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Die Box




26. Oktober 2011
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Eine ganz heiße Nummer (Markus Goller)
Eine ganz heiße Nummer (Markus Goller)
Bildmaterial: Universum Film
Eine ganz heiße Nummer (Markus Goller)
Eine ganz heiße Nummer (Markus Goller)
Eine ganz heiße Nummer (Markus Goller)


Eine ganz heiße Nummer
(Markus Goller)

Deutschland 2011, Buch: Andrea Sixt, Lit. Vorlage: Andrea Sixt, Kamera: Ueli Steiger, Schnitt: Simon Gstöttmayr, Markus Goller, Musik: Peter Horn, Andrej Melita, Martin Probst, mit Bettina Mittendorfer (Maria Brandner), Gisela Schneeberger (Waltraud Wackernagel), Rosalie Thomass (Lena), Monika Gruber (Gerti Oberbauer), Sigi Zimmerschied (Pfarrer Gandl), Johann Schuler (Franz Oberbauer), Ferry Öllinger (Heinz Wackernagel), Ferdinand Schmidt-Modrow (Jakob Oberbauer), Andreas Lust (Thomas Sonnleitner), Matthias Ransberger (Willi), Peter Mitterrutzner (Vater Brandner), Kinostart: 27. Oktober 2011

Seit dem Erfolg seines Kinodebüts Friendship! gilt Regisseur Markus Goller hierzulande als ganz heiße Nummer. Andrea Sixt, die Produzentin, Romanvorlagen- und Drehbuchautorin von Eine ganz heiße Nummer, kam auf ihn, weil der in Zürich geborene Kameramann Ueli Steiger (Godzilla, 10.000 BC), ein alter Freund von ihr, von der Zusammenarbeit mit Goller bei Friendship! so begeistert war, und so kehrte Goller in die bayrische Heimat zurück, und beim amerikanisierten Schweizer Steiger dürfte wohl auch ein gewisser Wiedererkennungswert zustande gekommen sein - und sei es nur, weil er im letzten Jahrzehnt dauernd mit dem US-Schwaben Emmerich zusammengearbeitet hat (als echtes Nordlicht mische ich Stuttgart, München oder Regensburg gern in den selben Topf - soviel Ignoranz muss sein!).

So wie die Autorin und der Regisseur scheinen bis auf zwei Alibi-Österreicher (darunter Andreas »Der Räuber« Lust) alle Hauptdarsteller aus Bayern zu kommen, und der Film spielt dann auch in Marienzell in der Nähe von Regensburg. Dort betreiben die rüstige Maria und ihre beste Freundin Waltraud gemeinsam mit der jungen Lena den schon länger nicht mehr florierenden Laden »Lebensmittel Brandner«, dessen Existenz aufgrund eines aufgekündigten Kredits nicht mehr zu halten ist. In vier Wochen müsste man eine größere Geldmenge besorgen, und da Maria ohnehin seit längerem mit obszönen Telefonanrufen gepeinigt wird und sie am bettlägerigen Vater Brandner und seiner Sammlung von »erotischem Bildmaterial« des häufigeren erkennen muss, dass die männliche Libido nicht kaputtzukriegen ist, kommt man auf die Idee, einen Telefonsex-Service anzubieten - natürlich ohne die streng-katholische Gemeinde über den bald beträchtlichen Nebenverdienst in Kenntnis zu setzen.

In meinen Augen war dieser Film wie eine (etwas längere) Episode der Simpsons, wobei Springfield halt nach Niederbayern verlegt wurde. Die heuchlerische Chorleiterin Gerti erinnerte mich sehr an Helen Lovejoy, ihr Gatte, der Bürgermeister, ist eine Mischung aus Mayor Quimby und Ned Flanders (der Schnurrbart!), und der gemeinsame Sohn Jakob ist ein etwas älterer Milhouse, der sich mit seinem Fotohandy für einen investigativen Journalisten hält.

Während unsere drei Damen vom »Liebesgeflüster« sich keinerlei zu Schulden kommen lassen, zweigt der Pfarrer aus der Kollekte ab, Neid und Erpressung bestimmen das soziale Klima, und schließlich kommt es wie bei James Whales Frankenstein oder dem Simpsons Movie: Die Ortsbewohner stehen mit brennenden Fackeln (allerdings ohne Mistgabeln) an Marias Haustür, und wie bei vielen Übertreibungen in diesem Film stört man sich nicht im Geringsten daran.

Der Autorin Andrea Sixt, die zuvor auch fürs Fernsehen Drehbücher für »Rosamunde Pilcher« oder Das Traumhotel erstellte, muss man neben einer Dialogsicherheit auch im Dialekt konstatieren, dass sie sich Mühe gibt, die Figuren zumindest mit etwas Hintergrund zu versehen. So lernt man etwa Lena (Rosalie Thomass, die deutsche Antwort auf Gemma Arterton und Cameron Diaz) zunächst als mannstolles Partyluder mit viel Pech kennen, ehe sich dann herausstellt, dass sie viel harmloser und bodenständiger ist - und der Film dauerbetont diese und andere Details nicht alle zehn Minuten, sondern überlässt es ganz dem Betrachter, wie sehr er oder sie sich für die Backstorys der Protagonisten interessiert. Ein gelungener Nebentrieb zum filmischen Bayernboom, den besonders Marcus H. Rosenmüller kultiviert.