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Die Box





24. Juni 2012
Thomas Vorwerk
für satt.org

Comic-Salon-Erlangen 2012

Erlangen 2012:
Die Comics, Teil 1:
Comics für Kinder

Mitte der 1990er hatte ich mir mal einen derartigen Überblick über die amerikanische Comicszene (insbesondere Independents und qualitativ hochwertige Produkte) erarbeitet, dass ich von den jeweiligen Nominierten beim Harvey oder Eisner Award mitunter 80% kannte und mir durchaus mein eigenes Bild machen konnte. Bei den sieben von mir persönlich besuchten Max-und-Moritz-Preisverleihungen (1992, 1994, 1996, 1998, 2002, 2008, 2012, Hamburg zähle ich jetzt mal nicht mit) hatte ich zu keinem Zeitpunkt einen derartigen Überblick.

Ich gebe es zu, von den 25 2012 nominierten Comics kannte ich vor meiner Reise nach Erlangen (wenn man Zeitungsstrips mal außen vor lässt, von denen ich aber in allen drei Fällen auch nur Stichproben gelesen hatte) exakt ein Werk (einige der Zeitungsstrips vernachlässige ich an dieser Stelle mal), David Mazzucchellis Asterios Polyp hatte ich dafür aber auch schon 2009 gelesen und rezensiert. In Erlangen habe ich mir dann in den Ausstellungen einen ganz hübschen Einblick in Annas Paradies und Der Staub der Ahnen verschafft, und mir an Rezensionsexemplaren immerhin neun der Nominierten (zu nicht geringem Teil die Gewinner) organisiert, von denen ich schon am Samstag auf der Rückreise im Zug Fennek, Grablicht (Band 2, beide Bände sind vergriffen, von der 2 waren aber noch ein paar im Presse-Counter zu haben gewesen), Lou! (Band 1, Band 2 zuhause nachgeholt), Packeis und Das tapfere Prinzlein und die sieben Zwergbären gelesen habe. Zu diesen (und einigen Neu- und nicht ganz so alten Erscheinungen) werde ich in den nächsten Wochen hier mehrfach meine Meinung kundtun.

Ich beginne mit der kompletten Riege der Kategorie »Bester Comic für Kinder«, von denen der liebe Felix Giesa, Comic-Redakteur bei satt.org, bereits zwei besprochen hat. Aber eine Zweitmeinung schadet ja nicht, und ich werde auf Felix' Besprechungen einfach Bezug nehmen, und Vergleiche, die er bereits bemüht hat, geflissentlich umgehen.

Ich fange aber mit dem Comic an, der nicht prämiert wurde, mir persönlich aber am besten gefallen hat.

  Lewis Trondheim & Yoann: Fennek
Lewis Trondheim & Yoann: Fennek
Reprodukt 2011, HC, 60 S., 12 €
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Fennek

Ich mag cartoony stuff, und neben US-Favoriten wie Kyle Baker, James Kochalka, Jill Thompson oder Jeff Smith haben die Europäer Lewis Trondheim, Jason, Flix und Mawil noch wirklich gute Chancen, dass ich für ihre Werke (und Trondheim haut das Zeug wirklich raus, dass Stephen King daneben wie ein Waisenknabe wirkt) auch mal ein paar Scheinchen aus der Tasche krame. Außerdem verbindet diese acht Künstler, dass sie - ob mit großem Aufwand oder nur ein paar schnellen Strichen - durchaus wissen, wie man aus dem Medium Comic so einiges herausholen kann.

Trondheim liefert hier das Szenario, Yoann (aktuell mitverantwortlich für Spirou & Fantasio) die Bilder. Die beiden verwenden im Querformat durchgehend einen Six-Panel-Grid, der auf zwei Dritteln der Seiten exakt durchgezogen wird, im übrigen Drittel gibt es mal kleine Verschiebungen, häufiger ein Bild, das den Raum zweier nebeneinander angeordneter Panels einnimmt, drei mal einen doppelt hohen Panel (man erklimmt einen Wasserfall, schubst jemanden einen Abhang herunter oder schaut auf jemanden, der bereits am Grund eines Abgrunds liegt), und einmal ein drei-Bild-Panorama, sowie zum Abschluss ein die komplette Seite nutzendes Großbild (übrigens beide mit Sonnenuntergang, der halt auf einem quadratischen Bild nicht annähernd soviel bringt).

