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René Kemp: Dich gibt's nur dreimal für mich




14. September 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


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Mittwoch, der 11. September 2019
plus Nachlieferungen (Woche 33-37)


Grundsätzliche Infos zu dieser Rubrik findet Ihr auf unserer Erklärseite!



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11. September 2019 (Woche 37)
(»Ground Zero«)



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Dienstag, den 10. August, kurz nach 3 Uhr:

Der heutige Dienstag war schon langfristig mit Kino verplant gewesen, deshalb war abzusehen, dass ich abermals bereits in den Bereich des nächsten NCBD reinrutschen würde. Aber man muss kein Donaldist sein, um zu begreifen, dass man Scheitern immer auch als Chance sehen muss. Also: einfach noch eine Woche dranhängen und mit einigen brandneuen Kritiken gleich aus dem Verpassen von Deadlines eine ungeahnte Aktualität basteln.

Donnerstag, den 12. August, kurz vor Mitternacht:

Nur ein bisschen blöd, wenn man feststellen muss, dass der Output gleich in zwei aufeinanderfolgenden Wochen eher mau ausfällt. Nicht meiner (und wenn, hätte ich damit auch kein Problem), sondern der der US-Publisher. Deshalb sieht es aktuell nach einer etwas anderen (zwangsauferlegten) »Pausenwoche« aus (ich behalte mir aber das Recht vor, doch noch etwas zu entdecken...)


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Vorläufiger enttäuschender Ausblick auf Woche 37 (gelesen und nicht für »rezensionswürdig« erachtet - wobei ich aber auch Wiederholungen zu vermeiden versuche [siehe Sabrina] und hier und da lieber auf ein späteres, aussagekräftigeres Heft warte [siehe Batman, Immortal Hulk oder die Year of the Villain one-shots]):
Batman #78, Chainsaw Reindeer #1 (one-shot), Ghosted in L.A. #3, Gogor #5 (of 5), Gotham City Monsters #1 (of 6), Hashtag Danger #5* (of 5), Immortal Hulk #3 - Director's Cut, King Thor #1 (of 4), The Orville #3, Pandemica #1, Powers of X #4 (of 6), The Riddler: Year of the Villain #1 (one-shot), RWBY #2** (digital only), Sabrina: The Teenage Witch #5 (of 5), Starcadia Quest #1 (nicht zuende gelesen), Trees: Three Fates #1, True Believers: Hulk - Gray Hulk returns #1 und True Believers: Hulk - Mindless Hulk #1.
*Zitat der Woche: »I know. I didn't really plan on taking it that far -- but it just kept getting funnier and funnier.« (auch unabhängig von der Metaebene ein tolles Zitat)
**Bonuszitat der Woche: »Big girls do not lose their temper every time a bird insults their mother.«

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4. September 2019 (Woche 36)
(magere Komplettlieferung)



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Donnerstag, den 5. September, kurz nach 3 Uhr:

Eigentlich war es gar nicht meine Absicht gewesen, die aktuelle Woche gleich komplett abzuarbeiten, abermals zwei »Rutschen« waren vorgesehen gewesen. Doch dann habe ich unvorbereitet einen freien Tag bekommen und kurz darauf musste ich feststellen, dass die Veröffentlichungen des aktuellen NCBD nicht meinen Qualitätsansprüchen gerecht wurden (bisher ein Dutzend Hefte gelesen, und nur Usagi Yojimbo #4 war wirklich gelungen). Ab und zu schreibe ich auch gerne mal einen Verriss, aber ich muss irgendwo in mir das Verlangen verspüren, mich mit dem Material auseinandersetzen zu wollen. Und daran fehlte es diese Woche deutlich, also wird die Berichterstattung mal etwas runtergetrimmt und dafür ist der Abschluss hoffentlich schneller erreicht.


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  Usagi Yojimbo #4

Usagi Yojimbo #4

Writer, Artist, Cover, Letterer: Stan Sakai; Colorist: Tom Luth; IDW Publishing; $ 3,99

Seit gefühlt 30 Jahren beschäftigt sich Stan Sakai hauptberuflich mit den Abenteuern eines schwertkämpfenden Karnickels. Rein graphisch hat er seinen Höhepunkt schon vor längerem erreicht und hält jetzt größtenteils einfach diesen Level (auch, wenn das Cover diesmal wieder ziemlich großartig geraten ist, wie es mit japanischen Traditionen spielt). Wo er sich aber noch Platz für Verbesserungen freihält, ist bei seiner Arbeit als Autor. Das zeigt Heft 4 der neuesten Serie recht hübsch.

Der Neubeginn bei IDW begann mit einem actionbetonten Dreiteiler, Heft 4 scheint (zumindest für uneingeweihte Leser) die Latte noch ein Stück höher zu setzen. Gegen eine Horde Zombies (natürlich Samurai-Zombies) tritt unser Held an, und eine damsel in distress muss gerettet werden.

Bis sich die ersten sechs Seiten als Geschichte-in-der-Geschichte offenbaren, ein schriftstellerischer Erguss der Lady Mura, bei dem zunächst nicht ganz klar ist, ob Usagi-Yan der Held ist oder er sich als Leser nur in diese Rolle versetzt.

So oder so ist relativ schnell klar und kaum zu übersehen, dass die zwei Realitätsebenen sich spiegeln. Außerdem wirkt es so, als hätte Sakai diese und eine weitere Action-Sequenz nur deshalb eingebaut, damit er im restlichen Heft eine subtile Liebesgeschichte mit runtergefahrenem Tempo entwickeln kann (Asiaten bevorzugen ja oft ehrenvolle Zurückhaltung gegenüber dampfender Leidenschaft).

Usagi Yojimbo #4

© 2019 Stan Sakai, Idea & Design Works, LLC. All rights reserved.

Noch ehrenhafter als der Held in Lady Muras Geschichte wächst unser langohriger Ronin über sich hinaus, zeigt sich äußerst geschickt im Ungang mit diplomatischen Finessen, während er sich faktisch den Befehlen des Mannes der Frau, die er begleitet, widersetzt. Natürlich ganz in ihrem Sinne.

Der übersprudelnde Enthusiasmus, den Lady Mura wie ihre Romanfigur im Umgang mit "ihrem Helden" von sich gibt, lässt mich ein wenig ihre zweifelsfreien Beweggründe misstrauen, aber das wird sich erst im zweiten Teil der Story zeigen.

Heft 4 endet damit, dass Usagi eine Nacht in einem alten Tempel mit Lady Mura verbringt (vorerst mit deutlichem Abstandsabstand) und die Geschichte weiterlesen will. Ob der nächtliche Angriff mit Schwertern zu Realitätsebene 1 oder 2 gehört, ist nicht komplett sicher.

Dass ich Heft 5 als eines der frühesten des entsprechenden NCBD lesen werde, ist aber schon sehr sicher.


