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Februar 2007
 

Cinemania 40:
Lee & Kim im Park
[Berlinale 2007, Teil II]

Die koreanischen Äquivalente von weitverbreiteten Familiennamen wie Schmidt, Meyer, Schulze, lauten Kim, Park, oder Lee, es ist also der Statistik entsprechend, daß die beiden international bekanntesten koreanischen Regisseure Kim (Ki-Duk) und Park (Chan-wook) heißen. Von Park sieht man dieses Jahr im Wettbewerb einen Film, der wie die Abwandlung eines bekannten Zitates von Gevatter Wowereit wirkt: I’m a Cyborg, but that’s OK. Doch auch in den anderen Sektionen laufen empfehlenswerte Filme aus dieser interessanten Filmnation. Man beachte auch unseren in wenigen Tagen online gehenden Berlinale-Tip 3 zu Hong Sangsoos Haebyuneui Yoein (Woman on the Beach) …



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Cinemania 40:
Lee & Kim im Park
[Berlinale 2007, Teil II]

[Rezensionen von Kathi Hetzinger und Thomas Vorwerk]

Berlinale 2007

Ad Lib Night (Lee Yoon-ki, Forum)

Originaltitel: Aju teukbyeolhan sonnim, Südkorea 2006, Buch: Lee Yoon-ki, Lit. Vorlage: Taira Azuko, Kamera: Choi Sang-ho, mit Han Hyo-joo (das Mädchen), Kim Young-min, Choi Ill-hwa, Kim Joong-ki, 99 Min.
[Rezension von Kathi Hetzinger
]

Nach dem Erfolg von This Charming Girl im Forum 2005 bringt der koreanische Regisseur Lee Yoon-ki nun seinen zweiten Spielfilm auf die Berlinale, der vermutlich auf ähnliche Art und Weise begeistern wird. Wieder in sehr ruhigen, langen Einstellungen dreht sich auch Ad Lib Night ganz um eine junge Frau, die hier in einer außergewöhnlichen Nacht dazu gezwungen wird, sich mit ihrem Leben und ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen – nachdem sie von zwei jungen Männern auf der Straße angesprochen wurde, die sie offensichtlich zu verwechseln scheinen. Oder? Mit dem ersten Satz beginnt auch das Mysterium des Films, das ihm Stringenz und Spannung verleiht, und das erst ganz am Ende zu einer Auflösung gelangt: “Ist sie das?” Die beiden Jungs suchen Myungeun, eine alte Freundin und Verwandte, die vor einigen Jahren spurlos von Zuhause verschwand und deren Vater nun im Sterben liegt. Kurzerhand wird das Mädchen, Identität hin, Identität her, engagiert, Myungeun wenigstens für eine Nacht zu mimen, um dem sterbenden Mann seinen letzten Wunsch zu erfüllen: seine Tochter noch einmal wiederzusehen. Das Mädchen willigt ein.
Bereits im Auto, auf dem Weg ins Heimatdorf, beginnt die Auseinandersetzung um Recht und Unrecht dieser Aktion. Darf man einen sterbenden Mann anlügen, auch wenn es ihm seinen größten Wunsch erfüllt? Zumindest der energische Kiyong sieht darin die einzige Möglichkeit, da sich die Suche nach Myungeun nach einem Monat wohl als hoffnungslos erwiesen hat und der Vater jeden Moment sterben kann. Andere haben mit stärkeren Skrupeln zu kämpfen, wollen es aber zumindest nicht ganz unversucht lassen. Ein moralisches Dilemma, für das der Film keine eindeutige Antwort anbietet. Das Mädchen übt auf der Fahrt jedenfalls schon mal ihre Entschuldigung an den Vater.
Im Dorf angekommen wiederholen sich dieselben fruchtlosen Diskussionen, nur diesmal im größeren Kreis, die gesamte weitere Familie redet mit. Diese Familienstreits, die sich mit zunehmendem Fortschreiten der Nacht und dementsprechendem Alkoholgenuss noch steigern, grenzen bereits an Realsatire, so offensichtlich heuchlerisch gehen die (älteren) Familienangehörigen miteinander und vor allem mit dem Tod des Bruders, Schwagers, Nachbarn um. Letztlich kommt dann alles ein wenig anders als vorhergesehen; für das stille, zurückhaltende Mädchen ist es jedoch unvermeidlich, aufs intimste mit dieser Familie, unter anderem auch mit Myungeuns früherem Freund, konfrontiert zu werden. Ob sie Myungeun ist oder nicht, in dieser Nacht lernt sie sie auf jeden Fall kennen und verstehen. Das Erlebnis bietet ihr die einmalige Gelegenheit, alte Entscheidungen nochmals zu überdenken. Für den Zuschauer bietet Ad Lib Night eine anregende Auseinandersetzung mit der Frage, was Familie bedeutet, was man von ihr erwarten kann, und was man bereit sein sollte, für sie zu opfern. Die sichtbaren kulturellen Unterschiede erweisen sich dabei letztendlich als nebensächlich – die Kernprobleme sind scheinbar überall mehr oder weniger dieselben.