Lewis Trondheim & Yoann: Fennek

Interessant am Six-Panel-Grid ist hier, dass es (mit einer kleinen Ausnahme) eigentlich nie die üblichen Panelgrenzen gibt, Yoann aber mit seinen hübschen Wasserfarben erstaunlich genau die Bildquadrate (sie sind etwas höher als breit, aber ich hole jetzt kein Lineal heraus) ausfüllt, und da der ganze Comic sozusagen ein Road Movie ist - oder, in Ermangelung einer Straße, sowas wie ein Quest - nutzt man das Querformat und die Durchbrüche durchs Schema auch sehr schön, um das Reisethema zu unterstützen.

Nach so viel technicalities sollte ich auch mal was über die Geschichte erzählen. Der Fennek, ein junger Wüstenfuchs, ist es leid, von Schlangen verfolgt zu werden. Von seiner Mutter weiß er, dass er es mit dem »Halsband des Schamanen« wochenlang regnen lassen könnte und somit die gesamte Schlangenbrut ersäufen. Auf dem Weg dorthin trifft er auf einiges Getier, das ihm wie die Hyäne, der Adler, das Krokodil oder der Löwe schnell ein Ende der Reise bedeuten könnte, wie die Schildkröte und der weissagende Papagei kurzfristig neugierig machen, wie das Warzenschwein oder der kurzsichtige Gibbon vor allem nerven - oder wie alles, was ein klein bisschen kleiner als der Fennek selbst ist, bei Nichtgefallen zur Marschverpflegung beiträgt. Hierin liegt womöglich (neben dem Detail, dass Trondheim bereits einen Max-und-Moritz-Preis für seine Aproximate Continuum Comics erhalten hat) der Grund, warum die Jury das Werk nicht als besten Kindercomic auszeichnete, denn der Fennek ist zutiefst unsozial. Er besucht seine Mutter nur, wenn er etwas von ihr will, anstatt einen toten Wasserbüffel zu begraben, will er lieber von ihm kosten, und wenn ein Weggefährte ein schlechtes Gewissen hat, weil sie das nervige Warzenschwein den Abhang runtergeschubst haben, kennt er eine gute Methode, um so was zu vergessen: »Etwas noch Schlimmeres machen«. Ein gutes Vorbild ist der Fennek nicht gerade.

Wer aber schon die geistige Reife hat, sich von solch einem Betragen nicht mehr negativ beeinflussen zu lassen, der wird an dem Band seine reine Freude haben. Die Geschichte ist kurzweilig und amüsant (und auf ihre Art auch spannend), der Umgang von Yoann mit dem Tuschkasten ebenso wie mit dem Stift ist entzückend, und wem Tierabenteuer in der Wüste zu weit vom täglichen Leben entfernt sind, dem sei versichert, dass man die Geschichte selbst in den Momenten, wenn der Fennek mal nicht von Fernbedienungen und DVD-Playern spricht, ohne Probleme auf ganz normale Alltagssituationen wie den Schulweg übertragen kann. Da schubst man dann halt den nervigen Knaben aus dem Biounterricht vor den nächsten Linienbus. Nein, liebe Kinder, das macht ihr lieber nicht, sonst kriegt ihr die nächsten fünf Jahre zu Weihnachten nur pädagogisch wertvolle Lektüre geschenkt!

Übrigens, das Warzenschwein überlebt und verschwindet mit den anderen beiden zusammen gen Sonnenuntergang. Und der Bioknabe hat zuhause eine Wii!

  Émile Bravo: Das tapfere Prinzlein und die sieben Zwergbären
Émile Bravo:
Das tapfere Prinzlein
und die sieben Zwergbären

Carlsen 2011, HC, 24 S., 9,95 €
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Das tapfere Prinzlein und die sieben Zwergbären

Im Gegensatz zu Felix kenne ich keine anderen Werke von Bravo, allerdings empfinde ich die Umsetzung der sieben Zwerge in sieben Zwergbären nicht eben als »Niedlichkeitsoffensive«, denn während die Neffen des Prinzen die Bären womöglich als »Teddybären« empfinden, erinnern sie mich eher an die Zeichnungen von Max Andersson (wie auch das Rattengefolge des Flötenspielers), allerdings in bunt. und ihre Nasen sehen aus wie die Papprollen, wenn das Klopapier alle ist. Niedlich ist was anderes!

