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15. Mai 2011
Felix Giesa
für satt.org

  »Wandering Ghost« von Moki
Moki: Wandering Ghost
Reprodukt 2011, 88 Seiten plus ein farbiges 8-Blatt Supplement, s/w bzw. farbig, 16 Euro
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»Wandering Ghost« von Moki


Träumfängerin
mit Pinsel und Stift

Auch in ihrem neuen Comic gewährt Moki ihren Lesern wieder Einblicke in die von ihr entdeckte Traumwelt. Seitdem sie 2006 den ICOM-Preis für herausragendes Artwork erhalten hat, entstehen immer wieder Arbeiten, die in diesem unbekannten ‚Grenzland’ zwischen Realität und Traum angesiedelt sind. Borderland (in Panik Elektro #3), so der Titel des ausgezeichneten Strips, kann dabei als programmatischer Phänotyp für ihre Arbeiten angesehen werden: in mystisch-organischen Waldpanoramen treffen wir auf scheue Wesen, die scheinbar direkt dem Urwald von Prinzessin Mononoké entstammen. Und dies ist nicht der einzige Bezug zu japanischen Traditionen, der sich in Mokis Werk finden lässt. Ihre Arbeiten gleichen häufig Bildrollen mit durchlaufendem Hintergrund, auf denen sich die Handlung träumerisch entwickeln muss. Die Anforderung, diesen Traumpfaden der Geschichte folgen zu können, richtet sich an den Leser; er muss sich in dem Dickicht der Schlingpflanzen und bemoosten Hügel die Geschichte zusammensuchen. Dazu passt natürlich, dass beinahe alle Arbeiten der Künstlerin ohne Worte auskommen, auch Träume generieren sich ja häufig nur aus Bildern.

In Wandering Ghost nun, dem hier zu besprechenden Bändchen, verzichtet sie wieder auf Sprache und bedient sich in ihrer ersten wirklich längern Geschichte, im Unterschied zur schwermütigen Buntheit von Borderland, feiner brauner Zeichnungen, die den Seiten einen leichten Sepia-Ton verleihen. Motivisch reiht sie sich dabei in die lange Riege junger Zeichner, die genau dieses Merkmal, die Jugend, ins Zentrum ihres Schaffens gerückt haben. Somit soll Wandering Ghost eine Initiationsgeschichte sein, zumindest kündigt das die Verlagsvorschau an. Und tatsächlich finden sich viele kleine Ideensprengsel dieses Motivs, die in ihrer Spannbreite Mokis zutiefst in der Romantik verankerte Erzählkunst offenbaren. Ein scheinbar pubertiertes flauschiges Wesen steht sich selbst als kindlicher Doppelgänger gegenüber, will den ‚neuen’ Körper gar nicht als eigenen erkennen und schon gar nicht annehmen. Den Romantikern diente das Mittel des Doppelgängers als Möglichkeit, das psychische Entgleiten einer Figur, den Verlust des Ichs, erzählerisch zu gestalten. Bei Moki ist der Doppelgänger, der stellenweise auch Spuren eines Wiedergängers in sich vereint, Ausdruck für die adoleszente Identitätskrise. In archaischeren Kulturen wurde diese Krise durch Initiationsriten überwunden, die Heranwachsenden in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen. In modernen Kulturen ist die Bewältigung dieser Krise zur Aufgabe des Subjekts selbst geworden, die Literatur erzählt zuhauf solche Geschichten. Eine der poetischsten ist sicherlich die der kleinen Alice, die ins Hasenloch fällt. Die freudsche Ausdeutung dieses Bildes einmal außer Acht gelassen, findet sich dieses vielfach zitiert und auch Mokis flauschiges Wesen tritt seine Reise aus dem lochartigen Eingang eines kugelrunden Nestes heraus an, in welchem es kurz zuvor noch zusammengekauert schlief. Die nun folgende Suche nach sich selbst, ist in ihren Bildern und Momenten immer wieder ein Changieren zwischen niedlich und verstörend. Im Unterschied zu früheren Arbeiten fällt dabei auf, dass sich das surreale hier lediglich in den Landschaften niederschlägt. Ansonsten versuchte Moki besonders in ihren Gemälden das Unterbewusste auszuloten. Wandering Ghost ist im Vergleich dazu schon beinahe eine stringente Erzählung. Oder eher noch das, was einem Gedicht in Bildern am nächsten käme. Ganz ohne Farbe ging es dann aber auch hier nicht, denn dem Band liegt ein Heftchen mit abgedruckten Gemälden bei, auf welchen die Figuren des Hauptbandes in weiteren Stationen angetroffen werden. Die auf Holz gemalten Bilder sind dabei wieder von jenem Unwirklichem geprägt, dass man auch aus Mokis letztem, in Amerika veröffentlichtem Band, How to Disappear, kennt. Wobei die Maserung des Holzes den neuen Bildern eine seltsame Erdung in der Realität verleiht. Das ‚Verschwinden’ aus dem Titel ihres letzten Buches dehnt sich damit auch auf das Verschwinden des Träumerischen aus unserem Alltag aus. Moki, als Traumfängerin mit Stift und Pinsel, bewahrt uns wenigstens ihre Impressionen aus dieser Region. Nicht nur vom Geruch des farbigen Supplements sollte man sich berauschen lassen.