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  Archie #707

Archie #707

Writers: Nick Spencer & Mariko Tamaki; Artist, Cover: Jenn St-Onge; Letterer: Jack Morelli; Colorist: Matt Herms; Archie Comic Publications; $ 3,99

Seit Riverdale genießen die Archie ein nie geahntes Interesse, was nicht zuletzt auch daran liegt, dass man sich vor Jahrzehnte lang traditierten entfernt hat und heute solche Zeichner*Innen wie Fiona Staples oder Adam Hughes, gepaart mit talentierten Autor*innen, auf das Archierversum loslässt (und ich persönlich interessiere mich so gar nicht auf die zahlreichen Crossover mit Predator, Red Sonja oder irgendwelchen Zombies etc.

Bei diesem Crossover greift man zumindest auf die eigenen Figuren des Archie-Verlags zurück. Ich bin da kein Experte, aber Sabrina, die analog zu Riverdale jetzt auch ihre eigene Netflix-Serie mit Kiernan »Sally Draper« Shipka hat, ähnelte den Archie Comics meiner Erinnerung nach mal ähnlich stark wie die Jetsons ein wenig so wirkten, als wären irgendwelche Nachbarn der Flintstones bei einem Maskenball.

Wenn man aber hippe Zeichner auf diese Figuren (also Archie und Sabrina) loslässt, wird das uralte Thema der »Teenagerliebe« (bitte unbedingt singen wie bei den Ärzten) gleich um einiges interessanter. Während Sabrina the Teenage Witch in ihrer eigenen Comic-Miniserie stark der Hauptdarstellerin der Fernsehserie nachempfunden ist (und es da auch deutlich mehr Hexerei und Zauberwesen gibt), hat mich die mir zuvor unbekannte Jenn St-Onge (gemeinsam mit der tollen Kolorierung von Matt Herms) durch ihren ganz eigenen Stil in mein Herz gespielt...

Kurz ein paar Worte zur seltsamen Numerierung: Nachdem Mark Waid 2015 die Archie-Hefte wieder aufleben ließ und man auf eine Neu-Numerierung setzte, ging man dann kurz vor dem 700er-Jubiläum zurück zur alten Zählweise. Ich habe noch nicht alle Hefte nachgeholt, aber dass die »Serie in einer Serie« mit der 705 beginnt, wirkt ein wenig wie eine Misswirtschaft. Zwar gibt es dort einen vierseitigen Flash-Forward-Auftritt von Sabrina nebst eines romantischen Kusses, aber die eigentliche Geschichte beginnt erst in Archie #706 (aka »Archie & Sabrina« #2). Und auch erst ab dem »zweiten« Teil stoßen Zeichnerin St-Onge und Co-Autorin Mariko Tamaki zu Langzeitautor Nick Spencer (The Astonishing Ant-Man) hinzu - und verändern die Serie auch maßgeblich!

Die #706: Es ist Sommer in Riverdale, Archie und die neu zugezogene Sabrina sind allein und langweilen sich - und finden sich unabhängig voneinander in einer Kinovorstellung von Grease. Sie sind zwar kurz im selben panel zu sehen, treffen aber noch nicht aufeinander... haben aber mit »Summer Lovin« den selben bedeutsamen Ohrwurm erwischt. Es folgt eine beinahe übernatürliche Gefahr in der Sommernacht, vor der Sabrina Archie rettet (der Übergang zu Heft 707 wurde bereits vollzogen), und mit den üblichen Spielereien werden Sabrinas besondere Kräfte heruntergespielt und geheimgehalten, während es trotzdem alle Nase Anspielungen darauf gibt. Und abgesehen davon, dass die beiden Hauptfiguren unzähligen Generationen von Comiclesern (und ein paar Fernsehzuschauern) bekannt sind, entspinnt sich einfach eine kleine Sommerliebe. Nothing more and nothing less -so far.

Archie #707

© Archie Comic Publications, Inc. All rights reserved.

Kinoausflug, Pommes und Eiscreme, ein etwas anachronistisch wirkender Ausflug in eine Videospiel-Arcade, bis auf einen etwas angestrengt für visuelle Abwechslung sorgenden Gang zu einem Kostümverleih hat das ganze eine Leichtigkeit, die an Tamakis frühe Arbeiten wie Skim und This one Summer mit ihrer Cousine Jillian erinnern. Man mag es positiv, negativ oder ohne weitere Bedeutung werten, aber hier geht im Gegensatz zu Harley Quinn: Breaking Glass (siehe weiter unten) auch alles altmodisch heterosexuell vonstatten.

Männliche Comicleser haben ja Generationen lang öfters mal die Nase gerümpft über die sogenannten romance comics, aber wenn man das vernünftig angeht (und nicht wie ein Lichtenstein-Gemälde), hat dieses Genre mindestens die selbe Existenzberechtigung wie jeder Western, Ausflug ins funny animal-Gefilde oder die aus unerfindlichen Gründen so vorherrschenden Superhelden, die mehr als alles andere das Bild eines ganzen Mediums für die breite Bevölkerung verzerren (in Deutschland ist es wegen des Erfolgs der Micky Maus nicht ganz so drastisch wie in den USA).

Alles, was ich in dieser Woche so an Sabrina-Comics gelesen habe, war in Relation zu anderen Veröffentlichungen ganz klar bei den Top 10-15% in Sachen Qualität und Unterhaltung. Wer das nicht wahrhaben will und sich lieber umfassend mit Absolute Carnage beschäftigt, verpasst was.

'Nuff said.


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  Legion of Superheroes: Millennium #1

Legion of
Superheroes:
Millennium #1
(of 2)

Writer: Brian Michael Bendis; Artists: Dustin Nguyen, Andrea Sorrentino, & André Lima Araújo; Penciller: Jim Lee; Inker: Scott Williams; Cover: Ryan Sook; Colorists: Alex Sinclair, John Kalisz, Dave Stewart & Jordie Bellaire; Letterer: Dave Sharpe; DC Comics; $ 4,99

Die Legion of Superheroes ist so ein Franchise bei DC, das nicht kaputtzukriegen ist, das aber seit seinen Anfangszeiten auch nie wieder zum richtigen Renner avancieren konnte - und so folgt hier mit einer gewissen Regelmäßigkeit nach Ruhepausen immer wieder ein Reboot nach dem anderen. Ähnlich wie bei Star Trek besteht ein Problem in der nicht mehr zeitgemäßen utopischen Fortschrittsgläubigkeit, die dezidiert zum Tonfall der LSH gehört und nicht einfach weggelassen werden kann ohne irreparable Veränderungen hervorzurufen.

