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Die Box




28. April 2010
Thomas Vorwerk
für satt.org


Uwe-Boll-Double-Feature
RAMPAGE & DARFUR

Ein Uwe-Boll-Double-Feature. Die Pressevorführung des Verleihs “Boll Kino Beteiligungs GmbH & Co. KG” macht es möglich. Drei Tage vorm Start in den UCI-Kinowelt-Kinos (und seltsamerweise nur dort) zeigte man der Berliner Presse zwei neue Werke des Vielfilmers, und er stellte sich dabei auch auf unbürokratische Weise Interviews zur Verfügung. Doch beginnen wir am Anfang.

7 Uhr 45. Da ich am Vortag früh zu Bett gegangen war, brauchte ich meinen Wecker nicht zu stellen (das mache ich ohnehin nur selten), und ich drehte mich nochmal um mit dem Mainzelmännchen-Spruch “Nur ein Viertelstündchen”. Kurz darauf klingelte das Festnetztelefon, ich hatte aber keine Lust. Als unimttelbar darauf auch noch das Handy klingelte, dachte ich mir, es könne ja wichtig sein und half meiner Mutter auf der Suche nach etwas, was ich weggelegt hatte und was sie nun suchte. Ich schaute auf die Uhr, etwas nach zehn Uhr. Verdammt, wie hatte das geschehen können? Naja, ab unter die Dusche blabla, auch noch Pech mit der BVG, und ich komme ca. zehn Minuten zu spät beim Kino an. Eigentlich Grund genug, den Film nicht mehr zu sehen, aber man sagte mir, dass die Vorführung gerade begonnen hatte, und als mir noch sicherheitsmäßige Leute entgegenkamen, sagte ich “Moin!”, wie es sich gehörte, was zumindest einer der mir entgegenkommenden auch wiederholte, und aus irgendwelchen Gründen realisierte ich, dass das gerade Uwe Boll gewesen war. Nach dem ersten Film klärten mich Kritikerkollegen darüber auf, dass er vor dem Film auf spezielle dramaturgische Eigenschaften des Films (Rampage) hingewiesen hatte, und dabei ziemlich arg gegen alle Gesetze des gesunden Menschenverstands, was den Umgang mit Spoilern angeht, verstoßen hatte. Im Nachhinein erwies sich mein Zuspätkommen also fast noch als Gnade, denn in den knapp über zwei Minuten, die ich verpasst hatte, war nicht viel passiert und ich war nun wahrscheinlich der einzige im Kinosaal, der nicht schon genau wusste, wie sich der Film entwickeln würde. Und da meine im schnellen Vorbeigehen mitgenommenen Schreibwerkzeuge sich allesamt als unzuverlässig erwiesen, konnte ich mich ganz auf den Film konzentrieren, Mitschreiben war diesmal nicht.

  Rampage (Uwe Boll)
Rampage (Uwe Boll)
Kanada / Deutschland 2008, Buch: Uwe Boll, Kamera: Mathias Neumann, Schnitt: Thomas Sabinsky, Musik: Jessica de Rooij, mit Brendan Fletcher (Billy Williamson), Shaun Sipos (Evan), Lynda Boyd (Bill's Mom), Matt Frewer (Bill’s Dad), Michael Paré (Sheriff Melvoy), Pale Christian Thomas (Gelato Server), Robert Clarke (Evan's Dad), Malcolm Stewart (Bank Manager), Katey Grace (Bank Teller), 85 Min., Kinostart: 29. April 2010
Rampage (Uwe Boll)
Rampage (Uwe Boll)

Billy Williamson (Brendan Fletcher) stählt sich durch körperliches Training. Dazu hören wir zusammengeschnittene Radionachrichten, die unter anderem Terroranschläge und die Weltwirtschaftskrise beschwören. Zusammengeschnitten sind die Nachrichten, um einen längeren Zeitraum des Trainings anzudeuten und bei den Nachrichteninhalten kurz und prägnant auf die wichtigen Aussagen zu kommen. Das macht filmsprachlich einen gewissen Sinn, überzeugte mich aber nicht wirklich. Dann sehen wir Billy bei einem Frühstücksgespräch mit seinen Eltern (Lynda Boyd, Matt Frewer), wobei eine ziemlich lange Einstellung klar offenbart, dass einiges improvisiert ist, und die Regie eher auf schnelles Abdrehen als auf Details und Nuancen im Spiel konzentriert war. Die Art und Weise, wie sich Billy Orangensaft in den Schoß kippt (nicht wirklich im Bild), und seine eher unbeholfene Reaktion darauf, das gab mir schon nach wenigen Minuten in meinem allerersten Boll-Film einen gewissen Überblick über die “Arbeitsweise” des Regisseurs.

