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René Kemp: Dich gibt's nur dreimal für mich




3. September 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


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Mittwoch, der 14. / 21. / 28. August 2019
(Woche 33 / 34 / 35)


Grundsätzliche Infos zu dieser Rubrik findet Ihr auf unserer Erklärseite!



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Donnerstag, den 29. August, kurz vor 8 Uhr:

So schlimm wie diesmal habe ich mich noch nicht verzettelt gehabt. Plötzlich stand schond der dritte NCBD ins Haus, ich hatte zwar das Grundgerüst stehen und die Comics nebst Reihenfolge standen (wenn ich auch einen Teil der Daten zwischendurch durch anachtsames Speichern verlor), aber bis jetzt ist nur ein mickriger Teil der Kritiken (in Worten: zwei und ein paar Ansätze) geschrieben. Irgendwie bin ich dann auf einen hoffentlich für alle Seiten erträglichen Kompromis gekommen: ich lasse von den beiden »alten« Wochen ein bisschen was liegen und liefere zum Ausgleich schon einige Appetithäppchen aus Woche 35. Somit wird die unbeabsichtigte zweite »Pausenwoche« ein wenig ausgeglichen. Und ich reiße einfach die Kritiken runter, bei denen ich aktuell am ehesten Motivation verspüre, will aber keine der bereits entschiedenen einfach fallen lassen (siehe Vorankündigung ganz unten, die diesmal klar trennt zwischen »liegengebliebenem« und der Zukunftsprognose). Ich hoffe, so wieder den Anschluss zu finden...


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Sonntag, den 1. September, kurz vor 4 Uhr:

Dass ich ein wenig unter dem Wetter litt, kann nur bedingt als Ausrede geltend gemacht werden. Aber in den vergangenen 24 Stunden ist mein PC dreimal - vermutlich wegen Überhitzung - abgestürzt. Das hilft rein pädagogisch immens, um zu lernen, dass man häufiger mal zwischenspeichern sollte, erhöht die Arbeitsgeschwindigkeit (und Motivation) aber nicht wirklich...


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28. August 2019 (Woche 35, erste Rutsche)



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  Docztor Mirage #1

Doctor Mirage #1
(of 5)

Writer: Magdalene Visaggio; Artist: Nick Robles; Colorist: Jordie Bellaire; Cover: Philip Tan; Letterer: Dave Sharpe; Valiant Entertainment; $ 3,99

Ähnlich wie bei der letzten Kritik dieser Ausgabe muss ich auch hier kurz auf den Verlag zu sprechen kommen. Valiant Comics kenne ich aus deren großen Zeit, als insbesondere Barry Windsor-Smith, der derzeit gefühlt alle anderthalb Jahre ein neues ambitioniertes Projekt aus der Taufe hob (Weapon X, Young Gods, Adastra in Africa etc.) und man Anfang der 1990er den Comicmarkt als Independent doch etwas aufmischte.

Zwischenzeitig soll man bei Valiant noch eine »Hochzeit« durchgemacht haben (ich gebe zu, dass ich mich damals vor allem dafür interessierte, ob meine alten Hefte jetzt noch mal ein paar Groschen einbringen würden), aber aktuell habe ich eher so den Eindruck, dass Valiant eher mit halber Kraft ab und an ein Heftchen raushaut...

Spricht aber ja alles nicht dagegen, mal eine neue Serie anzutesten, wobei Autorin Magdalene Visaggio auch nicht kompliziert uninteressant ist (Kim & Kim haben mich zwar nicht angerockt, aber Marilyn Manor, Eternity Girl und ihr Ms. Marvel Annual waren allesamt ganz passabel).

Doctor Mirage wirkt zwar schon in der Titelwahl etwas ausgelutscht, aber ungeachtet des etwas aufgesetzt wirkenden Letterings (Filmklappen zur Verdeutlichung eines Promistatus...) und der auf den ersten Blick etwas grellen Kolorierung wird hier eine psychologisch halbwegs durchdachte Geschichte erzählt, bei der die Wahl der zwei Hauptfiguren trotz gewisser visueller Elemente die Handlung durchaus stützen.

Die paranormale Investigatorin Shan Fong Mirage leidet noch unter dem Tod ihres Mannes (»I never learned how to be alone.«), bringt mit einem uralten Zauberspruch mal eben ihre Wohnungsdecke zum Einsturz, und dann steht eine etwas punkige Sechzehnjährige vor ihrer Haustür (heutzutage sind blaue und knallrote Haare in manchen Comics ganz normal), die behauptet, tot zu sein und sie mit ihrem Mann in Kontakt bringen könne.

Doctor Mirage #1

© 2019 Valiant Entertainment LLC. All Rights reserved.

Also quasi eine Mischung aus Doctor Strange und Ghost, nur glücklicherweise ohne Demi Moore. Alles etwas tippy und bunt (Jordie Bellaire ist eine der Guten), aber spricht mich an, will man weiterlesen. Und Zeichner Nick Robles interessiert sich nicht nur für gutaussehende Protagonistinnen, sondern auch für Inneneinrichtung, Texturen und graphische Auflösung.

Kein großer Geheimtip, aber die Art von Comic, für die ich meine Lebenszeit (vorerst) gerne opfere.


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  Fantastic Four: 4 Yancy Street #1

Fantastic Four:
4 Yancy Street #1
(one-shot)

Writer: Gerry Duggan; Artists: Greg Smallwood, Mark Bagley, Luciano Vecchio & Pere Pérez; Colorist: Greg Smallwood & Erick Arciniega; Cover: Esad Ribic; Letterer: VC's Joe Caramagna; Marvel Comics; $ 3,99

Ich hatte wirklich keinen Schimmer, was ich von diesem One-Shot zu erwarten hätte, aber nie im Leben hätte ich damit gerechnet, dass es um das allgegenwärtige Problem von Gentrifizierung und Mietenwahnsinn gehen würde.

