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Die Box




16. November 2011
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Halt auf freier Strecke (Andreas Dresen)
Halt auf freier Strecke (Andreas Dresen)
Halt auf freier Strecke (Andreas Dresen)
Bildmaterial: Pandora Film
Halt auf freier Strecke (Andreas Dresen)
Halt auf freier Strecke (Andreas Dresen)
Halt auf freier Strecke (Andreas Dresen)




Halt auf freier Strecke
(Andreas Dresen)

Deutschland / Frankreich 2011, Buch: Andreas Dresen, Cooky Ziesche, Kamera: Michael Hammon, Schnitt: Jörg Hauschild, Production Design: Susanne Hopf, Kostüme: Sabine Greuning, mit Milan Peschel (Frank Lange), Steffi Kühnert (Simone Lange), Talisa Lilli Lemke (Lilli Lange), Mika Nilson Seidel (Mika Lange), Ursula Werner (Renate, Simones Mutter), Marie Rosa Tietjen (Simones Schwester), Otto Mellies (Ernst, Franks Vater), Christine Schorn (Franks Mutter), Bernhard Schütz (Stefan), Thorsten Merten (Tumor), Inka Friedrich (Ina), Petra Anwar (Palliativärztin), Harald Schmidt (Himself), Uwe Träger (Chefarzt), 110 Min., Kinostart: 17. November 2011

Deutschlands Regisseure haben ganz unterschiedliche Talente und Qualitäten. Christian Petzold und Fatih Akin sind die Lieblinge der Kritiken, aber dennoch bescheiden geblieben. Valeska Grisebach weiß, wie man aus Laiendarstellern alles rausholt, Robert Thalheim verarbeitet die deutsche Geschichte auf sozial relevante Art. Hans-Christian Schmid überschreitet Grenzen - von Ländern und Formaten. Anno Saul hat ein dramaturgisches Gespür, Bully Herbig hat ein ausgeprägtes Comedy-Timing. Wim Wenders ist neuen Technologien gegenüber aufgeschlossen, Dominik Graf ist routiniert und beständig, Roland Emmerich weiß, wie man das Publikum zieht. Oskar Roehler ist mutig, Uwe Boll ist produktiv. Und so weiter. Einige dieser Regisseure vereinigen sogar mehrere dieser Eigenschaften, aber Andreas Dresen ist vielleicht der einzige, der sie alle beherrscht.

Er ist im Spielfilm zuhause, hat aber auch keine Berührungsängste vor dem Dokumentarfilm (Herr Wichmann von der CDU). Er arbeitet gern mit kleinen Teams, improvisiert zusammen mit den Darstellern wie die deutsche Antwort auf Mike Leigh, aber auch komplexe Drehbücher mit einem großen Ensemble meistert er (Whisky mit Wodka). Und von der leichten Sommerkömodie bis zum fatalistischen Trauerspiel deckt er alle Zwischentöne in seinem Oeuvre ab.

Halt auf freier Strecke, sein neuer Film, von der Die Welt mit Recht als sein »bisher bester« bezeichnet, übt sich erneut in einem Spagat. Einerseits geht es um einen Gehirntumor und das Thema Tod (noch dazu in einer jungen Familie), und Dresen schont weder sich noch sein Publikum. Aber da Humor in den dunkelsten Momenten am befreiendsten wirkt, ist Halt auf freier Strecke zwar keine Tragikomödie oder dergleichen, aber ein beinharter Film, bei dem es dennoch viel zu lachen gibt.

Kommt ein Mann zum Arzt. Der Arzt: »Ich habe zwei schlechte Nachrichten.« Der Patient schluckt. »Okay, fangen sie mit der ersten an.« «Sie haben Krebs.« Schweigemoment. »Und was noch?« «Sie haben Alzheimer.« Der Patient ist beruhigt. »Na, wenigstens kein Krebs.«

Frank (Milan Peschel) hat nicht nur pünktlich zur Vorweihnachtszeit nur noch Wochen zu leben, auch seine Gehirnfunktionen verabschieden sich langsam. Er hält das Kinderzimmer seiner Tochter für die Toilette, er räubert den Adventskalender, sieht seinen Tumor in Menschengestalt (Thorsten Merten) bei der Harald-Schmidt-Show. Seine Frau Simone (Steffi Kühnert) ist zunehmend überfordert (»Immer nur dein Tumor! Ich muss mit der ganzen Scheiße weitermachen. Mit dem Haus, mit den Kindern ...«

Ein Satz, der mehrfach im Film fällt, ist »Das ist nicht witzig!« Und der Film beweist gleichzeitig die Verifizität dieses Statements als auch das Gegenteil. Ein beklemmender Film, aber auch ein etwas anderer Weihnachtsfilm für die ganze Familie. Und dann ist Weihnachten, dann Neujahr. »Soll ich dir mal was sagen, Mama? Das wär schön, wenn er einschlafen würde.« Und irgendwann ist es zuende, aber es ist nie zuende. Lilli muss zum Training, und Mika bekommt vielleicht das iPhone.

Und die vielen Facetten dieses wunderschönen Films kratzt dieser Text höchstens mal an.