Cheonhajangsa madonna
(Lee Hae-young & Lee Hae-jun,
Generation 14plus)

Int. Titel: Like a Virgin, Südkorea 2006, Buch: Lee Hae-young, Lee Hae-jun, Kamera: Cho Yong-kyu, Schnitt: Nam Na-yeong, Musik: Kim Hong-jip, mit Ryu Deok-hwan (Oh Dong-go), Baek Yoon-sik (der Trainer), Kusanagi Tsuyoshi (der Japanischlehrer), Lee Sang-ah (die Mutter), Kim Yoon-seok (der Vater), Moon Se-yoon, Kim Yong-hoon, Yoon Won-seok (die Ringer), 118 Min.
[Rezension von Kathi Hetzinger]


Oh Dong-go hat einen Traum: so sein wie Madonna. Bereits als Kind summt er Like a Virgin mit und übt, den Lippenstift korrekt aufzutragen. Um seinen Traum zu erfüllen, arbeitet er neben der High School als Lastenträger im Hafen; er spart, um sich eine Geschlechtsumwandlung leisten zu können. Doch dann braucht er das Geld, um seinen Vater – einen Ex-Boxer, der seinen Arbeitgeber tätlich angegriffen hat – aus dem Gefängnis freizukaufen. Als Dong-go schließlich erfährt, wie hoch das Preisgeld für den Gewinner eines Ssireum-Wettkampfes ist, entschließt er sich, es mal mit dieser alten koreanischen Ringkampfart zu versuchen. – Wem die Geschichte bekannt vorkommt, der erinnert sich vielleicht an den hübschen thailändischen Film Beautiful Boxer mit deutschem Kinostart im Sommer 2005. Hier wurde die wahre Geschichte eines transsexuellen thailändischen Kickboxers erzählt, der seinen Sport mit einem sehr femininen Tanz kombinierte und sogar geschminkt in den Ring stieg. Like a Virgin könnte tatsächlich als hippe, koreanische Komödien-Version dieses Films durchgehen; er büßt dabei aber dennoch nicht viel an Originalität ein.
Oh Dong-go wirkt auf den ersten Blick weder besonders feminin, noch besonders sportlich – er ist eher ein bisschen pummelig. In der Schule werden ihm regelmäßig unflätige Zettel (à la “Please fuck me in the ass”) auf den Rücken geklebt. Seine Mutter hat seinen trinkenden Vater verlassen und arbeitet nun als Animateurin in einem Vergnügungspark. Sein Bruder lässt ihn mit den Wutausbrüchen des Vaters am liebsten allein. Und sein bester Freund scheint ihn tatsächlich um seinen Traum, der ihm das Leben schließlich nicht gerade leichter macht, zu beneiden, so ziellos und unentschieden ist er selbst. Auch wenn sich Dong-gos Situation traurig bis ausweglos anhört, weiß der Film dies gut mit einer heiteren, teils karikaturistischen aber dennoch liebevollen Grundstimmung auszubalancieren: Komik und Ernsthaftigkeit, Übertreibung und Realismus halten sich die Waage.
Auch das Schema des klassischen Sportlerfilms – von den schwierigen Anfängen, über fleißiges Training (meist eine Montagesequenz, wie hier aus Stand-Bildern) bis hin zum triumphalen Sieg – nutzt Like a Virgin in diesem Sinne. Die Trainingsszenen mit Dong-gos drei Kollegen dienen dabei hauptsächlich der Komik: Sie erinnern schon leicht an Sumo-Ringer und haben alle ein besonders charakteristisches Merkmal – einer ist z.B. extrem kitzlig. Dagegen ist der vierte Ssireum-Kollege zu Beginn ein Widersacher für Dong-go – bei ihm muss er sich Respekt und Akzeptanz erst erkämpfen, und umgekehrt. Der schlussendliche Sieg, den Dong-go übrigens trotz der Maskulinität des Sports einer eher weiblichen “Eigenschaft” verdankt, erzielt nicht nur Showeffekte, die ein echtes Interesse an Ssireum wecken können, und die dramaturgische Auflösung der Spannung um Dong-gos finanzielles Schicksal und seinen Traum; gleichzeitig zeigt sich gerade an seinem Erfolg auch Dong-gos Unfähigkeit, den eigenen Vater von seinem Weg zu überzeugen bzw. das Versagen des Vaters Dong-gos ureigene Persönlichkeit anzuerkennen.
So ist insgesamt ein bunter, amüsanter Film entstanden, der ein gesellschaftlich marginalisiertes und tabuisiertes Thema aufgreift, ohne dabei jedoch auf didaktische Weise Überzeugungsarbeit leisten zu wollen; der das Thema mit Humor angeht, ohne dabei die Probleme auszublenden; der alle seine Figuren gleichzeitig für komische Zwecke nutzt und dennoch respektiert. All dies macht ihn sympathisch und rechtfertigt es durchaus, ihm das Etikett “camp” (im originalen Sinne von Susan Sontag) zu verleihen.