Einer meiner Comic-Dealer meint außerdem, dass er gewisse Berührungsängste hat, weil es so dermaßen viele Figuren gibt, mit denen man sich vertraut machen muss. Zum einen habe ich einen gewissen LSH-Background, der mir dies erleichtert (in den Ehapa-»Superalben« wurde man seinerzeit auch nicht müde, immer wieder einzelne Mitglieder im Modus eines Who's Who vorzustellen), zum anderen muss ich sagen, dass ich bei meinem X-Men-Neueinstieg Anfang des jahres ähnliche Probleme hat. Bei den Figuren, die einem besonders interessant erscheinen, kann man ja heutzutage einfach bei Wikipedia reinschauen, was man so wissen sollte (mache ich aber zugegeben selten)

Bevor die reguläre neue Serie beginnt, gibt es ein paar Gastauftritte der LSH in Heften wie Superman und Supergirl (offenbar will die LSH analog zum Silver Age Superboy als Mitgleid aufnehmen - nur, dass damit diesmal Supermans Sohn Jon gemeint ist) - und dann ist da noch dieser geheimnisumwitterte Zweiteiler, mit dem Brian Michael Bendis, einer der Chefautoren bei DC, die Leserschaft einführen will. Man hat dort die Möglichkeit, gemeinsam mit einer Figur die bunte Gemeinschaft der Superhelden kennenzulernen

Wie es heutzutage Usus ist, hat man ein riesiges Geheimnis um die Figur gemacht, die den Leser hier bei der Hand nehmen soll. Und man überwindet den zeitlichen Unterschied zur Ära, in der die LSH größtenteils auftritt (auch hier sieht man eine Ähnlichkeit zu Star Trek und TNG), indem diese junge Frau, die man auf dem Cover nur von hinten sieht, einfach mal feststellt, dass sie eine sehr große Lebensspanne hat (auch eine Art Superkraft, die man nur erst mal erkennen muss). Und in Millennium durchlebt sie dann eben mal ein Jahrtausend, wobei Bendis versucht, aus verschiedenen (unterschiedlich) bekannten Zukunfts-Strängen des DCU eine gewisse Chronologie zusammenzubauen.

Ein recht ambitioniertes Vorhaben, dass aber die Bedenken meines Comic-Dealers, dass es ihm zu kompliziert seit könnte, sich in diese neue Comicwelt hineinzufuchsen, nicht eben zerstreut, sondern nur noch mehr Zusatzwissen erfordert.

Ich probiere hier mal die innovative Herangehensweise, die Identität der Zeitenwanderin nicht zu offenbaren. Soviel sei gesagt: sie war mir so unvertraut wie jene Figur, die zu Beginn von Heroes in Crisis verstarb - wo man ein ähnliches Geschrei um die Identität einer Figur machte, wo man unbedingt das erste Heft kaufen sollte, um herauszufinden, um wen es sich handelt (in Zeiten des Internets und teilweise zahlreicher Reprints begehrter Heft auch nicht die überzeugendste aller Marketingstrategien). Ich nenne die »Geheimfigur« hier mal »Madame X« (ich weiß, Figuren mit ähnlichem Namen gibt es, aber diese Ähnlichkeit wird nicht angetastet).

Im von Jim Lee gezeichneten ersten Teil des ersten Heftes führt Madame X ein einführendes Gespräch mit einem älteren Supergirl, das offenbar inzwischen Präsidentin wurde. Aus welcher DC-Storyline diese Zukunft stammt, weiß ich nicht und habe es auch nicht nachgeschaut. Offenbar hat man entschieden, dass man so am einfachsten den typischen DC-Leser »zu Hause abholen« kann - was dann aber bedeuten muss, dass ich kein typischer DC-Leser bin. Schon, weil ich Jim Lee, der bei DC in der Führungsetage sitzt und immer wieder mal als Zeichner-Superstar eingesetzt wird, zu den überschätztesten Zeichnern weit und breit zähle (siehe zwei weitere Abqualifizierungen seiner Werke allein in diesem TVOD). Und ich von großen Doppelseiten mit Kloppereien mit diversen Nebenfiguren auch so ziemlich wenig halte.

It's off to a bad start already... Die von Dustin Nguyen (Descender) gezeichnete Begegnung mit Batman Beyond fand ich da schon interessanter, und besonders positiv würde ich dabei einschätzen, dass ich dabei durchaus Spaß hatte, obwohl es tatsächlich meine allererste Begegnung mit diesem Batman aus der Zukunft ist.

Ähnlich gelungen ist auch die Episode von Andrea Sorrentino, und habe ich zumindest ein schlechtes Gewissen, dass ich mich mit Kamandi zuvor nicht eingehend beschäftigt habe (immerhin funktioniert Millennium in beide Richtungen, man kann auch angetriggert werden, bei den Comics der Gaststars Neugier zu entwickeln). Bendis zeigt hier zwar keinerlei Respekt vor den auftretenden Nebenfiguren, aber gerade dies macht mich neugierig. Und Madame X entwickelt hier die interessanten Charakterzüge aus dem Treffen mit Zukunfts-Batman weiter.

Legion of Superheroes: Millennium #1

© 2019 DC Comics. All Rights reserved.

Klar am interessantesten fand ich das vierte Viertel des Heftes (deshalb stammt daraus auch das Bildbeispiel). André Lima Araújo war mir komplett unbekannt, sein Zeichenstrich ist eine seltsame Mischung aus Katsuhiro Otomo, Frank Quitely und Farel Dalrymple. Madame X trifft hier auf eine Art »Space Police«, die mir irgendwie leicht bekannt vorkommt, aber das letzte Mal, dass ich regelmäßig LSH-Spinoffs las (Legionnaires und L.E.G.I.O.N.), war jetzt auch Anfang bis Mitte der 1990er (also passenderweise im letzten Jahrtausend).

Trotz viel Action und Cliffhanger kann dieser Endteil des Heftes aber auch nicht über den Episodenstatus hinauswachsen, und ich gehe stark davon aus, dass der Cliffhanger nicht aufgelöst wird, sondern man in Millennium #2 einfach mit einem »And then...« fortfährt. Ähnlich wie die ganze Hickman-Chose wirkt auch dieses Bendis-Projekt auf mich wie ein arg aufgeblasener Hype. Ich werde zwar noch einige Hefte mitziehen, aber ich bin sehr skeptisch...


