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Die Box


 

September 2003
Thomas Vorwerk
für satt.org

Rosenstrasse
D/NL 2003

Rosenstraße (R: Margarethe von Trotta)

Buch
und Regie:
Margarethe von Trotta

Co-Autorin:
Pamela Katz

Kamera:
Franz Rath

Schnitt:
Corinna Dietz

Szenenbild:
Heike Bauersfeld

Darsteller:
Katja Riemann (Lena Fischer), Maria Schrader (Hannah), Svea Lohde (Ruth, mit 7), Martin Feifel (Fabian Fischer), Jürgen Vogel (Arthur von Eschenbach), Jutta Lampe (Ruth Weinstein), Doris Schade (Lena Fischer, mit 90), Lena Stolze (Miriam Süssmuth), Fedja van Huêt (Luis Marquez), Thekla Reuten (Klara), Nina Kunzendorf (Litzy), Martin Wuttke (Goebbels), Gaby Dohm (Frau von Eschenbach)

136 Min.

Rosenstraße (R: Margarethe von Trotta)


Das deutsche Kino ist wieder was! Der Jubel über den Oscar für „Nirgendwo in Afrika“ ist kaum abgebrochen, da scheint „Good bye, Lenin!“ schon fürs nächste Jahr ins Rennen zu gehen, „Das Wunder von Bern“ macht im Vorfeld von sich reden, und Katja Riemann gewinnt für ihre Rolle in „Rosenstrasse“ in Venedig den Darstellerpreis „Coppa Volpi".

Ausgerechnet jene Katja Riemann, die man seit „Die Apothekerin“ (1997) höchstens in „Bibi Blocksberg“ zu sehen bekam, und die mit Ausnahme von Veronica Ferres wohl die meistgeschmähte deutsche Schauspielerin sein dürfte.

Grund genug, der Sache auf den Zahn zu fühlen, sich zu vergewissern, was man in Italien an Frau Riemann findet, was mir so völlig entgeht - und sich den ersten Margarethe von Trotta-Kinofilm seit fast zehn Jahren ("Das Versprechen") anzuschauen, die (wahre) Geschichte einiger Frauen, die sich im dritten Reich gegen die Deportation ihrer Männer auflehnten.

Rosenstraße (R: Margarethe von Trotta)


Rosenstraße (R: Margarethe von Trotta)


Rosenstraße (R: Margarethe von Trotta)


Rosenstraße (R: Margarethe von Trotta)


Rosenstraße (R: Margarethe von Trotta)

Also mal wieder ein Geschichtsfilm, Frau von Trotta hat ja so langsam das gesamte letzte Jahrhundert deutsche Geschichte abgegrast, und lässt sich dabei von alten Weggefährtinnen wie Jutta Lampe und Doris Schade ebenso unterstützen wie von Schauspielerinnen wie Lena Stolze oder Maria Schrader, die in ihren Filmographien auch schon so manches Stück Vergangenheitsbewältigung vorzeigen können.

Die Rahmenhandlung ist dann auch ganz ähnlich wie in Dany Levys „Meschugge": Hannah (Maria Schrader) macht sich von New York nach Berlin auf, um die Geschichte ihrer Mutter Ruth (Jutta Lampe) zu ergründen. Jene zeigt sich nämlich seit dem Tod ihres Gatten von ihrer bärbeißigsten Seite, will unbedingt volle 30 jahre nach jüdischer Sitte trauern, und es nebenbei irgendwie verhindern, daß Hannah den Südländer Luis heiratet, denn - wie wir im Verlauf des Filmes sehen werden - Mischehen bringen oft Verdruß.

Über eine bei der Beerdigung aufgetauchte Cousine der Mutter erfährt Hannah von Lena Fischer, einer Frau, die der kleinen Ruth (Svea Lohde) im Jahre 1943 das Leben gerettet haben soll. Jene Lena Fischer, inzwischen 90 (Doris Schade), ist nun die Zeitzeugin, die uns die Geschichte von Hannahs Mutter und ihrer jüngeren Version (Katja Riemann) erzählt.

