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Die Box




August 2005
Thomas Vorwerk
für satt.org

Charlie und die Schokoladenfabrik
USA 2005

Charlie und die Schokoladenfabrik (R: Tim Burton)

Regie:
Tim Burton

Buch:
John August

Lit. Vorlage:
Roald Dahl

Kamera:
Philippe Rousselot

Schnitt:
Chris Lebenzon

Musik:
Danny Elfman

Production Design:
Alex McDowell

Casting:
Susie Figgis

Kostüme:
Gabriella Pescucci

Darsteller:
Freddie Highmore (Charlie Bucket), Johnny Depp (Willy Wonka), David Kelly (Grandpa Joe), Deep Roy (Oompa Loompa), Helena Bonham-Carter (Mrs. Bucket), Noah Taylor (Mr. Bucket), Philip Wiegratz (Augustus Gloop), Franziska Troegner (Mrs. Gloop), Julia Winter (Veruca Salt), James Fox (Mr. Salt), Annasophia Robb (Violet Beauregard), Missi Pyle (Mrs. Beauregard), Jordon Fry (Mike Teavee), Adam Godley (Mr. Teavee), Christopher Lee (Dr. Wilbur Wonka), Blair Dunlop (Little Willy Wonka), Liz Smith (Grandma Georgina), Eileen Essell (Grandma Josephine), David Morris (Grandpa George), Nitin Ganatra (Prince Pondicherry), Shelly Conn (Princess Pondicherry), Geoffrey Holder (Narrator)

Kinostart:
11. August 2005

Charlie und die Schokoladenfabrik
Charlie and the Chocolate Factory

Und die an Phantasie überbordende Geschichte des kleinen Charlie, der darauf hofft, jene Schokoladenfabrik zu besichtigen, in der einst sein Großvater arbeitete, und die nun seit mittlerweile 15 Jahren kein Mensch außer dem mysteriösen Fabrikerbauer Willy Wonka betreten hat, ist für Burton, jenen Megalomaniac der Bauten, natürlich wie geschaffen.

Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene

Nachdem ich persönlich Tim Burton nach misslungenen Effektorgien wie Planet of the Apes oder ungruseligen Gruselfilmen wie Sleepy Hollow bereits abgeschrieben hatte, meldet er sich jetzt mit der vollen visuellen Kraft der Anfänge seiner Karriere zurück. Nachdem ihn schon Big Fish seltsam gereift zeigte, verzückt er sein Publikum nun ausgerechnet mit einem Kinderfilm nach Roald Dahl, der hierzulande wohl vor allem aufgrund seiner hinterlistigen Kurzgeschichten bekannt ist (Lamb to the Slaughter, Man from the South), von dem Burton (als Produzent) aber bereits gemeinsam mit seinem Lieblingsanimatoren Henry Selick ein Kinderbuch (James and the Giant Peach) verfilmt hatte.

Bereits mit dem Vorspann, der eine zu 99% am Computer entstandene Kamerafahrt durch Wonkas Fabrik zeigt, macht er Kinderherzen froh - und Erwachsene ebenso. Gerade die verspielten kleinen Schnörkel sind es, für die man diesen Film liebt.

Ein größenwahnsinniger Prinz lässt sich in Indien einen Schokoladenpalast bauen, der natürlich bei der nächsten Hitzewelle schmilzt und den kindlichen Zuschauern offenbart, woher jener komische Punkt auf indischen Gesichtern stammen könnte. Oder, um noch ein wenig Erdkundenachhilfe zu liefern, erkennt man etwa japanische Schokoladenläden an ihrem an die Nationalflagge gemahnendem Design. Mit solchen Spielereien wie der Herstellung von whipped cream (Schlagsahne) mithilfe eines ausgepeitschten monströsen Kuh wird der Film nie langweilig, auch wenn die eigentliche Geschichte relativ durchschaubar konstruiert ist (fünf kleine Kinderlein …)

Doch Burton gelingt es beispielsweise sogar bei der offensichtlich von Charlie zu öffnenden Schokoladentafel mit einem der fünf ach so raren „goldenen Tickets“, eine Spannung aufzubauen, der sich auch hartgesottene Filmkritiker nicht völlig entziehen können.

Bei jedem der vier Kinder, die den großen Hauptgewinn nicht so sehr verdient haben wie der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Charlie, der selbst von seiner einen Tafel Schokolade, die er traditionell zum Geburtstag bekommt, noch seinen Verwandten etwas abgibt, baut der Film irgendeine Prüfung auf, auf die die kleinen Gören jedesmal reinfallen. Es gibt dabei zwar keine Toten, aber die unartigen Kinderleinchen werden schon mal „ausgedrückt wie ein kleiner blauer Pickel“ oder wandern in den Müllschlucker oder die Kaugummiziehmaschine …

Der freudige Fettwanst Augustus Gloop (stammt natürlich aus Deutschland, genauer gesagt einer bayrischen Version von Düsseldorf) platscht seiner Verfressenheit entsprechend in den Strom von Schokolade, der sich wie ein Fluss durch das Schlaraffenland der Schokoladenfabrik zieht. Mit perfidem Vergnügen, das schon sadistische Züge hat, lässt Wonka den Störenfried, der sicher den Geschmack der Schokolade nicht verfeinern wird, per Supersaugrohr aufsaugen, wobei der gar nicht so kleine Pfropfen natürlich in der Maschinerie steckenbleibt.