Rein filmsprachlich wird Rampage schon seit Beginn (die Kollegen klärten mich nachträglich über das Verpasste auf) durch kurze Flash Forwards auf den weiteren Verlauf der sich in etwa anderthalb Tagen abspielenden Haupthandlung gekennzeichnet. Außerdem durch Aufnahmen, in denen Billy in eine Kamera spricht. Diese zwei Visualisierungen werden u. a. auch dazu benutzt, um Billys Gedankengänge für den Zuschauer verständlich zu machen (siehe auch Darfur), seine Reaktion auf den allgegenwärtigen Nachrichtenstrom (im Auto läuft natürlich auch “konzentriertes” Radio) und die Planung seines Amoklaufs.

Doch zunächst versucht Billy, einen Latte Macchiato zu trinken, wobei er sich mit dem Betreiber eines kleinen Cafés darüber streitet, wie so einer auszusehen und zu schmecken hat (der Film übt sich hier in Ambivalenz, weil man das Getränk kaum sieht, und somit nicht weiß, ob die Kritik angebracht ist oder überzogen). Dass Billy am nächsten Tag zu diesem Ort zurückkehren wird, ist schnell sonnenklar.

Dann trifft er seinen Freund Evan (Shaun Sipos), der ihm einiges an mysteriösen Kartons mitgebracht hat, die wohl u. a. von dessen Vater “geliehen” sind (ich gebe zu, ich hätte an dieser Stelle besser aufpassen können). Gemeinsam geht man in einen Schnellimbiss, wobei sich Evan über die Ladenkette echauffiert und eine Kellnerin ziemlich unmotiviert (insbesondere auch, was die Inszenierung angeht) erneut “unabsichtlich” ein Getränk über Billys Schoß leert, worüber sich sein Freund aber weitaus stärker aufregt, während Billy die zu eskalieren drohende Situation zu schlichten versucht und er sich insbesondere gegenüber der Kellnerin sehr kulant zeigt.

Relativ unspektakulär geht der Film so weiter und später erfahre ich, dass Uwe Boll dies als “Arthaus”-Kino umschreibt. Alltagsbeschreibung à la Gus Van Sant mit Wackelkamera à la Dogma 95. Nur leider ohne stilistische Prägnanz oder den Versuch einer Charakterisierung, wie sie bei den Vorbildern vorhanden sind.

Stattdessen blökt Herr Boll schon während der vergangenen Szenen live und während des Films ins Kino, dass man an der “aspect ratio” (nicht seine, sondern meine Wortwahl) noch etwas einstellen müsse, und zwar, während man den Film weiterlaufen lasse. Somit sah man also während des Films ein Bedienerfenster, in dem man die Bemühungen eines Vorführers (womöglich half ihm der “Doktor” auch) betrachten konnte, den Film so zu zeigen, wie er gezeigt werden sollte. Dies führt bei Pressevorführungen normalerweise zu großer Entrüstung und teilweisem Verlassen der Veranstaltung, doch hier war das filmentstellende Vorgehen ja offensichtlich vom Regisseur sanktioniert, und somit machte man sich wohl auch keine Gedanken darüber, inwiefern der Film dadurch leiden könne.

Naja, die journalistischen Zuschauer selbst mussten ja auch einiges erleiden, vielleicht also nur konsequent.

Das Besondere an Rampage ist laut Uwe Boll die Stelle, wenn der Film vom Arthaus (von mir gewählter Vergleichsfilm: Elephant) plötzlich unerwartet in einen “Schocker” umschlägt (von mir gewählter Vergleichsfilm: Elephant). So was gab es natürlich noch nie. Boll ist auch stolz darauf, dass er seinen Billy nicht bei Videospielen oder dergleichem zeigt (“das wurde schon so oft diskutiert”), und er auch kein Schulmassaker inszeniert (als später jedoch ein Jornalist das komplette Fehlen von Kindern beim Amoklauf seltsam findet, tut Boll so, als wenn er dieses Nachhaken gar nicht versteht und verweist auf andere Filme in seinem Werk, in denen man auch Kinder tötet. Rampage ist eben etwas komplett neues, innovatives Avantgardkino (meine - übrigens ironisch-zynische - Wortwahl).

