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27. August 2012
Kristin Eckstein
für satt.org

  Precious Lies. Lying Mii-kun and Broken Maa-Chan
Precious Lies. Lying Mii-kun and Broken Maa-Chan Hitoma Iruma (Autor), Atsuki Satoh (Zeichnungen), Hidari (Charakterentwurf), Ehapa 2012, 196 S., € 7,00
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Precious Lies. Lying Mii-kun and Broken Maa-Chan


Precious Lies

Mayu ist eine Außenseiterin in ihrer Klasse – sie grenzt sich bewusst von ihren Mitschülern ab, ignoriert sie, schläft im Unterricht und redet nicht mit ihren Lehrern. Erst als ihr Kindheitsfreund Mii-kun auftaucht und sich in ihrer Wohnung einquartiert, blüht das Mädchen auf. Der Grund für das unkonventionelle, zurückgezogene Leben Mayus – die sich selbst Maa-chan nennt und von sich selbst in der dritten Person spricht – liegt in ihrer Vergangenheit begründet: Als Kind wurde sie gemeinsam mit Mii-kun entführt, über mehrere Wochen lang festgehalten, und dabei physisch und psychisch terrorisiert. Während sich dieses Trauma bei Maa-chan in Form einer psychotischen Störung und dem Misstrauen gegenüber allen Personen außer Mii-kun verfestigt hat, so ist Mii-kun wiederum ein notorischer Lügner, der selten bis nie die Wahrheit sagt. Das Lügen ist zugleich – wie der Titel vermuten lässt – ein Hauptmotiv dieses One-Shots und lässt den Leser häufig im Ungewissen; nicht nur Mii-kun verbreitet Unwahrheiten (sowohl in seinen Dialogen als auch in seinen zahlreichen inneren, narrativen Monologen), sondern auch die anderen Figuren – darunter Maa-chans Ärztin und eine Polizistin – scheinen es mit der Wahrheit nicht allzu eng zu sehen. Maa-chan selbst wiederum verschließt die Augen unbewusst vor der Wahrheit – sie erkennt ihre psychische Krankheit nicht an, sondern glaubt, die einzig Normale in einer Welt voller Lügner zu sein.

Doch dreht sich die Geschichte neben der Wiedervereinigung der beiden traumatisierten Jugendlichen auch um einen in ihrer Nachbarschaft umherstreifenden Serienkiller, der fast täglich ein neues Opfer auf grausame Weise ermordet. Zur selben Zeit wurden zwei Geschwister entführt und sind seit mehreren Wochen verschwunden – und Mii-kun entdeckt sie in der Wohnung von Maa-chan. Der Leser ist somit vor mehrere Rätsel gestellt: Ist Maa-chans psychische Krankheit derart drastisch, dass sie die Entführung aus Kindheitstagen nachspielen muss? Ist sie die gesuchte Mörderin – oder ist es doch Mii-kun, der sich durch seine Lügen und seine nächtlichen Spaziergänge verdächtig macht?

