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Die Box


 

August 2003
Benjamin Happel
für satt.org

Liegen lernen
D 2002

Liegen lernen (R: Hendrik Handloegten)

Buch
und Regie:
Hendrik Handloegten

Lit. Vorlage:
Frank Goosen

Kamera:
Florian Hoffmeister

Schnitt:
Elena Bromund

Musik:
Dieter Schleip

Darsteller:
Fabian Busch (Helmut), Susanne Bormann (Britta), Fritzi Haberlandt (Gisela), Sophie Rois (Barbara), Anka Lea Sarstedt (Gloria) Birgit Minichmayr (Tina), Florian Lukas (Mücke), Heinz Schubert (Onkel Bertram), Uwe Rohde (Kneipier)

Kinostart:
4. September 2003

Liegen lernen




Liegen lernen (R: Hendrik Handloegten)

Teenager, die sich in den 80er Jahren verlieben. Kein neues Thema, denkt man zu Beginn von Hendrik Handloegtens neuem Film Liegen lernen, wird man doch vor allem im deutschen Kino momentan mit mehr oder minder nostalgischen Coming-of-age Geschichten unterschiedlicher Qualität überhäuft, die vor allem die Sehnsucht nach der jüngeren Vergangenheit verbindet. Dankenswerterweise begibt sich Handloegten in seiner Verfilmung des Romans von Frank Goosen nicht allzu tief in unnötige Wiederbelebungsversuche einer Epoche, sondern nutzt jene - hier gleicht er ein wenig Benjamin Quabeck und seinem zweitem Spielfilm Verschwende Deine Jugend - eher als Matrix, auf der sich die immer ähnliche Geschichte vom Erwachsenwerden und Verlieben erzählen lässt. Helmut (Fabian Busch) steht kurz vor dem Abitur in einer mittelgroßen westdeutschen Stadt, und die Abiturfahrt nach Berlin eröffnet ihm erstmals einen Ausblick auf all das, was es außerhalb der Stadtmauern seiner Kindheit noch geben könnte. Zeitgleich findet er - oder glaubt dies zumindest - seine große Liebe Britta (Susanne Bormann), die allerdings direkt nach dem ersten romantischen Beischlaf nach Amerika geht und von dort weder allzu bald zurückkehrt, noch den enttäuschten Helmut auch nur eines Briefes würdigt.



Liegen lernen (R: Hendrik Handloegten)

Liegen lernen (R: Hendrik Handloegten)

Liegen lernen (R: Hendrik Handloegten)

Liegen lernen (R: Hendrik Handloegten)

Liegen lernen (R: Hendrik Handloegten)

Liegen lernen (R: Hendrik Handloegten)

Liegen lernen (R: Hendrik Handloegten)


Liegen lernen erzählt von dem langsamen Prozess, in dem Helmut sich löst von seiner mehr und mehr idealisierten Jugendliebe, einem Prozess, in dem er lernt, Verantwortung zu übernehmen und auch zu missbrauchen und schließlich glücklich in einer Beziehung landet, die kurz vor der Familiengründung steht. Es mag ein Verdienst des Films sein, dass dieser Inhalt ein in der Tat relativ realistisches Bild eines aufwachsenden jungen Mannes in seinen Zwanzigern zeichnet, aber dennoch wirkt vor allem im Vergleich Liegen lernen etwas bieder und spannungsarm: Während beispielsweise Daniel Brühl in Nichts bereuen einen Charakter spielte, der es in seiner Kantigkeit und Unentschlossenheit dem Zuschauer schwer machte, ihn nachzuvollziehen, bleibt Helmut in seinem Handeln stets voraussehbar. Genau jene schwer nachvollziehbaren Entscheidungen Brühls aber, die Entscheidungen, zu tun was man will und schließlich "nichts zu bereuen" machten jenen Films zu einem so überzeugenden Charakterporträt. Brühls Charakter besaß Tiefe und Dreidimensionalität, und beide Eigenschaften gehen den Figuren in Liegen lernen zu sehr ab. Helmut gleitet durch sein Leben und seine Beziehungen, ohne wirklich zu lernen, weder das Liegen noch das Lieben noch den Umgang mit Menschen.

Helmut sucht lange nach seinem Glück: bei verschiedenen Frauen, in verschiedenen Städten. Immer wieder in Berlin, wo all die Erinnerungen an seine Jugendliebe hängen. Und wenn Helmut jene Britta, die ihn vor so langer Zeit verließ, schließlich im Berlin der Wendezeit mehr oder weniger zufällig wieder trifft, stellt er fest, dass all sein Sehnen doch nur das Herbeiwünschen einer so nie dagewesenen Vergangenheit war. Warum jedoch, so fragt man sich unweigerlich, wenn der Protagonist sein Glück am Ende ausgerechnet bei Frau und Kind in der kleinen Heimatstadt in der er schon sein Leben lang wohnte findet, warum bedurfte es einer so ausführlichen Suche? Ist Liegen lernen womöglich geprägt von der zutiefst konservativen Lebensauffassung, die schon Dorothy im Zauberer von Oz vor 60 Jahren dazu brachte, zu erkennen: "There's no place like home"? Sind all die Erfahrungen, die der Protagonist macht, wirklich nur dafür gut, am Ende sublimiert zu werden in genau der bürgerlichen Existenz, der sich Brühl in Nichts bereuen so vehement und beharrlich verweigert? Liegen lernen ist zwar ein durchaus sympathischer Film, man verfolgt die Geschichten, die er erzählt nicht ungern, aber dennoch bleibt er in einem Universum bodenständiger Träume und Probleme gefangen. Helmut ahnt in Berlin, was das Leben für ihn bereit halten könnte, er entscheidet sich aber - und mit ihm der Film - für die sichere Variante spießbürgerlicher Existenz.

Trotz dieser Schwächen in der Zeichnung des Protagonisten und seiner Lebensplanung hat auch Liegen lernen seine Stärken: Der Humor des Films funktioniert ganz wunderbar über die Nebenfiguren, deren einfache Charakterzeichnung weniger stört als die des Protagonisten: Da ist beispielsweise die Sportreporterin, mit der Helmut eine Affäre hat, und deren brüsker Charme eine treffend gezeichnete, genau beobachtete Karikatur ist. Oder aber Gisela, eine andere Freundin Helmuts, deren Verzweifeln an Helmuts Untreue ganz und gar glaubhaft und einfühlsam geschildert wird. Hätte das Team um Handloegten ein wenig mehr jenes Talent der Charakterzeichnung auf ihre Hauptfigur angewandt, Liegen lernen wäre ein überzeugenderer Film geworden.