Die Story wird clever eingeführt: Ben Grimm sinniert über seinen verstorbenen Bruder und ist ziemlich sauer, als er sieht, dass eine Wand des Daniel gewidmeten Jugendzentrums mit einem Graffito »verziert« wurde. Noch dazu mit einem Schmähspruch den Fantastic Four gegenüber.

Autor Gerry Duggan (Savage Avengers) bastelt hier ein kurzes Gespräch zwischen Ben und Reed Richards ein, der ihm helfen soll, den Täter ausfindig zu machen. Mr. Fantastic hat schnell ein Gadget bereit, das hilfreich sein dürfte, mahnt aber auch zur Besonnenheit (»Please don't make me an accessory to murder, Ben...«). Schnell findet The Thing den Schuldigen (der übrigens die einzige Sprühfarbe benutzt, die auch ich benutze - »Dolphins«, und zwar nicht auf Hauswänden oder dergleichen, sondern bisher nur für die Deckel von Joghurtgläsern). Und erfährt dann auch schnell, warum die Anwohner nicht begeistert sind, dass sie jetzt die Fantastic Four als Nachbarn haben.

Fantastic Four: 4 Yancy Street #1

© 2019 Marvel

Leider wird jetzt ein Großteil der zweiten Hälfte des Comics für einen Kampf gegen The Terrible Trio (never heard of those guys...) benutzt, der nicht nur handlungsmäßig regressiv wirkt, sondern auch bei den Zeichnungen und dem Seitenlayout einen Abstieg bedeutet, wo das nostalgische four panel grid auf den ersten drei Seiten und das six panel grid, für das vermutlich Mark Bagley zuständig war, im Zusammenhang mit der Koloration ein echt kirbyeskes Kleinod war (siehe Bildbeispiel, auch wenn der Kirby-Einfluss hier weniger deutlich ist als bei den Labor-Szenen mit den typischen Hintergründen und knalligen Farbtönen wie pink und purple).

Gegen Ende kriegt man zwar wieder die Kurve, aber dem realen Problem (und ich mag es, wenn fantastische Superhelden auf reale Probleme treffen, siehe etwa The Death of Captain Marvel von Jim Starlin oder Green Lantern / Green Arrow von Denny O'Neil und Neal Adams) wird durch eine komplett »fantastische« Lösung auch gleich wieder die authentische Brisanz genommen. Irgendwie eine pie in the face des Lesers, über die man dann auch noch lachen soll.

Immerhin funktioniert der sehr sentimentale Friedensschluss zwischen Ben und dem jungen Vandalen sehr gut, und wie man bei den kämpfenden Mietern wie nebenbei auch ein schwules Pärchen einstreut, zeugt zumindest von einer gewissen Bereitschaft, der langen Tradition von seichten Kloppereien etwas entgegenzusetzen.


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  Marvel Comics #1000

Marvel Comics #1000

Writers: Al Ewing (21 pgs.), Priest (2 pgs.), Kareem Abdul-Jabaar, Saladin Ahmed, Ed Brisson, Kurt Busiek, Chris Claremont, Peter David, Tom DeFalco, Eve L. Ewing, Neil Gaiman, Adam F. Goldberg, Jonathan Hickman, Joe Hill, Jeff Lemire, Jonathan Lethem, Jeph Loeb, Phil Lord, Christopher Miller, Greg Pak, Joe Quesada, Rainbow Rowell, Dan Slott, Charles Soule, J. Michael Straczynski, Roy Thomas, Kelly Thompson, Mark Waid, Chip Zdarsky, Jim Zub u.v.a.; Artists: Mike Deodato jr. (2 pgs.), Mike Allred, Kris Anka, Mark Buckingham, Marco Checchetto, Alan Davis, Terry Dodson, Jorge Fornés, Ron Frenz, Patrick Gleason, Paul Hornschemeier, Klaus Janson, Salvador Larroca, Erik Larsen, Leonard Kirk, Adam Kubert, Greg Land, Pepe Larraz, Rob Liefeld, Oscar Martin, Phil Noto, Kevin Nowlan, George Pérez, Eduardo Risso, Steve Rude, Alex Ross, Tim Sale, Walt Simonson, Christian Ward, Leinil Francis Yu u.v.a.; Cover: Alex Ross; Colorists: Laura Martin (6 pgs.), Rain Beredo (4 pgs.), Frank D'Armata (4 pgs.), Richard Isanove (4 pgs.), Jordie Bellaire (3 pgs.), Matthew Wilson (3 pgs.), Paul Mounts (2 pgs.) u.v.a.; Letterers: VC's Clayton Cowles (15 pgs.), VC's Cory Petit (14 pgs.), VC's Joe Sabino (13 pgs.), VC's Travis Lanham (12 pgs.), VC's Joe Caramagna (9 pgs.), VC's Joe C. (5 pgs.), Chris Eliopoulos (4 pgs.), Todd Klein, John Workman u.v.a.; Marvel Comics; $ 9,99

Mir gefällt es ja, zwischen den Comics bestimmte Synergien zu entdecken, aber diesmal fand ich einen unerwarteten Zusammenhang zwischen einem Comic und einem Film. Auf dem Jüdischen Filmfestival Berlin brandenburg läuft bald ein britischer Kurzfilm mit dem Titel 100 Faces (10. September, 19 Uhr im Delphi Lux). Darin hat Regisseur und Komponist Benjamin Till 100 britische Jüdinnen und Juden vor die Kamera gezerrt, die zwischen 1918 und 2017 geboren sind. Es beginnt mit einem Baby und die Protagonisten werden mit jeder Einstellung älter. Darunter Sänger, Holocaust-Überlebende, Rabbiner und Atheisten. In der Gesamtheit entsteht so eine Aussage über das ganze Volk.

