Anzeige:
Die Box


 

Januar 2004
Thomas Vorwerk
für satt.org

Die Träumer
The Dreamers

UK/F/I 2003

Die Träumer (The Dreamers) (R: Bernardo Bertolucci)

Regie:
Bernardo Bertolucci

Buch und
lit. Vorlage:
Gilbert Adair

Kamera:
Fabio Cianchetti

Schnitt:
Jacopo Quadri

Musik:
Janice Ginsberg

Darsteller:
Michael Pitt (Matthew), Eva Green (Isabelle), Louis Garrel (Theo), Robin Renucci (Vater), Anna Chancellor (Mutter), Jean-Pierre Leaud, Jean-Pierre Kalfon

116 Min.

Kinostart:
22. Januar 2004

Die Träumer
The Dreamers



Die Träumer (The Dreamers) (R: Bernardo Bertolucci)

Die Träumer (The Dreamers) (R: Bernardo Bertolucci)

Die Träumer (The Dreamers) (R: Bernardo Bertolucci)

Die Träumer (The Dreamers) (R: Bernardo Bertolucci)

Die Träumer (The Dreamers) (R: Bernardo Bertolucci)

Nach und nach grast Bernardo Bertolucci die interessanten Zeitpunkte des 20. Jahrhunderts ab, und diesmal verschlägt es ihn wieder nach Paris, wo er unter anderem schon 1972 "Den letzten Tango …" inszenierte. Diesmal ist das Jahr 1968 dran, die Schließung der Cinémathèque Française durch de Gaulles Kulturminister Malraux und die in den selben Tagen stattfindenden Studentenunruhen. Der Amerikaner Matthew verliert sich mit den französischen Geschwistern Isabelle und Theo in der Wohnung derer abwesenden Eltern, zwischen Filmrätseln und sexuellen Ausschweifungen. Es ist offensichtlich, daß Bertolucci mit seinen jungen Darstellern bei der skandalträchtigen Inszenierung, die nicht nur die Jugendtage des Buchautoren Gilbert Adairs, sondern auch die Bertolucci rekonstruieren soll, mindestens soviel Spaß gehabt haben muß wie seinerzeit mit Marlon Brando und Maria Schneider (die ebenfalls vor lauter Sex kaum vor die Tür kamen).

Für Filmfreunde ist es natürlich relativ unergiebig, Bertolucci dabei zuzusehen, wie er nach dem Liv Tyler-Vehikel "Stealing Beauty" eine weitere Altherrenphantasie mit viel Fleischbeschau arrangiert, "The Dreamers" ist aber vor allem auch eine Filmphantasie. In den Filmrätseln und -anspielungen erweckt Bertolucci alte Zeiten und Filme wieder zum Leben. Die Bewegungen der Garbo in "Queen Christina" werden durch eingeschnittenes Filmmaterial noch lediglich parallelisiert, aber wenn der Dauerlauf durch den Louvre nachgespielt wird, schneidet Bertolucci direkt in die Originalbilder aus Godards "Bande à part" (dt.: Die Außenseiterbande) hinein, und Original und Fälschung vermischen sich aufs vorzüglichste. Ähnlich gelungen ist die Einbindung von unterschiedlichsten Filmen wie "The Girl can't help it", "Scarface", "Freaks", "Top Hat" und natürlich "A bout de souffle" …

Ob jedoch Dauer-Filmquiz und -Fleischbeschau, verquirlt mit einem ganzen Batzen Nostalgie reichen, um das ganz normale Publikum zu befriedigen, ist mehr als fraglich.

"Die Träumer" geizen nicht mit guten Ideen, mein ganz besonderer Liebling Jean-Pierre Leaud etwa ist teilweise in Dokumentaraufnahmen und dann wieder in nachgedrehten Szenen zu sehen, wie er Flugblätter vor der Cinémathèque verteilt und Parolen skandiert …

Einige Szenen sind durchaus besser als im Buch, etwa die Rückkehr der Eltern oder der Selbstmordversuch, aber Adair erklärte ja selbst, daß es sich um zwei unabhängige Werke handelt, und so verwundert es auch kaum, daß nur in einer der zwei Versionen eine der Hauptfiguren stirbt.

Was man jedoch vermisst, ist das Mitempfinden mit den Figuren, fast durchgehend fühlt man sich einem Film im Film gegenüber, und dadurch doppelt distanziert von den Bildern auf der Leinwand. Mein Verdacht ist, daß Bertolucci einfach schon zu alt ist, um einem die Jugend nahezubringen. Er wird aber nie zu alt sein, um seine Begeisterung für das Kino an das Publikum weiterzugeben. Und allein dafür lohnt es sich, diesen Film anzuschauen - selbst, wenn man Bertoluccis Fetisch für weibliche Blutungen nicht teilt.