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Die Box


 

Juni 2004
Thomas Vorwerk
für satt.org

Reconstruction
Dk 2003

Reconstruction (R: Christoffer Boe)

Regie:
Christoffer Boe

Buch:
Christoffer Boe, Mogens Rukov

Kamera:
Manuel Alberto Claro,

Schnitt:
Mikkel E. G. Nielsen, Peter Brandt

Musik:
Thomas Knak,

Darsteller:
Nikolaj Lie Kaas (Alex David), Maria Bonnevie (Aimee Holm / Simone), Krister Henriksson (August Holm), Nicolas Bro (Leo Sand), Peter Steen (Mel David), Ida Dwinger, Monics, Malene Schwartz (Frau Banum), Helle Fagralid (Nan Sand)

Kinostart:
10. Juni 2004

Reconstruction


It is all film. It is all construction. But even so, it hurts. Diese drei kleinen Sätze stellt Christoffer Boe seinem Film voran, und auch wenn der Zuschauer dadurch besonders stark auf die konstruierte Fiktion einer Liebesgeschichte vorbereitet wird, wird wohl kaum jemand von diesem Film über die Liebe völlig kalt gelassen werden, egal, wie kalt der Film selbst manchmal scheint.

Eine andere Warnung, die der Film ausspricht, ist: Man sollte nie einem Photographen vertrauen. Im Film spielen Photographien, jene Erinnerungsstücke, mit deren Hilfe wir oft unsere Vergangenheit zu rekonstruieren versuchen, eine wichtige Rolle (andere Souvenirs wie ein Ring oder ein Feuerzeug, sollte man auch im Auge behalten). Da sind etwa jene Satellitenfotos, die oft in klinisch kaltem Blau die Topographie der Geschichte in einer wiedererkennbaren Realität zu verorten sucht. Oder jene Momentaufnahmen eines Liebesakts, die in deutlich wärmeren Farben bereits während des Beischlafs den Zuschauer ungewöhnlich distanzieren, dadurch aber auch die Fallstricke der allzu obligatorisch wirkenden Sexszene umgehen und den Moment der Vereinigung bereits intensivieren, zu einer lange nachwirkenden Erfahrung erhöhen.

Reconstruction (R: Christoffer Boe)

Der Photograph Alex ist eine der drei oder vier Hauptfiguren in diesem Film. Aus seiner Sicht erleben wir den Film, auch wenn die Erzählerstimme, die einen bereits mit den eingangs zitierten Worten begrüßt, sich später als die Stimme des Schrifftstellers August Holm herausstellt. Und hier sind wir bereits bei einem Punkt angelangt, der eine Nacherzählung des Films in Kurzform fast unmöglich macht, denn so, wie es sich aufdrängt, den Film als die Geschichte des immer präsenten Alex zu sehen, so bietet sich eine der vielen Interpretationsmöglichkeiten des Films darin, daß die Konstruktion des Films der Imagination des Schriftstellers entnommen ist, eines Schriftstellers, der seine (jüngere) Frau an einen anderen zu verlieren droht, und der schlichtweg eine eigene Realität entwirft. Eine solche Generalüberholung der ganzen Filmhandlung macht es natürlich einfacher, zu erklären, warum sowohl Alex Freundin Simone, als auch die Gattin des Schriftstellers, Aimee, mit der er eine gemeinsame Nacht verbringt, von der Schauspielerin Marie Bonnevie (Insomnia - das Original) gespielt werden. So etwas wirft den Zuschauer natürlich in ein ähnliches Loch wie David Lynchs Lost Highway oder Mulholland Drive, doch Christoffer Boes Film zeichnet sich gerade dadurch aus, daß er sich nicht um die Suche nach der gemeingültigen Interpretationslösung dreht, sondern Reconstruction wie die Liebe selbst, für viele Deutungsmöglichkeiten offenbleibt. Es ist auffällig, daß die Kombination "Liebe vergessen bzw. neu erfinden" momentan Hochkonjunktur feiert (Eternal Sunshine of the Spotless Mind, nicht ganz so überzeugend auch in 50 first Dates oder Vanilla Sky), der Cannes-Gewinner von 2003 ist aber nicht nur ein weiterer Epigone in typisch dänischer Grobkorn-Ästhetik, sondern eher ein Vorreiter wie das übermächtigen Vorbild Memento. Einige Details seiner Konstruktion (die Plakate im Hintergrund, das Foto auf der Postkarte) erinnern auch an DePalmas Femme Fatale, doch Reconstruction ist weitaus mehr als die Summe seiner Bezugspunkte, sondern ein völlig neuer Ansatz, der Neuling Boe neben der Konkurrenz etaiblierter Regisseure wie De Palma, Soderbergh (Solaris) oder Tykwer (True) durchaus bestehen lässt. Und auch wenn Reconstruction teilweise kafkaesk bis an die Schmerzgrenze wirkt, ist er mit Ausnahme des Kaufman/Gondry-Glanzstücks wohl der gelungenste Ansatz aus diesem Dunstkreis, das bittersüße Phänomen der Liebe über die störenden Einschränkungen einer Filmhandlung hinaus begreifbar zu machen - Ein Troilus and Criseyde oder Romeo and Juliet für die Zeit der Postmoderne.