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Die Box





13. Februar 2011
Felix Giesa
für satt.org

Horror-Manga

Wer den schmerzlichen Wegfall der Gespenstergeschichten aus dem Bastei Verlag vor ein paar Jahren noch nicht überwunden hat und wem die Hammerharten Horrorschocker aus dem Hause Weissblech zu trashig sind, der findet eventuell thematisch ähnliche Manga als passende Alternative. Wer mindestens The Ring (nicht den billigen US-Abklatsch) gesehen hat, wird wissen, dass japanische Horrorgeschichten zu den gruseligeren gehören. Horror und Mysterie sind dementsprechend auch im Manga ein fest etabliertes Genre, mit Unter- und Abarten, die man in westlichen Sprachen vermutlich nie zu lesen bekommen wird. Was erhältlich ist, spannt sich zwischen Geistergeschichten wie in Mail. Botschaften aus dem Jenseits von Housui Yamazaki, Übernatürlichem wie Death Note von Tsugumi Ohba und Takeshi Obata und fiesem Ekelhorror à la Hino Horror von Heshi Hino. Und auch die untoten neuen Lieblinge der Popkultur finden sich natürlich als Manga; auch wenn Highschool of the Dead dem Zombie-Mythos nichts wirklich Neues abgewinnen kann.

  Yoshiki Tonogai: Doubt
Yoshiki Tonogai: Doubt
Carlsen Manga 2010
212 Seiten, 7,95 €
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Nobuaki Tadano: 7 Billion Needles
Nobuaki Tadano:
7 Billion Needles

Vertical 2010
180 Seiten, $ 10,95
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Zwei aktuelle Titel sollen aber nun im Folgenden interessieren, da sie beispielhaft für das aktuelle Vermischen bekannter Bilder und Themen zu einer Erzählung sind. Yoshiki Tonogais Doubt ist ein unanständiger Bastard, irgendwo zwischen Saw und einem Multiplayer-Online-Spiel. Dabei gleicht der Aufbau einem klassischen Teenie-Slasher-Film und in einem Manga dürfen dabei natürlich auch nicht Mädchen in Schuluniformen und teilweise einem bombastischen Ausschnitt fehlen. Die Handlung ist schnell erzählt. Eine Gruppe Online-Spieler, die sich alle beim Spielen von Rabbit Doubt kennengelernt haben, treffen sich, um sich außerhalb der virtuellen Realität kennenzulernen. Beim gemeinsamen Karaoke gibt es schnell Krach und bevor man sich‘s versieht, wachen alle in einem Fabrikgebäude mit unterschiedlichen Räumen auf und sind gezwungen Rabbit Doubt real zu spielen: Dabei geht es darum, einen Wolf unter Schafen ausfindig zu machen. Der Wolf soll das natürlich verhindern und mordet dabei die kleinen Lämmlein fröhlich nieder. Gleich zu Beginn wird eine der Gefährten in blutiger Slasher-Manier an die Zimmerwand gekreuzigt. Alle ‚Spieler‘ haben einen Barcode tätowiert, mit dem sie eine (und zwar nur eine) Tür öffnen können. Danach ist diese Tür auf den Code programmiert, der Code funktioniert an keiner anderen Tür mehr. Und wen das jetzt ein bisschen an Cube erinnert, der wird wohl nicht ganz falsch liegen. Der ganze Manga folgt also einem strengen Spielprinzip und dankenswerterweise findet sich am Ende des ersten Bandes eine Auflistung der ‚freigespielten‘ Räume. Ist Doubt also ein virtuoses Mash-up aus diversen Komponenten der Popkultur? Virtuos sicherlich nicht, aber die Idee ist ganz gefällig und die Geschichte weiß zu unterhalten. Wen der am Manga-Mainstream ausgerichtete Zeichenstil nicht abschreckt, wird sicherlich gut unterhalten werden.

Das gilt so auch uneingeschränkt für 7 Billion Needles von Nobuaki Tadano. Inspiriert von der klassischen Science Fiction Geschichte Needle von Hal Clement, wird hier ein Urgestein des Body-Snatcher-Themas interpretiert. Wie auch in Doubt sind die handelnden Figuren Jugendliche in den tiefsten adoleszenten Krisen. Hikaru Takabe schirmt sich vor den Hänseleien ihrer Mitschüler durch ein großes Paar Kopfhörer ab. Ausgerechnet durch dieses nimmt ein ausirdisches Wesen mit ihr Kontakt auf und fordert sie auf, ihr beim Kampf gegen seinen Feind, der schon für den Untergang der Dinosaurier (!) verantwortlich gewesen sein soll, zu helfen. Dass es sich jedoch bei der Wirtin Takabe gar nicht mehr um das echte Mädchen Takabe handelt, erfährt nur der Leser. Der außerirdische Symbiont hat ihren Körper bei der Kontaktaufnahme vernichtet und Takabes Geist in einen künstlichen Körper transferiert. Wie auch in vergleichbaren Arbeiten dient hier der Verweis auf den Cyborg-Körper als Kritik am Status des Menschen in der heutigen Gesellschaft, mehr noch, wenn es sich um japanische Schüler handelt, die einem harten Schulalltag unterworfen sind. Für das körperliche Leid, dass sie dabei regelrecht erfahren, findet 7 Billion Needles mit den deformierten Körpern der Außerirdischen eine gelungene graphische Metapher.

Beide Serien sind in vier Teilen abgeschlossen, für einen Versuch in Sachen japanischem Horror also überschaubar.