Huhwaehaji Anah (Leesong Hee-il, Panorama)

Int. Titel: No Regret, Südkorea 2006, Buch: Leesong Hee-il, Kamera: Yun Ji-un, Schnitt: Leesong Hee-il, Lee Jeong-min, Musik: Lee Byung-hoon, mit Lee Han (Lee Su-min), Lee Young-hoon (Song Jae-min), Jo Hyeon-cheol, Kim Dong-wook, Jeong Seung-gil, Lee Seung-won, Hwang Chun-ha, 114 Min.
[Rezension von Thomas Vorwerk]


Mit den Jahren habe ich mich ja zu einem ausgesprochenen Anhänger der Filme von Kim Ki-duk entwickelt, aber ich kann mich noch erinnern, wie mein zweiter Film von Kim, der vor vier Jahren im Wettbewerb der Berlinale gelaufene Bad Guy, mich keineswegs überzeugte.
No Regret hat mich an Bad Guy erinnert, doch diesmal wird die Geschichte irgendwie andersherum (und außerdem auch noch in der homosexuellen Version) erzählt, und aus unerfindlichen Gründen hat sie so für mich lange Zeit weitaus besser funktioniert.
Sumin verlässt das dörfliche Waisenhaus, in dem er aufwuchs, und fährt nach Seoul. Dort studiert er, arbeitet in einer Fabrik und arbeitet nebenbei noch für einen Taxidienst. Von den letzten idyllischen Tagen am See wissen wir, daß er schwul ist, dieses aber noch nicht voll ausgelebt hat. Zwischen ihm und einem seiner nächtlichen Fahrgäste knistert es gewaltig, aber auch, wenn dieser ihn unter Vorspiegelung falscher Tatsachen bis zur luxoriösen Wohnung hochbugsiert hat, geht Su-min auf die offensichtlichen Avancen nicht ein (“Gotta work”). Auch, wenn er es vielleicht im Nachhinein bereut.
Kurz darauf passiert, was sich bereits in den letzten Tagen andeutete: Su-min verliert seinen Job in der Fabrik. Relativ wahllos werden Leute entlassen, und da er erst vor kurzem dazugekommen war, trifft es ihn als einen der ersten. Auf dem Weg aus dem Fabrikgelände läuft ihm sein mysteriöser Fahrgast über dem Weg, es stellt sich heraus, daß dieser der Sohn des Direktors ist, und innerhalb kürzester Zeit hat Su-min seinen Job zurück. Doch Su-min ist stolz und verärgert. Er lässt sich nicht kaufen. Er verschafft sich Zugang zum Büro seines vermeintlichen Wohltäters, bedankt sich für die nette Geste und wirft ihm seine Arbeitsklamotten hin. Als später sein Handy zu oft klingelt, nimmt er den Akku raus.
Hwan-sun, sei Hetero-Mitbewohner, verschafft ihm einen Job in einer Karaoke-Bar, die aber eher ein schwules Bordell ist. Irgendwann taucht auch hier der Direktorensohn auf, und sucht sich natürlich Su-min aus. Er will sich entschuldigen (“I wish your thing was a gun, wish I could pull the trigger inside me”), aber Su-min sieht ihn als Symbol für alles, was in seinem Leben schiefgelaufen ist: “You’re disgusting. Have been from the beginning. If you see me again, I will kill you.”
So entwickelt sich eine Hassliebe, bei der auch Elemente aus Pretty Woman oder An Officer and A Gentleman hineinspielen, Jae-min ist sozusagen die schwule Version von Richard Gere. Während Su-min einen Neuzugang aus seinem Waisenhaus unter die Fittiche nimmt (der auch im Club “XLarge” arbeitet), finden wir heraus, daß der Direktorensohn, dessen Namen Jae-min wir erst später erfahren, trotz seines Reichtums auch nicht glücklich ist. Unter dem Druck seiner Eltern soll er heiraten …
“Once there was a timed man who fell in love with a poor man, but the poor man wouldn’t take his heart. What am I supposed to do?” --- “Give it up.” --- “I’d rather kill myself.” --- “Why should your penis be special from the ones I suck everyday?”
Wie man an den zahlreichen Mord- und Selbstmorddrohungen ablesen kann, wird es in diesem Film zu keinem einfach herbeigeführten Happy End kommen. Eine der schönsten Szenen ist die, wo die Asche eines Freundes aus einem fahrenden Auto in den Strassen von Seoul verstreut wird. Wer kann denn ahnen, daß dies illegal ist. Für einen Film, der mit solch idyllischen Bildern beginnt, und der trotz seines doch eher zwielichtigen Sujets oft poetisch wirkt (das Helium-Hündchen!), ist das Ende dann eine extrem dunkle Angelegenheit, plötzlich wähnt man sich in einem frühen Film der Coen-Brüder, Blood Simple oder Miller’s Crossing. Doch selbst die Gewalt, die mich in ihrer Comichaftigkeit bei Bad Guy so zurückgestossen hat, wirkt hier halbwegs konsequent. Ein Debütfilm, der nicht völlig überzeugt, aber nicht wenige vielversprechende Ansätze hat.