Wie schon der Titel andeutet, geht die Geschichte weit über Schneewittchen hinaus, insbesondere mag das bei den Zwergbären untergekommene Mädchen zwar durch einen vergifteten Apfel in Schlaf verfallen sein, wer sich aber ein bisschen in Märchen auskennt, weiß, dass Schneewittchen »Haare schwarz wie Ebenholz« hatte, und die blonden Locken der Schläferin deuten somit eher auf Goldilocks oder »Goldlöckchen«, was auch erklärt, warum die Schüsselchen leergefuttert sind und sie im Bett der Bären liegt. Gerade diese ganz subtile Vermischung der Märchenmotive sowie die Abkehr vom typischen Märchenverhalten (»Ich werde dieses Mädchen nicht küssen! Ich kenne sie ja nicht mal!«) zeichnen die komplett kindertaugliche Satire aus. Prinz Güldengurt, eigentlich ein Schneider (genau!), der durch eine Kombination von Missverständnissen in den Besitz eines Schlosses kam, schert sich nicht darum, was »alle Prinzen machen«, nur weil die Schlafende hübsch ist. »Danach heiratet Ihr sie und so«, das sind ja mittelalterliche Vorstellungen, und insbesondere das »und so« gestaltet der Prinz dann doch lieber selbst.

Émile Bravo: Das tapfere Prinzlein und die sieben Zwergbären

Auf nur wenigen Seiten baut Bravo einen beachtlichen Handlungsbogen auf und verquirlt so viele Märchen, dass kindliche Leser (oder Zuhörer) selbst bei der dritten oder vierten Lektüre noch Details und Zusammenhänge erkennen werden. Das geht sogar bis hin zu Interpretationsdiskussionen zwischen Erwachsenen, denn das letzte Bild des Comics empfand der satt.org-Bildredakteur Torsten Franz als »Bärenknast«, während ich nach der etwa fünften Lektüre jetzt zu dem Schluss gekommen, dass die Bären sich rein immobilientechnisch stark verbessert haben. Zum einen sind Schlösser aus Stein vielleicht nicht unbedingt einladend, aber »was reelles«, nicht nur, was das Baumaterial angeht. Und zum anderen sollte man mal die ursprünglichen »Bettchen« (die gerade so Bärengröße haben) mit den späteren Tummelwiesen vergleichen. Und dass den Bären am Schluss langweilig ist (wie man es auch schon beim Schneider gesehen hat), hat meines Erachtens weniger mit ihrem veränderten Wohnort zu tun, sondern damit, dass sie nun spannende Abenteuer erlebt haben, und von ihrem ehemaligen Lebensziel »Lalala Essen Lalala Schlafen« abgekommen sind, als Personen gewachsen sind. Eine Entwicklung, die auch Kinder nachvollziehen können. Dem Prinz ist ja am Schluss vermutlich auch nicht mehr so langweilig, weil er jetzt eine Frau hat, der er hübsche Kleider schneidern kann. Émile Bravo: Das tapfere Prinzlein und die sieben Zwergbären

Jeder muss sich sein Happy End selbst basteln.

Ach ja, in einem pädagogischen Punkt sind sich Fenneks Mutter und die Bären (trotz Kleinwuchs längst Hausbesitzer) einig: Besucher haben gefälligst die Füße abzutreten. Im dritten nominierten Comic habe ich vergeblich nach einer ähnlichen Szene gesucht, dort gibt es aber nur eine Großmutter, die als Besucherin den Zustand den Zustand der Wohnung, die sie besucht, kritisiert. Kommen wir also zu Lou!

  Julien Neel: Lou!
Julien Neel: Lou!
Tokyopop, bisher vier Bände,
je 48 S., 9,95 Euro
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Lou!

In Felix' Rezension zu Lou! gab es Punkte, die mich durchaus verwunderten. So bezeichnet er Lou als »mal bräsig, mal naseweis« und ihre Mutter als »leicht neurotisch«. Hmm. Nun ist Felix derjenige von uns, der mit zwei Frauen, von denen eine seine Tochter ist, zusammenlebt. Ob ihn das zu einem Experten macht oder zu jemandem, der seinen Privatfrust zumindest in seinen Texten abbauen will, ist die große Frage ... Na gut, vielleicht will ich meinen Redakteur auch nur mal ein wenig aufziehen. Er mag das!