Bei Marvel verspürt man das dringende Verlangen, den Jubelnummern Action Comics #1000 und Detective Comics #1000 vom Mitbewerber DC etwas entgegenzusetzen. Da man keine Heftserie besitzt, die tatsächlich schon den vierstelligen Bereich ankratzt, erfindet man einfach eine Tausender-Nummer und wird dieser sogar noch eine #1001 folgen lassen. Darin hat sich Mastermind Al Ewing (The Immortal Hulk) zum Konzept, bedeutsame Momente der Marvel-Historie der letzten achtzig Jahre zu rekapitulieren, eine etwas an den Haaren herbeigezogene, sehr vage Story ausgedacht, die eine bahnbrechende Offenbarung im Comicjahr 2020 antriggert. Leider erinnert auch diese an die Kollegen bei DC, denn es geht um die Identität eines Maskenträgers. Und weil Marvel bei universum-umspannenden Großereignissen gewisse Vorlieben hat, geht es um die »Infinity Mask«. Welche Rolle die bisher bei Marvel gespielt hat, entzieht sich meiner Kenntnis, aber im Grunde geht es bei diesem Feierheft auch eher um die zahlreichen creative teams, die bestimmte Momente der Verlagsgeschichte um je eine Bonus-Seite bereichern. In den ersten Jahren (Marvel Comics #1 erschien 1939) ist das historisch teilweise sehr interessant (hier gibt es besonders viele Seiten von Ewing, der sein Maskenthema ausarbeitet), aber was man jeweils zum großen Moment eines Jahres erklärt, ist nicht immer naheliegend.

Marvel Comics #1000

© Marvel 2019

Ich war mir zum Beispiel einigermaßen sicher, dass die ersten Auftritte von Elektra Natchios und Kamala Khan eine gute Chance auf einen Auftritt haben, aber stattdessen feierte man u.a. die Filmauftritte von Howard the Duck und Iron Man, das erste Parodie-Heft Crazy (siehe oben) oder die Starts der Heftserien von Hercules (siehe unten) und Patsy Walker (bzw. auch die Nummer 23, mit der der Run von Tessie the Typist 1949 endete).

Marvel Comics #1000

© Marvel 2019

Aus einer Seite pro Jahr können nur die wenigsten Kreativteams etwas wirklich Bedeutsames zaubern, am interessantesten ist es eigentlich, wenn man eingespielte Teams sich selbst feiern lässt, und so fügen Peter David und Adam Kubert dem ein gutes Jahrzehnt umspannenden Run beim Hulk noch eine Seite zu oder Neil Gaiman und Mark Buckingham bieten einen Nachschlag zum Miracleman. Und einige frühere Marvel-Abtrünnige wie Rob Liefeld oder Erik Larsen schauen auch noch mal vorbei.

Ab und an reicht allein der Zeichner, um eine Seite hervorstechen zu lassen (etwa Christian Ward, Jorge Fornés oder Pepe Larraz) und die Seiten von »ungewohnten« Autoren wie Kareem Abdul-Jabaar, Adam F. Goldberg, J. Michael Straczynski, Jonathan Lethem oder Joe Hill haben zumindest einen Kuriositätenstatus.

Aber angesichts des ganzen Hypes, der unzähligen Alternativ-Cover und dem kurz darauf angekündigten »Sequel« Marvel Comics #1001 hat man wohl jedes Recht, ein bisschen mehr hiervon erwartet zu haben. Die beiden DC-Hefte haben auch so ihre Schwachstellen, aber eine deutlich stärkere Existenzberechtigung.


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21. August 2019 (Woche 34, erste Rutsche)



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  Eve Stranger #3

Eve Stranger #3

Writer: David Barnett; Artist & Cover: Philip Bond; Colorist: Eva de la Cruz with Lee Loughridge; Letterer: Jane Heir; IDW Publishing; $ 3,99

Die Reihenfolge diese Woche verdeutlicht gut, dass ich aktuell lieber Comics um weibliche Hauptfiguren lese. Das hat nur bedingt mit sexuellen Vorlieben zu tun, ich habe einfach verstärkt das Gefühl, dass Comics um männliche Helden für ein bestimmtes Publikum geschrieben werden, dessen Wünsche, um was es im Comic gehen soll, sich immer stärker von meinen Wünschen entfernen. Wer weiter unten meine Stellungnahme zum neuen Frank-Miller-Comic liest, wird erkennen, dass ich - in Maßen - früher auch andere Vorlieben hatte. Da haben mich »Jungs-Comics«, in denen sich die Protagonisten viel geprügelt haben (natürlich oft ästhetisch anspruchsvoll), noch nicht so gelangweilt.

Eve Stranger passt als Figur noch am ehesten zu diesen Jungs-Geschichten. Sie ist so eine Art Jason Bourne mit Kurzzeitgedächtnis. Sie kann Unmengen von Fertigkeiten schnell erlernen und auch bei sich behalten, vergisst aber nach einer Woche alle Kerndaten um sie herum. Was sie einerseits zu einer Art Superheldin macht, andererseits aber auch zum perfekten Opfer von Manipulationen der Leute, denen sie instinktiv oder aus anderen Gründen vertraut.

Da mir Autor David Barnett kein Begriff war, wurde ich auf die Serie durch Zeichner Philip Bond aufmerksam, den ich seit Jahrzehnten mag. Er hat so einen leicht cartoony Strich wie David Hewlett oder Glyn Dillon (dass das alles Briten sind, ist ganz sicher kein Zufall), schafft es dabei aber, Geschichten zu erzählen, die auch einen gewissen Grad an Realismus mit sich bringen (unabhängig von sprechenden Gorillas und James-Bond-Gadgets). Und irgendwie sind seine Zeichnungen auch irgendwie sexy. Und dass nicht nur, weil seine Protagonisten oft jung und weiblich sind.

