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Die Box




Januar 2005
Thomas Vorwerk
für satt.org

Aviator
The Aviator

USA 2004

Filmplakat

Regie:
Martin Scorsese

Buch:
John Logan

Kamera:
Robert Richardson

Schnitt:
Thelma Schoonmaker

Musik:
Howard Shore

Production Design:
Dante Ferretti

Darsteller:
Leonardo DiCaprio (Howard Hughes), Cate Blanchett (Katherine Hepburn), John C. Reilly (Noah Dietrich), Alec Baldwin (Juan Trippe), Alan Alda (Senator Ralph Owen Brewster), Kate Beckinsale (Ava Gardner), Ian Holm (Prof. Fitz), Jude Law (Errol Flynn), Adam Scott (Johnny Meyer), Kelli Garner (Faith Domergue), Gwen Stefani (Jean Harlow), Danny Huston (Jack Frye), Brent Spiner (Robert gross), Jacob Davich (Young Howard Hughes), Stanley DeSantis (Louis B. Mayer), Jane Lynch (Amelia Earhart)

169 Min.

Kinostart:
20. Januar 2005

Aviator
The Aviator


Nach dem Gangs of New York-Fiasko hatte mich Feel like going home wieder ein wenig besänftigt, und das Thema von The Aviator war Grund genug, mal wieder etwas mehr von einem der im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts mit Abstand besten Regisseure der Vereinigten Staaten zu erwarten, noch dazu, wo das Drehbuch vom von mir hochgeschätzten John Logan (Gladiator, Sinbad, Nemesis, The Last Samurai) stammt.

Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene

Daß Scorsese erneut Leonardo DiCaprio für die Hauptrolle besetzte, verwundert ein wenig, doch auch wenn Leo nie den Platz von Robert De Niro in der Filmographie Scorseses einnehmen könnte, liefert er eine solide Leistung, selbst, wenn die 20 Jahre im Leben des Howard Hughes bis kurz vor Ende des Films nahezu spurlos an ihm vorbeigehen.

Der Film beginnt Ende der 1920er, als Howard Hughes mit Hell’s Angels den seinerzeit teuersten Film aller Zeiten drehte – und drehte – und drehte. Seine Obsession mit dem Fliegen wirkt sich auch auf die Leinwand aus, weil er erkennt, dass die Geschwindigkeit der photographierten Flugzeuge nur dann zu erkennen ist, wenn man Bezugspunkte (bevorzugt Wolken) hat, an denen die Flugzeuge vorbeischiessen können. Nur schade, dass am Drehort immer gutes Wetter ist, aber immerhin gibt das Ian Holm die Möglichkeit, als kauziger Meteorologe während des Films einige gute Gags einzubringen.

Als dann auch noch The Jazz Singer herauskommt und Hughes ebenfalls einen Tonfilm aus dem bereits jenseits jeden Budgets befindlichen Film machen will, sieht man durchaus Parallelen zwischen dem Regisseur Scorsese und seiner Filmfigur. Eine atemberaubende anderthalbminütige Sequenz von den gefährlichen Dreharbeiten ist der erste große Höhepunkt des Films, ein Adrenalinschub, gegen den Sky Captain wie ein lauwarmes Lüftchen erscheint.

Hell’s Angels (seit kurzem auch auf DVD erhältlich) wurde dann seinerzeit doch irgendwann fertiggestellt und sogar ein veritabler Kassenschlager, durch den das Starlet jean harlow berühmt wurde. In The Aviator darf No Doubt-Sängerin Gwen Stefani mal zwei Sätze als Harlow hauchen, doch die wichtigste Frau im Leben Howard Hughes folgt erst in den 1930ern.

