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21. September 2012
Alexander Plaum
für satt.org

  AuSSchlag – Wer hat all das Gift bestellt? (Ostklotz Musikverlag)
AuSSchlag: Wer hat all das Gift bestellt?
(Ostklotz Musikverlag August 2012)


Für alle, die mal reinhören möchten: Die GEMA-freien Aufnahmen stehen bei bandcamp zur Verfügung.



AUSSCHLAG:
WER HAT ALL DAS GIFT BESTELLT?

Was Erfurt (bzw. Stotternheim) sein Schleim-Keim und Eisleben seine Müllstation, war Bitterfeld sein AuSSchlag. Unter diesem Namen produzierten die drei angepissten Jung-Punks Beule, Keule und Buddel von 1983-84 systemkritischen, wenn auch ordentlich stumpfen Krach, der deutlich von der ersten englischen Punkwelle und nihilistischer Verweigerungsphilosophie beeinflusst war.

Die wenigen erhaltenen Aufnahmen des Trios, das laut Liner Notes blitzschnell von der Stasi aufgelöst und anschließend inhaftiert bzw. in den NVA-Zwangsdienst überführt wurde, sind nun Dank Blitzkrieg Bert vom Ostklotz Verlag erstmals in remasterter Form einer größeren Öffentlichkeit zugänglich. Gefunden hatte er die Tapes 2010 auf dem Speicher von Beules Mutter.

11 Songs mit einer Laufzeit von knapp 20 Minuten vereint »Wer hat all das Gift bestellt«. Diese kurze Zeit reicht völlig für einen Rundumschlag gegen alles, was die Band damals ankotzte: das buchstäblich ätzende Leben im Zonen-Industriekaff und – ganz universell – der Arbeitsfetisch, die Bevormundung, Schikane und Tristesse in einer Gesellschaft, die nur auf dem Papier kommunistisch (von mir aus auch: demokratisch) ist.

Große Posie und differenzierte Kritik sind natürlich kaum zu erwarten, dafür sind die Refrains äußerst catchy: »Brenn, brenn, Bitterfeld!« heißt es da, »Volkspolizist – Arschgesicht!« oder: »Freiheit, Saufen, Anarchie!« – um direkt mal die heimlichen Hits zu zitieren. Am besten gefällt mir jedoch die Coverversion der DDR-Nationalhymne, in der Beule (oder Keule, wer weiß das schon) lyrisch nahezu überzeugend klagt: »Stehengeblieben, ausgestiegen, Deutschland, ödes Spießerland / Deine Lügen und Parolen klingen leer und ausgebrannt / Stumpfe Arbeit zu verrichten / Das ist alles, was euch eint / Ich will tanzen in den Flammen / Und wenn alles niedergeht / Will ich sehen, wer weint / Will ich sehen, wer weint.« Da wird doch nicht am Ende über das gesamte Land der Deutschen gesungen?

Um kurz noch den musikalischen Part abzuwickeln: Man nehme Schrubbelgitarren aus dem Konsum und Schepperschlagzeug, 2-3 Akkorde als »Harmonien« + schiefen Gesang + A-B-A-B-Schema (oder war das A.C.A.B.?) – fertig ist das Ostpunk-Lied. Klingt aber immer wieder rotzig-cool.

P.S.: Gerüchte, dass es es sich bei AuSSchlag um eine Fake-Band handelt, konnten bislang nicht bestätigt werden. Im Gegenteil erreichten die Redaktion unlängst Berichte über ein Konzert in Marzahn-Hellerdorf, bei dem eine Gruppe namens »Zonenkids« aufgetreten ist. Hier soll u.a. der in die Jahre gekommene Keule aktiv sein, was auch das Zugaben-Set mit AuSSchlag-Songs erklären würde. Dazu die Ostberliner Altpunks Assel und Schraube: »Das war geil, als der Keule und die Jungs da die Hits von früher gespielt haben.« So ist aus der rebellischen Geste der Jugend wohl ostalgische Tradition geworden, wenn auch in diesem Fall aus ungewohntem Blickwinkel.