Der Amoklauf zeichnet sich größtenteils durch die selben verwackelten Bilder aus, man kann als Zuschauer darüber sinnieren, ob die Einstellungen, bei denen die Kamera auf den Rücken des Protagonisten gerichtet sind, auf die Dardenne-Brüder verweisen oder doch eher auf einen Ego-Shooter, doch vor allem fällt immer wieder der Widerspruch auf zwischen dem, was man zeigen wollte, dem, was das Budget hergab, und dem, was Herrn Boll inszenatorisch möglich war. Nach dem Film ließ ich mich zum Beispiel darüber aufklären, wie es dazu kam, dass der (Anti-?)Held einer Explosion “davonfahren” konnte, und der Regisseur erklärte mir (und allen anderen, die es auch nicht verstanden hatten), dass es sich um zwei kurz aufeinander stattfindende Explosionen handelt, und das Timing durchaus “sehr knapp” ist. (Ob man im Polizeirevier große Sprengstoffmengen lagert oder wie es sonst zur zweiten Explosion kam, weiß ich immer noch nicht.) Auch bei der zweiten Explosion des Films sollte man lieber nicht nach physikalischer Genauigkeit fragen. Meine Interpretation, die Herr Boll sicher teilen würde: Wenn man viel Geld für einen Stunt oder eine Explosion ausgibt, muss das Auto in der nächsten Einstellung auch noch zu sehen sein und nicht irgendwo fünf Meter weiter im Straßengraben liegen.

Ich will im Gegensatz zu Herrn Boll nicht bereits das Ende verraten, aber nur soviel: Rampage hat trotz holpriger Inszenierung einige extrem gute Ideen, ist aber in seiner Aussage und Ausführung mehr als fragwürdig. Ungeachtet der nicht durchgehend positiven Darstellung Billys und der teilweisen Hinterfragung seiner Bluttaten fällt mir auf Anhieb kein Film ein, der auch nur annähernd so stark zur Nachahmung, zum eigenen Massaker, einlädt wie Rampage. Und das ist unter keinen Umständen etwas, was die doch eher zu vernachlässigende “Aussage” des Films rechtfertigt. Nach den durch die FSK erwünschten Schnitten wird der Film noch abstruser sein, vielleicht sogar weniger gewaltverherrlichend, aber sicher nicht besser. Und da man ihn in den UCI-Kinos auch sicher nur synchronisert sehen wird (und ich will gar nicht wissen, wie das den Film noch weiter entstellt), am besten auf ein komplettlange DVD-Fassung warten, wenn man dem Film gerecht werden will (und nichts besseres zu tun hat).

Während der Nachspann lief, kam Herr Boll bereits mit einem Mikro ins Kino, man drehte den Ton herunter und schaltete das Licht an. Er wollte Zeit sparen (deshalb wahrscheinlich auch die ansonsten eher unmotivierten Jump-Cuts in Rampage), und als nicht sofort einer der Journalisten eine Frage stellte, erzählte er erstmal von den Dreharbeiten. Bei einer zweiten Bitte um Fragen half ich dann, das Eis zu brechen: “Haben sie generell keinen Respekt vor dem Medium Film oder bezieht sich das nur auf ihre eigenen Filme?”

Wie ich ja schon vorwegnahm, ging es ihm ums Zeitmanagement (“Abspänne hat man ja schon genügend gesehen.”) und die Bedieneroberfläche während des Films sei sein Kommentar zu Avatar. (Ziemlich hilflose Ironie, aber man muss attestieren, dass Boll schon genügend freche Journalisten getroffen hat, um sich nicht mehr so leicht ins Bockshorn jagen zu lassen.)

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Es gab dann eine kleine “Kaffeepause”, nach der er sich bemühte, pünktlich zu beginnen, denn, wie er mir mit einem Schulterklopfen versicherte, habe er ja Respekt vor Filmen. Dass er auch beim zweiten Film Darfur den Nachspann entstellte, überraschte und entzürnte dann niemanden mehr.