Ice Keh-ki (Yeo Ingwang, Generation Kplus)

Dt. Titel: Eis!, Int. Titel: Ice Bar, Südkorea 2006, Buch: Yeon Mi-jeong, Kamera: Hwang Ki-seok, Schnitt: Mun In-dae, Musik: Lee Byeong-hun, mit Park Jibin (Kim Youngrae), Shin Aera (Youngraes Mutter), Jin Ku (Mr. In-bak), Jang Jun-young, Ham Eun-jeong Kwun Byung-gil, Lee Jae-ryong, 95 Min.
[Rezension von Thomas Vorwerk]


Sommer 1969 in Korea. Der zehnjährige Youngrae (Park Jibin) muss mal wieder mitansehen, wie seine Mutter (Shin Aera) mit einer Bekannten kämpft. Schnell bildet sich ein Kreis von Schaulustigen, und der etwa gleichaltrige Sung-wook wagt es doch tatsächlich, der Menschenmenge Eis am Stiel anzudrehen, während bereits die Polizei anmarschiert. Dieses Kratergesicht!
Noch schlimmer als der Stress mit dem unerschrockenen Waisenjungen, ist für Youngrae aber, daß er ein “vaterloser Bastard” ist, seine Mutter will nicht einmal über seinen Vater reden. Doch Youngrae ist sich sicher, daß sein Vater extrem gutaussehend sein muß und generell ein guter Mensch. Auch, wenn er sich zehn Jahre nicht gemeldet hat.
Nun findet Youngrae heraus, daß sein Vater in Seoul leben soll, und der Vater das einzige Thema ist, über das er sich mit seiner Mutter nicht unterhalten kann, will er auf eigene Faust nach Seoul aufbrechen. Dazu muß er aber erstmal das Geld fürs bahnticket haben, und so beginnt er wie sein Kumpel Sung-wook, Eis zu verkaufen. Was aber schwieriger ist als gedacht. “Ice Keh-ki” rufen kann jeder, aber wenn selbst bei Hochsommertemperaturen niemand darauf zu reagieren scheint. Von Sung-wook bekommt er einen Tip, wo man gut Eis verkaufen kann (vor dem Bahnhof), doch daß dieses “Revier” bereits dem größeren Seong-il und seinen Jungs (die hier fast wie eine Westentaschen-Mafia auftrumpfen) “gehört”, hat Sung-wook nicht erwähnt …
Kriminalität scheint in diesem Ort der Normalfall zu sein. Youngraes Mutter verscherbelt geschmuggelte Kosmetik, schon unter den Dreikäsehochs gibt es halbe Bandenkriege, und auch in dem Betrieb, der das Eis am Stiel herstellt, scheinen im Hinterhof irgendwelche krummen Dinger zu laufen. Vor Yeongraes launischem Boss behütet ihn mitunter Mr. In-bak, der auch dort arbeitet, und der sich als Ersatzvater anbieten zu scheint. Ein “vaterloser Bastard” zu sein, ist ja noch schlimmer als ein Vollwaise, aber Mr. In-bak kann selbst dies noch toppen, denn sein Vater ist ein Kommunist - schlimmer geht’s nimmer!
