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Die Box




22. Dezember 2010
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Vergissmichnicht (R: Yann Samuell)
Vergissmichnicht (R: Yann Samuell)
Bildmaterial 2010 Schwarz Weiss Filmverleih
Vergissmichnicht (R: Yann Samuell)
Vergissmichnicht (R: Yann Samuell)
Vergissmichnicht (R: Yann Samuell)


Vergissmichnicht
(R: Yann Samuell)

Originaltitel: L'âge de raison, Frankreich / Belgien 2010, Buch: Yann Samuell, Kamera: Antoine Roch, Schnitt: Andrea Sedlácková, Musik: Cyrille Aufort, mit Sophie Marceau (Marguerite / Margaret Flore), Marton Csokas (Malcolm), Michel Duchaussoy (Maitre Mérignac), Jonathan Zaccaï (Philibert Bakary), Emmanuelle Grönvold (De Lorca), Juliette Chappey (Marguerite als Kind), Thierry Hancisse (Mathieu), Déborah Marique (Marguerites Mama), Roméo Lebeaut (Philibert als Kind), Jarod Legrand (Mathieu als Kind), Alexis Michalik (Margarets Assistent), Raphaël Devedjian (Simon), Emmanuel LeMire (Marguerites Papa), 97 Min., Kinostart: 23. Dezember 2010

Mit seinem Debüt Jeux d'enfants machte Regisseur Yann Samuell 2003 auf sich aufmerksam. Ein Film, der ein paar Schwachstellen hatte, aber durchweg gut unterhielt. Sowohl er als auch seine damalige Hauptdarstellerin Marion Cotillard schafften dadurch den Sprung nach Hollywood.

Während die Cotillard dort unter anderem einen Oscar gewann und Frauen an den Seiten von Russell Crowe, Johnny Depp oder Leonardo DiCaprio spielte, kehrte Samuell nach der gefloppten Quasi-RomCom My Sassy Girl wieder nach Frankreich zurück - ist aber jetzt bereits schon wieder in der Post-Production eines in England gedrehten Films.

Das Problem von L'âge de raison ist, dass er zwar thematisch nahe dran ist an Jeux d'enfants, der Regisseur aber diesmal komplett den Bezug dazu verloren hat, was das Wechselspiel zwischen einer quirlig erzählten Geschichte und einer interessanten Filmfigur angeht. Schon Jeux d'enfants war klar von Jean-Pierre Jeunets Le fabuleux destin d'Amélie Poulain (und dem Erfolg des Films) beeinflusst und drehte das farbenfroh freche Spielchen zwischen den Geschlechtern einfach eine Schraubenwindung weiter - was ja auch noch funktionierte - insbesondere auch erfolgstechnisch. Doch Amélie gehört zu den Filmen, die das Weltkino prägten - aber nicht unbedingt nur auf positive Weise. Es gibt heutzutage viele ähnlich erzählte Filme - aber längst nicht alle funktionieren. Cédric Klapischs L'auberge espagnole fuhr bereits ziemlich über den Bordstein, L'âge de raison wurde hingegen komplett in den Graben gesetzt (Rémi Bezançons Le premier jour du reste de ta vie war eines der wenigen positiven Beispiele für Post-Amélie-Filme, die vor lauter inszenatorischem Firlefanz nicht komplett vom Weg abkamen, sondern Form und Inhalt auch verbinden konnten).

L'âge de raison erzählt mal wieder eine Beziehungsgeschichte, die bereits in der Kindheit beginnt (Jaco van Dormael hat etwas glücklicher ähnliche Pfade beschritten), sich aber eigentlich vor allem um seine von Sophie Marceau gespielte Hauptfigur dreht. Diese erfolgreiche Karrierefrau kann sich durchsetzen - weil sie sich auf die Stärken vieler berühmter Frauen besinnt (z. B. Maria Callas, Madame Curie, Virginia Woolf, Elizabeth Taylor oder Coco Chanel - immer ganz nach der Situation). Doch dann erhält sie Post. Mehrfach. Briefe, die sie sich als Siebenjährige selbst an ihr zukünftiges Ich schrieb. Mit 7 kommt man in das »Alter der Vernunft« (in Frankreich ein bekannter Begriff, hierzulande ein Grund, den Filmtitel zu ändern), und mit 40 kommt man in das »blödeste Alter der Welt«, was die erstaunlich neunmalkluge Marguerite (heutzutage nennt sie sich Margaret) schon damals erkannte.

So weit hört sich das ja noch ganz interessant an, doch ab diesem Punkt hat der Film eigentlich nichts interessantes mehr zu erzählen. Der Konflikt zwischen der sterilen Karrierewelt und dem bunten Glitzer der Kindheit löst sich komplett überraschungsfrei auf. Margaret trifft Männer wieder, die sie nur als Jungen kannte, im Grunde genommen ist das ganze die erzreaktionäre französische Version von 13 going on 30, und es fällt mir nicht leicht, an dieser Stelle anzumerken, dass Jennifer Garner (aus meiner Sicht ein halbgarer Julia-Roberts-Aufguß) in dieser glatten Hollywood-Komödie mehr zu sagen hatte und eher zur Identifikation einlud als Sophie Marceau, die hier zum dreiundzwanzigsten Mal eine Figurenentwicklung durchleben muss, die schon bei Tom Cruise in Rain Man langweilig war. Und als ob das Ganze nicht schon unerträglich genug wäre, demonstriert Yann Samuell mit seinem Filmende, dass der Film als Ausgeburt eines unendlich blöden Gutmenschentums (statt mit Atomenergie reich zu werden, packt Marguerite jetzt in Entwicklungsländern mit an) selbst einem siebenjährigen Mädchen unvorstellbar naiv vorkommen muss.

Einer der ärgerlichsten Filme des Kinojahrs.