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23. Dezember 2011
Sven Jachmann
für satt.org

  Jeff Lemire: Essex County. Geschichten vom Land
Jeff Lemire:
Essex County Band 2
Geistergeschichten

Aus dem Englischen
von Thomas Schützinger
Edition 52 2011
224 Seiten, 18 Euro
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Jeff Lemire: Essex County. Geschichten vom Land


Jeff Lemire:
Essex County
Geistergeschichten

»Wissen sie, ich sage immer, es gibt nur zwei Arten, um in dieser Welt völlig alleine zu sein ... verloren in der Menge ... oder in totaler Isolation.« Wenn uns Lou Lebeuf am Ende seiner Lebensgeschichte diese Maxime offenbart, hat er bereits vergessen, dass er sie nicht zum ersten Mal erzählt. Lou ist das ältere und lebensüberdrüssige Pendant zu Lester, dem kleinen Jungen aus Jeff Lemires erstem Band der Essex County-Trilogie »Geschichten vom Land«, der sich mittels andauernder Superheldenfantasien ein familiäres Trauma – seine Eltern starben bei einem Autounfall - vom Leib hält. Was beide Figuren vereint, ist der Zwang, das Vergessen kontrollieren zu lernen. Was sie unterscheidet, ist die Erfahrung: Lou Lebeuf blickt als alter Mann auf ein Leben voll falscher Entscheidungen zurück; Lester hingegen ahnt nicht im Geringsten, welche Hölle ihm noch bevorstehen könnte.

Die schwarzweißen Zeichnungen Lemires konturieren mehr noch als im ersten Band die Durchlässigkeit zweier Welten. Man weiß gar nicht so recht, ob Lou an Alzheimer erkrankt ist oder sich bloß stur der Realität verweigert; die Gegenwart jedenfalls ist ihm nur noch Kulisse, die ihn in die Vergangenheit abdriften lässt. Ein ratloser Blick ins Leere: Wer ist diese fremde Frau in meinem Haus? Eine Pflegerin? Und schon gerät das Räderwerk der Erinnerungen ins Rollen: zurück nach Toronto im Jahr 1951, wo Lou seinen älteren Bruder Vince und dessen Verlobte Beth Morgan am Bahnhof erwartet. Vince stünde eine große Karriere als Profi-Eishockeyspieler bevor. Daran besteht kein Zweifel, nachdem er später dem halbprofessionellen Verein Toronto Grizzlies einen Sieg nach dem anderen beschert. Aber im Gegensatz zu Lou verfolgt Vince keine großen Ziele und begnügt sich mit dem familiären Rückzug in die fiktive Variante von Jeff Lemires Heimatort Essex County, jene ländliche Kleinstadt, die schon im ersten Band ihre Bewohner zur mentalen Isolation verdammte.

Annäherung und Abwehrhaltung waren schon dort die Polaritäten, die die Beziehung des jungen Lester zu seinem Onkel bestimmten. Dem Brüderpaar Vince und Lou ergeht es nicht anders. Als ob er wenigstens einmal an Vinces Erfolg teilhaben wolle, schläft Lou in der Nacht, als die Grizzlies dank Vince zum ersten Mal nach vier Jahren die Playoffs erreichen, mit Vinces Verlobten Beth – und wird fortan zur persona non grata. Die Allianz aus Begehren und Verrat, die Lou von dort an ein Leben lang verfolgen wird, verdichtet Lemire zur bedrückenden Bildpoesie. Wie in einer Überblende blickt der Mond mit Lous Konterfei, der zuvor selbstvergessen aus einem Fenster ins Leere starrte, auf das Paar herab: alt, faltig, sehnsüchtig und zugleich voller Scham über den Vertrauensbruch.

Vince kehrt nach Essex County zurück, Lou verdingt sich nach einer irreversiblen Knieverletzung in Toronto als Straßenbahnfahrer. Erst der Tod von Beth führt die beiden nach Jahrzehnten wieder zusammen, als Zwangsgemeinschaft, die auf Vinces Farm in Essex County eher widerwillig aufeinander angewiesen ist und – der eine mehr, der andere weniger - nur noch den eigenen Tod herbeisehnt. Hier, an diesem einsamen Ort, den er mal mit großen Plänen verließ, entgeht Lou der Verzweiflung, indem er die vergangenen Fehler abruft, immer und immer wieder; hier wirft alles gespenstische Schatten, die starken Schraffuren werden endgültig zu den Gefängnismauern einer gequälten Erinnerung. Lemires eindringlichen und kräftigen Zeichnungen laden gesellschaftliches Leben nicht ein, sondern aus: Kein Panel, egal wie dicht bevölkert es sein mag, das nicht zugleich auch drohte, von Bildern der Vergangenheit verschlungen zu werden. Die Wege, die Lemire entwickelt, um die Spuren eines traumatisierten Lebens ins Bild zu übersetzen, das hinter jeder Geste, jedem Gesicht und jeden Gegenstand nur noch die eigene Einsamkeit erkennt, sind schlicht und ergreifend atemberaubend.