Diese Ungewissheiten sowie die unvorhergesehenen Wendungen machen die narrative Stärke der Geschichte aus; sie halten die Spannung stets hoch und sorgen dafür, dass man den Manga zunächst kaum aus der Hand legen mag. Auch das bruchstückhafte Auflösen der Geschehnisse bei der Entführung und das tatsächliche Ausmaß der Quälerei durch den Entführer, die an Grausamkeiten kaum zu überbieten sind, gehören – so man nicht allzu zart besaitet ist – zu den ‚positiven‘ Aspekten der Geschichte. Precious Lies basiert allerdings auf einer elfbändigen Light Novel-Reihe (kurze Romane bzw. Romanreihen mit Illustrationen im Manga-Stil) und die Adaption in einen One-Shot wird der Geschichte nicht recht. Während sich Autor Hitoma Iruma in seiner Vorlage elf Bände lang für die Ausarbeitung und Entwicklung sowohl seiner ProtagonistInnen als auch der Nebenfiguren sowie der verschiedenen Handlungsstränge Zeit lassen kann, wirkt die Geschichte auf den etwa 180 Seiten eingeengt. Die Figuren bleiben oberflächlich und es fällt schwer, ihnen Empathie entgegen zu bringen. Die emotionslose Darstellung der Figuren mag aufgrund ihrer psychischen Defizite gewollt und als Stilmittel eingesetzt worden sein, doch wirkt es mehr wie ein durch den geringen Platz bedingtes Unvermögen, ihnen Leben einzuhauchen. Diese „Leere“ wird auch durch den Zeichenstil verdeutlicht: Nur selten finden sich detailliert ausgearbeitete Hintergründe, zumeist bleiben sie gänzlich ausgespart. Die nüchterne Einrichtung von Maa-chans Zimmer spiegelt jedoch ihr psychisches Innenleben wider, das ebenfalls gänzlich „leer“ und unbewohnt ist. Auch der Einsatz von comic relief in seriösen Szenen wirkt in Precious Lies eher befremdlich denn spannungslösend. Es ist eine permanent unangenehme und zuweilen verstörende Atmosphäre, die den Manga dominiert und den Tenor der Geschichte unterstreicht.

Das Charakterdesign von Hidari gehört zu den positiveren Aspekten des Mangas, wenngleich es wenig innovativ anmutet; zu stark fügt sich insbesondere Maa-chan in den Mainstream von Horror- und Mystery-Manga mit weiblichen Protagonistinnen ein, die – wie aus Werken wie Elfen Lied oder Doubt bereits altbekannt – in die von Manga-Forscher Shiokawa als „Cute but Deadly“ bezeichneten Stereotypen eingeordnet werden können. Auch die älteren Figuren, insbesondere die Ärztin Dr. Koibi Sakashita sowie die Polizistin Natsuki Kamiyashiro, erwecken sowohl optisch als auch von ihrem Verhalten her den Anschein, nicht wesentlich älter zu sein als die beiden psychisch kranken Protagonisten. Auch anhand dieser beiden durchaus interessant konzipierten Nebenfiguren zeigt sich die Schwäche des Mangas allzu deutlich: Er ist zu kurz, um ihnen die nötige Tiefe zu verleihen und so bleiben sie letztlich flach und dienen lediglich als plot device.

Charakterlich entspricht Maa-chan der klassischen yandere: Während ihre Liebe und Zuneigung zu Mii-kun zunächst zwar durchaus bereits krankhafte Züge aufweist, doch harmlos und kindlich-naiv wirkt, so entblößt sie in einigen Szenen ihren psychotischen und destruktiven Charakter. Als die von ihr entführten Kinder das essen, was sie für Mii-kun zubereitet hat, geht sie mit einem riesigen Küchenmesser auf die beiden los. Wenig später verfolgt sie Mii-kun und schlägt ihn blutig, weil er sich mit einer anderen Frau getroffen hat. Wie es dem Archetyp der yandere entspricht, kann sie ihre Gefühle nur durch die Ausübung physischer Gewalt zum Ausdruck bringen – im steten Wechselspiel mit Episoden von zwanghafter Zuneigung und Fürsorge, wenn sie beispielsweise Mii-kuns verletzte Hand verarztet, ohne sich daran zu erinnern, selbst das Messer in ebendiese gestoßen zu haben. Die Geschichte spricht verschiedene psychische Krankheiten direkt (PTBS) oder indirekt (Stockholm-Syndrom) an, geht dabei jedoch nicht in die Tiefe.

Precious Lies ist ein passabler Manga, aber es ist kein herausragender Vertreter der Kategorien Horror/ Mystery. In Anbetracht der hochgradig interessanten Grundidee der Geschichte und der eigentlich überaus komplexen Psyche der Figuren, die sich in der umfangreichen Light Novel weitaus intensiver entfalten können, erscheint die Manga-Adaption von Precious Lies als eine Ansammlung verschenkten Potentials, die den Leser unbefriedigt und zwiespältig zurücklassen. Es bleibt zu hoffen, dass die Novel-Vorlage den Weg nach Deutschland schafft.