Violet Beauregard, eine für ihr Alter viel zu ambitionierte Rekordhalterin im Dauer-Kaugummi-Kauen (bisher drei Monate), die von ihrer ebenso opportunistischen Mutter (Missi Pyle, bekannt aus Galaxy Quest, Dodgeball etc.) begleitet wird, will natürlich jenes von Wonka erfundene Drei-Gänge-Kaugummi testen, obwohl es noch gewisse Nebenwirkungen gibt (die er ihr aber nicht allzufrüh auf die Nase bindet …). Da waren es nur noch drei …

Veruca Salt (mir bisher vor allem als Bandname einer amerikanischen Spätgrunge-Damenkombo ein Begriff) ist ein verwöhntes Biest, das beispielsweise ihren Vater, einen reichen Nussfabrikanten, unzählige Wonka-Schokoladentafeln von seinen Fließbandarbeiterinnen hat öffnen lassen, bis sie die Statistik der Verlosung hat übertrumpfen können. Ihr Ausscheiden ist vielleicht noch das gruseligste, denn sie hat es sich in den Kopf gesetzt, eines jener Eichhörnchen zu besitzen, die in Wonkas Fabrik zum Nüsseknacken abgerichtet sind. Wie die kleinen Nager über sie herfallen, ist schon fast eines Horrorfilms würdig, doch selbst kleinere Kinder hatten damit nicht das geringste Problem, weil Eichhörnchen für Kinderaugen hartnäckig jenen Niedlichkeitsfaktor behalten, den Erwachsene diesen garstigen Schädlingen nicht immer beimessen.

Mike Teavee ist eine Figur, die tatsächlich etwas modernisiert wurde, denn als Charlie and the Chocolate Factory 1964 erstmals erschien, gab es noch keine Ego-Shooter-Videospiele, mit den Mike seinen 24-Stunden-Fernsehalltag auflockert. Über das Medium Fernsehen bietet sich Burton nicht nur die Möglichkeit, ein paar Takte Macarena in seinen Film einzubauen, er baut auch zwei sehr schöne Filmanspielungen ein, die beide von der Veränderung leben. In der einen spielt „Oompa Loompa“ Deep Roy mal wieder beide Rollen, in der anderen wird einer der mysteriösesten Gegenstände der Filmgeschichte (nicht der Schlitten!) mit einer Tafel Schokolade ausgetauscht, der damalige Regisseur hätte diese Passage, die sich auch Production Design-mäßig anlehnt, geliebt.

Nach jedem „Ausscheiden“ eines Kindes singen die Oompa Loompas einen Song, der nochmal zusammenfasst, worin das Vergehen des jeweiligen Kindes bestand. Hierbei wurden die Originaltexte von Dahl von Danny Elfman vertont, und wirken dadurch nicht ganz so moralinsauer wie im Buch, sondern schon durch die musikalische Bandbreite verspielt und peppig. Die Oompa Loompas gehören generell zu den großen Höhepunkten des Film, und auch wenn deren Darsteller Deep Roy bereits zum dritten Mal in einem Burton-Film mitspielt (wie Crew und Cast generell wie ein Familienbetrieb erscheinen), wird es wohl dieser zigfache Auftritt mit Gesangseinlage (natürlich synchronisiert von Danny Elfman) sein, an den man sich noch zehn Burton-Filme später erinnern wird.

Der Darsteller, der natürlich auch nach erst vier Filmen für Burton so wichtig erscheint wie Robert De Niro für Scorsese oder Anna Thomson für Amos Kollek, ist Johnny Depp, dessen Darstellung mit perfektem Gebiss (der Vater ist Zahnarzt), kalkweißer Haut (wenig Sonne abbekommen in den letzten 15 Jahren) und extravaganten Handschuhen (kontaktscheu ist der Gute auch noch) irgendwie an Michael Jackson erinnert. Und nachdem Depp schon in Finding Neverland mit Freddie Highmore, dem Darsteller des Charlie, zusammenarbeitete, nimmt sich Willy Wonkas Schokoladenfabrik wie ein Jacksonsches Neverland aus, in das die kleinen Kinderlein voller Freude hineingehen, um am nächsten Tag wenig amüsiert wieder die Pforten zu verlassen - wenn sie nicht gerade das unverschämte Glück haben, als Universalerbe eingesetzt zu werden …

Welch seltsame Moralvorstellungen Willy Wonka hat, offenbart mal wieder ein schnuckeliges Zitat, mit dem er das Innere seiner Fabrik den fünf kindlichen Kandidaten anpreist: „Alles ist essbar, sogar ich bin essbar - aber das nennt sich dann Kannibalismus und wird in den meisten Gesellschaften nicht gern gesehen“.

So einen Typen muss man doch zum Fressen gern haben …