Eve Stranger #3

© David Barnett & Philip Bond © 2019 Idea and Design Works, LLC. All Rights reserved.

Eve Stranger ist eine Figur, die etwa an Tank Girl erinnert. Und natürlich an selbstbestimmte Britinnen mit ganz eigenem Stil (hence the purple hair colour!). Und der Autor hat dabei den gleichen spielerischen Charme, wie ich ihn von vergleichbaren Serien von Grant Morrison oder Peter Milligan kenne (bin zu faul, zu recherchieren, ob Milligan auch schon mit Bond zusammenarbeitete, erachte es aber als sehr wahrscheinlich).

Die Serie belässt es aber nicht, die Protagonistin kleine Abenteuer zu durchleben, bei denen man immer befürchten muss, sie würde ausgetrickst à la Memento. Nein, denn es gibt jeweils noch eine (fortgesetzte) Back-Up-Story mit einer anderen Zeichnerin (Liz Prince, im Stil noch cartoonier, eine Art farbenfroher distinktiv weiblicher John Porcellino), die die Frage aufwirft, ob die ganzen Superagenten-Geschichten nur Hirngespinste der Titelheldin sind.

Und weil David Barnett es sehr gut beherrscht, seine Geschichte(n) ganz langsam aufzubauen und auszuweiten, macht das sehr viel Spaß. Es besteht zwar die Gefahr, dass die Prämisse einem ähnlich wie bei Joss Whedons Dollhouse irgendwann um die Ohren fliegt, weil man kontinuierlich versucht, die Action, das Drama und den bloßen Spaß immer noch eine Spur mehr aufzudrehen - aber ich habe Vertrauen, dass ich mir das mindestens acht bis zwölf Hefte lang gerne gefallen lasse.


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  The Magnificent Ms. Marvel #6

The Magnificent
Ms. Marvel #6

Writers: Saladhin Ahmed; Penciller: Minkyu Jung; Inkers: Juan Vlasco with Minkyu Jung; Colorist: Ian Herring; Cover: Eduard Petrovich; Letterer: VC's Joe Caramagna; Graphic Designer: Carlos Lao; Marvel Comics; $ 3,99

Die neue Ms. Marvel, Kamala Khan, habe ich zu einer Zeit kennengelernt, als ich comicmäßig noch darben musste, als Auftrags-Rezension für Alfonz. Und obwohl ich so meine Probleme habe mit US-Comics, die ins Deutsche übersetzt wurden, habe ich recht deutlich das Potential dieser Figur (und ihrer Comicserie) erkannt. Ms. Marvel hat das Angebot bei Marvel revolutioniert, inzwischen gibt es ein gutes halbes Dutzend vergleichbarer Teenage-Heldinnen, die mit ethnisch disparaten Alltagsproblemen à la Peter Parker kämpfen und nebenbei ihren Superhelden-Job machen.

Bei Kamala ist es dabei so, dass ich inzwischen nahezu alle ihre Auftritte in anderen Serien mitverfolge, wobei man auch betonen müssen, dass sie sich zwar etwas breit macht im Marveluniversum, aber man längst noch keinen Sättigungsgrad erreicht hat. Ihre Hauptserie hat immerhin erst die Legacy-Nummer 63 erreicht (das Äquivalent von etwa fünf Jahren), und auch in Champions oder Marvel Team-Up gibt man sich Mühe, der Figur gerecht zu werden.

In den letzten fünf Heften (vor allem den letzten zwei oder drei) wurde Kamala in ein etwas ausgeweitetes Abenteuer verwickelt (mit fremden Planeten, Intrigen und Schlachtengetümmel) und neben einem neuen Kostüm hat sie dabei auch ein neues, schwerwiegendes Problem dazubekommen. Gerade, wo sie sich besser als je zuvor mit ihrem Vater versteht, hat den eine seltene Krankheit befallen, die tödlich sein soll und auch nicht ohne weiteres mit den üblichen Superheldentricks heilbar sein soll (wer Comics liest, ist bei solchen Verlautbarungen immer vorsichtig, man sieht zwar selten Pferde vor Apotheken kotzen, aber jede zweite US-Mainstream-Comicfigur, die etwas auf sich hält, stirbt schon mal alle sieben, acht Jahre mal, bevor sie dann erstaunlich lebendig wieder auftaucht.)

Anyway, was ich bei diesen Marvel-Teenagerheldinnen als echtes Qualitätsmerkmal wahrnehme ist das Verhältnis zwischen Superhelden-Gekloppe und halbwegs normalem Leben. In diesem Heft gibt es etwa sechs Seiten davon, wie Kamala Businsassen vor einem Superschurken retten muss, der sie kurzerhand zu Geiseln erklärt hat. Aber gut doppelt so viele Seiten mit gut gemachter soap opera zwischen unserer Hauptfigur und ihrer Familie und Freunden (selbst in einem mehrseitigen Gastauftritt von Tony Stark aka Iron Man geht mehr darum, dass er ihr ethnisch angemessenes Fastfood mitgebracht hat...

The Magnificent Ms. Marvel #6

© 2019 Marvel

Ms. Marvel hat einen bestimmten Zeichenstil, der bei ihr besonders gut funktioniert (sullen teenage angst meets quirky super powers), und das aktuelle art team (inkl. Colorist und Letterer) hat das gut drauf. Auch der aktuelle Autor (ich nehme mal an, dass Saladin kein Frauenname ist) fügt sich gut in das Gesamtbild und die continuity, bringt aber einigen Schwung in den Neuanfang der Serie (seit einem halben Jahr um ein überschwengliches Adjektiv ergänzt).


