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Die Box




Dezember 2001
Benjamin Happel
für satt.org

Nichts bereuen
D 2001

Benjamin Quabeck: Nichts bereuen

www.nichtsbereuen.de

Regie:
Benjamin Quabeck

Buch:
Hendrik Hölzemann

Kamera:
David Schultz

Schnitt:
Tobias Haas

Musik:
Lee Buddah

Darsteller:
Daniel Brühl, Jessica Schwarz, Denis Moschitto, Marie-Lou Sellem, Josef Heynert, Sonja Rogusch


Benjamin Happel, Autor dieser Filmkritik, würde sich über einen Besuch seiner eigenen Internetpräsenz freuen:
www.filmkritiken.org



Nichts bereuen



Die Filmmusik spielt weiter, aber plötzlich hören wir die Darsteller nicht mehr sprechen. Nur ihre Lippen bewegen sich noch, der von ihnen gesprochene Dialog ist untertitelt. Nur für die Dauer einer kurzen Sequenz, das erste Zusammentreffen zweier der Protagonisten. Eine so schöne Metapher hat es lange nicht gegeben im deutschen Film für das Gefühl des Verliebtseins, für die leichte, so schwer zu erklärende

Verschiebung der Wahrnehmungsebenen, die leichte Irritation des In-der-Welt-Seins, die im Augenblick der ersten Begegnung geschieht. Ein wenig schade, daß Nichts bereuen, der Debutfilm von Benjamin Quabeck, die Erwartungen nicht ganz einhalten kann, die diese eine Szene alleine zu wecken vermag.

Der Protagonist des Films, Daniel (Daniel Brühl) wird erwachsen. Das ist es, wovon Nichts bereuen erzählen will, nicht viel mehr. Daniel ist unglücklich verliebt in Luca (Jessica Schwarz), schon seit seinem 15. Lebensjahr an. Weil Luca ihn entweder ignoriert oder Daniel, wenn sich denn Gelegenheiten bieten würden, ihre bis dato relativ platonische Beziehung zu vertiefen, zu schüchtern ist, dies auch zu tun, verabschiedet sich Luca irgendwann nach Amerika und Daniel bleibt alleine zurück. Alleine mit seiner neuen Zivildienststelle, nachdem er seine alte in der Dorfkirche verloren hatte, da er sich, um Luca zu beeindrucken, dort selbst gekreuzigt hatte, ein Spruchband neben sich: "Luca, ich liebe dich!" Seine Vorgesetzte in der neuen Stelle ist es, mit der die eingangs erwähnte Szene sich abspielt, Anna (Marie-Lou Sellem) eine selbstbewußte junge Krankenschwester.

Nichts bereuen baut zu Beginn einen meist sympathischen, ewig suchenden Protagonisten auf, dem sich das Erwachsenwerden als Abfolge unzähliger Hürden in den Weg wirft. Wenn der Film anfangs wunderbar unterhält und leicht erzählt, so liegt das an dem scharfen Auge, mit dem vor allem die Nebenfiguren gezeichnet werden, der überforderte alleinerziehende Vater, dessen einziger Zugang zu seinem Sohn seine Videokamera bietet, könnte einem frühen Film von Atom Egoyan wie Speaking Parts entstammen, auch der von der Welt enttäuschte Pfarrer ("Da kommen die Leute in die Kirche, um gemeinsam zu singen, und wenn nicht jeder ein eigenes Gesangsbuch hat, schlagen sie sich gegenseitig die Köpfe ein") ist eine beißende Karikatur bundesrepublikanischer Wirklichkeit. Dieses scharfe Auge jedoch verschwindet mit der Zeit und macht Platz für das Klischee. So ist es natürlich der beste Freund des Protagonisten, der seine Angebetete letztendlich verführt; ebenso natürlich scheint der erste Sex das einzige zu sein, das im Leben des Protagonisten von Bedeutung ist.

Nichts bereuen heißt der Film, und dieses Motto wird vom Protagonisten selbst auch gen Ende postuliert. Nachdem er sich um all seine scheinbaren Ziele zu erreichen, zum Tankstellenräuber gewandelt und fahrlässig den Tod eines über die Zivildienststelle versorgten alten Mannes zu verschulden hat, wird er vom Richter nach Reue gefragt. Nichts bereut er, sagt Daniel.

Carpe diem, neu interpretiert ganz im Sinne eines falsch verstandenen Michael Endes. Tu was du willst. Er habe es tun wollen, solange er es noch wollte, sagt er dem Richter. Wo nun die wirkliche Motivation Daniels gelegen haben mag, für sein Handeln, darüber läßt uns der Film leider genauso im Dunkeln wie über die Motive der anderen Personen. Was beispielsweise Anna an Daniel so überaus anziehend findet, daß selbst, nachdem er mit ihr geschlafen hat, nur um sofort danach zur inzwischen aus Amerika wiedergekehrten Luca mit den Worten "er könne es jetzt auch" zurückzukehren, sie ihm -zumindest deutet der Film dies an- noch eine Chance gibt, bleibt gänzlich unerklärt. Lediglich ein kleiner Hinweis wird gegeben. Was Daniel den ganzen Film über sucht, ist Liebe in all ihren Formen, auch der elterlichen. Emotional gänzlich abgespalten vom Elternhaus sucht er in Anna eine Art Ersatzmutter, wenn diese ihn über seine Probleme mit Luca hinwegtröstet, in dem alten Mann, für dessen Tod er sich letztendlich verantwortlich zeigen wird, sucht er einen Ersatzvater, wenn er die ganze Nacht mit ihm trinkt, raucht, und über "die Frauen" spricht. Ist Nichts bereuen somit vielleicht eine Art ödipales Drama, letztendlich schläft der Protagonist mit der "Mutter" und tötet den "Vater"? Oder wird möglicherweise einfach ein im Grunde strikt konservatives Weltbild gezeichnet, das den Verlust der elterlichen Liebe als Kern zu einer sozial weniger anerkannten Entwicklung darstellt?

Ein Film jedenfalls, so viel scheint klar, der trotz seiner manchmal oberflächlichen und klischeehaften Darstellung der Charaktere vielschichtig genug ist, um verschiedene Deutungsansätze zuzulassen, und der auch und vor allem auf Seiten der filmischen Mittel ein großes Können beweist, das auf weitere Werke gespannt sein läßt.