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Weitere gelesene Neuerscheinungen dieser Woche:
(it was a crappy week and I kept on reading as if it were a fight for my life...)
Absolute Carnage: Symbiote Spider-Man #1, Alpha Flight: True North #1, Amazing Spider-Man: Going Big, Archie #707, Archie & Friends: Back to School #1, Batman #181** (Facsimile Edition, 1st app. Poison Ivy), Batman vs. Ra's al Ghul #1, Battlepug #1, Berserker Unbound #2, Buffy the Vampire Slayer #8, DCeased: A Good Day to Die #1*, Everything #1, Ghost-Spider Annual #1, The Green Lantern #11*** (of 12), Harley Quinn & Poison Ivy #1 (of 6), House of X #4 (of 6), Lois Lane #3 (of 12), Sea of Stars #3, Something is Killing the Children #1, Space Bandits #3, Star Trek Discovery: Aftermath #1, Supergirl #33, Triage #1, True Believers: Hulk - Intelligent Hulk #1 & Web of Black Widow #1.
The best of the bunch: Usagi Yojimbo #4, Something is Killing the Children #1, Archie #707, Alpha Flight: True North #1 (second and third story), Absolute Carnage: Symbiote Spider-Man #1, Batman #181 (second story).
*Zitat der Woche: »Are your last words really going to be quoting Cher?«
**Bonuszitate der Woche: Bruce zu Dick: »Stop drooling! You're too young!«
Dick zu Bruce: »You'd better take a cold shower and forget about her, Batman!«
***Noch ein Zitat: »...Good to have confirmation on one thing...« - »Batman's a dick in every universe.«

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28. August 2019
(Woche 35, Restlieferung)



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  Harley Quinn: Breaking Glass

Harley Quinn:
Breaking Glass

Writer: Mariko Tamaki; Artist & Cover: Steve Pugh; Letterer: Carlos M. Mangual; DC Comics; $ 16,99

Vorweg: ich bin kein Fan der Figur Harley Quinn. Das Hin und Her zwischen Gut und Böse. Die vermeintliche sexyness der Comic-Gewalt. Und dann auch noch diese absurde Liebe mit dem Joker. Mal wieder so ein Fall, wo die Gunst der fanboys über die Eigenschaften einer Figur entschieden haben. Und nicht etwa nachvollziehbare psychologische Vorgänge. Verglichen mit Harley Quinn wirkt für mich selbst Two-Face wie eine Ausgeburt der Vernunft.

Aber ich mag Mariko Tamaki. Und war gespannt, wie Steve Pugh, ein Künstler, den ich von Comic-Serien wie Hellblazer und Animal Man kenne, wo er garstige Kampfhunde, missgestaltete Unterschichtler und dergleichen zeichnete, sich an einem so großen Projekt versuchen würde, das zudem auch noch für Young Adults gedacht ist.

Steve Pugh brilliert: Nicht nur lässt er seine zelebrierte Hässlichkeit, die quasi sein Markenzeichen war, einfach hinter sich. Er spielt hier auch mit einer sehr minimalistischen Farb-Herangehensweise. Lange Zeit ist alles nur Schwarz, Weiß und Blaugrau, mit der vor allem bei den captions genutzen Zusatzfarbe Rot. Dann gibt es mal Flashback, die viel mit Orange spielen. Und beim Blaugrau kommt eine Art dreckiges Gelb dazu, was schon fast einer heruntergefahrenen ganz speziellen eigenen Farbpalette entspricht. Für die Szenen rund um die Drag-Queens, bei denen die 15jährige Harleen Quinzel unterkommt, arbeitet Pugh auch mal mit einem knalligen Pink, wenn dann ein gewisser Joker mit ins Spiel kommt, dürfen Lila und Grün nicht fehlen.

Harley Quinn: Breaking Glass

© 2019 DC Comics. All Rights reserved.

Aber dass vieles wirklich hübsch anzuschauen ist (Pugh spielt auch viel mit dem Seitenlayout) ist nur die Krische auf dem Sahnehäubchen, denn Mariko Tamaki stellt ihren Kollegen durch ihre Arbeit als Autor ziemlich in den Schatten...

Wer sich fragt, wie eine 15jährige Harleen Quinzel sich (laut Buchtitel) schon Harley Quinn nennen kann (sollte sie nicht erst eine Ausbildung zur Diplompsychologin durchlaufen, ehe sie den Joker kennenlernt und sich von ihm beeinflussen lässt?), der wird schnell erkennen, dass Tamaki sich einen Young-Adult-Reboot zusammengebastelt hat, der die tradierte continuity nicht unbedingt mit Füßen tritt. Tamaki macht aus der durchgedrehten Psychopathin eine verwirrte Teenagerin, die zwar im Verlauf der Handlung auf den Joker und »Ivy« trifft, doch diese beiden Personen haben unterschiedlich wenig mit den etablierten DC-Figuren zu tun.

Tamaki bastelt eine sehr für Jugendliche geeignete, aber dennoch auch Erwachsene ansprechende Mischung aus Märchenklischees und Coming-of-Age-Story, angereichert mit gerade ausreichend DC-Historie, um die langjährigen Fanboys nicht zu vergrätzen. Ich bin mir nicht sicher, inwiefern das meiner Leserschaft weiterhelfen wird, aber Breaking Glass erinnerte mich vom Tonfall sehr an die Jugendbücher von Philip Ridley (Scibble Boy, Mighty Fizz Chilla, Mercedes Ice und viele andere), die auf ganz ähnliche Art Märchenmythen für urbane Teenprobleme uminterpretieren. Bei Breaking Glass geht Mariko Tamaki nur noch näher an die »normale« Alltagswelt heran.

Hier geht es um Unterdrückung von Minderheiten und (erneut) Gentrifizierung - und zwar Hand in Hand. Wie ein kleiner Tritt gegens Schienbein heißen die superreichen Schurken, die gern mit übergroßen To-Go-Kaffeebechern auftreten (ein Philip-Ridley-Detail, wie es nicht deutlicher sein könnte), ausgerechnet »Kane« mit Nachnamen, also wie der Batman-Schöpfer.

In den normalen Batman-Heften verziert man die Straßen Gothams gern mit den Namen der wichtigsten Batman-Künstler. Da gibt es den Finger Tower, die Robinson Avenue oder eben den Kane Plaza. Tamaki übernimmt dieses Detail, deutet es aber um. Very nice!

Harley Quinn: Breaking Glass

© 2019 DC Comics. All Rights reserved.

Nebenbei formt sie ihre Geschichte dann auch ganz nach den Themen, die sie ansprechen. Es geht um einen Filmclub in der Schule, der auch mal Filme von Regisseurinnen zeigen soll, Ivy kämpft als Schwarze, die Drag Queens kämpfen ihren Kampf und irgendwo mittendrin lernt auch Harleen, wofür es sich zu kämpfen lohnt und welche Mittel man dafür einsetzen sollte. Und weil das Ganze ein DC-Comic ist und man gewisse Erwartungen erfüllen muss, spiegelt die Young Adult-Umgebung auf ziemlich clevere Weise Details des DC Universums. Und zwar mit einer gewissen Lockerheit, aber ohne gleich die gesamte continuity ins Schwanken zu bringen.

