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Die Box




Oktober 2005
Thomas Vorwerk
für satt.org

Stolz und Vorurteil
Pride & Prejudice

UK 2005

Filmplakat

Regie:
Joe Wright

Buch:
Deborah Moggach

Lit. Vorlage:
Jane Austen

Kamera:
Roman Osin

Schnitt:
Paul Tothill

Musik:
Dario Marianelli

Casting:
Jina Jay

Production Design:
Sarah Greenwood

Art Direction:
Nick Gottschalk, Mark Swain

Darsteller:
Keira Knightley (Elizabeth Bennet), Matthew MacFadyen (Mr. Darcy), Brenda Blethyn (Mrs. Bennet), Donald Sutherland (Mr. Bennet), Talulah Riley (Mary Bennet), Rosamund Pike (Jane Bennet), Jena Malone (Lydia Bennet), Carey Mulligan (Kitty Bennet), Simon Woods (Mr. Bingley), Kelly Reilly (Caroline Bingley), Tom Hollander (Mr. Collins), Rupert Friend (Mr. Wickham), Judi Dench (Lady Catherine de Bourg), Claudie Blakley (Charlotte Lucas), Tamzin Merchant (Georgiana Darcy), Sylvester Morand (Sir William Lucas), Pip Torrens (Netherfield Butler)

127 Min.

Kinostart:
20. Oktober 2005

Stolz und Vorurteil
Pride & Prejudice

Gerade unter weiblichen Anglistikstudentinnen (und davon kenne ich vielleicht zu viele) gibt es eine verstärkte Colin Firth-Front, die in der BBC-Serie von 1995 die ultimative Verfilmung von Jane Austens Pride & Prejudice sieht - ein erneuter Versuch einer Verfilmung wird etwa in der selben Weise verpönt wie bei Filmwissenschaftlern die bloße Idee eines Remakes von Citizen Kane oder einer Neuverfilmung von Casablanca mit Ben Affleck als Rick. Jene Anglistikstudentinnen, die es zumindest auf sich nehmen (und nicht grundheraus ablehnen), sich Joe Wrights neue Version von Pride & Prejudice (im weiteren als P&P abgekürzt) anzuschauen, konzentrieren die Kritik wenig überraschend (und natürlich streng wissenschaftlich) auf den neuen, unbekannten Darsteller des Mr. Darcy, Matthew MacFadyen - er ist nicht so arrogant, nicht so empfindsam, nicht so sophisticated - kurzum, er ist eben nicht Colin Firth, und eigentlich schon deshalb indiskutabel. Wer trotz fünf Stunden BBC-P&P und zwei Bridget Jones-Filmen bei der Erwähnung des Namens "Mr. Darcy" nicht automatisch ein Bild von Colin Firth vor den leicht glänzenden Augen hat (bevorzugt in der berühmt-berüchtigten wet shirt scene), nur der (oder insbesondere die) hat die Chance, in Joe Wrights Film eine durchweg überzeugende, clevere und visuell einfallsreiche Verfilmung von P&P zu entdecken.

Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene

Nun haben es sich die Filmemacher mit der weiblichen Hauptdarstellerin auch nicht eben leicht gemacht. Keira Knightley, nach Bend it like Beckham, Pirates of the Caribbean und King Arthur zum vermeintlichen Superstar aufgestiegen, kann mit ihrer mageren Filmographie diesen Status nicht annähernd rechtfertigen, und nach ein paar Flops wie King Arthur könnte sie als einer von vielen Winona Ryder-Klons sehr schnell wieder in Vergessenheit geraten. In Pride & Prejudice ist sie ganz die Jane Austen-Heldin: gutaussehend, intelligent, ein bißchen frech und jederzeit Herrin der Lage - doch allzu viel Gutmenschentum, hier gepaart mit einem immer wieder aufblitzenden perfekten Lächeln, kann auch auf den Magen schlagen. Doch selbst diesen überzeugendsten Kritikpunkt an der neuen P&P-Version kann ich nur solange gelten lassen, bis man als Zuschauer durchdringt, daß dies auch ein geschickt eingesetztes Stilmittel ist, denn in der zweiten Hälfte des Films vergeht Miss Bennet nicht nur das Lächeln, ganz subtil und eher unterbewusst verändert der Film auch seinen zuvor eher außenstehenden Standpunkt.

So wie Regisseur Wright (zuvor nur für einige TV-Miniserien verantwortlich) in der ersten Hälfte des Films neben den unvermeidbaren Landschaftsaufnahmen erstmals das Augenmerk auf den hier erstmals wahrnehmbaren Standesunterschied konzentriert und in langen Kameraeinstellungen etwa das längst nicht perfekte Heim der Bennets vorstellt, in dem auch mal ein feistes Hausschwein durch den Flur traben kann, erscheint die zweite Hälfte des Films teilweise traumhaft-illusorisch - durchaus eine Entsprechung der romantischen Innenwelt der Liz Bennet, bei der auch die Sexualität ihre Entsprechung findet, wenn Miss Bennet beim Besuch des Landhauses von Mr. Bennet dessen luxoriöse Sammlung von Marmorstatuen bestaunt, die größtenteils aus nackten Leibern besteht. Immer wieder findet man in diesem Film solche Momente, die den Subtext des Romans subtil unterstützen - neben den erwähnten (Quasi-)Traumsequenzen etwa bei jener Ballszene, bei der Miss Bennet und Mr. Darcy erstmals miteinander tanzen - und auch der filmische Apparat die Welt um sie vergisst: Die anderen Ballbesucher werden wie ihre Tonspur schlichtweg ausgeblendet. Für solche Einfälle ist man dem Film ebenso dankbar wie für die verstärkte Bemühung, Mutter Bennet nicht wie eine Witzfigur darzustellen, und die vier Schwestern zur Abwechslung mal zu individualisieren, was in den wenigsten Verfilmungen, die sich nicht viel mehr Zeit als zwei Stunden nahmen, geschah - man denke nur an Bride & Prejudice, wo zwei Schwestern einfach zu einer wurden, um der Gefahr zu entgehen.

In meinen (nicht durch Colin Firth verwässerten) Augen ist Joe Wrights Film die bisher beste Ausrede, nicht den Roman zu lesen, und dennoch einen guten Einblick darüber zu bekommen, was das Wesen von Jane Austens Pride and Prejudice ausmacht. Und performances von Darstellern wie Donald Sutherland (Mr. Bennet) oder Tom Hollander (Mr. Collins) können die Romanfiguren wirklich zum Leben erwecken.