Doch zunächst noch ein Wort zu den drei im Film dargestellten Jahrzehnten. Als man in den Zwanzigern erstmals den bekannten Coconut Grove (auch in Beyond the Sea prominent vertreten) zu sehen bekommt, fiel mir stark auf, dass Rot- und Blautöne das Bild beherrschen. Etwas später merkte ich, dass auch die Flugzeuge bevorzugt in den all american Farben Rot und Blau gestrichen sind, doch als dann später der rasen beim Golfen und einige Erbsen auf einem Teller ebenfalls blau waren, hatte ich den starken Verdacht, dass es sich bei der noch nicht fertiggestellten Pressekopie um eine Filmrolle handelte, bei der die Farben Gelb und Grün schlichtweg fehlen, was den Filmgenuß ja auch ein wenig beeinträchtigt. Daß man bei Ausschnitten aus Hell’s Angels eindeutig eine gelbe Explosion sieht und später auch Grün auftauchte, verwirrte mich noch mehr, aber dass man es erst im Presseheft nachlesen muß, dass Scorsese die nach und nach dazugefügten Farben als Markierungen für die unterschiedlichen Epochen gedacht hat, erscheint mir dann doch ziemlich an den Haaren herbeigezogen, da wäre ein Stummfilmdrittel zu Beginn sicher konsequenter und nachvollziehbarer gewesen.

Doch weiter im Text. Bei den Dreharbeiten eines der vielen George Cukor-Filme mit Cary Grant und Katherine Hepburn taucht Hughes mit seinem Flugzeug am Strand auf und es beginnt eine Romanze mit Hepburn, die von Cate Blanchett in etwas übertriebener (ha HA!), aber durchaus oscartauglicher Manier verkörpert wird. Natürlich wird auch "I can’t give you anything but love, Baby" aus Bringing up Baby / Leoparden küsst man nicht mal eingebracht (immerhin produzierte Hughes Howard Hawks’ Scarface) und der Besuch bei Hepburns Familie gehört ebenfalls zu den (komödiantischen) Höhepunkten des Films. Langsam kristallieren sich aber immer mehr die Marotten des passionierten Fliegers und Multimillionärs heraus, insbesondere seine von der Mutter eingeimpfte Furcht vor Bazillen, die zu einigen der absurdesten Ausflügen des Films ausgewalzt wird.

Nach etwa zwei Stunden verliert der Film immer mehr an Flughöhe, Hepburn verlässt Hughes für einen kaum wiederzuerkennenden Spencer Tracy (ich dachte erst, das soll Cary Grant sein – allerdings zwanzig Jahre zu alt und ziemlich feist), und mit Kate Beckinsale wurde eine vielleicht kongenial fade und mäßig talentierte Schauspielerin für die Rolle der immerhin gutaussehenden Ava Gardner gefunden – auf die der Film aber auch gut hätte verzichten können.

Ein atemberaubender Flugzeugabsturz kann den Zuschauer dann noch einmal aus dem Sessel reißen, aber insbesondere der Streit mit PanAm-Chef Alec Baldwin und die McCarthy-ähnlichen Senatssitzungen mit Alan Alda als Senator Brewster leiden darunter, dass der Film definitiv schon zu lang war, und Thelma Schoonmaker wahrscheinlich am Schneidetisch retten musste, was zu retten war. Vieles wird nur angedeutet, einzig die wirklich gelungenen und witzigen Kapriolen wie um Jane Russell und den für sie von Hughes erfundenen Büstenhalter ("a problem of engineering") zeigen das immer wieder aufblitzende Filmgenie Scorseses und das nicht unterzukriegende Talent seines Drehbuchautors.

Überzeugende Nebenfiguren wie die von John C. Reilly oder Danny Huston gespielten Schergen Hughes’ retten den Film dann ebenso über die Zeit wie der Auftritt von Jude Law als Errol Flynn (oder für Trekkies das Wiedersehen mit Brent Spiner), wobei einigeParallelen zu Citizen Kane (Das "Quarantine"-Bad mit der Mutter als "Rosebud"-ähnliche Schlüsselsequenz) selbst für Scorsese-Verhältnisse zu didaktisch geraten sind. Statt zu versuchen, uns etwas über die Filmgeschichte beizubringen, sollte er lieber wieder selbst Filmgeschichte schreiben, doch seit The Age of Innocence war da nicht viel …