Wie man am Bildmaterial sehen kann, hat Julien Neel einen durchaus hübschen Strich, kleine Details wie die »ungewöhnliche Augenfarbe« der Mutter (ich habe keine Stelle gefunden, an der man ihre Augen sieht, und so etwas finde ich schon mal generell interessant) tragen zum positiven Gesamteindruck bei. Ich persönlich fand aber das eher kleine Format des Albums und die damit verbundene Schwierigkeit, solche Details wirklich zu würdigen, etwas ärgerlich. Es kann durchaus sein, dass das französische Originalalbum die selbe Größe hat, aber das ist wie bei den Werken von Chris Ware, die ich großartig finde, bei denen man aber manche Details wirklich nur mit einer Lupe erkennen kann. Bäume retten ist ja ganz gut und schön, aber manchmal ist die Größe doch wichtig, denn sonst kann man die Technik gar nicht beurteilen.

Julien Neel: Lou!

Durch die knallbunte Kolorierung wird das nicht besser. Aber das sind nur so kleine Äußerlichkeiten.

Lou! erzählt über mehrere Bände auch von der Entwicklung der Figur, insbesondere im Bezug auf Jungs, Liebe etc. bezogen. Das ist ebenfalls außergewöhnlich, aber da ich die Schlussbände nicht kenne, kann ich nicht beurteilen, wie stark die Veränderung ist (gerade auch in der Zeichentrickversion könnte dies interessant sein). In Band 1+2 interessiert sich Lou immerhin schon mal für zwei verschiedene Jungs. Ihren Nachbarn Tristan, der sie zunächst mal optisch anspricht, der aber jederzeit mehr Interesse an einem garstigen Videospiel hat als an ihr. Und in Band 2 bei einem Landbesuch bei der Oma den Sommerflirt Paul, der (didaktisch lobenswert) zunächst eher etwas seltsam wirkt (Bauchansatz und seltsame Frisur), dann aber eine kreative Ader offenbart und sich nebenbei durch Selbstständigkeit auszeichnet. Ich muss zugeben, ich bin durchaus interessiert daran, zu sehen, wie das mit Lou so weitergeht.

Der Comic an sich erzählt zwar eine fortlaufende Geschichte, die Einzelseiten sind aber größtenteils in sich abgeschlossen. Ein manchmal eigentümliches Leseerlebnis. Oft genug gibt es auch kleine Gag-Episoden, die sich mit Nebenfiguren befassen oder bei denen Neel auch mal mit der Erzählform experimentiert. Häufig sieht man auch die kaum kaschierten Alltagsfantasien der Mutter, die in SciFi-Abenteuern, graphisch ausgefeilter, angeblich ihre Werke als Autorin zeigen (unwahrscheinlich, dass es dafür einen Markt gibt).

Durchaus positiv ist der Umgang mit Lous entschwundenem Vater und der gemeinsam mit der Tochter auf Brautschau gehenden Mutter, die übrigens aufgrund der Poster in ihrem Jugendzimmer älter zu sein scheint, als man auf Anhieb schätzen würde. Mit einigem Feingefühl wird hier auch thematisiert, dass die ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht zumeist zögerlicher ausfallen, während Mutters (von der Tochter unterstützten) Annäherung an den Nachbarn Richard zwar einige Zeit lang zu Missverständnissen führt, an irgendeinem Zeitpunkt wundert sich Lou dann aber auch kaum mehr darüber, wenn Richard bis spät in die Nacht bleibt und dann zum Frühstück bereits wieder da ist.

Wie Felix schon sagte, ist die Veröffentlichung solcher Titel (Tokyopops Ernest & Rebecca habe ich auch getestet, hat mich aber nicht ganz überzeugt) durchaus begrüßenswert, Lou! ist auch recht liebevoll übersetzt (»Ich liebe deinen poetischen Stil«), die Alben sind im Design (Rückseiten) durchdacht, und wer eine Tochter, Enkelin oder Nichte im Alter »10+« hat, könnte sich mit solch einem Mitbringsel durchaus beliebt machen (was natürlich für die anderen Comics oben und ihr Zielpublikum inklusive Erwachsener ebenfalls zutrifft).


Demnächst: »Kitsch für Mädchen« (die Autorin über ihr Werk)