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Die Legacy-Nummer (LGY#) bei Marvel ist übrigens immer die Zahl, die Heftserien ungeachtet diverser Neuanfänge entsprechend der langfristigen Heft-Historie einordnet. So ist The Immortal Hulk #9 die LGY#726, Daredevil #9 die LGY#621, Captain Marvel#9 die LGY#143 und so weiter... Da kann auch ein absoluter Nichtswisser auf Anhieb erkennen, wie lange die Figuren schon im Gebrauch sind (also bezogen auf die eigene Heftserie, wer immer nur als Sidekick oder Nebenfigur auftaucht, bekommt diesen Service nicht). Und die Langzeitleser haben eine Hilfe beim Lagern der Sammlung.

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  Ghost-Spider #1

Ghost-Spider #1

Writer: Seanan McGuire; Artist: Takeshi Miyazawa; Cover: Jorge Molina; Colorist: Ian Herring; Letterer: VC's Clayton Cowles; Marvel Comics; $ 3,99

Der große Unterschied von Ghost-Spider (Legacy-Nummer 51) zu Ms. Marvel ist für mich, dass ich von der aus einem anderen Universum kommenden Gwen Steacy bisher sehr wenig weiß (ich habe noch viel nachzuholen an interessant wirkenden Comic-Serien der letzten zehn Jahre).

Man gibt sich aber Mühe, die früheren Serien wie Spider-Gwen schnell zu rekapitulieren, bevor man direkt in medias res geht. Aus irgendwelchen Gründen hat Gwen im anderen Universum (»Earth-65«) ihre Geheimidentität eingebüßt (es scheint damit zusammenzuhängen, dass sie zu einer Art Rockstar wurde). Und ihre Aktivitäten als Superheldin führten dazu, dass Leute, die mit ihr die Wohnung teilten (etwa ihr Vater), in Gefahr gerieten. Nun wird sie also zum »Pendler« zwischen den Universen. Um unter anderem auf »Earth-616« (wenn ich nicht irgendwas total durcheinander bekomme, ist das die Standard-Welt, in der wir als Leser den Großteil des Marvel-Universums erleben) ein halbwegs normales Leben als Studentin zu beginnen.

Oder anders ausgedrückt: durch eine Art Umweg von 50 Comicheften gibt es jetzt wieder eine Gwen Steacy in der »normalen« Marvel-Welt (man erinnere sich: die Gwen dieser Welt starb unter spektakulären Umständen, u.a. nachzuerleben im zweiten Spider-Man-Film mit Emma Stone... The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro ... aus unerfindlichen Gründen wohl der unbeliebteste aller halbwegs aktuellen Spidey-Filme - womöglich war das Ableben der weiblichen Hauptfigur ein Downer, für den selbst ausgewiesene Marvel-Junkies keinen wirklichen Enthusiasmus aufbringen können).

Dass die »Austauschstudentin« zwischen den Universen von ihrer neuen Dekanin ganz selbstverständlich aufgenommen wird und man sie sogar über ein Stipendium informiert, das Tony Stark für Studierende »outside the norm« ausgelobt hat (u.a. »aliens, dimensional travelers, clones, independent machine intelligences«), wird innerhalb der Marvel-Welt wie ein unspektakuläres Detail gehandhabt. Und dass sie sich von Peter Parker auf dem Campus herumführen lässt, mit dessen Variation im anderen Universum sie offenbar irgendeine Art von tiefergehender Beziehung pflegt, wird auch nur mehr am Rande erwähnt.

Ghost-Spider #1

© 2019 Marvel

Im Comic springt man zwischen den Universen hin und her wie bei How I met your mother zwischen Manhattan und New Jersey: unvereinbare Welten, aber als Pendler muss man eben flexibel sein.

Dass Peter und Gwen auf »Earth-616« mal eben auf drei Seiten den obligatorischen Action-Kampf mit einem R.O.U.S.* (*rodent of unusual size, die aus The Princess Bride übernommene Nomenklatur) absolvieren, funktioniert ganz ähnlich wie eine Kritik weiter oben bei Ms. Marvel, nach einer Menge Studi-Alltag mit ein bisschen soap opera wird erst auf der vorletzten Seite der nächste große Konflikt angetriggert: Auf Earth-616 kollidiert Gwen mit einem älteren Herren, wobei ihr spider-sense Alarm schlägt, im anderen Universum scheint es sich bei diesem Miles Warren (sorry, ich kann nicht jede popelige Nebenfigur bei Marvel kennen, dafür habe ich zu lange das DC-Universum bevorzugt) wohl um einen mad scientist zu handeln scheint.

Ich bin nicht stellvertretend für eine Mehrheit der Comic-Fans, aber diese vermeintliche Normalität zwischen dem Hin- und Her-Jetten zwischen den Universen spricht mich irgendwie an, die marvel-typische Anbindung an den Alltag der Leser funktioniert ziemlich gut. Offenbar ist auch diese Serie eher für die Mentalität weiblicher Leser konzipiert, aber ich kann auf den Macho-Mist und die zwei Drittel eines Heftes ausfüllenden Kloppereien auch gut verzichten.

Für den Beginn einer Heftserie verlangt man dem Leser schon ein bisschen was ab, aber wenn das dazu führt, dass der (bzw. die) sich die bereits existierenden Sammelbände besorgt ... umso besser!

Der Einstieg in das, was diese Gwen Steacy als Person ausmacht, ist für mich zwar noch etwas skizzenhaft, aber interessant war dieser Ausflug in die Welt einer Austaisch-Pendlerin allemal.


