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Die Box




9. November 2011
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Anonymus (Roland Emmerich)
Anonymus (Roland Emmerich)
Anonymus (Roland Emmerich)
Bildmaterial © 2011 Sony Pictures Releasing GmbH
Anonymus (Roland Emmerich)
Anonymus (Roland Emmerich)
Anonymus (Roland Emmerich)


Anonymus
(Roland Emmerich)

Wenn man den Geschichtsbüchern glauben darf, starb Christopher Marlowe, der Autor von Dr. Faustus, im Jahr 1593. Shakespeares A Midsummer Night’s Dream wurde etwa 1594-96 uraufgeführt, Hamlet nicht vor 1600, Queen Elizabeth I starb 1603, Macbeth wurde 1605 oder 1606 uraufgeführt. Dies sind nur einige der auffälligsten Eckdaten, deren Einhaltung man in einem Film von Roland Emmerich (ja, der Regisseur von 10.000 BC) nicht unbedingt erwarten sollte. Sein Film Anonymous gibt sich zwar viel Mühe, keinerlei Jahreszahlen zu erwähnen und mithilfe einer mehrfachen Rahmen- und Parallelkonstruktion wild in der Geschichte hin- und herspringen zu können, aber es wird relativ schnell klar, dass der Film auch gar nicht das Anliegen hat, sich selbst zu ernst zu nehmen.

Natürlich verkauft man so einen Film (und das Drehbuch ist teilweise so clever, dass selbst Emmerich es nicht kaputt kriegt) über die »Sensation«, dass Shakespeare gar nicht der Autor seiner Stücke ist. Doch das ist gar nicht der Kern des Films. Shakespeare wird hier als etwas feister, zum Stottern neigender, womöglich nicht des Schreibens fähiger Emporkömmling dargestellt (Rafe Spall, der Sohn von Timothy), der seinem Kollegen Ben Jonson, der mal Shakespeares gesammelte Werke gedruckt publizieren wird, das Aufführen seiner Stücke im Globe Theatre untersagt. Und der hier als Hauptverdächtiger am Tode Christopher Marlowes gehandelt wird. Soviel zum Schlachten heiliger Kühe.

Der Film hingegen dreht sich vor allem um das Verhältnis zwischen Edward de Vere (Rhys Ifans als der wahre Shakespeare) und Queen Elizabeth (Vanessa Redgrave), die mal in jungen Jahren was miteinander hatten (Jamie Campbell Bower und Joely Richardson - Vanessa Redgraves Tochter - spielen die jungen Versionen), und sich so ziemlich am Ende des Films noch mal wiedersehen. Für diejenigen, die immer noch mitrechnen: Queen Elizabeth war ziemlich genau 45 Jahre lang Königin, und wenn man ihr Krönungsjahr 1558 als Uraufführungsdatum von A Midsummer Night’s Dream annimmt (und in der Rekonstruktion dessen, was möglich ist, kommt der Film diesem Datum zumindest sehr nahe), so wurde Shakespeare sechs Jahre später geboren. Aber, wie gesagt, darum geht es in Anonymous gar nicht. Da könnte man im Nachhinein auch ausrechnen, wie alt die mit 70 gestorbene Monarchin zum Zeitpunkt dieses ehrwürdigen ersten Treffens war - doch das bringt einen in der Wertschätzung des Films keinen Deut weiter.

Roland Emmerich als Shakespeare-Biograf - das ist natürlich ein Affront. Seiner Kameraperson, mit der er schon öfters zusammenarbeitete, bleute er offenbar ein, dass das elisabethanische Zeitalter ein »goldenes« war. Und so prunkt das Globe Theatre in gold und blau (bekanntlich die teuersten Farben seinerzeit), und so ziemlich alles ist in Kerzenschein oder Sonnenuntergangs-güldenem Zwielicht getaucht. Dazu kommt spachtelweise Make-Up, teilweise schlecht angeklebte weiße Rauschebärte, und in Elizabeths vorletztem Auftritt ein Kostüm, das selbst mich als stolzen Ignoranten laut auflachen ließ. Emmerich gibt sich fünf Minuten lang Mühe, eine Rahmenkonstruktion zu basteln, in der Derek Jacobi die gesammte Filmhandlung als heutiges Theaterstück einführt - vergisst dies aber in dem Augenblick, als Jacobi aus dem Bild verschwindet, für zwei Stunden wieder, und kommt mit den üblichen CGI-Angebereien, die u. a. die Londoner Skyline mit einem brennenden Theater oder eine immense Menschenmenge auf der zugefrorenen Themse zeigen (und scheinbar im Hintergrund immer wieder den selben Vogelschwarm). Was allesamt die Geschichte keinen Deut voran bringt, aber wie seine Kamerafrau muss Emmerich wohl auch seine Effekt-Leute in regelmäßigen Abständen mit Brosamen füttern, um sich nicht beim nächsten Emmerich-Spektakel wieder neues Personal suchen zu müssen.

Während des Films sinniert man manchmal darüber, dass mit einem geeigneten Regisseur und einigen beherzten Schnitten im Drehbuch (die ganze Kiste um den Earl of Essex und den Earl of Southhampton ist ja für die Tränendrüse durchaus geeignet, aber Figuren, für die man nicht wirklich Zeit hat, sollte man manchmal auch einfach weglassen) aus Anonymous vielleicht mehr als nur »den besten (bzw. am wenigsten schlechten) Film von Roland Emmerich« hätte werden können, sondern vielleicht ein Film, für den Rhys Ifans mit seiner bisher reifsten Darstellung eine Oscarnominierung hätte einfahren können. Wenn man David Thewlis oder Sebastian Armesto, dem Darsteller des Ben Jonson (für dessen Kunst der Film kein gutes Wort hat), zuschaut, so ahnt man vage (trotz des mitunter schmierenkomödiantischen Augenrollens einiger Akteure), was hier an Potential verschwendet wird. Anonymous nimmt seine Shakespeare-Prämisse beinahe so ernst, wie es Ralf König in Jago tat (»Ein Pferd! Ein Pferd! Ein Königreich für ein Pferd!«), doch das Niveau des Films erreicht leider nicht das des begnadeten Schwulencomics, sondern verreckt auf der Stufe eines Da Vinci Codes. Aber wenn man Emmerich mit Ron Howard vergleicht, ist das für Emmerich ein Kompliment.

Wenn man sich damit (und mit der Länge des Films!) aber erstmal arrangiert hat, so ist Anonymous aber (ja! wirklich!) eine positive Überraschung. Einfach durchhalten, es lohnt sich. Denn das Drehbuch ist (trotz einiger Makel) so clever wie drei bis vier herkömmliche Emmerich-Drehbücher miteinander mal genommen.

Okay, diejenigen, die immer gleich mitrechnen, wissen wahrscheinlich, dass Multiplikation nicht automatisch alles vergrößert, aber so war das diesmal gar nicht gemeint.