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3. April 2012
Marcel Tilger
für satt.org

  Tirill: Nine And Fifty Swans
Tirill: Nine And Fifty Swans

Tirill: Tales From Tranquil August Gardens
Tales From Tranquil August Gardens


Luftig und leicht

Eine Zeit, in der Nucleus Torn, Dark Suns und Opeth Alben veröffentlichen, sollte eine gute Zeit für neue Musik von Tirill sein. Als Violinistin war die Norwegerin mit White Willow schon in den frühen Neunzigern dort, wohin sich viele von den heute auch in der Mainstream-Presse gepriesenen progressiven und okkulten Rockbands erst auf den Weg gemacht haben. Während Opeth sich den Melodienfundus des Folk erst mit „Heritage“ erschlossen haben und mit jedem tieferen Eintauchen in ihre Musik neue Klänge entdecken lassen, ist Tirill auf ihrem zweiten Album näher und deutlicher am Kern. Sie verfolgt dabei eine sehr eigene, eine lichtere Ästhetik, der es klar um Harmonie ohne Exzess, um Schönheit ohne Eintrübung, um Empfindung ohne Ablenkung geht. Dass sie von William Butler Yeats, dessen Gedichte „Nine And Fifty Swans“ musikalische erkunden will, vor allem lyrische Arbeiten auswählt, scheint deshalb nur konsequent. Tirills Yeats – das ist immer der verträumte Dichter, den Welten trennen von jenem stolzen Iren, der fasziniert vom Okkulten war, für eine Renaissance der irischen Literatur, Kunst und Kultur gestritten und die Vorlage für Primordials gleichsam majestätisches und tragisches Stück 'The Hosting Of The Sidhe' geschrieben hat. Nur wer ihr länger zuhört, lernt in dem grundsätzlich melancholischen Charme der Musik Zwischentöne zu unterscheiden.

Schon in 'The Cap And Bells' sind Cello- und Flöten-Führung eher beschwingt, der Gesang von Tirill und Dagfinn Hobœk, der mit seiner zweiten Stimme kaum weniger sanft sein kann als Tirill mit ihrer ersten, luftig und leicht. Wie auf dem gesamten Album bilden Flöte und Streichinstrumente das atmosphärische Rückgrat des Songs, der bei einem weniger in der Singer-Songwriter-Tradition verhafteten Arrangement auch gut ins Pop-Fach gepasst hätte. Ein anderes Kaliber ist 'The Wild Swans At Coole', das dem Album seinen Titel schenkt und mit mehr eingesetzten Instrumenten trotzdem ruhiger, noch reduzierter, weiter und dichter klingt. Der Haken daran: Gerade in diesen Momenten offenbart sich Tirills nicht eben einzigartige Stimmfarbe, die zwar Balsam für die gestresste Großstädter-Seele sein mag, aber weit entfernt von dem ist, was etwa Sally Doherty mit dunkel-schillernder Leidenschaft auf ihrem „Nine And Fifty Swans“ durchaus verwandten Album „Black Is The Colour“ macht.

Ganz anders „Tales From Tranquil August Gardens“, das das kleine Brooklyner Label The Wild Places im Dezember 2003 unter dem Titel „A Dance With The Shadows“ zum ersten Mal auf den Markt gebracht hat. Obwohl die Norwegerin in ihrer Musik grundsätzlich melancholische Saiten anschlägt, ist sie natürlich auch auf diesem Debütalbum weit davon entfernt, düstere oder gar dunkle Musik zu machen, siehe 'June's Flower', 'Don't Dare To Love You' oder 'Golds Of Morning'. Insofern stehen der neue Titel und die neue Bildsprache dem Album besser als bei der Originalausgabe, die, wie das Booklet verrät, schnell ausverkauft gewesen ist. Man möchte das auch „Tales From Tranquil August Gardens“ wünschen, weil dieses schöne, unprätentiöse kleine Werk so viel intimer, vielschichtiger und vielseitiger klingt als sein Nachfolger, der an anderer Stelle in dieser Ausgabe besprochen wird, und vielleicht auch wegen der strikten Fokussierung auf nur ein Sujet etwas von der Klasse einbüßt, die Tirill eigentlich hätte erreichen können. Kollege Thor Joakimsson attestiert ihren Liedern in seiner treffenden, im Innenteil der CD abgedruckten Miniatur auf das Album zwar zu Recht eine „norwegische Melancholie“. Gleichzeitig aber geht die Musik oft viel weiter, klingt an Fado, Flamenco, griechische oder gar fernöstliche Folklore an. Wer das Album schon 2003 gekauft hat, hat grundsätzlich alles richtig gemacht, könnte jetzt jedoch drei Bonusstücke verpassen, von denen zwei absolut hörenswert sind: Die Instrumental-Version von 'It Was Blue' offenbart in den von Akkordeon getragenen Passagen eine atmosphärische Nähe zu der großen Eleni Karaindrou. Mit 'Signs' und einem sehr kurzen, aber sehr wunderbaren Orgeleinsatz kehrt Tirill dagegen zurück in ihre eigene Vergangenheit mit White Willow.