Die adelige Arierin Lena von Eschenbach hatte den Juden Fabian Fischer geheiratet, der nun in einem ehemaligen jüdischen Versorgungsamt in der Rosenstrasse in Berlin-Mitte auf seine Deportation nach Ausschwitz wartet. Lena Fischer will ihren Gatten natürlich irgendwie aus dieser misslichen Lage befreien, gerät dabei aber zunächst an die siebenjährige Ruth, derer sie sich nebenbei auch noch annimmt, denn die Mutter der Kleinen ist im selben Haus in der Rosenstrasse gefangen. Nach und nach kommen immer mehr Frauen zur Rosenstrasse, hoffen, einen Blick auf den jeweiligen verlorenen Mann erhaschen zu können, und im Verlauf einer Woche werden die Unmutsäußerungen der Frauen immer lauter, bis schließlich sogar die SS einige MG-Stände aufbaut, um dem drohenden Aufstand der „Judenhuren“ entgegenzuwirken.

Nach „Das Versprechen", jenem Mauerfilm, für den Deutschland damals noch nicht bereit war, hatte Frau von Trotta über einen Dokumentarfilm von der Geschichte der Rosenstrassen-Frauen gehört, daraufhin ähnlich wie Hannah im Film einige Zeitzeugen befragt, und kurzerhand ein Drehbuch geschrieben. Dieses erzählte zunächst noch sehr historisch chronologisch einige Einzelschicksale jener sieben Tage im Frühjahr 1943, doch die Finanzierung kam nicht zusammen, und über die Jahre kam zuerst die Rahmengeschichte hinzu, die dann auch noch nach New York verlegt wurde (wofür extra eine Co-Autorin engagiert wurde, um die amerikanischen Dialoge lebensecht gestalten zu können).

Einiges schien aber nicht so geklappt zu haben, wie es geplant war. Zunächst mal sind die Passagen in New York, bei denen vom deutschen ins Englische geswitcht wird, entweder sehr schlecht synchronisiert oder einfach nur unglaubwürdig, was dem Zuschauer den Zugang zur Geschichte unnötig erschwert. „But, Mum …"

Zum anderen kann sich das Drehbuch nicht entscheiden, ob es Einzelschicksale schildern will oder lieber großes Kino mit Katja Riemann und Maria Schrader, wie es das Filmplakat suggeriert. Letzlich gelingt beides nicht. Und ausgerechnet jener Kniff, der meines Erachtens das Kunststück vollbrachte, dem Publikum in Venedig vorzuspiegeln, Katja Riemann sei eine begnadete Darstellerin, wird in gewisser Hinsicht zum Niedergang des Films, denn all jene Szenen, in denen Frau Riemann ihr Können hätte unter Beweis stellen können, werden elliptisch ausgespart. Die private Unterredung mit Joseph Goebbels, der Abschied von der kleinen Ruth, allesamt Szenen, die Frau von Trotta auspart, was einerseits auch sehr clever ist - Doch die emotionale Intensität, die ich von diesem Film erwartet habe, bleibt deshalb fast gänzlich aus. Der Freitod von Klara erscheint wie ein Kabinettstückchen, Jürgen Vogel humpelt als Arthur zwar hochtalentiert, aber ähnlich überflüssig durch den Film wie einst Sir Richard Attenburough in „Jurassic Park", und spätestens, wenn dann noch in einer Nebenrolle Gaby Dohm auftaucht, fragt man sich, ob Frau von Trotta durch ihr Gastspiel beim Fernsehen wirklich „dazugelernt“ hat, wie sie behauptet.

"Rosenstrasse“ ist ebenso wie „Das Wunder von Bern“ kein wirkliches Ärgernis, aber der Film ließ mich seltsam kalt. Eine Schnittfolge beim Vorspann, die die Architektur New Yorks mit einem jüdischen Friedhof parallelisiert und die junge Svea Lohde als Ruth waren vielleicht die einzigen Ingredenzien des Films, die mich kurzfristig begeistern konnten und mich auch emotional ansprachen, aber wenn Frau Riemann eine Träne über die Wange kullert, während ihr Filmbruder ihr aus dem Abendgewand hilft - das ist in meinen Augen weder große Schauspielkunst noch großes Kino der Gefühle.