Dadurch, und dies ist keine kleine Errungenschaft, funktioniert Breaking Glass sowohl für ganz neue Leser und Leserinnen (und um die geht es ja bei diesen Büchern), verprellt aber auch nicht die alten Fanboys, sondern liefert diesen eine Art »Elseworlds light«, die man in dieser geerdeten, sortierten Weise eher sehr selten findet. Und auch, wenn sich Breaking Glass einigermaßen entfernt von der ganzen Harley-Quinn-Hintergrund-Geschichte, wird die Figur keineswegs beschädigt, sondern - zumindest in meinen Augen - durchaus enriched. Also sozusagen The Best of Both Worlds.


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  Tangled the Series: Hair it is

Tangled the Series:
Hair it is

Writers: Leigh Dragoon & Katie Cook; Artists: Diogo Saito, Rosa la Barbera & Eduard Petrovich; Colorists: Vita Efremova & Ekaterina Myshalova; Designer: Christa Miesner; Letterer: Chris Dickey; IDW Publishing; $ 4,99

Wenn ich ein Franchise mag, dann lese ich auch gern die Comics dazu. Solange die gut gemacht sind. Und da ich ein Disney-Fan bin, mag ich auch Comics rund um Filme wie Frozen oder Tangled. Selbst, wenn ich in die Fernsehserie zu den Abenteuern von Rapunzel bisher sehr selten reingezappt bin. Dieser Text versteht sich auch stellvertretend für die Stärken und Schwächen vergleichbarer Disney-Ergänzungen in Comic-Form.

Zunächst mal muss ich sagen, dass das Artwork aller Ableger von Frozen, The Incredibles oder Monsters, Inc., derer ich so in den letzten Monaten habhaft wurde, durchweg von hoher Qualität ist. Man sucht sich Zeichner aus, die die Figuren gut hinbekommen, liefert dazu eine Kolorierung, die bunt und kindgerecht, aber auch Erwachsene überzeugt. Und rein graphisch sind die Ergebnisse schon mal um Klassen besser als das, was ich in der Kritik zu Exciting Comics #3 mit Bibi und Tina und ähnlichen Animationsserien verglich.

Auch bei den Geschichten gibt man sich Mühe. Leider ist es aber hier, ähnlich wie bei den Star Wars-Ablegern für junge Leser, so, dass man allzu stark die pädagogische Leitlinie des für Familienunterhaltung stehenden Disney-Imperiums sieht.

Ich freue mich, wenn man jungen Lesern bestimmte Erkenntnisse auf unterhaltsame Weise nahe bringt (siehe auch Harley Quinn: Breaking Glass weiter oben). Ich bin aber schon zu groß, um die immer wieder gepredigte Botschaft von Familie und Freundschaft in einer Weise zu rezipieren, die mir nicht als innovativ oder zumindest mit einer gewissen neuen Herangehensweise versehen erscheint.

Dafür ist die erste von vier Geschichten hier leider ein gutes Beispiel. Sophie, ein Neuzugang, mit dem Rapunzel viele Gemeinsamkeiten findet (beide waren sehr einsam in ihrer Kindheit), zieht die Eifersucht von Rapunzels »Lady-in-waiting«, Cassandra, auf sich. In der Geschichte wird das behandelt wie bei einer Liebesbeziehung (alter Sitcom-Trick: Konflikte auf ähnlichen Situationen aufbauen, die das Publikum wiedererkennt - et voila, und schon hat man eine ... nicht sehr tiefschürfende ... Meta-Ebene), inklusive des daraus erwachsenden Dramas.

Tangled the Series: Hair it is

© 2019 Disney Enterprises LLC. All Rights reserved.
© 2019 Idea and Design Works LLC. All Rights reserved.

Das Ergebnis ist aber das, wofür ich immer einen sehr weisen jungen Mann, Constantin Dagobert Gerstner, zitiere, der mal im Alter von ca. acht Jahren die Handlung des Disney-Films The Hunchback of Notre Dame in kongenialer Wesie zusammenfasste: »Und am Ende sind alle gute Freunde.« Das ist geradezu das alles beherrschende Disney-Mantra, was natürlich bei einer adaptierten Geschichte, die eigentlich ganz anders ausgeht, umso verlogener wirkt. Verlogen ist das in diesem Fall natürlich nicht, aber dennoch nicht besonders prickelnd. Und es ist auch nur eingeschränkt witzig, wie Cassandra ihre Chefin / Freundin austricksen will, ehe sie dann begreift, dass eine Aussprache viel bessere Ergebnisse erzielt als halbgare Manipulation.

Dies also ein Beispiel für die zu didaktische Herangehensweise, die zwar bei Kindern super funktionieren dürfte, mich aber etwas anödet. Etwas besser ist da schon die zweite Geschichte, in der Eugene aka Flynn für seine Freundin mal was besonderes machen wird und ein Back-Abenteuer mit einem chemikalisch erleuchteten Sidekick erlebt. Die Gags sind etwas plump, es endet auch superharmonisch, aber der Unterhaltungsgrad ist gelungener.

Die dritte Geschichte erscheint mir am gelungensten, weil unsere Prinzessin sich in einem alltäglichen Job beweisen will und dabei etwas dazu lernt, was auch mancham Erwachsenen eine Lehre sein könnte. So richtig superspannend wird es dabei auch nicht, aber das ganze liegt schon deutlich über dem Niveau, was ich so an vergleichbaren Geschichten für Kids kenne. Wobei ich immer noch vergeblich drauf warte, dass man mal ganz auf die Didaktik verzichtet und einfach nur unterhält.

Die letzte Geschichte ist zwar sehr deutlich am Erfahrungsschatz junger Leserinnen orientiert (eine Art shopping spree für eine Art Vatertag), aber obwohl man intuitiv schon auf Seite 1 weiß, wie alles aufgelöst wird, ist hier immerhin »der Weg das Ziel« und die kleinen Momente am Wegesrand sind hier durchaus gelungen. Alle typischen Komplikationen, die man aus der Suche nach einem Geschenk kennt, werden (oft mehrfach) abgearbeitet, aber es ist einfach unterhaltsam.

Und mein persönlicher kleiner Bonus bei der Geschichte war: ich hatte keinen Schimmer, wie Cassandras Vater aussieht, und die leichte, aber unübersehbare Disparität zwischen seinem Erscheinungsbild und dem »Mini-Me«, das seine Tochter ihm gebastelt hat, war für mich besonders erheiternd.

Ein vielleicht erschreckendes Fazit: ein mittelmäßiger Disney-Merch-Comic ist für mich oft befriedigender als ein durchschnittliches Produkt von Marvel oder DC. Das liegt einfach daran, dass ich mich mit den Wünschen des Zielpublikums weitaus eher identifizieren kann als bei den pubertären Power-Fantasien mit Gekloppe und am Besten ein paar abgetrennten Gliedern.