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Andere gelesene Neuerscheinungen dieser Woche
(Man kann nur über soundso viele Comics schreiben...):
Batman #77*, Black Mask: Year of the Villain #1, Fearless #2 (of 3), Hellboy and the B.P.R.D.: Saturn Returns #1 (of 3), Killer Groove #4, Pretty Violent #1, Strayed #1, Superman's Pal Jimmy Olsen #2 (of 12) & Teen Titans #33.
*Zitat der Woche = »This is the City of Bane.«

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Mittwoch, der 14. August
(Woche 33, erste Rutsche)



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  The White Trees #1

The White Trees #1
(of 2)

Writer: Chip Zdarsky; Artist: Kris Anka; Colorist: Matt Wilson; Letterer & Design: Jared K. Fletcher; Image Comics; $ 4,99

Auf dem Cover von The White Trees #1 steht groß »A Blacksand Tale« und ich habe mich auch redlich bemüht, herauszufinden, welche Comics bereits vorher aus dieser Welt berichtet haben. Insbesondere, als im Heft unzählige Hinweise auf frühere Aktivitäten der Protagonisten auftauchten. Die nicht geringe Backstory hat Chip Zdarsky aber offensichtlich selbst zusammengebastelt, je nach Erfolg wird die Vorgeschichte dann vielleicht später in anderen Heften genauer erzählt.

Diese Herangehensweise ist ziemlich verführerisch. Die Hinweise auf frühere Feindseligkeiten, Kriegszüge und Liebschaften geben den Figuren augenblicklich ein deutlicheres Profil. Man weiß zwar noch nicht genau, warum sie sich aktuell verhalten, wie sie es tun, aber man ist sehr interessiert daran, was alles zuvor vorgefallen ist.

Kris Ankas Zeichnungen und Matthew Wilsons tolle Koloration tun ihr eigenes, um einen in den Bann dieser Geschichte zu ziehen, die sich darum dreht, dass Eltern ihre offenbar verschleppten Kinder erretten wollen, die in deren Abwesenheit auch noch auf romantische Weise zueinander gefunden haben. Wobei diese Zusammenfassung die Handlung sehr vereinfachend skizzieren, ich aber auch nicht alles kaputtnacherzählen will.

The White Trees #1

© 2019 Zdarsco, Inc. & Kris Anka. All rights reserved.

Sowohl Krylos, der seiner Vergangenheit als Krieger abgeschworen hat, als auch das Paar Dhavlan und Scotiar, das eine ebenso interessante Backstory hat, entspricht einerseits bestimmten Fantasy-Stereotypen, deutet aber deutlich über solche Standards hinaus.

Ein interessantes Thema, dass man erstaunlich »detailiert« beleuchtet, ist die Sexualität. Dass mag damit zusammenhängen, dass Chip Zdarsky früher, als er noch vorrangig als Zeichner arbeitete, über Sex Criminals bekannt geworden ist, also eine gewisse Affinität für solche Themen hat (die eine große Kampfszene im Buch demonstriert vor allem, dass Kommunikation und Vertrauen Probleme deutlich einfacher lösen können), aber es geht auch darum, wie man den Standard-Plot der Sirenen hier mit Regenbogenfarben interessanter gestaltet.

Wie man dabei nebenbei in Rückblenden mehr über Krylos' Tochter und dem was die beiden offenbar entzweit hat, erfährt, ist auch ziemlich clever gemacht. Es fällt mir schwer, auch nur im Ansatz zu glauben, dass diese Geschichte mit ihren vielen Facetten tatsächlich schon im zweiten Heft zu einem Abschluss bringen will, der den vielen Bemühungen, die Geschichte interessanter zu machen, gerecht werden kann.

Das mag sich kritisch anhören, ist aber als größtmögliches Lob gemeint.


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  Conan the Barbarian: Exodus #1

Conan the
Barbarian:
Exodus #1
(one-shot)

Writer, Artist, Cover: Esad Ribic; Letterer: VC's Travis Lanham; Production Design: Anthony Gambino; Marvel Comics; $ 3,99

Esad Ribic (sorry, das Häkchen über dem c übersteigt meinen Elan in Bezug darauf, für veraltete HTML-Versionen exotische Sonderzeichen herzusuchen) hat es bei Marvel schon zu einem Sammelband gebracht, der seine Zeichenkünste präsentiert (erscheint in den nächsten Wochen), mir ist er vor allem durch seine Cover bei der neuen Conan the Barbarian-Serie vertraut (dazu schreibe ich früher oder später auch mal was bei TVOD, habe aber bisher nur die ersten drei Hefte gelesen ... die waren schon ziemlich toll dafür, dass ich mit dem sword and sorcery-Genre nur bedingt etwas anfangen kann).

Rein marketingtechnisch ist es nicht zu übersehen, dass dieser one-shot kurz vor der neuen Serie King Thor herauskommt, für die man den kroatischen Zeichner ebenfalls gewinnen konnte. Mit solchen archaischen Mannsbildern kann sich Ribic offenbar gut anfreunden, ich habe von ihm sonst nur noch den Anfang der Ultimates-Serie von Jonathan Hickman gelesen (ab 2011), da ist mir vor allem der böse Blick von Thor in Erinnerung geblieben, als sich ein gutmeinender Superheld zwischen ihn und seinen Bierkonsum stellt (dieser Tage mein #paneloftheday auf meinem Twitter-Account @ferkulathesmall). Wie aktiv Ribic bei Marvel als cover artist ist, kann man u.a. daran absehen, dass er auch er auch das Titelbild zu 4 Yancy Street weiter oben gestaltete - übrigens mit einem deutlicher dem house style verpflichteten Strich.

Conan the Barbarian: Exodus #1

© Conan Properties International LLC (»CPI«).

Hier fungiert Ribic auch als Autor und erzählt fast ohne Worte (den wenigen Sprechblasen konnte ich keine tiefschürfenden Erklärungen abringen) aus der Frühzeit Conans. Man könnte fast von einem coming-of-age sprechen. Sein halb gemalter Zeichenstil erinnert mich an den ebenfalls auf nordische Gottheiten abfahrenden Bo Hampton, nur etwas grobschlächtiger, mit einer gewissen immediacy. Man könnte auch sagen Ribic rotzt einige Zeichnungen fix raus, zeigt dabei aber immer noch mehr Talent als viele Kollegen bei immer wieder überarbeiteten feinen Details.