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  Darfur (Uwe Boll)
Darfur (Uwe Boll)
USA 2009, Buch: Uwe Boll, Chris Roland, Kamera: Mathias Neumann, Schnitt: Thomas Sabinsky, Musik: Jessica de Rooij, Production Design: Sylvain Gingras, mit Billy Zane (Bob Smith), David O'Hara (Freddie Smith), Hakeem Kae-Kazim (Cpt. Jack Tobamke), Kristanna Loken (Malin Lausberg), Matt Frewer (Ted Duncan), Noah Danby (Theo), Edward Furlong (Adrian Archer), Sammy Sheik (The Commander), Maggie Benedict (Halima), Az Abrahams (Sadiq), Yolani Mashologu (Halima’s baby), Anthony Oseyemi (AU Soldier), Maboni Nyakta (Abok), Charly Mukwayanzo (Army Officer), Ezra Mabengeza, Anelisa Phewa, Harrison Makubalo, Rea Rangkaka, Denzil Thompson, Nikosinathi Mgweba, Martin Kintu, Owen Manamela (Janjaweed), 98 Min., Kinostart: 29. April 2010
Darfur (Uwe Boll)
Darfur (Uwe Boll)

Vor Darfur kam ich auch in den Genuss der Einführung durch den Regisseur, wobei Herr Boll gekonnt das Pressematerial ersetzte und beispielsweise erwähnte, welcher seiner Darsteller schon in Charlie Wilson’s War mitspielte, dass Co-Autor Chris Roland schon Hotel Rwanda produziert hatte, und dass Darfur vom “Chef” von Amnesty International zum “besten Film über Afrika” erklärt wurde. Laut uns Uwe sagte der Amnesty-Mensch auch, dass Darfur “besser wie Blutdiamant” sei. Nur schade, dass Edward Zwicks Blood Diamond nun auch wirklich ein ärgerliches Stück Zelluloid war, und dieser Vergleich nun nicht eben eine Auszeichnung darstellt.

Noch stärker als bei Rampage kann man Darfur aber attestieren, dass der Film einige gute Ideen im Kern hat. Wie Herr Boll erklärte, war sein dezidiertes Ziel, dass der zuschauer sich fragen solle, wie er in einer entsprechenden Situation reagieren würde, und dieses Klassenziel wurde mit Bravour gemeistert. Ähnlich wie beim Auftritt von Michael Paré in Rampage ist auch in Darfur der von Matt Frewer gespielte Ted Duncan eine ganz den Klischees entsprechende Figur, bei der man schon früh die narrative Entwicklung vorausahnt. Doch, auch dies kann man Uwe Boll anerkennend zurechnen: Er weiß, wie man die Erwartungen von Vielsehern untergräbt.

Bisher bin ich aber auch kein Uwe-Boll-Vielseher (die Wahrscheinlichkeit erscheint auch eher gering), und einige der unerwarteten Entwicklungen des Films waren leider auch unerwartet bescheuert.

Nachdem eine Gruppe von Journalisten ein bereits zu Knochen zersetztes Massengrab in der Wüste sah, besucht man ein Dorf in Darfur / Sudan, in dem man schnell erfährt, dass die blutrünstigen muslimischen Junjaweed bereits sämtliche Dörfer im Umkreis den Erdboden gleich gemacht haben, und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sie ihre “ethnische Säuberung” auch diesem Dorf angedeihen lassen. Die Dorfbewohner wissen zwar um ihre Hilflosigkeit, wollen aber auch ihre Heimat (das Dorf wurde schon mehrfach neu erbaut) nicht verlassen. In erstaunlich schnell zum Ziel führenden Interviews erfahren wir als Zuschauer viel über Vergewaltigungen und verschleppte Kinder, wobei es mir persönlich ein wenig sauer aufstieß, dass auch jene Afrikaner, die fast perfektes Englisch sprachen, mit einer Ausnahme komplett untertitelt wurden, was für mich ein wenig die deplazierte Aussage implizierte, dass man die von den Junjaweed als “schwarze Affen” bezeichneten Wesen nicht ohne die Hilfe der Untertitel verstehen könnte (ein wenig wie im “Reality-TV” gern - auch mit abschätzigem Tonfall - Personen, die Dialekt sprechen, sozial depraviert wirken oder Migrationshintergrund aufweisen, untertitelt werden). Aber das sind nur die immer wieder auftauchenden Kleinigkeiten, die trotz aller guter Absichten halt einen Uwe-Boll-Film charakterisieren.