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Andere gelesene Neuerscheinungen dieser Woche
(die sind nicht automatisch alle schlechter, ich wollte nur nichts dazu schreiben):
Batman - Superman #1, Buffy the Vampire Slayer: Chosen Ones #1, Grumble #9, House of X #3 (of 6), Killers #2 (of 5), Marvel Monsters #1, Marvel Team-Up #5, Planet of the Nerds #5, RWBY #1 (digital only), Star Pig #2*, Star Trek Year Five #5 und Superman #14.
*Zitat der Woche = »You're worth more than pogs, kiddo.«

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21. August 2019
(Woche 34, Restlieferung)



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  Superman: Year One #2

Superman: Year One
#2 (of 3)

Story & Art: Frank Miller & John Romita jr.; Inker: Danny Miki; Colorist: Alex Sinclair; Cover: John Romita jr. with Dany Miki; Letterer: John Workman; DC Comics; $ 7,99 (larger format)

Durch Frank Miller und seine Rückkehr des dunklen Ritters (bei Carlsen in meinem Abijahrgang 1989) habe ich damals überhaupt erst zu den US-Comics gefunden. Sicher, in meiner Jugend habe ich auch einige Ehapa-Superbände gelesen und längere Zeit Superboy und die Legion der Superhelden gesammelt, aber erst durch den Dark Knight kam ich auf Batman: Year One, Elektra: Assassin, Daredevil: Born Again und natürlich auch die Watchmen und den Killing Joke. Ich trieb mich in meinen letzten Schuljahren schon öfters mal in den vergleichsweise nahen Großstädten Hamburg und Hannover herum, aber nun gehörten Besuche des »Trivial Book Shop« am Aegi (Grüße and Frank und Jörg!) und des »Der Comicladen« am Mundsburger Damm (Huhu, Ingo!) plötzlich zum festen Programm. Meine ersten beiden US-Abos waren glaube ich Classics Illustrated und Daredevil, damals geschrieben von Ann Nocenti und gezeichnet von John Romita jr.

Mit Romitas früherem Zeichenstil konnte ich noch deutlich mehr anfangen. So, wie er heutzutage zeichnet, das finde ich eher zweifelhaft. Vor allem sind seine Gesichter viel größer geworden, sind dabei aber längst nicht mehr so expressiv, sondern oft fast emotionslos. Das ist per se gar nichts Schlechtes, aber er macht daraus einfach nicht genug.

Superman: Year One #2

© 2019 DC Comics. All Rights reserved.

Bei dieser Kritik geht es aber natürlich mehr um Frank Miller, der sich in zunehmender Weise zum enfant terrible der gesamten Branche entwickelt hat, aber aus unerfindlichen Gründen immer noch Verkaufsrekorde aufstellt. Ich habe im letzten halben Jahr einiges an seinem Output der letzten Jahre aufgeholt und fand das meiste erschreckend. Bei Holy Terror kann man unter Umständen noch rein zeichnerische Qualitäten entdecken, was aber alle Miller-Bücher seit etwa dem vierten Jahr von Sin City eint: der Kerl ist politisch einfach nicht mehr tragbar.

Was in The Dark Knight Returns oder Robocop 2 noch als überzogene Satire funktionierte, wurde immer deutlicher zu einem faschistoiden Ärgernis, wo Misogynie, Homophobie und Rassismus auch immer mal wieder hineinspielten. Das kann man auch in Superman: Year One wiederfinden, auch wenn die ersten zwei Hefte davon wenigstens nicht so schrecklich ausfallen wie bspw. All-Star Batman and Robin the Boy Wonder, das politisch wie auch in der Narration nebst einer fehlenden Professionalität im Miller-Œvre den absoluten Super-GAU darstellt.

Zunächst mal will ich ohne Einschränkung feststellen, dass Miller das »Genre« Year One eigentlich erfunden hat. Ganz egal, was er später alles verbrochen hat, Batman: Year One wird vermutlich immer zu den fünf bis zehn wichtigsten Meilensteinen der Batman-Historie gehören.

Umso erschreckender, dass er bei Superman: Year One die naheliegendsten Regeln dieser um sich greifenden Formel für Origin-Storys komplett außer acht lässt. Falls es hier um den Zeitraum eines Jahres gehen sollte, habe ich irgendwas nicht verstanden. In Heft 1 beginnt man mit dem Ende Kryptons aus der Baby-P.O.V. Kal-Els, liefert dann eine Rutsche Kindheit mit Ma und Pa Kent, bei der mir unter anderem auffiel, dass Jonathan Kent zwar einen Pickup-Truck fährt, der aus den 1960ern stammen könnte, das Superbaby aber in einem Babysitz hockt... Keinen Schimmer, wann das spielen soll.

Nach etwa 25 Seiten ist aus Clark dann ein Teenager geworden, der zusammen mit seinen Nerd-Freunden (und Lana) und einigen gleichaltrigen Bullies leidet, was dazu führt, dass Clark eine Lektion darin bekommt, wie man mit Superkräften mit den irgendwie doch sehr fragilen Menschen umzugehen hat.

Miller bricht dabei mit einer jahrelang , als einem selbst mit einer eher rudimentären Affinität zur Superman-Figur lieb sein kann - und was viel schlimmer ist: abgesehen von einer angerissenen Teenager-Liebe liefern er und Romita eigentlich nichts, was die erzählerischen Vergehen (oder den Cover-Price) wiedergutmachen könnten. Und Heft 1 endet dann damit, dass Clark zur Navy geht. Originalzitat, nur aus dem Kontext gerissen: »How cool is that

In Heft 2 geht es also um des jungen Supermans frühe militärische Karriere. (!) Durch gewisse körperliche Vorteile kommt es zu Konflikten in der Ausbildung und quasi das ganze Heft (über 60 Seiten) steht und fällt über seine Beziehung zu seinem Ausbilder (namens Kurtzberg!), der ihn hart ran nimmt, aber dabei (wie mehrere Figuren in Smallville) einige seiner Geheimnisse entdeckt. Und ihn dann schützt. Relativ absurd und überflüssig ist dann noch eine Episode mit der Atlantis-Bewohnerin Lori Lemaris, die Teil eines auf Superhelden-Status potenzierten Coming of Age wird.

Ich fände es toll, wenn ich nach zwei von drei Heften auch nur halbwegs wüsste, was Miller eigentlich vor hat ... davon bin ich aber weit entfernt. Die große Lektion des zweiten Heftes baut auf der von Heft 1 auf: Clark erkennt, dass nicht alles im Zusammenhang mit militärischen Zugriffen »cool« ist. Dies scheint für Miller aber nicht ohne eine verfrühte Spezialaktion der jungen Soldaten zu gehen, bei der sie auf einem gekaperten Schiff zunächst mit den blutigen Opfern von Terroristen konfrontiert werden - ehe sie dann professionell mit der Situation umgehen - durch die konzertierte Ermordung von Personen, die vor allem durch das Tragen von turbanähnlichen Kopfbedeckungen charakterisiert werden. Dass Clark dann durch seine besonderen Fähigkeiten alle mühsam erlernten Regeln seiner Ausbildung durchbricht, um nicht zu töten, ist dann bereits die große Lektion, die er zu lernen hatte. Wenn man sich gut dreißig Jahre zurückbewegt im Millerschen schaffen und sich an Daredevils ähnliche Entscheidung, niemanden zu töten, erinnert - gerade auch im Zusammenhang mit dem Punisher und Bullseye... dann könnte die Enttäuschung angesichts der tausendfach verdünnten und teilweise komplett in die falsche Richtung verdrehten »Lektion« kaum größer sein.

