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Die Box




26. Juni 2013
THS
für satt.org

  William Basinskis »Nocturnes«
William Basinski: Nocturnes
2062, Temporary (Cargo Records) 2013
» 2062 – the work of William Basinski
» amazon


Nachtmusik auf Tape
William Basinskis »Nocturnes«

Spätestens seit den monumentalen »Disintegration Loops«, die zwischen 2002 und 2003 erschienen und auf denen man dem langsamen Zerfall von alten Magnetbändern und den darauf gespeicherten Kompositionen beiwohnen kann, ist William Basinski vielen ein Begriff. Jene Tape-Loops, die der 1958 in Texas geborene Komponist in den späten 1970ern und frühen 80ern angefertigt hatte, hielten der Zeit nicht stand und lösten sich beim erneuten Abspielen allmählich auf. Das hörbare Verschwinden seiner Tonspuren und das mal heimliche, mal unheimliche Vergehen der minimalen Klänge auf den einzelnen Bändern, hatte Basinski dabei klugerweise eingefangen und so ein paradoxes Werk geschaffen, das einerseits den Glauben an die Unvergänglichkeit mancher Medien von sich weist und andererseits das Vergängliche selbst in Form einer neuerlichen Aufnahme konserviert – man drückt auf REPEAT und hört dem Vergehen in steter Wiederholung zu.

Aber eigentlich faszinierend war natürlich das fast schleichende Zugrundegehen der Aufnahmen, fast so, als könne man das Verbleichen einer Photographie leibhaftig verfolgen. Am Anfang der einzelnen Stücke noch klar und von einer Patina aus analoger Bandmaschine und jahrzehntealter Aufnahmetechnik umgeben, brachen die Loops nach zehn oder zwanzig Minuten auseinander und begannen sich aufzulösen. Melodiebögen gingen plötzlich verloren, das Tape fing an zu leiern, verlor das Gefühl für die eigene Geschwindigkeit und irgendwann, nachdem von den anfangs gehörten Geräuschen und Tönen kaum noch etwas übrig geblieben war, ließ sich nichts weiter im Dickicht der Aufnahme ausmachen als ein irgendwie melancholisches Rauschen. Alles geht auf den »Disintegration Loops« dieser Auflösung entgegen und dennoch – oder vielleicht gerade aus diesem Grund – liegt im Verlöschen des auf Ewigkeit Angelegten eine eigenwillige Schönheit.

Auch auf späteren Veröffentlichungen wie »Variations: A Movement in Chrome Primitive« oder den »Variations for Piano & Tape« ist Basinski dabei diesen Mustern treu geblieben. Auf Photographien im Netz sieht man ihn mit Magnetbändern vor leuchtenden Projektionen hantieren, so als beschäftige sich da einer wirklich noch mit ausgedient geglaubtem Material, während andere längst auf der digitalen Insel ihre Zelte aufgeschlagen haben. Mit der Renaissance von Kassette & Co. in den letzten Jahren scheint dabei allerdings auch die Zeit für analoge Ambient-Musik allmählich zurückzukommen.

Seit 2009 jedenfalls hat der mittlerweile in Kalifornien lebende Basinski kein neues Album mehr veröffentlicht. Jetzt allerdings erschienen die »Nocturnes« – zwei Aufnahmen, die 70 Minuten füllen und sich irgendwie noch einmal mit dem Tod und der Vergänglichkeit beschäftigen. Auch hier also eine Wiederholung und ein Loop.

Das erste Stück auf der CD, die auf Basinskis eigenem Label »2062« erschienen ist, heißt gleich titelgebend »Nocturnes« und nimmt mit 41 Minuten etwas mehr als die Hälfte des Albums ein. Die Aufnahme stammt dabei aus eben jener Zeit, in der Basinski auch die späteren »Disintegration Loops« aufgenommen hat (1979-80). Im Unterschied zu diesen aber, hört man auf »Nocturnes« nichts von Auflösung und Verlust, sondern eine verhaltene und langsame Klavierlinie, die sich bisweilen in einem Gewebe aus sanften Feedbacks und dem Auslauten verschiedener Hall- und Echoeffekte verliert. Schon nach wenigen Minuten setzt dabei das für mich so typische Basinski-Gefühl ein: eine »leichte Schwere« irgendwie, die in der steten Wiederkehr einer einzigen Melodie beschlossen liegt. So als summe einer zurückgenommen und für Stunden vor sich hin und wechsle doch nicht einen Ton. Die Stimmung dieser Nachtmusik auf Tape ist dabei überaus sinister und wieder etwas melancholisch. Auf eine merkwürdige Weise aber hält die fortgesetzte Wiederkehr des Gleichen nicht den Glauben wach, so könne es immer weitergehen, die Musik also werde überleben. Vielleicht mit dem Wissen um die Zerbrechlichkeit des Aufgenommen glaubt man ständig, schon im nächsten Augenblick werde auch hier alles auseinandergehen und nichtig.

Das zweite Stück, »The Trail of Tears«, ist eine neuere Aufnahme von 2009 und findet in Ausschnitten in Robert Wilsons Oper »The Life and Death of Marina Abramovic« Verwendung. Ganz ohne Klavier lässt dieser 28 minütige »Trail« verschiedene Tapeloop-Passagen ineinander übergehen. Auf das harmonische Stampfen einiger Maschinen im Nebel (so hört sich der erste Teil tatsächlich für mich an: fast wie im Hafen am Morgen, wenn der Dunst über allem steht), folgt ein breit gezogener und vibrierender Teppich, der nur durch ein plötzliches Knacken unterbrochen wird – als tauche da etwas langsam aus der Tiefe auf und zerplatze an der Oberfläche. Über allen Klängen liegt eine dichte Schicht aus Hall und Echos, welche die einzelnen Geräusche in eine manchmal fast unwirkliche Entfernung versetzen. Weit im Hintergrund, hat man das Gefühl, tut sich etwas und zieht allmählich auf. Was genau das aber ist, lässt sich schwer nur bestimmen, so wie sich die meisten Figuren im Nebel auch schwer nur bestimmen lassen und im Unerkannten verbleiben.

William Basinskis »Nocturnes« lassen dabei die Zurschaustellung ihrer eigenen Auflösung hinter sich. Aber sie gehen einmal mehr den Weg in die Wiederholung hinein und folgen damit der früh bereits gelegten Spur in Richtung Ewigkeit und Nichts.