Mit seinem bereits für seinen ersten Film Little Brother mit einem Darstellerpreis ausgezeichneten elfjährigen Hauptdarsteller Park Jibin und den anderen durchweg überzeugenden Schauspielern erzählt Ice Keh-ki kindgerecht (und mit ein bißchen viel Slapstick) seine Geschichte, ohne dabei unschöne Themen auszuklammern. Junge Zuschauer werden hier teilweise mit Problemen konfrontiert, über die sie wahrscheinlich noch nie nachgedacht haben, Armut und Hunger sind hierbei noch die harmloseren Themen. Leider kann der Film trotz seiner unterhaltsamen, spannenden und wandlungsreichen Geschichte aber nicht dem kompletten Spektrum seiner angeschnittenen Themen gerecht werden. Daß man Schmuggel oder Kommunismus mit Kinderaugen betrachtet, ist noch nachvollziehbar, aber daß man einerseits dafür sorgt, daß den kindlichen Darstellern fast das Schlimmste passiert, was man sich überhaupt vorstellen kann, es aber drei minuten später wieder holprige Massenszenen gibt, bei denen man sich fragt, wie man soviele Eisriegel so schnell verkaufen kann, ohne daß dabei die erste Hälfte bereits geschmolzen ist, beeinträchtigt zumindest für ältere Zuschauer die Glaubwürdigkeit schon stark. Auch das Drehbuch versucht in der ersten Hälfte allzuviele Handlungsstränge aufzubauen, lässt dann einige ziemlich rigoros fallen, und wirkt gegen Ende trotz der eins, zwei bösen Überraschungen ziemlich formelhaft und vorhersehbar. Aber von einem Kinderfilm erwarte ich auch nicht, daß er sämtliche narrativen Konventionen auf den Kopf stellt und mich auf Wochen hinaus am Sinn des Lebens zweifeln lässt. Und somit war ich mit dem Film durchaus zufrieden, auch wenn ich mit meinen Nichten wahrscheinlich lieber in einen “harmloseren” Film gehen würde, der nicht auch noch klar auf ein männliches Kinderpublikum zugeschnitten ist. Über die eine Schulkameradin, die bis auf die 4 in Sport durchweg in jedem Schulfach komplettversagt hat, wirkte jedenfalls für mich nicht wirklich komisch, für den durchschnittlichen Fünftklässler, der gerade die Prozedur hinter sich hat, sein Zeugnis den Eltern vorzulegen, wird diese Szene aber mit Sicherheit einen der Höhepunkte des Kinojahres ausmachen.

Dasepo Sonyeo (E. J-Yong, Panorama)

Int. Titel: Dasepo Naughty Girls, Südkorea 2006, Buch: E. J-Yong, Comic-Vorlage: Chae Jung-taek, Kamera: Jung Jung-hoon, Schnitt: Choi Jae-geun, Musik: Jang Young-gyu, Production Design: Lee Hyeong-ju, Kostüme: Jang Hyo-jae, mit Kim Ok-bin (Poverty Girl), Park Jin-woo (Anthony), Lee Kyun (Cyclops), Lee Eun-seong (Two Eyes), Lee Won-jong (Big Razor Sis), Im Hye Jin (Poverty Girls Mutter), Park Hye-won (Class Monitor), Kim Byeol (Bellflower), 103 Min.
[Rezension von Thomas Vorwerk]