Wie gesagt, verglichen mit Millers größtem Schmarrn ist Superman: Year One fast noch erträglich, weil ich ja tatsächlich staunenden Auges dem gegenüber stehe, was Miller da wieder so an Supermurks verzapft, aber wenn ich die Bedeutung von Batman: Year One für den Batman-Mythos mit der entsprechenden Bedeutung dieses Dreiteilers für Superman vergleichen wollte, ginge es nicht um Äpfel und Birnen, sondern um Monde und Kieselsteine. Nein, die wären sich ja rein vom Aufbau noch viel zu ähnlich... Eher ein Mond und ein halb zertretenes Seramis-Steinchen - nur ohne den Nährwert.

Mich würde interessieren, wie jemand, der durch diesen Dreiteiler die Figur Superman kennenlernt, reagieren würde, wenn er danach auf eine halbwegs gelungene Version der Figur treffen würde.

Ich glaube, jemand muss Frank Miller stoppen. Aber ich bin ja auch im Bereich Film der irrigen Annahme, dass Qualität mehr bedeuten sollte als der reine schnöde Mammon. Der einfach mehr Überzeugungskraft hat als 4000 Kritiken. Ich für meinen Teil muss zugeben: ich schäme mich sogar für den absoluten Angebotspreis von fünf Euro, den ich für Holy Terror hingeblättert habe.


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  Powers of X #3

Powers of X
#3 (of 6)

Writer: Jonathan Hickman; Artist & Cover: R.B. Silva; Colorist: Marte Gracia; Letterer: VC's Clayton Cowles; Designer: Tom Muller; Image Comics; $ 3,99

Okay. Ich habe Powers of X #1 gelesen... und wusste nicht genau, was ich davon halten soll. Der Kniff mit den Zehnerpotenzen ist ganz hübsch, aber ich wusste nicht genau, inwiefern »Jahr Hundert« und »Jahr Tausend« der Hickman-X-Men-Historie für mich von Belang sein würden. Also habe ich die Kritik erstmal verschoben.

Heft 2 machte mich eher noch unsicherer. Zwar habe ich nun deutlich erkannt, dass das Spannendste bei der ganzen Hickman-Kiste die Querverbindungen sind. Die Momente, die sich in beiden Serien wiederholen. Und die Erkenntnisse, die sich nur durch die Lektüre beider Serien erschließen. Nur: Alles, was hier für mich besonders interessant wirkt, spielt sich eher in House of X ab. Vielleicht mit Ausnahme jenes einen Moments zwischen dem Triumvirat Charles / Moira / Erik in Powers of X. Aber diese ganze Zukunftskiste, auch, wenn man sie über die Erklärung in House of X 3 recht einfach versteht, rockt mich einfach so gar nicht an.

Ob es die Superintelligenzen, Sentinels und A.I.s sind, deren Aufstieg nicht aufzuhalten scheint... oder die (für mich nicht ohne weiteres an den Nachnamen festzumachende) Genealogie eines Mutanten-Millenniums. Ich bin bisher ganz sicher noch kein Hickman-Experte, aber der Gevatter übertreibt es manchmal einfach mit seinem gigantischen scope, der manchen Leser hinter sich lässt (wie Grant Morrison auf Ecstasy) und in meinem ganz persönlichen Fall einfach ein Missverhältnis schafft zwischen dem, was ich an aktiver Eigenleistung investieren muss - und dem, was ich an Vergnügen / Unterhaltung dadurch herausbekomme.

Dies wird in Heft 3 besonders deutlich, denn diese spielt jetzt vollständig in der fernen Zukunft (Jahr Hundert). Das mag notwendig sein für die Vervollständigung des Moira-Handlungsbogen, der die Kernidee der beiden Serien vorantreibt, aber ich kann mich einfach nicht ohne weiteres für die Konflikte zwischen für mich nur skizzenhaft realisierten Figuren wie Nimrod oder Cylobel erwärmen.

Powers of X #3

© 2019 Marvel

Vielleicht täuscht mich der Eindruck, aber in Power of X geht es mehr um epochale Kämpfe, die für mich oft wirken wie überzogene Showdowns in den MCU-Filmen. Natürlich kann man mehr vom Leder ziehen, wenn man weiß, dass diese Zukunfts-Zeitstränge nicht den »test of time« bestehen müssen. Aber mir als Leser gelingt es dann auch nur eingeschränkt, mich mit dem besseren »Kanonenfutter« zu identifizieren.

Ein kleiner Punkt, der nur am Rande eine Rolle spielt, ist auch, dass ich mit dem Artwork von R.B. Silva deutlich weniger anfangen kann wie mit Pepe Larraz (von dem ich mir inzwischen einiges an alten Arbeiten zusammengesucht habe... das Spannendste an Avengers - No Surrender [bin erst beim dritten Heft] scheinen mir seine Zeichnungen). Powers of X erinnert mich teilweise an die totgehypeten X-Men der frühen 1990er, mit den ganzen fan favorite Zeichnern, die dann zu Image abzogen und dort noch überflüssigeren Splashpage-Kram raushauten. Im Vorfeld der ganzen Hickman-Chose beunruhigte es mich etwas, dass auch X-Men #1 von Jim Lee retroaktiv zu den ganz großen Momenten der X-Men-Geschichte dazugezählt wurde. Vielleicht tue ich jetzt irgendwem Unrecht, aber für mich waren die fast unlesbar und auch durchgehend uninteressant (und ich kenne mehr Comic-Vielleser, die meinen Standpunkt teilen, als solche, die mich deswegen als Ignorant beschimpfen).

Ich war ja durch Age of X-Man kurzfristig zum X-Men-Enthusiasten geworden und bin dann voll in den Hickman-Hype reingelaufen, aber die aktuellen Hefte und vor allem die Vorankündigungen der Veröffentlichungen im Oktober und November lassen mich sehr daran zweifeln, inwiefern der vermeintlich geniale Masterplan von Jonathan Hickman letztlich nicht doch nur auf kommerzielle Gesichtpunkte zielt. I'll keep you posted...

Nachtrag: Heft 4 war wieder um einiges besser, aber ich stehe zu meinem Urteil.


