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Juli 2003
Andreas Platthaus
für satt.org


Jason:
Hey, warte mal …

Aus dem Amerikanischen von Jens R. Nielsen
Verlag Schwarzer Turm, Hünfeld 2003

Jason: Hey, warte mal …

66 S., sw, br.
12,00 Euro
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VENTIL:
1: Mawil: Wir können ja Freunde bleiben

2: Emmanuel Moynot: L'Enfer du jour

3: Yoann, Vermot-Desroches, Sfar, Trondheim: Donjon Monsters 5,6

4: Jason: Hey, warte mal …

5: Anke Feuchtenberger, Katrin de Vries: Die Hure H | Diceindustries: Rimini Redux

6: Joann Sfar: Le Chat du Rabbin 3: L’Exode

7: Ulf K.: Titus von Götheborg | Uli Oesterle: Hector Umbra. Der halbautomatische Wahnsinn

8: Craig Thompson: Carnet de Voyage

9: Moebius, Stéphane Cattaneo: Beautiful Life

10: Neil Gaiman, P. Craig Russell: Mordmysterien

11: David B.: Babel

12: Baru: Wut im Bauch

13: Georges Abolin, Olivier Pont, Jean-Jacques Chagnaud: Jenseits der Zeit


Andreas Platthaus'
VENTIL No. 4


Jason:
Hey, warte mal …



Comic-Kritiker neigen zur Nachsicht. Das ist Zeichen für eine prinzipielle Schwäche des Genres, denn nur eine Disziplin, die nicht gegenseitige Hilfeleistung, sondern klare Maßstäbe für die Beurteilung in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellt, kann als selbstbewußt bezeichnet werden. Immer noch aber werten Autoren, Zeichner oder Verleger (und selbst mancher Rezensent) negative Kritik als Angriff auf den Comic als solchen, denn wenn – so argumentieren sie – schon dessen Verehrer nicht mehr die Interessen der Gattung wahren, wie sollte man dann denn erst deren Verächter überzeugen? Durch ernsthafte und unbeeinflußbare Besprechungen, muß man darauf antworten, die ihre Kriterien nicht länger persönlicher Sympathie für die Macher, sondern ästhetischen Leitlinien verdanken, die auch den Vergleich mit dem Niveau aushalten, das in anderen Künsten herrscht. Wenn dann aber die deutsche Comicpresse in seltener Einmütigkeit ein zweifellos solides, aber nichts weniger als originelles Werk wie "Hey, warte mal …" von Jason gleich zu einem Meilenstein deklariert, darf man wohl füglich bezweifeln, daß der Betrieb in der Lage sein wird, Branchenfremde davon zu überzeugen, daß es neben der Gefälligkeit (persönlicher wie ästhetischer) noch andere Gesichtspunkte gibt, die bei Comicbesprechungen eine Rolle spielen könnten. Und diesbezüglich sind die scheinbar unabhängigen Fachjournalisten (und der Verfasser schließt sich hier durchaus mit ein) eher noch anfälliger als diejenigen Autoren, die in Spezialpublikationen für Comicfans schreiben. So lange jedenfalls nahezu jede veröffentlichte Rezension in den großen Blättern ein Lob ist (weil die Kritiker die seltene Chance, redaktionellen Raum für das Thema Comics zu erhalten, dazu nutzen wollen, um ihre Lieblinge vorzustellen), so lange darf der Comic keine Normalität für sich in Anspruch nehmen – denn normal wäre ein ungleich größerer Anteil an Verrissen.
Jason: Hey, warte mal …

Mit Jasons Band könnte man da beginnen, denn auch wenn Lewis Trondheims "Lapinot" außerhalb Frankreichs noch nahezu unbekannt war, als der Norweger Jason 1998 seine ersten Comicfolgen mit den undefinierbaren schlappohrigen Wesen schrieb und zeichnete, nahm er in seiner Arbeit doch zuverlässig alle Muster der ausgehenden neunziger Jahre auf: Autobiographie, Zeichenstil à la arte povera, Weltschmerz. Bisweilen vermag solcher Eklektizismus schöne Resultate zu zeitigen, doch Jasons Buch ist denkbar simpel geraten. Wie bei James Kochalka übersteigt sein Talent als Szenarist eindeutig das Können als Zeichner. Doch die altbekannte Geschichte von Schuld und Sühne, aus der "Hey, warte mal …" besteht, setzt leider auch erzählerisch kaum Akzente. Sie stellt allein aufs Sentiment ab, aber solche Themen werden ja sofort (da im Comic allgemein eher rar) als Grenzüberschreitungen gelobt – obwohl Jasons Handlung in ihrer Schlichtheit wohl sonst nur in den dem Comic denkbar eng verwandten Groschenheften ein Forum finden könnte. Gerade das, was allenthalben an seinem Album gelobt wird, die genaue Alltagsbeobachtung und das Psychogramm einer Adoleszenz, ist leicht getan, weil hier nur auf Erfahrungen zurückgegriffen, die jeder Leser – hoffentlich weniger traumatisch – schon einmal hat machen können. Das ist per se kein Nachteil, aber originell ist es eben auch nicht. Zeichnerisch wird dabei wenig genug geboten, was auch die größten Fürsprecher zugeben müßte, wenn sie ein Wort darüber verloren hätten, aber sie mogeln sich mit dem Verweis auf die Struktur der Geschichte am Urteil vorbei. Die von Jason gewählte starre Seitenarchitektur ist indes seit Frank Kings "Gasoline Alley" oder etwas aktueller David Mazzucchellis "Stadt aus Glas" auch nur noch insofern originell, als die Zahl der Panels bei "Hey, warte mal …" statt zwölf, beziehungsweise neun lediglich sechs beträgt. Daß eine vollkommen leere Seite noch das Gelungenste im ganze Buch ist, verwundert da kaum.

Wieso nun ausgerechnet Jason ins Deutsche übersetzt wurde, während Jason Lutes’ "Berlin" immer noch bis Herbst warten muß und sich offenbar niemand für Seths "Palookaville" interessiert, das gehört zu den großen Rätseln eines Metiers, dem der günstige Lizenzeinkauf offenbar wichtiger ist als ein ästhetisches Wagnis – und das dafür dann auch noch gelobt werden will (und andauernd gelobt wird).