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Die Box




7. September 2011
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Tournee (Mathieu Amalric)
Tournee (Mathieu Amalric)
Tournee (Mathieu Amalric)
Bildmaterial © Farbfilm Verleih
Tournee (Mathieu Amalric)
Tournee (Mathieu Amalric)
Tournee (Mathieu Amalric)


Tournee
(Mathieu Amalric)

Originaltitel: Tournée, Frankreich 2010, Buch: Mathieu Amalric, Philippe Di Folco, Marcelo Novais Teles, Raphaelle Valbrune, Kamera: Christophe Beaucarne, Schnitt: Annette Dutertre, mit Miranda Colclasure (Mimi Le Meaux), Suzanne Ramsey (Kitten on the Keys), Linda Marraccini (Dirty Martini), Julie Ann Muz (Julie Atlas Muz), Angela de Lorenzo (Evie Lovelle), Alexander Craven (Roky Roulette), Mathieu Amalric (Joachim Zand), Damien Odoul (François), Ulysse Klotz (Ulysse), Simon Roth (Baptiste), Joseph Roth (Balthasar), Aurélia Petit (Frau an der Tankstelle), Pierre Grimblat (Chapuis), Anne Benoit (Supermarktkassiererin), Jean-Toussaint Bernard (Rezepzionist Hotel), Julie Ferrier (Julie Ferrier), Florence Ben Sadoun (Frau im Krankenhaus), 111 Min., Kinostart: 8. September 2011

Schauspieler ist er seit mehr als einem Vierteljahrhundert, doch u.a. weil das Werk des Ausnahmeregisseurs Arnaud Desplechin (vier Zusammenarbeiten von 1992 bis 2008) in Deutschland quasi unbekannt ist, hat man Mathieu Amalric hierzulande trotz Olivier Assayas’ Fin août, début septembre (1998) oder Spielbergs Munich (2005) wohl erst mit Julian Schnabels Le scaphandre et le papillon (2007) breitenwirksam wahrgenommen - und wunderte sich wahrscheinlich, dass dieser »Unbekannte« schon im Folgejahr in Quantum of Solace den Bond-Bösewicht spielen durfte.

Wenn jetzt in deutschen Kinos Tournée gezeigt wird, für den Amalric 2010 in Cannes den Regiepreis gewann, geht wahrscheinlich so mancher davon aus, dass es sich um sein Regiedebüt handle - doch mitnichten, bereits zwei weitere Kinofilme inszenierte Amalric zuvor, von Fernseharbeiten und diversen Kurzfilmen ganz zu schweigen.

Tournée erzählt in semidokumentarischer Weise von einer Frankreich-Tournee (mit Beginn wie in Absprache mit einem anderen Kinostart dieser Woche in Le Havre), die ein zurückgekehrter Impressario namens Joachim Zand (Amalric) gemeinsam mit Stars des US-amerikanischen New Burlesque (spielen sich allesamt selbst) unternimmt. Hierbei sieht man die Showauftritte der größtenteils weiblichen Persönlichkeiten, erlebt sie aber auch beim (natürlich nicht dokumentarischen) Tingeln von Hotel zu Hotel, und während ihr Tourmanager Joachim sich um den abgesagten Paris-Auftritt kümmert, nebenbei alte Freunde und Feinde trifft, seine quirligen Mädels teilweise tagelang nur über einen komplett überforderten Assistenten zu leiten führt, lernt man die einzelnen Personen so peu à peu langsam kennen. Vor allem natürlich Joachim, der sich dann auch noch um seine zwei Söhne kümmern muss, und dem seine Künstlerinnen zwischen Mitleid und Konfrontation gegenüber stehen.

Der große Widerspruch zwischen den selbstbestimmten Künstlerinnen und dem etwas großkotzigen Impressario (women for women - »the man« doesn’t control) wird hierbei gar nicht in den Vordergrund gestellt, der Film erzählt wie nebenbei seine anekdotenhaften Geschichten, auch von anderen Frauen und Showstars, und puzzleartig setzt sich dabei ein einzigartiger Gesamteindruck zusammen, für den Amalric wahrscheinlich eher als für seine wohl eher locker-verspielte Inszenierung ausgezeichnet wurde.

Der Film hat viele Aha-Momente, neben einigen der Auftritten (die Ballon-Nummer oder die mit der abgetrennten Hand!) etwa die Hotelketten-Angestellten, die Sache mit der Stewardess, Joachims Begeisterung für Portionspäckchen, die Infiltration einer japanischen Hochzeitsfeier oder einige Kinder, die »wilden Tieren« in einer Toilettenkabine lauschen, doch als Schlussfazit gilt leider auch ein Fazit aus dem Film: »I would love to show you more of this country.« – »I know, we only saw the edge of it.« Man weiß am Ende nicht genau, ob man noch zwei Stunden tiefer in die Materie eingetaucht wäre oder der schnelle Überblick schon gereicht hat. Gerade, wenn man ein Gefühl für einige der Figuren bekommt, ist die Tour bereits vorbei - doch das ist wahrscheinlich auch besser so, man will ja gar nicht wissen, wie sich die Rolling Stones o. ä. nach Dreivierteljahres-Welttour gegenseitig auf die Nerven gehen - diesem Eindruck entgeht der Film behenden Schrittes.