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Die Box


 

Februar 2004
Thomas Vorwerk
für satt.org

Was nützt die Liebe in Gedanken
D 2003

Was nützt die Liebe in Gedanken (R: Achim von Borries)

Regie:
Achim von Borries

Buch:
Hendrik Handloegten, Achim von Borries

Vorlage:
Anette Hess, Alexander Pfeuffer

Lit. Vorlage:
Arno Meyer zu Küingdorf

Kamera:
Jutta Pohlmann

Schnitt:
Gergana Voigt, Antje Zynga

Musik:
Thomas Feiner, Ingo L. Frenzel

Darsteller:
Daniel Brühl (Paul Krantz), August Diehl (Günther Scheller), Anna Maria Mühe (Hilde Scheller), Thure Lindhardt (Hans Stephan), Jana Pallaske (Elli), Tino Mewes (Django), Verena Bukal (Rosa), Julia Dietze (Lotte), Christoph Luser (Macke), Marius Frey (Bittner), Fabian Oskar Wien (Fritz)

90 Min.

Kinostart:
12. Februar 2004

(Der Film läuft auch im Rahmen des Panorama auf der Berlinale. Beim regulären Kinostart von "Was nützt die Liebe in Gedanken" (aber nicht auf der Berlinale) wird als Vorfilm Tom Tykwers Kurzfilm True gezeigt.)



Berlinale 2004

Berlinale 2004 (Panorama):

Was nützt die Liebe in Gedanken



Die Grundkonstellation erinnert stark an Bertoluccis "The Dreamers", der gemeinerweise vier Wochen vorher startete: Ein Geschwisterpaar, dessen Eltern nicht zu Hause sind, lädt einen Freund ein, und die Folgen sind sogar noch desaströser.


Was nützt die Liebe in Gedanken (R: Achim von Borries)

Was nützt die Liebe in Gedanken (R: Achim von Borries)

Was nützt die Liebe in Gedanken (R: Achim von Borries)

Was nützt die Liebe in Gedanken (R: Achim von Borries)

Was nützt die Liebe in Gedanken (R: Achim von Borries)

Was nützt die Liebe in Gedanken (R: Achim von Borries)

Was nützt die Liebe in Gedanken (R: Achim von Borries)

Was nützt die Liebe in Gedanken (R: Achim von Borries)

Auch hier geht es um die Nähe zwischen jugendlicher Liebe und Todessehnsucht, doch die Vorlage ist weniger der Roman "Der Selbstmörderclub" als die wirklichen Begebenheiten um eine "Steglitzer Schulertragödie" im Jahre 1927, die bereits in zwei Filmen 1929 und 1960 (beide mit dem Titel "Geschminkte Jugend") verarbeitet wurde. Günther liebt Hans, Paul liebt Günthers Schwester Hilde, und dummerweise liebt Hilde Hans, und Hildes schüchterne Freundin Elli liebt Paul. Nach einem berauschten Wochenende auf dem Land finden sich die fünf im Haus der Geschwister wieder, und Paul und Günther wollen gemeinsam Hans und Hilde erschießen, bevor sie sich selbst richten.

Die Statuten des Selbstmörderclubs
Mitglieder sind Paul Krantz und Günther Scheller.

  1. Der Name dieses Selbstmörderclubs ist Fe-hou
  2. Liebe ist der einzige Grund, für den wir zu sterben bereit sind.
  3. Liebe ist der einzige Grund, für den wir töten würden.
  4. Wir verpflichten uns daher, unser Leben in dem Augenblick zu beenden, in dem wir keine Liebe mehr empfinden. Und wir werden all diejenigen mit in den Tod nehmen, die uns unserer Liebe beraubt haben.

Der Zuschauer weiß aber schon durch eine Rahmenhandlung, daß Paul überlebt hat. Er wird durch Gefängniskorridore begleitet und muß sich vor Gericht für die Taten, die er sozusagen im voraus gestanden hat, verantworten. Warum ist er nicht "lächelnd aus dem Leben geschieden"? Kam die Gelegenheit und er konnte es nicht?

Diese Fragen beantwortet der Film erst ganz zum Schluß, insbesondere die Ankunft Ellis, die man schon in Sicherheit wähnte, in der Wohnung der Geschwister, beschert einige bange Momente, doch ähnlich wie Gus van Sants "Elephant" lebt der Film eher von den ruhigen Momenten, wenn noch nicht wild um sich geschossen wird.

Deutsche Filme, die vergangene Epochen wieder aufleben lassen, bescheren mir oft körperliche Pein. Oft genug wird mehr Wert auf Kostüme und Ausstattung gelegt als auf die Motivationen der Figuren. "Die Apothekerin", "Gripsholm", "Rosenstrasse" … ich verzichte! Ähnlich sah es zunächst auch Regisseur Achim von Borries ("England!"), als ihm das Projekt angetragen wurde. Doch statt die Geschichte wie in der 1960er Verfilmung in die Gegenwart zu verlegen, entschied er sich für den Mittelweg, eine Art minimalistische Historizität. Zwei Häuserfronten, eine Schule, ein Café und eine Wohnung stehen für das Berlin zwischen den Kriegen, die Kostüme wirken zwar akkurat, spielen sich aber nicht in den Vordergrund. Und die Dialoge sind weder von damals noch von heute, weder "kolossal" noch "krass".

Doch aus Gründen, die ich nicht ganz benennen kann, springt der Funke nicht wirklich über. Sowohl bei "Menschen am Sonntag" (1931) als auch bei "Good bye, Lenin" oder "Lichter" fühle ich mich den Figuren näher … Sogar bei "The Dreamers", obwohl dort einige ungeheuerliche Dinge abgezogen werden, gegen die das fröhliche bisexuelle Geknutsche im Gras hier harmlos wirkt. Woran mag das liegen? Daran, daß Brühl und Diehl getypecastet sind, Brühl natürlich als Sympathieträger, Diehl als kinskiesker Risikofaktor? Daran, daß Frl. Mühes penetrantes Lächeln mir recht bald auf den Senkel ging? Daran, daß die Atmosphäre, die Kamerafrau Jutta Pohlmann mit vielen Großaufnahmen und Unschärfen beschwört, durch die Werbefilmästhetik (immer wieder Brühl und Diehl mit nacktem Oberkörper in der Sommersonne) anderer Szenen und den Musikeinsatz wieder eingeschränkt wird, alles etwas zu geschliffen aussieht, die Spontanität der Jugend auf dem Wege verloren geht?

Ich weiß es nicht. "Was nützt die Liebe in Gedanken" überzeugt einerseits, lässt aber meines Erachtens das Herz, die Liebe, die ja sein Grundthema ist, zu selten in seinen Bildern sprechen.