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Januar 2005
Thomas Vorwerk
für satt.org

Mathilde - eine grosse Liebe
Un long dimanche de fiançailles / A very long engagement

Frankreich / USA 2004

Filmplakat

Regie:
Jean-Pierre Jeunet

Buch:
Jean-Pierre Jeunet, Guillaume Laurant

Lit. Vorlage:
Sebastien Japrisot

Kamera:
Bruno Delbonnel

Schnitt:
Hervé Schneid

Musik:
Angelo Badalamenti

Production Design:
Aline Bonetto

Kostüme:
Madeline Fontaine

Darsteller:
Audrey Tautou (Mathilde), Gaspard Ulliel (Manech), Jean-Pierre Becker (Lieutenant Esperanza), Dominique Bettenfeld (Ange Bassignato), Clovis Cornillac (Benoit Notre Dame), Marion Cotillard (Tina Lombardi), Jean-Pierre Darroussin (Benjamin Gordes), Julie Depardieu (Véronique Passavant), Jean-Claude Dreyfus (Commandant Lavrouye), André Dussollier (Rouvières), Ticky Holgado (German Pire) Tcheky Karyo (Germain Pire), Jérôme Kircher (Bastoche), Denis Lavant (Six-Sous), Chantal Neuwirth (Bénédicte), Dominique Pinon (Sylvain), Jean-Paul Rouve (Postbote), Rufus (Bretone), Jodie Foster (Elodi Gordes)

134 Min.

Kinostart:
27. Januar 2005

Mathilde - eine grosse Liebe
Un long dimanche de fiançailles
A very long engagement


Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene

Seit dem großen gemeinsamen Erfolg von Jean-Pierre Jeunet und Audrey Tautou sind einige Jahre vergangen, in denen nur letztere in anderen Filmen auftauchte, aber niemals nur annähernd so einen Eindruck machte. Der neue Film dieses Teams hat in Deutschland den Titel Mathilde - eine große Liebe bekommen, was sowohl andeutet, worauf vor allem weibliche Kinobesucher in den Augen von Filmproduzenten viel Wert legen, aber gleichzeitig auch die Verbindung zu Amelie schlägt - ganz ähnlich wie bei Buchveröffentlichungen von Stephen King oder John Grisham, die in Deutschland immer erschreckend ähnlich klingen, obwohl die Originaltitel oft origineller sind. Über den Originaltitel von Mathilde kann man sich streiten. Warum eigentlich? Eine in Frankreich gedrehte Verfilmung eines französischen Romans, in der fast ausschließlich französische Schauspieler französisch sprechen. Doch durch die Beteiligung von Warner fühlte sich die französische Filmförderung gezwungen, dem Film nachträglich abzusprechen, französisch zu sein - und dann würde sich natürlich der englischsprachige Titel anbieten …

Ich persönlich finde solche Diskussionen müßig und langweilig, es geht ja auch nicht um mein Geld.

Auf den ersten Blick findet man wenig Gemeinsamkeiten zwischen Amelie und Mathilde: Der neue Film ist immerhin eine Romanverfilmung und spielt kurz nach und während des ersten Weltkriegs. Doch auch, wenn Jeunet und sein Mitautor eine Vorlage bearbeiteten, ist es erstaunlich, wieviele aus Amelie bekannte Spielereien sich auch in der Struktur des neuen Films wiederfinden. So etwa die in kurzen Rückblenden mit Off-Kommentar vorgestellten Soldaten, die allesamt vom Kriegsgericht verurteilt wurden, obwohl der Zuschauer weiß, daß sie auf jeunetesk skurril unterschiedliche Arten zu einer durchschossenen Hand gekommen sind - was aber für die Obrigkeit als Selbstverstümmlung mit Desertation gleichzusetzen ist.

Einer dieser Soldaten ist der Verlobte von Mathilde, die noch Jahre später an sein Überleben glaubt und recherchiert, was mit diesen fünf Soldaten geschehen ist, die - um sich die Hinrichtung zu sparen - ins Niemandsland zwischen den Fronten geschickt wurden, und dabei teilweise vor Augenzeugen starben, teilweise aber auch auf seltsamen Umwegen verschwanden.

Audrey Tautou ist also wieder als "Detektivin in Sachen Liebe" unterwegs, die unter anderem auch wieder eine kleine Kiste mit Habseligkeiten findet, die allesamt ihre kleinen Geschichten verbergen. Allerdings ist Mathilde im Gegensatz zu Amelie gehbehindert. Im Buch sitzt sie offenbar die ganze Zeit im Rollstuhl und korrespondiert über Briefe, im Film kann sie aus nachvollziehbaren Gründen zumindest humpeln, und die Briefe werden fast durchgehend visualisiert, was teilweise für den Zuschauer befremdlich ist - insbesondere für Zuschauer, die sich mal mit "unverlässlichen Erzählern" und "Rückblenden, die lügen" befasst haben - denn Jean-Pierre Jeunet spielt öfters mit "Halbwahrheiten" etc., ist aber bei den Visualisierungen zumindest sorgsamer als beispielsweise Oliver Stone in JFK …

Bevor ich noch den letzten Leser mit diesen Randthemen verloren habe, etwas zum generellen Erscheinungsbild, der Atmosphäre und Qualität des Films. Ein Paris des frühen zwanzigsten Jahrhunderts sieht bei Jean-Pierre Jeunet natürlich ein wenig so aus wie in Baz Luhrmanns Moulin Rouge!, jedoch mit dem nicht unwesentlichen Unterschied, daß Jeunet nicht so auffällig mit CGI-Effekten arbeitet, sondern stattdessen auch mal Strassenstriche der Vergangenheit in herkömmlicher Weise wieder zum Leben erweckt, was zumindest für Pariser Grund genug sein könnte, sich den Film anzuschauen.

Für alle anderen verhält es sich ein wenig wie bei Martin Scorseses Aviator: Mathilde überzeugt als Ganzes nicht immer, insbesondere der Übergang zwischen leichter Komödie, Melodram und Kriegsfilm ist mitunter befremdlich. Doch so, wie es in Aviator einige Schauspielleistungen und etwa drei zweiminütige Szenen gibt, die so genial sind, daß sie schon den Kinobesuch lohnen, gibt es bei Mathilde neben den erfreulichen Auftritten von Dominique Pinon (Delicatessen), Jodie Foster (wird im Presseheft nicht erwähnt … plaudere ich jetzt etwa ein Geheminis aus …?) oder Denis Lavant (Les amants du Pont Neuf) in fast pointilistischer Manier lauter kleine filmische Farbtupfer, die Jeunets Genialität immer wieder beweisen. So mag man etwa über die "große Liebesgeschichte" zwischen Mathilde und Manech verschiedener Auffassung sein, aber allein die Szene mit den Streichhölzern wertet diese Liebe in filmischer Weise etwa um drei bis vier Punkte auf der nach oben offenen Richterskala der "wahren Liebe" auf.

Es gibt zwar auch Kabinettstückchen, die misslingen - wie etwa der "Mord im Spiegel" (um nicht zuviel zu verraten), doch Jean-Pierre Jeunet ist als Regisseur ein so liebenswerter Kindskopf, daß man ihm weitaus mehr verzeiht als Scorsese …

Und immerhin endet dieser Film, dessen Ausgang schon aufgrund seiner Titel etwas vorweggenommen wird, weitaus phantasievoller, als man es in einem Film über "eine große Liebe" erwartet hätte, und so war ich am Ende auch wieder etwas versöhnt.