Zu Zeiten von Jeff Smiths Bone gab es mal einen Disput zwischen den Lesern, ob die Lesezeit, die man für ein Comicheft benötigt, nicht bestimmten Standards entsprechen solle. Ich persönlich verachte einige Comics, die Kevin Smith verfasste, weil er mehr Gequatsche in die Sprechblasen quetschte, als für ein genuines Comic-Erlebnis gut sein kann (dass funktioniert bei Smiths Filmen wie Clerks eindeutig besser). Bei Jeff Smith mokierte man sich eher darüber, dass man manche Bone-Hefte in drei Minuten durchhatte, und dass dies nicht dem Coverprice entsprach.

Exodus rutscht schnell in die selbe Diskussion, weil Gevatter Conan etwa seitenlang von Wölfen verfolgt wird, deren Anzahl er alle zwei Seiten mal dezimiert. Mit dem world-building von Jonathan Hickman oder den überbordenden captions von Alan Moore hat das natürlich sehr wenig zu tun, aber Comics ohne Worte sind auch eine Kunstform, die eben nicht jeder beherrscht. Und Conan funktioniert halt ein bisschen wie Wrestling, und auf die ausgedehnten vermeintlich literarischen Ausführungen eines old school-Autors wie Roy Thomas (ich habe mich im True Believers-Monat durch zahlreiche Conan-Hefte gekämpft) kann man heutzutage vermutlich verzichten.

Exodus lebt davon, dass sich sein Autor ganz auf die Stärken seines Zeichners stützt. Und da es sich dabei um die selbe Person handelt, weiß Ribic ziemlich gut, wie er sich selbst in den Lauf spielen kann. Ich hätte mir ein klein wenig mehr »Fleisch« an der Story gewünscht, und falls man zu den fremdsprachlichen Bekundungen einen Code zum Übersetzen erarbeiten kann, fehlt mir dazu die Muße.

Für Conan-Fans funktioniert das Heft - und das ist ja die Hauptsache. Ein nettes kleines side project, das sich längst nicht jeder Zeichner »leisten« kann. Sozusagen ein visuelles Appetithäppchen, das sicher dazu beitragen wird, dass auch die anderen Projekte Ribics verstärktes Interesse erfahren werden.

(Bei meinen eher rudimentären Recherchen erfuhr ich übrigens, dass Ribic vor langer Zeit auch mal bei den unvergessenen Gespenster Geschichten seinen damals noch kleinen Stempel aufdrücken durfte.)


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  Exciting Comics #3

Exciting Comics #3

Writers: Peter Breau & Bradley Golden, David Furr, Adian Nelson, Bill Williams; Artists: Arden Belfry, Adrian Belson, Joseph Olescu, Matthew Weldon; Inker: Donald Willman; Cover: Brian Denham; Colorists: Dheeraj

Ich gebe es zu: aufmerksam wurde ich auf Exciting Comics #3 vor allem, weil mich das Cover ansprach und an diesen Rollerskate-Film mit Ellen Page erinnerte. Leider geht es nirgendwo im Heft um »Crimebuster 76«, das Cover stammt vom »Editor in Chief« Brian Denham, der auch für Ausgabe 4 als alternative cover wieder ein Crimebuster-Cover liefern wird ... ob diese Serie irgendwann dem bloßen Cover-Status entwachsen wird, bleibt ein Rätsel.

Exciting Comics #3 zeichnet sich ferner dadurch aus, dass man Seite 2 dafür nutzt, gleich mehrere falsche Stabangaben der Vorhefte zu korrigieren. Sorgfältiges publishing sieht anders aus. Vielleicht hätte ich mich daran erinnern sollen, dass vor einigen Wochen Horror Comics #1 auch ein schlimmer Rohrkrepierer war, aber ich erinnerte mich stattdessen daran, das Antarctic Press Mitte der 1990er mal David Hahns Private Beach: Fun & Peril in the Trudyverse rausbrachte, in das ich zwar in diesem Jahrtausend noch nicht wieder reingeblättert habe, dass ich aber dennoch in guter Erinnerung behielt. Man kann ja nicht für ein schlechtes Heft gleich den ganzen Verlag verdammen.

Diesen Standpunkt überdachte ich nach Lektüre der ersten von vier Kurzgeschichten umfassend. The Ghost featuring Blackjaq hatte zwar eine hübsche caption (»Parachutes are for weaklings.«), bringt aber unten auf Seite 4 das wohl am schlechtesten gezeichnet Panel, das ich in einigen Jahren gesehen habe. Die Zeichnungen widersprach so gänzlich all meinen ästhetischen Grundsätzen, dass ich mich auch dagegen entschied, sie an dieser Stelle als Bildbeispiel zu verwenden. So einen Dreck mag ich einfach nicht propagieren.

Das Panel hat innerhalb der Geschichte eine traumatische Funktion, findet im weiteren Verlauf noch zwei Variationen. Nicht zuletzt us dem Kontext kann man entnehmen, dass hier diverse Leichenteile nebeneinander auf einem Parkettboden arrangiert wurden, um, so erfährt man erst bei der zweiten Wiederholung, auch noch eine Botschaft zu vermitteln (sieht ein bisschen aus wie ein umgefallenes E). Die Hauptfigur der Geschichte, ein Superheld mit sehr suspekter origin story ist zu Beginn auf dem Weg zu einer (gezielte, aber unangemessene Wortwahl) »killer party«, wo er dann auf die drapierten Leichenteile seiner besten Freunde und seiner Freundin stößt. Als besondere Botschaft wird dieses Massakerthema später in der Geschichte noch mal wiederholt.