Schließlich fährt man weiter des Weges, bis man am Horizont eine offenbar schnell als Junjaweed zu identifizierende Staubwolke entdeckt, die in einer halben Stunde beim Dorf ankommen würde. Die die Journalisten begleitenden Soldaten haben zwar nicht das Recht oder den Auftrag, einzugreifen, aber man entscheidet sich, nur zur Beobachtung zurück zum Dorf zu fahren, um durch die Präsenz das bevorstehende Massaker vielleicht abwenden zu können. An dieser Stelle äußern bereits einige der Journalisten, dass sie darauf lieber verzichten würden, denn es besteht schon eine gewisse Gefahr bei diesem Unterfangen. Der Anführer der Junjaweed gibt den Journalisten ein klares Ultimatum, und auch der Versuch, wenigstens eines der Babys zu retten, wird vereitelt. Dann fahren die Journalisten wieder davon, und ich hätte den Film damit enden lassen, dass man zwei Tage später nochmal das Dorf besucht hätte und die Funde dort ähnlich wie in der Wüste gewesen wären. Uwe Boll hingegen will keine Ellipsen, er will “zeigen”, und so sieht man das Massaker (in teilweise so holprig verwackelten Bildern, dass man fast annehmen könnte, ein Zeitzeuge mit Handy hätte besseres Material geliefert) inklusive ca. vier Vergewaltigungen (erstaunlich harmlos inszeniert - aber dafür laut Herrn Boll mit Afrikanerinnen als Opfer, die schon “tatsächlich vergewaltigt” wurden - auch wenn sich mir der Sinn dieses Unterfangens nicht erschließt), einer mit aufwendigem Spezialeffekt inszenierten Beinamputation und jeder Menge Blutvergießen. Dazu gibt es eine Parallelmontage mit den davonfahrenden Journalisten, die jeweils in Close-Up schweigend dasitzen, und eine “Nachdenkmusik” unterlegt bekommen, damit auch noch der begriffsstutzigste Zuschauer versteht, dass sie sozusagen “im Geiste dabei sind”. So weit, so gut. Doch nun will einer der Journalisten (der, der das zu rettende Baby in die Hände gedrückt bekam) zurück, um irgendetwas zu unternehmen. Er will eine Waffe, und als er keine bekommt, nimmt er sich die (nicht versicherte!) Kamera seines Kollegen als “Waffe” und macht sich zunächst allein auf zurück ins Dorf.

Und an dieser Stelle wirkt es sich verheerend auf den Film aus, dass Uwe Boll allen Ernstes glaubt, dass es in Europa niemanden gibt, der “so wie er Action inszeniert” (und er meint das wohl im Sinne von “so gut wie er”). Und nach dem folgenden dramaturgischen Blödsinn mit Klischee-Auflösung kann man nicht mehr allen Ernstes sagen, dass Darfur der “beste Afrika-Film” sei. Es ist ein Film, der sich traut, die Zustände ungeschönt anzuprangern, trotz der Auftritte von Kristanna Loken als allzu blonder Engel (in den sich der Kameramann zwischendurch verliebt zu haben scheint), der schließlich die Hilflosigkeit der Darstellerin und der Figur mit dem wiederholten “Hello?” kongenial kombiniert, versucht Darfur einiges. Und einiges wird auch erreicht. Darfur ist ein Film, der wachrüttelt, der zum Nachdenken inspiriert. Aber ein guter Film? Nicht ansatzweise. Der Film endet mit einer Schrifttafel: “That we have not stopped the genocide means we have not learned from history.” Da fragt man sich zunächst mal, was das “wir” eigentlich beinhaltet. Soll ich persönlich mir jedesmal, wenn ich von solchen Völkermorden höre, wie “Freddy” eine Wumme schnappen, in den nächsten Flieger springen und irgendwelche Bösewichte ausknipsen? (Die in der realen Welt im Gegensatz zu Bolls Darfur-Film übrigens nicht immer anhand von Vollbart und Turban zu erkennen sind.) Ich bin doch nur ein kleiner Filmkritiker, und noch dazu Pazifist. Ich weiß schon, mit dem “wir” meint er “uns”, die (westliche) Welt. Doch auch ein US-Präsident kann sich nicht einfach die Wumme schnappen und losfliegen. Und vor allem müsste der dann erstmal Bolls Darfur sehen, und wie wahrscheinlich ist das denn? Ich bin ja dafür, dass Uwe Boll uns wachrüttelt, aber mit meinem eingeschränkten Weltbild würde ich mich auch freuen, wenn Herr Boll ein wenig aus der Filmgeschichte lernen würde. Man kann halt nicht jede politische Aussage (ob hanebüchen wie in Rampage oder bis auf die leicht rassistische Schwarz-Weiß-Zeichnung durchaus begrüßenswert wie in Darfur) in das Gewand eines Action-Reißers kleiden. Bevor Uwe Boll die Welt verbessert, sollte er erstmal seine Filme verbessern. Und dann nimmt ihn vielleicht auch die community wahr, lädt ihn zu A-Festivals ein oder nominiert ihn zu Filmpreisen. Das Potential ist da, nur die Selbsteinschätzung überschattet es.