E. J-Yong (eigentlich Lee Je-yong) zeigte vor zwei Jahren mit Untold Scandal bereits beim Panorama, daß er sexy Intrigen inszenieren kann. Nachdem für diesen (“Raus-aus-dem”-) Kostümfilm der klassische französische Briefroman Gefährliche Liebschaften als Vorlage herhalten musste, hat er diesmal einen koreanischen Webcomic umgesetzt, und das Resultat ist in der kolossalen ersten Viertelstunde bereits kitschiger als Bollywood (“Sah ein Knab’ ein Röslein stehen” - auf Deutsch!), respektloser als John Waters (“virginity doesn’t pay the rent”) und bunter als Tsai Ming-Liang (vor lauter Pink werden einem nahezu die Augen weggeätzt).
Der Zuschauer wird regelrecht wegfegt. An der “No Use” High School verbreiten sich Geschlechtskrankheiten schneller als Gerüchte, sind die Lehrer noch notgeiler als die hormongesteuerten Handybenutzer, die man unter anderen Umständen Schüler nennen würde, und die Melodramatik der ersten (oder auch zweiten, dritten) Liebe teilt sich bevorzugt in Karaoke-Passagen mit, bei denen das Publikum (so flüssig in Koreanisch) direkt mitsingen kann. Die episodische Struktur der Vorlage ist schnell unübersehbar, Nebenfiguren wie der junge Mann, der im Internet jemanden mit Spitznamen “lonely virgin” dazu bringen will, ihm intime Fotos zu schicken, taucht später nicht wieder auf, dafür entwickeln sich Poverty Girl (die ihre symbolisierte Armut wie einen Affen auf dem Rücken trägt) und der von ihr umschwärmte Austauschschüler aus der Schweiz namens Anthony zu den Hauptfiguren, in deren Umfeld sich die wichtigsten Handlungsstränge entwickeln. Leider besonders comicmäßig und in der filmischen Umsetzung relativ uninteressant ist die Geschichte des von einem Dämonen besessenen Direktors, der mit Hilfe von “instant virgin chips” seine Schutzbefohlenen zu Musterschülern umfunktioniert - was diesen aber natürlich nicht gefällt. Die Auflösung dieser Storyline nimmt leider unnötig viel Zeit in Anspruch, die man lieber mit den durchaus interessanten und trotz ihrer Klischeehaftigkeit liebenswerten Figuren verbracht hätte. Wenn man bedenkt, daß der Comic “frei ab 19” ist und auch im Film hin und wieder technisch verfremdete Bilder zu sehen sind (die aber wahrscheinlich so sehr einer wirklichen “Zensur” entstammen wie die entsprechenden Szenen in Borat oder die Leichen in The Host), wirkt es allerdings irgendwann befremdlich, wie sehr wirkliche sexuelle Handlungen im Film nicht nur elliptisch ausgespart werden, sondern schlichtweg gar nicht passieren. Hin und wieder wird mal erklärt, daß die eine oder andere Figur, die noch zu den wenigen mit Jungfrauenstatus gehörte, diesen inzwischen abgelegt hat, aber für einen Film über Geschlechtskrankenheiten, Crossdresser, Masochisten, Fetischisten und Transgender-Schönheiten bleiben die “naughty girls” erschreckend kreuzbrav. Das ist am Anfang noch amüsant, wenn die verarmte Notfallprostituierte nur auf Männer trifft, die Gesprächspartnerinnen oder Videospiel-Unerfahrene suchen, doch mit der Zeit setzt sich ein gewisses Desinteresse durch, das ebenfalls für Comicleser nichts neues ist. Wer drei der besten Jahrgänge von Charles Schulz’ Peanuts oder die gesammelten Werke von Didi und Stulle in einem Rutsch liest, wird auch feststellen, daß er (oder sie) irgendwann immer weniger lacht.
Nichtsdestotrotz ist Dasepo Naughty Girls ein Film, den man gesehen haben sollte. Und beim derzeitigen Manga-Boom würde ich mich auch über eine Übersetzung der Vorlage freuen, mein Koreanisch ist nämlich so schlecht, daß ich auf der Website nicht einmal die Comicseiten ausfindig machen konnte.

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