Das das dargestellte Handlungselement keineswegs geschmackssicher ausfällt, ist eine Sache (nichts an der Gesamtstory rechtfertigt die Wahl des Trauma-Moments). Viel schlimmer ist aber, wie murksmäßig dieser Moment gezeichnet ist. Ich verlange hier keinesfalls anatomische Akkuratesse und ausgeschlachtete Splatter-Details, wie ich sie etwa in den Comics von Steve Dillon (Preacher) zu schätzen gelernt habe. Etwas etwas harmloser anzudeuten hat durchaus eine Berechtigung. Hier ist aber das Problem, dass man zum einen auf den ersten Blick gar nicht zweifelsfrei bestimmen mag, was hier dargestellt wird. Und dann sind die mindestens fünf zerteilten Leichen auch noch in einer Blutlache zurechtgerückt (ich muss dabei an den gastronomischen Fachbegriff »Saucenspiegel« denken), die zum einen so wirkt, als wäre sie ca. drei Zentimeter hoch (besonders bekloppt: der Lichtreflex rund um den Rand des Blutsees), wobei man aber abgesehen davon nirgends auch nur einen Fußabdruck sieht (das wird dann beim zweiten Massaker mit Kolorierungseffekten quasi »nachgeholt«).

So ein Panel ist Comic zum Abgewöhnen. Und bei möglichen jungen Lesern, die das anders sehen, wird das Problem nur noch schlimmer. Der Rest dieser Geschichte hat noch einige schlechte Zeichnungen (etwa das Eintreffen einer militaristischen Gruppe in der Ruine eines Hinterhofs), aber allein über dieses Panel war ich so erbost wie lange lange Zeit in keinem narrativen Medium mehr.

Die zweite Geschichte über den Crimson Scorpion beginnt mit einer ähnlich fatalen Kombination aus Naivität und Blutrünstigkeit. Erneut geht es um eine militaristische Gruppe, und der Zeichenstil erinnerte mich an billig produzierte Animationsserien für Kinder wie Bibi & Tina. Dabei geht es aber in der Geschichte um mörderische Intrigen, die bis in den Pentagon reichen.

Conan the Barbarian: Exodus #1

© 2019 Ben Dunn, David Furr and Antarctic Press.

Besonders einfallslos: das Gesicht des Oberschurken, das man einfach in einen dauerhaften Schatten setzt. Ähnlich vermurks: die eben noch mit geschlossenen Augen unter der Duschbrause stehende Heldin, die sich beim Ertönen eines Machinengewehrs formvollendet in ein Handtuch gehüllt hat, um ihrem Kollegen zu Hilfe zu eilen. Es gibt einfach sehr wenig, was man an dieser Story ernst nehmen kann.

Conan the Barbarian: Exodus #1

© 2019 Bill Williams and Matthew Weldon.

Das mit Abstand überzeugendste Artwork im Heft liefert die dritte Geschichte (siehe oben), das Problem ist nur, dass es davon nur zwei Seiten gibt und es sich nicht um eine Geschichte per se handelt, sondern eher um ein recap der Grundsituation der Figur Mary Miracle, die nicht nur in geringer Weise an eine bestimmte Marvel-Figur erinnert.

Ein Grundkonzept der Exciting Comics besteht übrigens darin, Figuren, die längst der public domain anheimgefallen sind, neu zu erfinden. Die Schöpfer packen überall gleich ihren Copyright-Stempel drauf, sind ganz stolz darauf, dass sie Comicgeschichten erzählen, die man so nur noch selten sieht - und übersehen dabei offenbar, dass die Mischung aus altbacken, politisch unkorrekt und hingeschludert nicht unbedingt besonders attraktiv ist.

Für die letzte Geschichte benutzt man ein peinliches Akronym (B.A.D.A.S.S. steht für Bureau of Alien Detection and Supernatural Sightings) und schwelgt in größtenteils farblosen Seiten mit Rastereinsatz und einigen Farbtupfern, u.a. für gelbe Augen und rotes Blut.

Conan the Barbarian: Exodus #1

© 2019 Adrian Nelson.

Relativ verglichen also nahezu ambitioniert, aber dabei leider genauso stumpf und spekulativ. Ich muss allerdings auch zugeben, dass ich durch die drei Geschichten zuvor schon reichlich abgestumpft war und der letzten Geschichte angesichts des angeberischen »Designs« und des flashy Sujets nicht mehr ganz den Raum gab, sich wirklich zu entfalten. Vielleicht hätte mich die Geschichte zu Beginn des Heftes noch halbwegs erreicht.

Alles in allem ein Comic zum Abgewöhnen, das man Leuten schenkt, die alles zuende lesen und die man nicht mag. (Und vielleicht - börks - gefällt es ihnen dann sogar...)


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Andere gelesene Neuerscheinungen dieser Woche
(habe es ein klitzekleines bisschen übertrieben...):
Batman Universe #2, Black Hammer / Justice League: Hammer of Justice! #2, Collapser #2, Event Leviathan #3 (of 6), Ghosted in L.A. #2, Gogor #4 (Text wird nachgeliefert), Gwenpool strikes back #1, The Immortal Hulk Director's Cut #1, Once & Future #1, The Orville: The Beginnings #2, Powers of X #2 (of 6), Second Coming #2, Star Trek: Year Five #4, Titans: Burning Rage #1 und Usagi Yojimbo #3

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Für die nächste Ausgabe in ca. 5-6 Tagen geplant:

Ganz sicher: die nachgelieferten Rezensionen zu Gogor #4, Powers of X #3 (of 6), Superman: Year One #2 (of 3) und Unnatural #12 (of 12) (macht euch einen Screenshot hiervon und nagelt mich darauf fest!!!) sowie je nach Gefallen und availability sowas wie Battlepug #1, Legion of Superheroes: Millennium #1 (of 2), Power Pack: Grow Up! #1 oder RWBY #1.