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Mittwoch, der 14. August
(Woche 33, zweite Mini-Rutsche)



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  Gogor #4

Gogor #4 (of 5)

Writer, Artist, Cover, Colorist, Letterer: Ken Garing; Image Comics; $ 3,99

Wenn man lahmarschig genug beim Schreiben seiner Kritiken ist, sind sogar Zeitreisen möglich. Inzwischen ist Gogor #5 erschienen, womit Schöpfer Ken Garing seinen ersten story arc beenden wollte, aber leider waren die Verkaufszahlen nicht ausreichend und die Serie ist bis auf weiteres mit Heft 5 beendet, für zehn Hefte hat es nicht gereicht. Sehr schade.

Und jetzt tue ich so, als ob ich mit meiner Zeitmaschine vier Wochen zurückrase in die Vergangenheit...


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Gogor #4

Writer, Artist, Cover, Colorist, Letterer: Ken Garing; Image Comics; $ 3,99

In die früheren Veröffentlichungen von Ken Garing, Planetoid und Praxis habe ich bisher nur heftchenweise reingeschnuppert, die waren aber bereits sehr vielversprechend (und ich habe immerhin so viel mitgekriegt, dass ich mir einigermaßen sicher bin, dass sie aufeinander aufbauen).

Gogor hat den Vorteil, dass das Thema mehr Leute ansprechen könnte (es gibt aktuell selbst für einen Fan wie mich eindeutig zu viele SciFi-Comicserien). Und dass Garing, der in seinen Comics quasi alles übernimmt (sogar sein Lettering kann es mit spezialisierten Kollegen aufnehmen), hier viel deutlicher »scheinen« kann.

Was Gogor auszeichnet (und ich weiß beim Schreiben dieser Zeilen leider schon, dass die Serie eingestellt wird, da kann die ganze Zeitmaschinen-Masche die Trauer nicht vertreiben), ist, dass man merkt, wie viel Planung Garing in die Serie gesteckt hat. Und, dass er quasi mit jedem Heft tolle neue Facetten zeigt und Kernpunkte setzt.

In Heft 1 verblüffte vor allem das world-building. Die Titelfigur wirkt zunächst wie eine seltsame Mischung aus Hulk und dem Swamp Thing, doch letztlich ist er nur eine (mächtige) Nebenfigur in einem ideenreichen Fantasy-Setting, das einen schlichtweg umhaut. Nicht nur graphisch und wegen der Farbenpracht, sondern weil man schon auf Seite 2 oder 3 begreift, was für ein Füllhorn an abgedrehten Ideen uns hier zur Verfügung gestellt wird.

Der Jüngling Armano und sein getreues Reittier Mesmer (eine Art nilpferdgroßer Maulwurf, der aber besser fliegt als gräbt) beginnen hier ein großes Abenteuer, bei dem Gogor zwar im Mittelpunkt steht und auch öfters die Richtung angibt, aber als Leser identifiziert man sich mit Armano, der »incredible» Gogor fungiert hier irgendwie als Katalysator, der zwar eigenmächtig, aber etwas ziellos agiert. Und dieser Führung soll sich Armano unterordnen, was nicht leicht sein kann und einen leap of faith verlangt.

In Heft 2 wird diese Beziehung aufgebaut, und Garing verblüfft einen mit seinem Reichtum an Nebenfiguren, die allesamt interessant wirken. Heft 2 bereitet aber auch Heft 3 vor, wo es einen marvelmäßigen Kampf gibt, der Gogors Kraft, aber auch seine Schwächen offenbart. Man erkennt hier ansatzweise, wie die beiden sich gegenseitig unterstützen und schützen können.

Irgendwie versprüht Gogor einen ähnlichen Charme wie früher mal Jeff Smiths Bone, obwohl ich nicht festmachen könnte, wo jetzt die Verbindung sein soll. Eine tiefempfundene »Güte«, die vielleicht in den 1950ern in Comics »in« war? Dieses Gefühl, dass man nur die Spitze des Eisbergs erblickt? Oder der zeichnerische Elan, der mich an Matt Wagner erinnert, nur dass der nie solch eine schwelgerische Farbpracht im Rücken hatte...

So oder so, ich war nicht im Geringsten darauf vorbereitet, dass es in Heft 4 um Parabeln und Kapitalismus- und Zivilisations-Kritik gehen würde. Die hübschen bunten, größtenteils freundlichen Fabelwesen zeigen in den Mauern einer Stadt plötzlich unschöne Charakterzüge, aus grünen Wiesen tritt man in dunkle Gassen, wo selbst die Crackheads, die in meiner Wahlheimat Neukölln längst zum Straßenbild gehören, ebenfalls (allegorisch) auftauchen.

Dear Justice League

© 2019 Ken Garing. All rights reserved.

Und selbst in diesem unwirtlichen Exterieur, wo man schnell mal ohne besonderen Grund Schläge bezieht, hat Garing noch Platz für leichten, befreiten Slapstick, wenn eine absurde Verkleidung » aufgedeckt wird.

Ken Garing ist ein Comickünstler, den man im Auge behalten sollte, und der nicht daran zerbrechen sollte, dass die (kleine) Masse, die seine Arbeit lukrativ, Ausreichend zum davon leben machen könnte, ihn nicht entdeckt. Der Gogor-Paperback erscheint am 16. Oktober, auch die beiden alten Serien gibt es gesammelt, helft mit, diesem Künstler eine Zukunft in seinem Metier aufzubauen.

Ich will es nicht wieder wie bei Debbie Drechsler oder Mike Dringenberg erleben, dass jemand, zu dessem Broterwerb ich im Tausch zu neuen Werken gerne jedes Jahr einen zwei- bis dreistelligen Eurobetrag beitragen würde, sich sang- und klanglos aus der Branche verabschiedet.

Es wäre ein Verlust.


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Freitag, den 13. August, kurz vor 12 Uhr:

Hier wäre normalerweise die bereits überfällige Kritik zu Unnatural #12 gefolgt, aber ich musste feststellen, dass dies
a) zu einer Verschiebung der Veröffentlichung von mindestens einem, vermutlich zwei Tagen geführt hätte
und b) die Verschiebung der Kritik soagr dazu führen könnte, dass auch das nächste TVOD schneller fertig / voll ist, weil ich aktuell noch keinen Schimmer habe, wie ich aus den Veröffentlichung der nächsten Woche (plus vielleicht einer späten Entdeckung der Woche 37) acht Rezensionen ziehen sol, die ich auch gern schreiben will.


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Für die nächste Ausgabe (vor allem zu Woche 38) sind anvisiert:

Rezensionen zu Flash Forward #1 (of 6), Inferior Five #1 (of 12), Napoleon Dynamite #1 , Spider-Man #1 (of 5), Star Wars: Age of Resistance: Rose Tico #1 (one-shot) und natürlich Unnatural 12 (of 12) (das ist wie üblich nur die Vorauswahl).