik reich wurde und der Fotograf Herbie Fried (Hildebrandt) nun von einem Rollstuhl aus fotografiert (als würde das für einen gewitzten Paperazzo nicht den geringsten Unterschied machen). außerdem stellt uns der Prolog die neue Hauptfigur Zettl (Michael »Bully« Herbig) vor, einen im Zusatztitel als »unschlagbar charakterlos« angepriesenen Chauffeur, der ganz groß herauskommen will.

Es widerstrebt mir, den Rest des Inhalts wiederzukäuen, der Begriff »charakterlos« wird von Dietl und Co-Autor Benjamin von Stuckrad-Barre, zwei Großmeistern der zelebrierten Arroganz, offensichtlich im Sinne eines fehlübersetzten Amerikanismus interpretiert, denn der Film zeichnet sich aus durch ein Fehlen von dem, was man früher »Figuren« nannte. Herbig und Partnerin Karoline Herfurth spielen einfach nur karrieregeile gutaussehende Menschen, die das Drehbuch schon aufgrund ihres ähnlichen Alters einander zuordnet. Darüber hinaus gibt es ein Ensemble von Pappkameraden, die die Autoren wohl als »satirisch« angelegt haben. Beispiele gefällig? Eine Berliner Bürgermeisterin (Dagmar Menzel) mit Allüren auf den Posten der Bundeskanzlerin, die Eigenschaften der aktuellen Amtsinhaber kombiniert und »zuspitzt«. Also: Hässliche Frisur, aus dem Osten stammend, schwer berlinernd, so feminin wie Uwe Ochsenknecht und zwar nicht bekennend lesbisch, aber zumindest transgender-bisexuell oder so was ähnliches. Oder eine TV-Moderatorin (Sunnyi Melles) mit wöchentlicher Talkshow, die Job und Leben nur mit Alkoholika, Tabletten und häufig wechselnden Sexpartnern erträgt. Oder der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern (Harald Schmidt), ebenfalls sexsüchtig und auf den Kanzlerposten aus, der sich vor allem durch sein Schwäbeln hervortut. Das soll alles witzig sein oder irgendwie aussagekräftig, aber die Scherze erschöpfen sich noch schneller als die gequält intonierte deutsche Nationalhymne, die jedes Mal gespielt wird, wenn der schwerkranke Bundeskanzler (Götz George) in der nächsten Szene mitspielt.

Jener Bundeskanzler ist auch Teil einer Szene, die symptomatisch für den Film ist. In einer Nachrichtensendung erklärt Katrin Bauerfeind als Sprecherin (ihr Auftritt ist auch so eine Casting-Vetternwirtschaft ohne tieferen Sinn), dass der Kanzler überraschend nach Capri aufbrach. Illustriert wird dies durch eine Graphik, die ein ausgesägtes Archivfoto vor einen Sonnenuntergang à la Fototapete pappt. Wahrscheinlich inspiriert von »Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt«. Man nimmt dann per Telefon-Interview (!) Kontakt auf zum Kanzler (der sich übrigens in einer Berliner Klinik befindet). In einem Film, der vorgibt, den Finger am Puls des Internetjournalismus zu haben, bemüht man eine altbackene abgestandene Ästhetik, die selbst der rückständigste Provinzsender vor Jahrzehnten hinter sich ließ. Ähnlich wie die schluderig ausgestattete Szene, die den alten Münchner Witz reanimiert, wie vermüllt Berlin ist (das war schon die Pointe, es kommt nichts mehr), demonstriert dies vor allem, dass man nicht einmal ansatzweise versuchte, darüber nachzudenken, was man hier auf die Leinwand bringt. Wenn Deutschlands Kinogänger vorm Kassenhäuschen nur halb so viel Gehirnschmalz auf die Filmauswahl investieren (und den Talkshow-Marathon der letzten Wochen nicht als Qualitäts-Indikator missverstehen), besteht noch Hoffnung.