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Die Box




Oktober 2002
Thomas Vorwerk
für satt.org

Minority Report
USA 2002

Minority Report

Regie:
Steven Spielberg

Buch:
Scott Frank, Jon Cohen

Lit. Vorlage:
Philip K. Dick

Kamera:
Janusz Kaminski

Schnitt:
Michael Kahn

Musik:
John Williams

Darsteller:
Tom Cruise (John Anderton), Colin Farrell (Danny Witwer), Samatha Morton (Agatha), Max von Sydow (Lamar Burgess), Lois Smith (Dr. Hineman), Peter Stormare (Dr. Eddie), Steve Harris (Jad), Kathryn Morris (Lara Clarke), Scott Frank (Conceited Costumer in Mall)


Minority Report


Nachdem Steven Spielberg in den ersten zehn Jahren seiner Kinokarriere mit „Close Encounters of the Third Kind“ und „E.T. - The Extra-Terrestrial“ gleich auch noch ziemlich gelungene und außerordentlich erfolgreiche Science-Fiction-Filme gedreht hatte, folgte lange Zeit nichts ähnliches. Die Saurier aus den „Jurassic Park"-Filmen schienen das einzige Element der „Zukunft", daß den Regisseur zu interessieren vermochte.



Minority Report

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Nun folgt nach „A.I.“ bereits sein zweiter SF-Film in Folge, diesmal nach einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick, eines der renommiertesten Autoren dieses Genres, der ja auch schon die Vorlagen zu „Blade Runner“ und „Total Recall“ lieferte. Man mag sich fragen, woran dies liegt.

An den seit „Jurassic Park“ immer größeren Möglichkeiten, mithilfe der Computertechnologie überzeugende Bilder auch der Zukunft herstellen zu können?

Doch so „überzeugend“ wie seine Saurier wirken zumindest einige einer Technologie der Zukunft entsprungenen Elemente dieses Films nicht unbedingt …

Man mag sich auch noch erinnern, daß der größte Erfolg Spielbergs bei den Kritikern ein Schwarzweiß-Film war, der menschliche Tragödien nachzuzeichnen versuchte, statt mit Special Effects aufzutrumpfen. Und „Schindler's List“ war auch der letzte durchweg überzeugende Film des einstigen Wunderkinds Hollywoods.

"Minority Report“ vermag einen lange Zeit zu fesseln, zu verwundern und zum Nachdenken anzuregen, doch wie schon bei „A.I.“ vollbringt Spielberg auch hier das Kunststück mit dem Ende des Films vieles kaputt zu machen.

ANFANG DES SPOILER-ABSCHNITTS

Kai Mihm schreibt dazu im „epd-Film“ (10/2002, S. 26):

"Und in beiden Filmen folgt auf die Momente der Hilflosigkeit eine Phase der spirituellen Erneuerung, die in utopische Schlußbilder mündet. Dem Kritiker-Mainstream ist das stets bitter aufgestoßen, obwohl sich diese humanistische Haltung wohltuend abhebt vom Zynismus des internationalen Action-Kinos."

Schöne Worte, denen ich aber nicht zustimmen kann, denn eher scheint es mir, als sei speziell das mainstream-artige Happy End von „Minority Report“ ein „Moment der Hilflosigkeit", was die eigene Stimme des Regisseurs angeht. Was hier als „Humanismus“ verkauft wird, kam mir nur wie eine zynische Parodie solcher „Werte“ vor. Traumatisierte Familien bekommen einen neuen Anfang, durch Bilder und den Staat gepeinigte Wesen dürfen am Kaminfeuer alte Schmöker lesen. Daß das mit den zwei Stunden zuvor so gut wie unvereinbar ist, interessierte den Regisseur offenbar überhaupt nicht.

ENDE DES SPOILER-ABSCHNITTS

Aber fangen wir noch mal von vorne an.

John Anderton (Tom Cruise) ist ein hochdekorierter Cop, der für das bisher nur in Washington instituierte „Department of Precrime“ arbeitet. Mithilfe dreier begabter Seher, der sogenannten „Pre-Cogs", ist man im Jahre 2054 in der Lage, Morde vorherzusehen. Anderton und seine Leute versuchen dann vor der tat einzuschreiten und die potentiellen Mörder werden weggeschlossen. Demnäcsht soll ein Volksentscheid darüber abstimmen, ob das in fünf Jahren bewährte System auf die gesamten Vereinigten Staaten angewandt werden soll. Doch während ein Untersuchungsausschuß des CIA dem Department nochmal auf die Finger schaut und Anderton selbst einige Zweifel an der Rechtfertigung dieses perfekten Systems kommen, wird der Ermittler selbst zum nächsten potentiellen Täter, wobei ihm das Opfer nicht einmal bekannt ist.

Während sich Anderton sicher ist, daß er keinen Mord begehen würde und er nun herausbekommen will, wer ihn auf welche Weise hereinzulegen versucht, weiß der Zuschauer schon recht früh, was wahrscheinlich die Motivation der Bluttat sein wird, und welche Person prädestiniert dafür ist, der Drahtzieher zu sein.

Dennoch ist der Film bis zum Schluß sehr spannend, weil das bereits Sophocles vertraute narrative Element, eine offenbarte Zukunft verändern zu wollen, natürlich wie ein Uhrwerk all jene Schritte bestimmt, die Anderton unternimmt, um das perfekte System zu durchbrechen. Doch bis es soweit kommt, nimmt der Film einige Umwege in Kauf, die nicht immer zu seinem Vorteil sind. Die Episode mit H&M-Model Peter Stormare scheint direkt von „Blade Runner“ inspiriert zu sein, eine andere Kapriole im Gewächshaus bringt nur eine weitere potentielle Drahtzieherin ins Spiel, überzeugt aber ebensowenig.

Für einen Film, dessen treibende Kräfte nach großen Autoren der Kriminalgeschichte benannt wurden (die Pre-Cogs heißen Agatha, Arthur und Dashiell), ist es besonders niederschmetternd, daß die Auflösung des großen „Whodunit“ in jeder „Matlock"-Folge überzeugender an den Mann gebracht wird.

"Minority Report“ hat viele Momente der Genialität, viele visuelle und andere gute Ideen, der Film kann teilweise mit einigen der spannendsten und intellektuellsten Action-Thrillern der letzten Jahre mithalten (ich meine z.B. „The Matrix“ oder „Memento"), doch zu auffallend sind auch seine Schwächen, die zwar nicht die herausragenden Leistungen des Films vergessen lassen, aber dennoch einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen.