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Die Box





8. März 2011
Sven Jachmann
für satt.org

  Jeff Lemire: Essex County. Geschichten vom Land
Jeff Lemire:
Essex County Band 1
Geschichten vom Land

Aus dem Englischen
von Thomas Schützinger
Edition 52 2010
112 Seiten, 11 Euro
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Jeff Lemire: Essex County. Geistergeschichten


Jeff Lemire:
Essex County
Geschichten vom Land

Die erste Seite: der Blick auf ein Windrad, dann auf ein Futtersilo, schließlich auf den Hinterkopf eines Jungen. Die Halbtotale auf der folgenden Seite zeigt ihn in einem provisorischen Superheldenkostüm: Cape, Handschuhe und Batman-Maske. Aus einer Vogelperspektive sehen wir, dass er sich mitten auf dem riesigen Feld einer Farm befindet. Er schließt die Augen, sammelt allen Mut, läuft los und – erhebt sich in die Lüfte, fliegt direkt auf die Leser/innen zu. Sein Blick verrät, dass er es selbst nicht ganz glauben kann. Aber die Reise währt nur kurz: Die Rufe seines Onkels holen Lester in Sekundenschnelle buchstäblich auf den Boden der Tatsachen zurück.

Für Superman war die Farm meist das Refugium, um sich für die Krisen der Welt zu rüsten. Nach wenigen Seiten ist aber klar, dass es sich beim zehnjährigen Lester umgekehrt verhält. Hier schlüpft einer ins Superheldengewand, weil er sich nicht von der Welt, sondern von seiner eigenen Krise abspalten muss. Als Lesters Mutter vor wenigen Monaten an Krebs starb, musste er als Waise zu deren Bruder Kenny ins abgeschiedene Essex County ziehen, der Heimatstadt des kanadischen Comicautors Jeff Lemire. Nun leben die zwei miteinander aneinander vorbei, und alle Annäherungsversuche des von der Situation nicht minder überforderten Farmers werden von Lester brüsk abgewehrt. Für die beklemmende Isolation, der die beiden in den nicht enden wollenden Maisfeldern ausgesetzt sind, nutzt Lemire das Schweigen zwischen und in den Panels. Kontinuierlich werden Blicke ohne Worte fokussiert. Überhaupt vermitteln nicht die Dialoge, sondern die Gesichter der Sprechenden. Eine stille Trauer verbindet die wenigen Gebäude und Fahrzeuge, die Bäume und Tiere, derer der Blick habhaft wird: Alles deutet auf Leben hin, aber so recht nutzen kann es hier niemand.

Lester tröstet sich mit der Welt der Superhelden-Comics. So gerät er an den Tankstellen-Besitzer Jimmy Lebeuf, der vor einem folgenschweren Unfall ein berühmter Eishockey-Star war. Sie freunden sich an, Lester zeigt ihm seine ersten Comicversuche und gemeinsam bereiten sie sich auf die Invasion der Aliens vor, mit der Lester täglich rechnet. Das noch mehr hinter der Beziehung stecken könnte, erweist sich erst im Verlauf der Erzählung und nimmt eine sehr irrationale Wendung, die, bei aller Rätselhaftigkeit, eine ganze Menge über Lesters Superhelden-Affinität verrät. Weil Jimmy nicht in seine Familienbiographie involviert ist, aber bedingungslos Lesters Fluchten bestärkt, wird er zum Rettungsanker eines gequälten Zurückgelassenen, gleichwohl auch sein Onkel nichts unversucht lässt, zu Lester vorzudringen.

Annäherung und Abwehrhaltung – Lemires schwarzweiße Grafik, die Graustufen nur in den Rückblenden zur Unterscheidung der Zeitebenen kennt, fügt sich exzellent in diese Polarität. Die Konturen sind verwackelt, und so wirkt das flächige Schwarz umso bedrückender. Kein Panel ist zu finden, das bloß reine Information und Orientierungshilfe sein wollte, jeder Bildausschnitt spricht beredt über die Verfassung der Figuren. Sehr filmisch geht das vonstatten und folgt der Struktur nach zudem den Bausteinen des Superheldengenres, nur dass die Panoramen, die reduzierten Hintergründe und Splashpanels nicht Heroismus, Triumph oder Dramatik vermitteln, sondern von topographischer wie psychischer Leere erzählen. Und so wie die Grammatik der Allmachtsphantasie gegen ihre inhärente Gewalt neu formuliert wird, dienen auch Lesters Fluchtträume seiner Emanzipation vom Trauma – in der letzten Sequenz jedenfalls wird aus der Entfremdung der Erinnerung eine Geste der Versöhnung und das Cape zum unnützen Ballast. Der Schritt zurück in die Realität ist allerdings pure unterschwellige Dramatik, denn eigentlich benötigt jeder Superheld, auch einer wider Willen, einen Antagonisten und wenn es seine inneren Dämonen sind. Lemire hat die in den USA völlig zu Recht mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete und u. a. für den Harvey- und zwei Eisner-Awards nominierte Erzählung als Trilogie vorgelegt. Welche Art Initiation nun aus Lesters Entscheidung entwächst, sollte die deutschsprachige Leserschaft schon bald erfahren. Die Veröffentlichung des Folgebandes erfolgt dieser Tage.

Jeff Lemire: Essex County. Geschichten vom Land